"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"

Enträtselte Natur, verrätselte Gesellschaft

Heute, mehr als 200 Jahre nach der Epoche der Aufklärung, glaubt kaum noch jemand an Geister und Dämonen und auch nicht an ein direktes Eingreifen eines Gottes ins Weltgeschehen. Durchschaubarer geworden ist sie, die Welt, deshalb allerdings nicht, im Gegenteil.

Während wir subatomare Teilchen vermessen und Millionen Lichtjahre entfernte schwarze Löcher abbilden können, bleiben gesellschaftliche Phänomene, mit denen wir täglich zu tun haben, seltsam im Dunklen. Wie viele sich widersprechende Theorien gibt es über Geld und Wert! Wer kann sagen, welche Auswirkungen die gegenwärtige Geldpolitik auf Wirtschaft und Inflation haben wird? Wirkt die "unsichtbare Hand des Marktes" wirklich so behutsam im Hintergrund - oder ist sie nicht eher eine Faust, die rigoros Profitinteressen durchsetzt und sich dafür notfalls auch des Staates mit Polizei und Militär bedient? Kommen Krisen wie die Finanzkrise aus heiterem Himmel oder gibt es da Gesetzmäßigkeiten?

Niemand außer ein paar Marx-kundigen Linken scheint wirklich daran interessiert zu sein, solche Dinge aufzuklären, die Diskussionen werden in akademischen Nischen geführt. Wer heute etwas über die ökonomischen Machtverhältnisse und deren Verquickung mit der Politik erfahren will, muss sich Kabarettsendungen wie Die Anstalt ansehen. In den "seriösen" Beiträgen der Mainstream-Medien erfährt man dazu wenig, dort werden diese Zusammenhänge eher verschleiert. Das ist exakt so wie in der späten DDR, damals erfuhren wir ein paar Wahrheiten über die Gesellschaft, in der wir lebten, auch nur im Kabarett - oder über ein alternatives Medium, genannt Westfernsehen.

Im Grunde steht der moderne Mensch den undurchschauten Strukturen seiner ureigenen Verhältnisse so ohnmächtig gegenüber wie der Frühmensch der Natur. Und Manche finden ihren Ausweg daraus in einer Art magischen Denkens. Statt Geistern oder Göttern vermuten sie - sie sind ja schließlich aufgeklärt - jedoch Menschen als Strippenzieher hinter den Kulissen. Da sind wir bei den aktuellen Verschwörungstheorien (VT), welche sich so rasant verbreiten sollen und Politiker wie Publizisten, auch aus dem linken Spektrum, zunehmend verstören.

Verstörte VT-Erklärer

Verschwörungstheorien schlummern in uns allen, meint Sascha Lobo - vermutlich als Abart des Teufels-Gens. Zum Ausbruch komme diese "Wirrnis" dann beispielsweise durch einen "Social Meltdown", einer Art psychischen Unglücksfalls, aus dem die Verunglückten nicht mehr herausfänden. In einem anderen Text zu Verschwörungstheorien nennt er Gutgläubigkeit als Risikofaktor. Die Frage, warum die davon Befallenen ihren guten Glauben nicht den offiziellen Narrativen der Mainstream-Medien schenken, stellt sich ihm gar nicht.

Generell konzentrieren sich die Erklärungsversuche für die angebliche VT-Anfälligkeit bestimmter Menschen einseitig auf individuelle Eigenheiten und Defizite. Dabei werden allerdings überraschende Analogien erkennbar. Schauen Sie einmal auf dieses Zitat der Psychologin Dorothee Scholz (Hervorhebungen vom Autor):

Verschwörungstheorien sind für Menschen funktional, das heißt, sie erfüllen wichtige psychische Grundmotive wie z.B. den Wunsch nach Struktur, Verstehbarkeit von Ereignissen oder Kontrollgefühlen angesichts einer immer komplexer werdenden Welt. Die Neigung zu Verschwörungstheorien wird durch Risikofaktoren wie Existenzunsicherheit, Hilflosigkeitserleben, ein geringes Selbstwertgefühl und soziale Isolation begünstigt, da die Illusion von Ordnung, Gruppenzugehörigkeit und nicht selten auch die Möglichkeit aufwertender Selbstinszenierungen versprochen wird.

Dies erklärt auch den Umstand, dass die mangelhafte oder sich gegenseitig widersprechende Logik dieser Konzepte keine wirkliche Rolle spielt - ihre "psychische Nützlichkeit" ist so hoch, dass der Inhalt nachrangig ist und Gegenrede auf der Sachebene deshalb oft scheitert. Um wirksam gegen Verschwörungstheorien vorzugehen, bedarf es eines stärkeren Blickes für die psychischen Defizite und Grundmotive einer Gesellschaft. Aus therapeutischer Sicht würde man sagen, dass Verschwörungstheorien eine problematische Bewältigungsstrategie für einen nachvollziehbaren inneren Leidensdruck darstellen.

Dorothee Scholz

Für das hervorgehobene Wort Verschwörungstheorien könnte man auch Sektengläubigkeit oder allgemein Religionen einsetzen - es würde genauso passen. Offenbar überschneidet sich die Risikogruppe für sozial geachtete Religiosität stark mit der Risikogruppe für geächtete Verschwörungstheorien, oder ist sogar mit ihr identisch. Den schlagenden Beweis dafür lieferte kürzlich ein Corona-Aufruf katholischer Kardinäle. Die Vertreter des Christentums, also der weltweit mächtigsten Verschwörungstheorie mit 2,3 Milliarden Anhängern, warnen darin vor einer autokratischen Weltregierung - also einer drohenden Konkurrenz.