Der Richter und sein Frühstück

Wenn ein Richter satt ist, fallen seine Urteile für die Delinquenten günstiger aus

Die Volksweisheit, dass wir vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sind, kommt nicht von ungefähr. Recht und Rechtsprechung sind nicht automatisch identisch: Sobald der Faktor Mensch ins Spiel kommt, bleibt Raum für Subjektivität. Das ist keinesfalls böse Absicht, erfahrene Richter betrachten es als Teil des Berufsbilds, in ihre Urteile eigene Stimmungen nie und nimmer einfließen zu lassen.

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Es ist allerdings längst nachgewiesen, dass die Entscheidungsfähigkeit des Menschen begrenzt ist. Das betrifft nicht nur Richter, sondern auch Manager, Autofahrer und selbst Einkäufer. In experimentellen Settings wurde zum Beispiel gezeigt, dass am Erwerb eines Autos Interessierte zunächst sehr wohl die einzelnen Optionen der Ausstattungsliste studieren. Es dauert aber nicht lange, und der Prozess wird den Menschen zu anstrengend: Sie entscheiden sich dann für den Status Quo, in diesem Fall das, was der Autohersteller ihnen vorschlägt. Ein geschickter Verkäufer kann das ausnutzen, die Geduld des Kunden erst mit unwichtigen Details strapazieren, um ihm dann unwidersprochen die teure Sonderausstattung aufs Auge zu drücken.

Angestellte kennen ähnliches wohl aus manchen Konferenzen: Erst wird stundenlang um Details diskutiert, um dann die eigentlich wichtigen Entscheidungen in Sekunden durchzuwinken. Die Gegenstrategien sind intuitiv ebenso bekannt: Die Entscheidungsfähigkeit lässt sich wieder steigern, indem man dem Geist Erholung gönnt, etwas für die Stimmung tut oder auch das Glukoseniveau im Blut erhöht, sprich: etwas isst. Inwieweit spielt das auch vor Gericht eine Rolle?

Israelische Ökonomen haben das am konkreten Beispiel untersucht: Den Entscheidungen eines Gerichts, das für die Aussetzung von Bewährungen zuständig ist. In den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) beschreiben sie ihre Ergebnisse.

Dabei analysierten die Forscher über 1000 Entscheidungen, die insgesamt acht Juristen an 50 Tagen trafen. In die Betrachtung flossen nicht nur die Art des Verbrechens und der Status des Täters ein, sondern auch der Tagesablauf des Richters. Der unterbricht nämlich seine Tätigkeit genau zweimal - für ein spätes Frühstück und für ein Mittagessen. Insgesamt mussten die Richter pro Tag bis zu 35 Fälle abhandeln, wobei sie minimal sechs Minuten pro Fall zur Verfügung hatten - inklusive Diskussion und Urteilsbildung. Die Frühstückspause nach den ersten sieben oder acht Fällen dauerte rund 40 Minuten, die Mittagspause nahm etwa eine Stunde in Anspruch. Welche Auswirkungen hatte die Pausengestaltung auf die Urteile?

Die Statistik der Forscher ist hier ganz eindeutig: Insgesamt wurden 64 Prozent der Bewährungsanfragen abgelehnt. Wenn ein Fall allerdings zu Tagesbeginn oder direkt nach einer Mahlzeit abgehandelt wurde, lag die Chance auf ein für den Delinquenten positives Urteil bei 65 Prozent. Diese Chance sank dann von Fall zu Fall rapide bis auf Null - um nach der nächsten Mahlzeit wieder auf über 65 Prozent zu steigen. Keine andere der Ko-Variablen hatte einen solchen Einfluss auf das Ergebnis - so notierten die Forscher auch den Tages-Prozentsatz günstiger Urteile, für den Fall, dass die Richter intern mit einer Ja- oder Nein-Quote hantieren. Ebensowenig hatte das Geschlecht des Täters oder die Art des Verbrechens Auswirkungen auf das Ergebnis der Bewährungs-Anhörung. Nur die Anzahl früherer Verurteilungen war relevant - je öfter eine Person rückfällig geworden war, desto seltener wurde ihr Bewährung zugestanden.

Es zeigte sich allerdings, dass nicht die reine Zeit nach der letzten Mahlzeit entscheidend war, sondern die Anzahl der Entscheidungen, die der Richter zu treffen hatte. Mit schwindender Kraft sind die am Pult sitzenden Menschen offenbar eher dazu bereit, den Status Quo (der hier die Haft darstellt) beizubehalten. Die Autoren der Studie nehmen an, dass an anderen Entscheidungspositionen ähnliche, mit der Natur der Sache nicht verbundene Faktoren zu berücksichtigen sind - Ärzte, Lehrer, Manager, selbst Käufer sollten sich ein Bewusstsein nicht nur für den Inhalt einer Entscheidung, sondern auch für ihren Zeitpunkt erarbeiten. (Matthias Gräbner)

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