Autonomie und Selbstverwirklichung

In eine ähnliche Richtung weisen verbreitete Motivationstheorien der westlichen Psychologie: So kommen in der sogenannten Pyramide von Maslow Bedürfnisse nach sozialen Beziehungen noch vor dem Ansehen. Bei Letzterem geht es aber nicht nur um Erfolg, sondern auch um Unabhängigkeit und Freiheit.

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Die höchste Stufe, die Selbstverwirklichung, kann wohl nur erreichen, wer einigermaßen authentisch lebt. Kurz vor seinem Tod 1970 ergänzte der Psychologe sein Modell übrigens noch um die religiöse (wörtlich im Sinne von: Zurückführen) Komponente der Transzendenz.

Aktueller ist etwa die Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci. Grundbedürfnisse sind für sie Kompetenz (im Sinne von: wichtige Ziele erreichen), Autonomie und soziale Eingebundenheit. Die Motivation eines Verhaltens verorten sie auf einem Spektrum von fremdbestimmt bis autonom.

Studien gemäß ihres Modells deuten darauf hin, dass ein Übermaß an fremdbestimmter Motivation schlecht für die psychische Gesundheit ist; autonom motiviertes Verhalten dagegen steht im Zusammenhang mit Kreativität, Wohlbefinden und Vitalität.

Eine dementsprechende Bilanz fiele für die meisten unserer Arbeitsstellen wohl ernüchternd aus: Wie viele unserer (Arbeits-)Stunden verbringen wir vor allem zum Geldverdienen, um sozialen Verpflichtungen (wie Miete, andere Verbindlichkeiten, Unterhalt) nachzukommen und Übel (wie Armut, andere Ausgegrenztheit, Obdachlosigkeit) abzuwenden? Das heißt, die Motivation solchen Verhaltens wäre vor allem fremdbestimmt, extrinsisch, von außen vorgegeben.

Auffällig ist auch, wie weit die akademische Diskussion zur Verbesserung des Menschen, auch "Neuroenhancement" oder "Gehirndoping" genannt, von der so verstandenen Lebenswirklichkeit und Motivationspsychologie entfernt ist (Gehirndoping und die süchtige Arbeitsgesellschaft). Anders als es uns Vertreter dieser Strömung weismachen wollen, scheint Perfektion oder die permanente Verbesserung gerade kein Grundbedürfnis der Menschen zu sein, sondern diesen vielmehr im Wege zu stehen (Enhancement: Wer will immer mehr leisten?).

Dennoch erscheint so vielen Menschen die Pflicht zur Selbstverbesserung als selbstverständlich. Von Studierenden hörte ich schon mehrmals, der Sinn ihres Lebens sei es, die "bestmögliche Version ihrer selbst" zu erschaffen. Die Notwendigkeit lebenslangen Lernens wird uns ja schon in der Schule eingetrichtert. Lernen ist natürlich ein wichtiger Aspekt zur Selbstverwirklichung - dann müssen die Ziele aber auch selbst gewählt sein und nicht durch den Arbeitgeber oder den Markt vorgegeben.

Perfektion scheint heute vielleicht deshalb so vielen als normal, weil wir überall von idealisierten Bildern umgeben sind: Die gephotoshopten, geschminkten, durch Mode zurechtgezurrten und im Fitnessclub geformten Körper machen uns aber nur vor, als seien sie von echten Menschen. Auch Lebensläufe werden heute optimiert und aufgehübscht. Facebook-Profile oder Instagram-Streams geben nur einen ausgewählten, winzigen Teil der Realität wider und spiegeln uns so eine Scheinwelt vor.

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Jeder muss aufs Gymnasium - und wenn die Aufmerksamkeit nicht reicht, dann werden Drogen wie Ritalin verschrieben (Kapitalismus und psychische Gesundheit). (Merke: Die Unterteilung in Nahrungsergänzungsmittel, Medikamente und Drogen ist ein soziales Konstrukt, spiegelt politische Strömungen wider und ändert sich im Laufe der Zeit.) Diese "Generation Ritalin" strömt längst an die Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt. Die Note "befriedigend" ist dabei für viele unbefriedigend.

Mit dem Verbesserungsstreben geht aber auch eine Unzufriedenheit mit dem einher, was ist, dem Status quo. Es ist darum kein Zufall, dass die Transhumanisten so körper- wie weltfeindlich sind. Sie denken die Enhancement-Diskussion nur einen Schritt weiter und versprechen eine Eschatologie, eine Utopie des Überwindens aller Grenzen: Ihre perfekte Welt ist die eines Cyborgs mit Superkräften, schließlich die einer körperlosen digitalen Signatur im Superdupercomputer dank Gehirnupload.

Ein Gegenmodell dazu wären, abendländisch gesagt, eingeübte Besonnenheit und Gelassenheit, altgriechisch Sophrosyne. Eine ähnliche, womöglich gar schon ältere Idee, ist die auf Sanskrit santosha genannte Zufriedenheit. Diese verbreitet sich wegen der Beliebtheit von Ayurveda und Yoga zunehmend in der westlichen Welt. Die westliche wie östliche Sichtweise läuft darauf hinaus, das zu akzeptieren, was ist, anstatt ohne Ende auf ein immer höheres Ziel hinzustreben. Wen "befriedigend" nicht mehr befriedigt, der ist vielleicht mit gar nichts mehr zu befrieden.

Ein wichtiger Schritt zur Selbstverwirklichung könnte eine Verringerung der Arbeitszeit sein: maximal vier Tage pro Woche arbeiten. Der Philosoph, Mathematiker und Nobelpreisträger Bertrand Russell setzte sich sogar nur für einen Vier-Stunden-Arbeitstag ein (Mind-Doping für Alle?). Ermöglicht werden könne dies durch die laufende Effizienzsteigerung - wenn man denn die erwirtschafteten Gewinne nicht fortlaufend privatisierte, sondern gemeinnützig verwendete.

Lassen wir ruhig Computer, Maschinen und Roboter die Arbeit für uns erledigen. Dann müssen sie aber für uns arbeiten und nicht statt uns. Die freie Zeit könnten wir für Hobbys, Familie, Kunst, Kultur, Politik, kurzum zur Selbstverwirklichung verwenden. Das wäre eine Welt wie in den Robotergeschichten Isaac Asimovs oder Raumschiff Enterprise.

Die meisten Arbeitsstellen in unserer an Vielem so übersättigten Gesellschaft dienen doch sowieso vor allem einem "grundlosen Bedingungseinkommen", wie es der alternative Ökonom Alexander Dill ironisch nannte (In der Welt des grundlosen Bedingungseinkommens). Der Londoner Anthropologieprofessor und Occupy-Vordenker David Graeber nennt sie schlicht Bullshit Jobs. Dass wir oder unsere Arbeitsstellen unersetzbar seien, ist eine Illusion, mit der wir am Arbeiten gehalten werden oder uns selbst am Arbeiten halten.

Weniger ist mehr: weniger Müssen, mehr Zufriedenheit; weniger es anderen recht machen, mehr sich selbst respektieren; weniger kalkulierende Vernunft, mehr Gefühl; weniger Kolleginnen und Kollegen, mehr Freundinnen und Freunde; weniger Härte gegen sich selbst, mehr Akzeptanz dessen, wie man ist; weniger Cyberspace, mehr Naturespace.

Was ist ansonsten der Preis fürs "perfekte Leben"?

Das Eigenleben.

Stephan Schleim arbeitet in Teilzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen.

(Stephan Schleim)

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