Der Prinz und der Journalist

Jamal Khashoggi im März 2018. Bild: April Brady/Project on Middle East Democracy/CC BY-2.0

Wie das falsche Bild eines massenmordenden Prinzen durch das falsche Bild eines angeblichen "Dissidenten" zerstört wird

100.000 Tote im Jemen, die auf das Konto eines Angriffskrieges von Saudi-Arabien mit der Hilfe der USA und Großbritanniens gehen, haben nur wenig Aufregung in westlichen Medien verursacht. Aber der Tod eines einzelnen Journalisten, vermutlich in einem Konsulat Saudi-Arabiens in der Türkei, schlägt hohe Wellen. Und dabei sind große Teile der Berichte über den angeblichen "Dissidenten" ganz einfach falsch. Aber so ist das schon mal in der Politik. Nicht über Massenmorde, Kriege oder Völkermode stolpern "Helden", sondern über medial hervorgehobene, im Verhältnis kleine Taten.

Aber zunächst noch einmal zurück zum Krieg gegen den Jemen, über den im Westen immer noch als "Bürgerkrieg" oder "zur Widereinrichtung der legitimen Regierung" berichtet wird. Die Geschichte und Entwicklung des Krieges wurde bereits ausführlich erklärt. Nun sind in letzter Zeit Differenzen zwischen dem starken Mann in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Mohammed bin Zayed (MbZ), und dem saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman (MbS) aufgetreten, weil sie sich um die Aufteilung der Beute, den der Jemen für sie darstellt, streiten. Und obwohl Verbündete, wendet sich jetzt MbZ anscheinend gegen seinen Konkurrenten.


Der Artikel basiert u.a. auf dem Beitrag "Saudis Stonewall On Khashoggi But Pressure Will Increase" von MoonofAlabama.org.


Saudi-Arabien will eine Pipeline von Saudi-Arabien zu einer jemenitischen Hafenstadt im Westen bauen, um den Persischen Golf zu vermeiden und unabhängig von einem möglichen Krieg mit dem Iran zu werden. Dadurch könnte die Straße von Hormus, die im Fall eines Krieges durch den Iran vermint und gesperrt werden könnte, umgangen werden.

Die Pläne sind allgemein bekannt. Aber die VAE sehen die Häfen als ihre Kriegsbeute an. Sie wollen Weltführer in Hafen-Infrastruktur werden. Die Häfen sollen eine wichtige Rolle in ihrem Projekt und deren Firma "Dubai Port World" (DPW) spielen. Ein sehr ausführlicher und detaillierter Bericht von Braden Fuller ist sehr empfehlenswert. MbZ will die Kontrolle über die gesamte Küste des Jemens und alle Inseln. Die VAE nutzten sogar bezahlte Killer, politisch korrekt wohl "Söldner", um lokale Zivilisten, die eine Rolle in der Islah Partei spielten, welche mit Saudi-Arabien kollaboriert, zu ermorden.

Erdogan ist bekannterweise ein Anhänger der Muslimbrüder. Der Führer der Bewegung in Saudi-Arabien soll der angeblich getötete Journalist Jamal Khashoggi gewesen sein. Durch diese simple Tatsache werden zwei Dinge offensichtlich: 1. Khashoggi war kein "Dissident" im westlichen Sinn, der sich für Demokratie und Freiheit einsetzte. Vielmehr war er ein überzeugter Anhänger von islamistischen, nicht wirklich freiheitlich-demokratischen Systemen. Einzelheiten, die manche überraschen werden, hat Thomas Pany veröffentlicht. Daraus ergibt sich 2. die Rolle Erdogans. Auch selbst Muslimbruder, verband ihn die politische Überzeugung mit Khashoggi, und die beiden hatten angeblich eine gute Beziehung. Erdogan befindet sich in einem historischen geopolitischen Konflikt mit Saudi-Arabien und strebt die Vorherrschaft im Mittleren Osten, mindestens in den arabischen Ländern, an. Eine Rolle, die Saudi-Arabien für sich beansprucht.

Wäre es nicht die Türkei gewesen, könnte man ziemlich sicher sein, dass der Vorgang unter den Teppich gekehrt worden wäre. Aber Erdogan nutzt die Geschichte genüsslich, um seine politische Agenda zu verfolgen, und er versucht, das Thema so lange wie möglich in den Schlagzeilen zu halten.

Natürlich haben die Türken Konsulate, so auch das Saudi-Arabiens, verwanzt. Das wissen eigentlich auch die Diplomaten und versuchen daher mindestens einen abhörsicheren Raum auszubauen. Warum das angebliche Verbrechen nicht in diesem begangen wurde, wird noch zu hinterfragen sein. Die Behauptung, Khashoggi hätte eine Apple-Uhr, die seine Ermordung aufzeichnete und an sein Mobiltelefon sendete, das er seiner Verlobten vor dem Betreten des Gebäudes gegeben habe, scheint eher Verneblungstaktik zu sein, da kein Staat gerne zugibt, die diplomatischen Vertretungen abzuhören.

Erdogan versteht es nun hervorragend, mit der tröpfenweise Freigabe von Informationen die USA und Saudi-Arabien in Widersprüche zu verwickeln und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit einem noch nicht am Höhepunkt angekommenen Spannungsbogen bei Laune zu halten.

Nun gibt es Gerüchte in den sozialen Medien, dass Erdogan Khashoggi verschwinden ließ, um seinem Rivalen MbS zu schaden. Aber diese Verschwörungstheorie steht auf zu unsicherer Basis. Es wäre eine ungeheure, teuflische Verschwörung. Schließlich wurden die zwei saudischen Privatflugzeuge, mit denen die 15 angeblichen Mörder mit Flugzeugen, die auf den König von Saudi-Arabien registriert sind, einflogen, durch eine private Firma verfolgt.

Die sorgfältig inszenierte Veröffentlichung von immer mehr belastendem Material durch die Türkei ist vermutlich noch nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen. Am 16. Oktober erklärten türkische Beamte weitere Details, die sie aus den Abhördaten über den Vorfall gesammelt hatten:

Es dauerte sieben Minuten, bis Jamal Khashoggi starb, erklärte eine türkische Quelle, die die gesamte Aufnahme der letzten Momente des saudischen Journalisten angehört hatte, sagte die Zeitung Middle East Eye. (…) Salah Muhammad al-Tubaigy, der als Chef der Forensik des saudischen Sicherheitsministeriums identifiziert worden war, war einer des 15-köpfigen Teams, das vorher in Ankara am gleichen Tag mit einem Privatjet eingetroffen war. (…) Tubaigy begann Khashoggis Körper auf dem Tisch eines Arbeitszimmers zu zerlegen, während er noch am Leben war, sagte die türkische Quelle. Die Tötung hätte sieben Minuten gedauert, erklärte die Quelle. Als er die Zerlegung des Körpers begann, setzte Tubaigy sich Ohrhörer auf und hörte Musik. Er riet den anderen Mitgliedern des Teams, das Gleiche zu tun. Wenn ich so einen Job mache, höre ich Musik. Das solltet ihr auch tun", soll Tubaigy gesagt haben, erklärte die Quelle gegenüber MEE.

Middle East Eye

Teile der Aufzeichnungen wurden bereits an türkische Medien verteilt, waren aber noch nicht zur Veröffentlichung frei gegeben worden. Man darf erwarten, dass Erdogans Team noch einige weitere Details nachschieben wird.

Am Montag, den 15. Oktobe, brachte das Weiße Haus die These in die Debatte ein, dass "schurkische Mörder" für einen Quasi-Unfall in dem Konsulat in Istanbul verantwortlich waren. Sicher hatte der interessierte Leser schon die Meldungen gelesen, dass Khashoggi möglicherweise versehentlich bei einem Verhör verstorben wäre. Präsident Trump war einer der ersten, der die These verbreitete.

Saudi-Arabien ging aber nicht über diese "goldene Brücke" die von den USA versucht wurde zu bauen. Dort behauptet man nach wie vor, also bis zum 17. Oktober, nichts vom Verschwinden des Journalisten zu wissen. Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner, der Sondergesandte des Präsidenten mit einer besonderen Beziehung zum Kronprinzen, versuchte mit dieser Geschichte, persönlich in einem Telefonat mit MbS Saudi-Arabien dazu zu bringen, selbst eine Untersuchung einzuleiten.

Aber Erdogan stellte dann sicher, dass die goldene Brücke, welche die USA versuchten zu bauen, nicht zustande kam. Die türkische Regierung veröffentlichte die Fotos von 15 Männern, die kurz vor dem Verschwinden Khashoggis mit Flugzeugen aus Saudi-Arabien eingetroffen waren. 8 der 15 Männer waren saudische Militärs und mindestens 3 gehörten zur persönlichen Leibwache des Kronprinzen. Besonders pikant: Einer der Eingetroffenen ist der Chef der Forensischen Abteilung des Sicherheitsministeriums.

"Anonyme" türkische Quellen behaupten, Khashoggi wurde auf brutalste Weise getötet, noch lebend zersägt, während der Chef der Forensik dabei Musik hörte. Aber natürlich kamen die Informationen nur Tropfen für Tropfen. Schließlich hieß es sogar, dass ein Video von dem Mord existieren würde. Die New York Times sprach sprach von einer "Pulp Fiction" ähnlichen Operation und Knochensägen, die eigens zum Zweck der Zerstückelung des Journalisten mitgebracht worden wären.

Die US-Medien konnten es wohl zunächst nicht richtig glauben, dass der hochgejubelte MbS einen solchen Kardinalfehler machen würde, die New York Times, das Wall Street Journal und die Washington Post benötigten eine Woche, bis sie die Verbindung der vermeintlichen Mörder mit dem Kronprinzen auf die Titelseiten brachten. Sie brauchen wesentlich länger als viele andere Medien, und das, obwohl sie doch Trump, den sie hassen, hätten schaden können.

Trump jedenfalls zog die Notbremse und erklärte, dass bis zum Nachweis der Schuld die Unschuldsvermutung gelte. Was im Fall von Skripal oder "Giftgas"-Einsatz in Syrien natürlich nicht angewandt wird. Er schickte dann den Außenminister nach Saudi Arabien, der jedoch lediglich erreichte, dass nun eine interne saudische Untersuchung stattfinden soll.

Flugdaten, die von AirNavRadarBox, einer Firma, die private und Geschäftsflüge überall in der Welt verfolgt, zeigten, dass das erste der zwei Flugzeuge Riad am 1. Oktober Abends verließ und um 3:15 Uhr in Istanbul landete.

Washington Post

Außerdem gibt es Hotelbuchungen, Videoaufnahmen, die die Männer des Teams zeigen. Es ist kaum vorstellbar, dass die Türkei das alles gefälscht hat. Und wie sollte sie dieses Team in das Konsulat gelockt haben? Dagegen ist das Motiv von MbS deutlich zu erkennen. Die Muslimbrüder sind die erklärten Feinde der Wahhabiten. Und MbS ist bekannt dafür, kurzen Prozess zu machen und sich als absolutistisch agierender Herrscher durchzusetzen. Er war der erste saudische Herrscher, der die Familienregel der Führung durch Konsultationen durchbrach. Er folterte andere Prinzen und stahl ihr Geld. Was im Westen als "Kampf gegen die Korruption" gelobt wurde. Als ob MbS weniger korrupt wäre. Und diese Prinzen, denen MbS mehr als körperliche Schmerzen zugefügt hatte, waren zu Khashoggi gegangen und hatten ihm davon berichtet.

Dass der Kronprinz Kritiker öffentlich enthaupten lässt, ebenso eine Frau, die sich dafür einsetzte, dass Frauen in Saudi-Arabien Autofahren dürfen, wofür man MbS ach so sehr gelobt hatte, als er diese Möglichkeit einführte, hatte nie zu einem großen Sturm der Erregung im Westen geführt. Daraus mag MbS geschlossen haben, dass er sich wohl nicht besonders anstrengen müsse, Khashoggi ohne Spuren zu beseitigen. Wie sonst erklärt man die fahrlässige Involvierung von Personen, die ihm so nahe stehen. Andererseits konnte er sich vorstellen, dass eine Entführung und öffentliche Hinrichtung wohl dann doch zu viel Staub aufwirbeln würde.

Einer der Saudis, die in dem angeblichen Mord-Team identifiziert wurden, war Maher Abdilaziz Mutreb. Er ist ein Leibwächter des Kronprinzen, der ihn regelmäßig auf Auslandsreisen begleitet. Im Jahr 2011 wurde er durch die italienische Firma "Hacking Team" in der Nutzung von Überwachungs- und Spionage-Software geschult.

Am 16. Oktober war der türkischen Polizei erlaubt worden, das Konsulat zu untersuchen, nachdem Videos von Reinigungsteams mit Mitteln aufgetaucht waren, die eine gründliche Reinigung vermuten lassen. Nach der Untersuchung des Konsulats wollten die Polizisten auch zur Residenz des Konsuls. Während ich erwartet hätte, dass die Leichenteile per Diplomatengepäck nach Saudi-Arabien verbracht wurden, um dort entsorgt zu werden, vermutet die türkische Polizei angeblich, dass die sterblichen Überreste des Journalisten im Garten der Residenz begraben sein könnten. Das angebliche saudische Killer-Team war vom Konsulat zur Residenz gefahren.

Aber der Konsul war zu einer unerwarteten Reise nach Riad aufgebrochen und warnte von dort, dass eine Untersuchung seiner Residenz ein Verstoß gegen die diplomatische Unberührbarkeit wäre. Inzwischen soll er von seinem Posten enthoben worden sein. Das deutet darauf hin, dass man ihn möglicherweise zum Bauernopfer machen will.

Die vermutliche Ermordung des Journalisten hat bereits große Wirkungen auf die Wirtschaft und internationalen Beziehungen Saudi-Arabiens gehabt. Nicht das Bombardieren von Schulkindern, von ziviler Infrastruktur, von Beerdigungen und Märkten, das bewusste Erzeugen einer Hungersnot und von Epidemien, nein, die bisher unbewiesene Ermordung eines saudischen Journalisten hatte dies ausgelöst.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, sagte ihre Teilnahme an einem Forum über eine Investitions-Initiative des Landes in der nächsten Woche ab, und sie folgt damit dem Beispiel vieler wichtiger internationaler Manager und Investoren.

Und während die Washington Post gelassen über Massenmorde im Jemen berichtet, wird sie in diesem Fall keine Ruhe geben, bis der Fall aufgeklärt ist. Trump steht mit seiner Unterstützung in den USA bisher weitgehend alleine auf weiter Flur. Mit Saudi-Arabien steht und fällt seine Politik des Mittleren Ostens. Geradezu panisch hörten sich seine Aussagen an, dass man doch ein historisches Rüstungsgeschäft für über 100 Milliarden Dollar nicht von so einer Sache abhängig machen wird. Wenn die USA die Waffen nicht liefere, würden es eben Russland oder China machen. Dass man eine solche Lieferung auch im Sicherheitsrat verhindern könnte, wie in so vielen anderen Fällen vorher, wo es um Feinde der USA ging, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn.

Vermutlich ist Saudi-Arabien bemüht, die USA nicht als Schutzmacht zu verlieren. Am Tag, als der Außenminister in Riad erschien, überwies Saudi-Arabien 100 Millionen Dollar. Die Zahlung wäre für die Anstrengungen der USA für eine Stabilisierung im Nordwesten Syriens. Aber ein paar Milliarden werden wohl diesmal nicht reichen, um die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. (Jochen Mitschka)

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