Der Raum der LifeStreams

Im Internet beginnt eine verteilte Präsenz in Form multimedialer Informationsströme zu entstehen

Interaktivität ist die Voraussetzung für das Abbilden der eigenen Persönlichkeit im Internet. Es finden Eingriffe statt, die zu Veränderungen führen, die auch für andere sichtbar werden und Bestand haben. Diese Handlungen werden von uns gezielt vorgenommen, um bestimmte Wirkung zu erzielen. Sie fallen meist subjektiv aus und so entsteht eine persönliche Spur, die wir teils bewusst, teils unbewusst bei allem hinterlassen, was wir im Internet machen.

Diese digitale Spur nimmt bei manchen konkreten Formen der Selbstdarstellung in der Form eines Blogs, Profils oder einer Homepage an. Aber auch bei denen, die nur unregelmäßig und verteilt auf verschiedenen Benutzerplattformen partizipieren, findet eine Identitätsbildung statt.

Wir nehmen die Identität anderer wahr und es entsteht eine Gruppenbildung, die auf fachlichen oder subjektiven Kriterien beruht. Die Identifikation mit einer Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt, bei der Partizipation und Selbstdarstellung den Aufwand wert sind, führt zur Bindung an diese Gruppe. Da diese Gruppe jedoch seinerseits nur im Internet existiert, besteht die Bindung auch dem Medium gegenüber. Die Erreichbarkeit der Gruppe, hängt damit von der Verfügbarkeit des Mediums statt.

Dies mag zunächst wie eine Limitierung wirken, bekommt jedoch derzeit mehr Freiheitsgrade als die Beziehungen, die man zu Menschen pflegt, die nicht über ein Medium verbunden sind, sondern direkt und unmittelbar bestehen. Die Erreichbarkeit und die Möglichkeiten des Austausches über ein Medium sind - hat es erst eine ausreichende Verbreitung erlangt - oft besser. Das Telefon ist ein gutes Beispiel. Die Eigenschaften des Telefons, die Beschränkung auf die Übertragung von Ton, sind jedoch zu eingeschränkt, um eine breite Palette der gewünschten Formen der Kommunikation umzusetzen. Das Internet dagegen ist vielseitiger und vermag Inhalte als Text, Bilder, Ton und Video zu transportieren und auch zu speichern. Da die Inhalte in Internet immateriell vorliegen, ist der Austausch reibungslos und einfach.

Die Auswirkungen dieser Eigenschaften können wir bereits im Wandel des Urheberrechts beobachten: Die Möglichkeit des problemlosen Sammelns, Tauschens, Archivierens und Konsumierens von Daten verändert die Einstellung zum geistigen Eigentum. Der Begriff des "Kostenlosen" verliert seine Wertlosigkeit, die ihm in der Markenökonomie zugeschrieben wurde, und wird zunehmend als Möglichkeit und damit als Freiheit verstanden. In der Kommunikation ist es ähnlich. Die Verbindung zu anderen Menschen nimmt eine einfache, spartanische Form an, die an die eingeschränkten Eigenschaften der Endgeräte angepasst scheint. Doch wird immer deutlicher, dass es weitere Qualitäten gibt, die wir zu nutzen und verstehen beginnen. Die Kommunikation wird direkt, spontan, unmittelbar. Attribute, die wir eher einer nahen, direkten Kommunikation zuordnen würden. Die Struktur der Information wird fein granuliert und universell einsetzbar. Mobile Endgeräte werden in die Kommunikation eingebunden und ermöglichen es, zeitnah von jedem Ort - zu jeder Gelegenheit - zu kommunizieren.

Als Folge des Sammelns und Teilens verschiedenster Inhalte geht die Entwicklung der vernetzten Medien dahin, dass der Transport dieser Inhalte nicht zwischen zwei Personen erfolgt, sondern rundfunkartig beliebigen Rezipienten zur Verfügung gestellt wird. In neuen Kommunikationsumgebungen wie Twitter, Jaiku, FriendFeed, Socialthing oder Zootool entstehen keine Botschaften an gezielte Personen und keine Texte für eine bestimmte Zielgruppe, sondern oftmals triviale Mitteilungen, die sich erst im Zusammenhang zu einem Sinn oder Aussage zusammensetzen.

Hat man in der Vergangenheit gründlich und gezielt lange Texte ausformuliert, bebildert und veröffentlicht, weicht dies heute einem kontinuierlichem Strom atomarer Informationseinheiten an Beobachtetem und Selbstbeobachtung. Die übermittelte Information dient nicht mehr dem Zweck, einer Person eine bestimmte Botschaft zu übermitteln, sondern gleicht vielmehr einer Collage aus Eindrücken, die in den öffentlichen Raum gestellt werden, bzw. diesen aufspannen.

Die Elemente dieser atomaren Informationsinhalte sind nicht nur Texte, sondern ebenso Bilder, Filme, Dokumente jeder Art, Geo-Daten und auch Links, die wiederum andere Quellen und Informationsströme einbinden. Es sind auch nicht notwendiger Weise selbst geschaffene Inhalte, die - obwohl sie von anderen stammen - als persönliches Ausdrucksmittel benutzt werden. Frei benutzbare Inhalte stehen dazu im Internet in ausreichendem Umfang zur Verfügung.

Ebenso kann ein qualitativ minderwertiges Bild benutzt werden, das etwa von einer HandyCam direkt aufgenommen und als digitales Abbild eines Eindrucks verwertet wurde, in den Informationsstrom einfließen. In dieser Form der Kommunikation geht es nicht um Qualität, Rechtschreibung oder Formulierungen, sondern ausschließlich um Authentizität des Ausdrucks in Echtzeit: Spartanisch im Einzelnen, die Flut in der Summe. Immer on-time.

Dieser Austausch entsteht völlig selbstkonfiguriert, ohne bestimmte Software oder technische Plattform. Es ist das Ergebnis der Möglichkeit, in beliebigem Umfang Inhalte kostenlos zu speichern und zu verbreiten. Es wurde damit eine kritische Masse an Information und Partizipation erreicht, die das Potential zur authentischen Darstellung der Beteiligten aufbringt. Aus der Partizipation und Kollaboration entsteht das Abbild des Erlebten als digitaler Informationsstrom, der LifeStream.

Wer einen solchen LifeStream erstellt, also seine Wahrnehmungen und Unternehmungen multimedial digital dokumentiert und vernetzt distribuiert, verfolgt natürlich auch die Streams anderer, die zu Weggefährten in gemeinsam erlebten Welten werden. Die Inhalte von Streams verschiedener Personen können sich daher auch durchaus aufeinander beziehen und eine dialogische Form annehmen. Mit der Authentizität der Lifestreams vergegenwärtigt sich die Person bei anderen und bildet so eine verteilte Präsenz aus: Man wird von verschieden Menschen an verschieden Orten wahrgenommen und tritt mit diesen wiederum in Kontakt. Es ist ein volatiler Kommunikationsraum einer völlig neuen Art entstanden.

Dieser Artikel erscheint am 5.Mai im "Jahrbuch der Digitalen Kommunikation" Band 08, Institute of Electronic Business, Verlag der Universität der Künste.

Der Autor, Prof. Hartmut Wöhlbier, ist Leiter des Instituts für Interaktive Medien an der Hochschule Mannheim und lehrt auch an der UdK Berlin im Masterstudiengang Leadership in Digitaler Kommunikation

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