Der Raum des Möglichen

Jules Vernes Welt: Kommunizierende Röhren aus Fiktion und Essay, wissenschaftlicher Neugierde und Phantasie

Ein abenteuerliches Herz. Romane wie "In 80 Tagen um die Welt", "20 000 Meilen unter dem Meer" und "Die geheimnisvolle Insel" machten ihn weltberühmt: Abenteuergeschichten, Reiseromane, die zur ihrer Entstehungszeit höchst fremdartig schillerten und heute als Frühformen der Science-Fiction erkennbar sind; Fantasy mit wissenschaftlichem Fundament, die auf höchst anregende Weise Phantastik und Bestandsaufnahme, Wissenschaft und Spekulation verbindet. Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Jules Verne, bis heute der meistübersetzte französische Schriftsteller. Ein Entfesselungskünstler der Phantasie und eine prototypische Figur seiner Zeit.

Jules Vernes Bücher spielen immer am gleichen Ort. Es ist ein "dem Menschen unzugängliches Element, das der Fortschritt eines Tages erschließen wird". Ein Nicht-Ort, eine Utopie. Manchmal verbrachten seine Helden einfach zwei Jahre Ferien auf geheimnisvollen Inseln. Doch zumeist mutete Verne ihnen noch mehr zu, hielt sie ständig in rasender Dynamik, einem hektisch-optimistischen Fortschreiten, das die Bewegung seines ganzen Zeitalters war: Sie steckten in engen U-Booten und Luftschiffen, reisten auf künstlichen Inseln oder surreal anmutenden Allzweckfahrzeugen, eroberten Afrika, China und Russland, froren in Eiswüsten und am Nordpol, wurden verrückt am Rande eines Vulkans, 20 000 Meilen unters Meer mussten sie tauchen, in 80 Tagen um die Welt eilen, in Raketen auf den Mond oder ins Innerste der Erde schießen. Kein Ort, war Verne zu weit, kein Ziel zu unerreichbar, kein Mittel zu absurd - zumindest im Kopf. "Fortan wird die Phantasie ihr Leitstern sein, und reisen werden sie in ihrer Erinnerung." beschrieb Verne schon in einer frühen Reisereportage seine Haltung gegenüber der Außenwelt.

Immer wieder überbot Verne die Realität seiner Gegenwart, wagte wilde Spekulationen und ließ keine Skrupel erkennen. Doch gerade darin zeigte er sich als erstaunlich seismographischer Geist, dessen futuristische Visionen heute weit gegenwärtiger erscheinen als viele wissenschaftlichen Werke seiner Zeit. Vielen gilt Jules Verne heute nicht nur als Großvater der Science-Fiction-Literatur, sondern auch technischer Prophet, der zumindest einen guten Instinkt für die "Things to come" besaß.

Paris unter Napoleon V.

Am Unverstelltesten zeigt dies eines seiner frühesten Bücher – das zugleich als letztes das Licht der Öffentlichkeit erblickte: 1989 ließ Jean Verne den angerosteten Stahltresor seines Vaters Michel in dessen geerbtem Privathaus in Toulon aufbrechen. Darin fand sich das unveröffentlichte Manuskript des Zukunftsromans "Paris im 20. Jahrhundert", das sein Großvater Jules Vernes 1860, also noch vor Beginn seiner eigentlichen Karriere als Schriftsteller, geschrieben hatte.

Das Buch ist im Unterschied zu den bekanntesten Büchern Vernes kein Abenteuerroman, sondern ein Stück Zeitkritik, eine negative Utopie, eine Dystopie. Sie widerlegt auch das Gerücht, Verne sei ein unpolitischer Schriftsteller. Wie könnte Science Fiction überhaupt unpolitisch sein – denn wer die Frage "Was wäre, wenn?" stellt, der politisiert von selbst; auch dann, wenn er glaubt, politisch abstinent zu sein. Und wie immer gilt auch hier, dass die möglichen Konsequenzen technischer Entwicklungen in der Kunst deutlicher zu erkennen sind als in wissenschaftlichen Publikationen.

Die Menschen leben unter Kaiser Napoleon V. in einer schönen neuen Technikwelt: Am Himmel über der Stadt hängen armierte 'Blitzableiterballons', durch einen monströsen Kanal ist Paris zum Seehafen geworden, man wird durch unterirdische U-Bahnen und überirdische, lautlose Magnet-Schnellbahnen transportiert, 'photographische Telegraphie' kann 'das Faksimile jedes beliebigen Schriftstücks' in alle Welt übertragen – wie mit einem Fax-Gerät. Und auch sonst sind die Ähnlichkeiten zu unserer Gegenwart erstaunlich: Die Menschen wohnen in teuren Suburb-Trabantenstädten, haben Elektroherde und elektrisches Licht, hasten von dort in die Stadt zur Arbeit, essen Fertiggerichte, fahren mit motorgetriebenen Fahrzeugen, deren Verkehr die Straßen verstopft, verfolgen Börsenkurse auf Bildschirmen. Die Sprache ist zum "grauenvollen Jargon" geworden: Leuchtreklamen lenken den Konsum, Popmusik ("Elektrische Harmonien") wird geschätzt. Die übrigen Künste sind tot, da als nutzlos verworfen. Bildung ist nur noch an Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und Maschinenwesen orientiert. Zur Kommerzialisierung ihrer Inhalte ist eine "Erste Allgemeine Bildungskreditbank" gegründet worden. Der Held des Romans ist ein zunehmend entfremdeter Künstler, der die Reste der verlorenen Kultur zusammen sammelt.

"Diese Welt ist nur mehr ein Markt" sagt eine Romanfigur, eine andere klagt: "So lautet das Glaubensbekenntnis dieses Jahrhunderts: unter Montaigne sagte man: 'Was weiß ich?'; mit Rabelais: 'Vielleicht?'; im 19. Jahrhundert: 'Was macht mir das aus?' Heute sagt man: 'Was bringt das ein?' Nun, an dem Tag, an dem ein Krieg wieder etwas einbringen wird, genauso wie ein Industriegeschäft, wird es auch wieder Krieg geben." Denn "Finanz und Maschine regieren".

Die Gegenwart als Ideenreservoir

Blickt man genauer, erkennt man, wie sehr Vernes Romanerfindungen mit der wissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner Gegenwart verschränkt sind – sich nachgerade platt und unverhüllt aus ihr bedienen. "Ich habe nur die Dinge zu Ende gedacht, die schon zur Hälfte erfunden waren", schrieb er selbst später. Schon im Fall des Telefax aus "Paris im 20. Jahrhundert" ist das so: Zur Zeit der Romanentstehung erprobte der italienische Physikers Giovanni Caselli gerade seinen "Pantelegraph", der 1865 offiziell vorgestellt, aber dann nicht weitergeführt wurde. Ähnlich die "Reise zum Mittelpunkt der Erde" aus dem Jahr 1864. Bereits 1818 lancierte der Amerikaner John Cleves Symmes die Idee einer Erkundung des Erdinneren per Bohrung. Mitte der 40er Jahre debattierten Gelehrte, ob der Erdmittelpunkt erkaltet oder glühend sei. Oder die "Nautilus", das U-Boot des düsteren Kapitän Nemo: 1858 experimentierte Samuel Hallet in der Pariser Seine mit einer mechanischen Taucherglocke namens "Nautilus", die schließlich 1867 auf der dortigen Weltausstellung vorgestellt wurde. Eben dort präsentierte man auch das Modell des größten U-Boots des 19.Jahrhunderts: 42,5 Meter lang, sechs Meter breit und 135 Tonnen schwer – nur Nemos Bibliothek fehlte. Vier Jahre später veröffentlichte Verne seinen Roman.

In solchem unmittelbaren Aufgreifen gängiger Debatten und Verwerten der Wirklichkeit ist Vernes Verfahren dem eines Journalisten ähnlicher, als einem Schriftsteller. Seine Geschichten wurden zumeist zuerst in einer illustrierten Familienzeitschrift seines Verlegers Pierre-Jules Hetzel veröffentlicht, dem "Magasin d'Éducation et de Récréation", das Populärwissenschaft und literarische Prosa verband.

Verne selbst wird als Mensch voller Widersprüche erkennbar, eine gespaltene Persönlichkeit mit Hang zur Depression, geplagt von einem chronischen Minderwertigkeitskomplex, von Nervenleiden und Gesichtslähmung, geprägt von der ängstlichen sehr bürgerlichen Sorge um den eigenen gesellschaftlichen Status, um die Achtung seiner Familie und Mitmenschen. Verne war keineswegs ein fortschrittsgläubiger urbaner Liberaler, sondern ein Skeptiker, der entgegen dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts die Einführung der Elektrizität ebenso ablehnte wie Darwins Evolutionstheorie, das Telephon und das neu erfundene Automobil – man überfahre zu viele Hühner, erklärte er nach einer Probefahrt.

Zeitlebens war Verne von den konservativen Ansichten und der Herkunft aus der zwar keineswegs bornierten, aber doch gegenrevolutionären katholischen Provinz geprägt: "Es kommt dem Menschen nicht zu, etwas zu ändern an der Ordnung, die der Schöpfer festgelegt hat." So werden die von Verne beschriebenen technischen Geräte am Ende fast immer zerstört. Technik ist bei Verne gutkatholisch immer mit der Hinfälligkeit des Menschen und der Gefahr des Größenwahns verbunden. Die Erbsünde des Eindringens und Eingreifens in die gottgeschaffene Natur muss demnach bestraft werden. Und genau diese Zurückhaltung und Bescheidenheit, der Quietismus, mit dem Verne sich auch weigerte das zu sein, als das ihn seine Mitmenschen sehen wollten – "Die Wahrheit ist, dass man nichts weiß und gar nichts darüber wissen kann, was die Zukunft bereithält. Ich würde es mir nicht erlauben, die Rolle des Propheten zu spielen, zumal die Zeiten der Propheten vorbei sind, wie ein Kirchenvater gesagt hat." – macht das Gegenstück zu Vernes Hypertrophie aus, die andere Seite seines Schaffens – und diesen Autor erst wirklich attraktiv fürs breite, also durchschnittlich-feige Publikum.

Abschied aus der Gegenwart

Zu Vernes Ängstlichkeit und Konservatismus passt auch, dass er, der sogar eine Zeitlang als Börsenmakler arbeitete, im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen keineswegs besonders geschäftstüchtig war. Weil Verne die Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens der Unsicherheit des Lebens als freier Schriftsteller vorzog, ließ er sich auf einen Vertag mit Hetzel ein, der ihm zwar mit monatlichen 1000 Francs erheblichen Wohlstand sicherte, seinem Verleger jedoch in den nächsten Jahrzehnten den zwanzigfachen Gewinn eintrug. Und für Verne bedeutete es oft Akkordarbeit, die er nicht selten widerwillig erledigte: Er fühle sich "wie ein Zuchthäusler" schreibt der von der Öffentlichkeit gefeierte Erfolgsautor 1868, klagt "ich muss einfach damit fertig werden, damit ich mich an etwas anderes setzen kann".

Aus dieser Perspektive ist das eskapistische Element in Vernes Produktion nicht nur unübersehbar, sondern gegenüber allem anderen dominant. "Schreiben" resümiert Pierre Bourdieu in Bezug auf Vernes Zeitgenossen Gustave Flaubert, "setzt alle Determinationen, alle grundlegenden Beschränkungen des gesellschaftlichen Daseins außer Kraft." Es hebt Zugehörigkeiten und Zwänge auf. Und auch wenn das Reisen und Entdecken, die Mobilitätsbegeisterung und das Überfliegertum und der Mut zur Bruchlandung nur allzu sehr der experimentellen Atmosphäre des Zeitalteralters der Hochindustrialisierung entsprach, spürt man doch bei Vernes noch mehr. Er unternimmt Reisen in Sehnsuchtswelten. Seine Bücher entwerfen Paralleluniversen, künstliche Paradiese – und erzählen vom Hinter-sich-lassen, vom Verlassen der Wirklichkeit:

Es ertönte ein fürchterlicher, unerhörter, übermenschlicher Knall, der nicht zu beschreiben ist, weder Blitzschlägen noch Vulkanausbrüchen vergleichbar. Eine himmelhohe Feuersäule schoss aus dem Boden wie aus einem Krater empor. Die Erde erbebte - und kaum ein Zuschauer konnte den Bruchteil eines Augenblicks lang das Projektil sehen, wie es inmitten flammender Dünste siegreich in die Lüfte emporsauste.

Es geht also auch um den Abschied aus der Gegenwart. Wie oft reisen die Reisenden der "Voyages extraordinaires" in Schiffen! Schiffe sind zwar Metaphern des Aufbruchs zu neuen, unbekannten Ufern, aber ebenso auch der Einschließung, des Schutzes vor einem unbestimmten Außen. Eine kleine Welt. Und Verne selbst liebte Schiffe, unternahm auf ihnen viele Reisen, besaß selbst drei Stück. Es geht die – von seinen Biografen bezweifelte – Legende, Verne habe bereits im Alter von 10 Jahren auf einem Schiff Richtung Indien angeheuert. Sein erster erzählender Text hieß 1851 "Seefahrt und Reisen" und enthält bereits viele der Leitmotive des Autors.

Will man psychologisieren, könnte man sagen: In Vernes Romanen will fast immer einer Kind bleiben, oder es wieder werden: noch einmal Südseefahrer sein, Matrose auf Meeren in der schönen Fremde, Abenteurer in exotischen Atollen. Am besten sind Welten, die noch keiner sah, die noch keinen Namen haben, und Helden die irgendwie namenlos sind – wie Nemo oder Passepartout. Ihnen ist alles möglich, wie heute den Superhelden der Comics und Fantasy-Literatur. Es sind Bescheidwisser, clever wie Passepartpout, oder düster-autoritär wie Nemo, oder eingebildet-ignorant wie Phileas Fogg, der viktorianische Snob, der "schon überall gewesen war – im Geiste wenigstens" – Allmachtsphantasien eines 13jährigen. Man spürt auch sonst etwas Großmäuliges in diesen Texten: Es muss schon der Mond oder der Mittelpunkt der Erde sein, fünf Wochen im Ballon, als man gerade mal ein paar Stunden schaffte, 20.000 Meilen unter dem Meer und nur 80 Tage um die Welt – drunter ging es nicht bei Verne, und es ist vielleicht nicht ganz zufällig, dass er zu Lebzeiten nirgends populärer war, als im wilhelminischen Deutschland, der zu spät gekommenen Nation, die ihren Platz an der Sonne nur erträumen konnte, diesen realen Mangel durch Großmannsucht und halbstarke Politik kompensierte, und über die Vernes Konkurrent und Bruder im Geiste H.G. Wells schrieb: "Eine ganze Generation Deutscher hat es nicht geschafft, erwachsen zu werden."

Traurige Tropen

Aber genau dieses pubertäre Element bestimmt die fortdauernde Faszination seiner Bücher. Und wenn Verne auch wie erwähnt das Eindringen und Erobern der Natur letztendlich oft am Ende seiner Bücher moralisierend bestraft, dann dringt er selbst als Autor doch zuvor eben in sie ein, befriedigt so die voyeuristische Lust seiner Leser wie die eigene. So ist er zugleich Kind und Kritiker des positivistischen Zeitalters.

Verne, geboren am 8.2.1828 in Nantes, wurde zunächst gemäß dem Wunsch seines Vaters ein ausgebildeter Jurist, arbeitete in diesem Beruf aber nie, und folgte stattdessen seinen schöngeistigen Neigungen. Zunächst schlug er sich ein Jahrzehnt mit eher mäßigem Erfolg als Theaterdirektor und Librettist durch. Eher durch Zufall schrieb er nach diversen erfolglosen Theaterstücken und Opern-Libretti 1863 eine Erzählung über eine Ballonfahrt – schon diese nach realem Vorbild: Der Aufsehen erregende Start des Riesenballons "Géant", von dem aus der – mit Verne befreundete – Fotograf Nadar seine berühmten Luftaufnahmen von Paris machte, am 6.Oktober 1863 auf dem Pariser Marsfeld, machte aus dem bereits im Januar 1863 erschienen Band "Fünf Wochen im Ballon" einen Bestseller und aus Verne einen bekannten Mann. Das Buch verband das Interesse für technische Neuheiten mit dem an exotischen Schauplätzen: im Roman fliegt die Reisegesellschaft über Afrika und die damals noch unentdeckten Nilquellen – gleichfalls ein Modethema der Epoche.

Mit diesem Erfolg begann die Schriftstellerkarriere des Jules Verne. Jahrzehntelang schrieb Verne nun einen Bestseller nach dem anderen. 66 Romane entstanden in über 40 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit, dazu diverse Kurzgeschichten und geografische Werke – geprägt von der für ihn typischen Kombination aus Technik, Naturwissenschaft, Geografie und Abenteuer. Verne selbst schöpfte hierzu aus einem umfangreichen Bildungsfundus, ergänzt durch das Studieren wissenschaftlicher Zeitschriften wie der Tagespresse, er sammelte in Zettelkästen Informationen aller Art, über Erfindungen und technische Entwicklungen. Er bediente sich ausführlich bei Kollegen, Lexika, Forschungsberichten. Ein effizienter Erzähler, der sich Nationalstereotypen ebenso bediente wie simpler Komik, der eine starke pädagogische Ader mit überquellender Phantasie verband. Genau genommen sind es aber mit nur zwei, drei Ausnahmen, vor allem die Bücher eines langen Jahrzehnts, der Jahre zwischen 1863 und 1876, die überdauern: "Fünf Wochen im Ballon" 1863, "Reise zum Mittelpunkt der Erde" 1864, "Von der Erde zum Mond" 1865, "20 000 Meilen unter den Meeren" 1870, "Reise um die Welt in 80 Tagen" 1873, "Der Kurier des Zaren" 1876.

Danach nahm zwar der unmittelbare Erfolg nicht ab, doch nur wenige der in den nächsten 30 Jahren geschriebenen Bücher waren von ähnlicher Dauer wie die des ersten Jahrzehnts: "Zwei Jahre Ferien" von 1888 am ehesten – ein Jugendroman par excellence, zugleich in ihrem Ernst und ihrer imaginativen Kraft doch mehr als das. Die Phantasie eines Erwachsenen, der sich in seine Kindheit zurückträumt, sie übersteigert zur Vorstellung einer ewigen Kinderzeit, eines aus der Zeit herausgerissenen, im wahrsten Sinne zeitlosen und ortlosen, also utopischen Daseins. Und zugleich birgt dieses alle möglichen Abgründe der Kindheit, beschreibt die Kinder als individuell verschiedene Persönlichkeiten, die in sich auch den Hang zur Barbarei bergen – traurige Tropen und ein gruseliger Blick in den Abgrund der Humanität, der hellsichtig vorweg nimmt, was William Golding in seinem "Lord of the Flies" eindringlich beschreibt.

Unabhängigkeit, Freiheit, Ironie – und Pessimismus…

So steht der Schriftsteller Verne bis zum Ende eben nicht auf der Seite der Pessimisten und Antimodernen. Verne will etwas beweisen, erklären, will unterrichten, sein Publikum und damit die Menschheit verbessern. In einer Zeit, in der die antimodernen Reflexe zunahmen, in denen französische Intellektuelle 1887 gegen den Bau des Eiffelturms protestierten, glaubt Verne an das Sichtbare, und an die Möglichkeiten der Erkenntnis. Jules Vernes Bücher feiern Freiheitshelden, anarchistische Verweigerer allen Konformismus, die an die Wissenschaft und die Phantasie mehr glauben als an Gott und Sitte. Sie feiern das Individuum und seine Rettung in der Welt durch den Glauben an sich selbst. Auch Nemo, der düstere, durch eine schreckliche und bis zum Ende unbekannte Vergangenheit traumatisierte Kapitän in seiner mit Literatur und Musik verschönerten Unterwasser-Gegenwelt ruft den Lesern am Schluss ein lautes "Unabhängigkeit!" hinterher - vom Verleger Hetzel wurde dies ins Reaktionäre umgeschrieben: "Gott und Vaterland!"

Gebändigt wird diese Fortschrittseuphorie durch Vernes Sinn für Ironie: Denn Verne ist – oft übersehen – auch ein glänzender Satiriker. Zum Beispiel bei "In 80 Tagen um die Welt". Phileas Fogg ist der Prototyp des viktorianischen Gentleman, aber damit eben auch des "spleenigen Engländers", wie er auf dem Höhepunkt des Empire auch in anderen Romanen vorkommt. Einmal entlässt er seinen Diener mit der Begründung "Er hatte sich des Vergehens schuldig gemacht, seinem Herrn nur auf 84 statt auf 86 Grad Fahrenheit erhitztes Wasser für die Rasur zu bringen." Der Roman ist eine Satire um Zeitknappheit und Effizienzsteigerung, die durchaus nicht einseitig für die Moderne Partei ergreift. Auch "Von der Erde zum Mond" beginnt mit namentlichen Bezügen auf Cyrano de Bergerac und Lukian – auf Satiriker…

Erst am Ende seines Lebens ließ sich Verne zu kritikloser Fortschrittsverachtung verführen. Hellsicht und heitere Skepsis wandelten sich in Pessimismus, und Verne ritt nur noch plump auf den immergleichen Motiven entfesselte Technologie, Herrschsucht und unbändiger Ehrgeiz der Menschen herum. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Roman "En Magellanie" (1898), der als Manifest gegen "den Kollektivismus" gedacht ist – ausdrücklich genannt werden Saint-Somin, Proudhon und Fourier –, und in der Gegenüberstellung von dummer Masse und technischen Eliten mit klugem quasidiktatorischem Führer, bereits in den ideengeschichtlichen Kontext des Präfaschismus gehört. Auch hierin zeigt Verne ein letztes Mal die Spannweite einer Epoche, die einerseits die Fesseln des Ich sprengt, zugleich aber eine Neigung zur Diktatur nicht verbergen kann.

Einer der ersten Popularisierer der Globalisierung

Mit solchen – oft offen widersprüchlichen – Ideen, auch seinen Ängsten und psychologischen Beklemmungen, war Verne ein durchaus typischer Repräsentant und Zeitgenosse der Belle Époque; eine brüchige Existenz, durch die der Riss seiner Zeit ging. "Borniertheit und Liberalismus stehen in Vernes Denken schroff gegenüber." schreibt sein Biograph Volker Dehs. Verne ein Verteidiger des Kolonialismus und ein Gegner der Todesstrafe, in seinen Romanen finden sich rassistische Passagen, und er war Antisemit – 1877 sorgte der Roman "Hector Servadac" wegen seines offenen Antisemitismus für einen Skandal. Zugleich gilt das Urteil des Wissenschaftsphilosophen Michel Serres: "Es ist die politische Leistung Vernes, Ideologie zurückgedrängt zu haben – für eine immer noch wachsende Zahl von Jungen und Mädchen … Ich habe die Wissenschaften nicht zuerst bei Gelehrten erlernt, sondern bei ihm."

Man könnte sagen, Verne ist einer der ersten Popularisierer und Ideenkünstler der Globalisierung: "In 80 Tagen um die Welt" - da geht es eben um Weltumspannung und Beherrschung, um die sich atemberaubend verbessernden Verkehrstechniken – die Eisenbahnen, die Fogg und Passepartout in Amerika und China benutzen, waren gerade tatsächlich gebaut worden, mit Geld aus England und Frankreich – und um die damit einhergehende Beschleunigung des Transfers von Finanz-Kapital. Es geht auch um den Reichtum der Kolonien, um die exotische Buntheit jener neuen Welten, die das europäische Publikum der Kolonialmächte seinerzeit erst gerade für sich entdeckte. Am Ende des Buches heiratet Phileas Fogg eine Inderin – man kann sich aussuchen, ob man dies als letzte Eroberung des Orients interpretiert oder als erste Kulturverschmelzung auf gleicher Ebene. Die Frau und die Kinder der beiden dürften jedenfalls im Großbritannien und in Frankreich auch im 20. Jahrhundert noch mit manchen Rassismen zu kämpfen gehabt haben.

Mythische Entwürfe in postmetaphysischer Zeit

Vernes Texte sind hybride Zwitterwesen zwischen Fiktion und Essay. Wissenschaftlicher Neugierde und Phantasie erscheinen als ein System kommunizierender Röhren. Durch seine unverwechselbare Art der Variation und Montage beider Bereiche rückt er seine Gegenwart selbst ins Surreale. Alles erscheint in diesen Büchern gleich real und möglich, während es zugleich ganz fern liegt und völlig unmöglich ist. Man könnte manche seiner Texte als mythische, sogar als religiöse Entwürfe im postmetaphysischen Zeitalter ansehen. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Terminologie und Spekulation verbirgt sich Uraltes: Romantisch-wagnerianische Kapitäne zu Wasser, zu Land und in der Luft, die fast immer auch Getriebene sind. Mit den Mitteln der Moderne – Neugier, Wissenschaft, Realismus – bekämpft Verne die "Entzauberung der Welt" (Max Weber) und romantisiert sie ein letztes Mal durch Fiktion. Seine Visionen und Utopien tragen ein technisches Gewand, wurzeln aber im Archetypischen.

Die wahren Reisen sind die Reisen zu uns selbst. So lässt sich die Reise in die Unter(wasser)welt, geführt von einem traumatisierten Kapitän, nicht nur als futuristische, sozialkritische oder wissenschaftliche, sondern auch leicht als psychologische Metapher lesen, als Suchbewegung ins Unbewusste, als Zeugnisse subjektiven Erlebens. Die geheimnisvollen Inseln in Vernes Welt sind verlorene Paradiese ebenso wie verwunschene Gärten, Inseln der Seligen, voller Glück und Frieden – Bilder außergewöhnlicher Bewusstseinszustände am Rande der Erfahrung. Aber auch das ist bereits in der ganzen Epoche angelegt. Oder, wie Bourdieu schreibt: "Künstlerische Kühnheiten, Neues oder Revolutionäres, sind überhaupt nur denkbar, wenn sie virtuell bereits existieren."

Vernes Phantastik gibt der Realität mit großer Selbstverständlichkeit ein zweites Gesicht. Meisterlich inszeniert er magische Momente, wie sie die Literatur der Gegenwart nicht mehr zu kennen scheint. Wir leben in einer tristen Zeit. Gesetze und Verordnungen, zahlreiche Gedanken-Tabus lähmen heute ein spekulatives Denken, wie es über Jahrhunderte in der europäischen Kunst üblich war. Die Aufgabe, sich für neue phantastische Techniken und utopische Welten und künstliche Paradiese zu begeistern, hat längst das Kino übernommen.

Der Effekt von Vernes Literatur bleibt, denn er ist der aller guten Literatur, erst recht aller guten Science Fiction: Entfesselung der Phantasie, Verunsicherung der Wirklichkeit. Nichts muss so bleiben, nichts so sein, wie es ist. Nur darauf kommt es, ganz am Ende, an.

Ausgewählte Literaturtips

Von Jules Verne gibt es diverse Ausgaben auf Deutsch, oft schlecht übersetzt und gekürzt. So hat die neue Fischer-Ausgabe der "Reise zum Mittelpunkt der Erde" gegenüber der früheren Ausgabe fast 200 Seiten und damit ca. zwei Drittel mehr Inhalt. Die zuverlässigsten Übersetzungen der wichtigsten Romane findet man in den zwei sehr unterschiedlichen neuen Werkausgaben im Fischer Verlag und bei Artemis & Winkler. Beide allerdings zeigen sämtliche Illustrationen der Erstausgaben. Fischer bietet den Roman vollständig und sogar durch geringfügige Textergänzungen erläutert an. Die Winkler-Ausgabe verzichtet auf Glättungen, feiert die Umständlichkeit und Ironie Vernes. Die meisten Romane Vernes sind – ebenfalls solide übersetzt – in Buchform im Diogenes Verlag erschienen, darunter auch Teile des Spätwerks, etwa "Das Karpathenschloß" oder der Skandalroman "Die Erfindung des Verderbens".

Am vollständigsten liegt Jules Vernes erzählerisches Werk mit zeitgenössischen Abbildungen auf CD-ROM in der Digitalen Bibliothek, Berlin, vor.

Jules Verne: "In 80 Tagen um die Welt"; Artemis & Winkler, Düsseldorf 2003, 19,90 €
Jules Verne: "In 80 Tagen um die Welt"; Fischer Verlag, Frankfurt 2003, 9,90 €
Jules Verne: "Reise zum Mittelpunkt der Erde"; Fischer Verlag, Frankfurt 2003, 12,90 €
Jules Verne: "Paris im 20. Jahrhundert."; Paul Zsolnay Verlag, Wien 1996, 18 €
Jules Verne: "Die Jagd auf den Meteor"; Piper Vlg., München 19,90 (aus dem Nachlass nach dem Originalmanuskript)

Volker Dehs: "Jules Verne"; rororo-Monographie; Hamburg 2000; 6,50 €
Volker Dehs: "Jules Verne. Eine Biografie."; Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf, 29,90 €
Herbert Lottman: "Jules Verne"; Verlag Flammarion, Paris 1996, 24 €
Pierre Bourdieu: "Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2001 (stw 1539); 17 €

Jules Verne: "Bekannte und unbekannte Welten." Digitale Bibliothek, Berlin 2004; 45 €
Jules Verne: "Reise um die Erde in achtzig Tagen". Gelesen von Rufus Beck. Hörbuch Hamburg, Hamburg 2001. 6 CDs, 427 Min., 30 €

(Rüdiger Suchsland)