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"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"

Bild: NIAID/CC By-2.0

Ein paar Gedanken zur Genesis von Verschwörungstheorien

Die allererste Verschwörung war die von Eva und Adam, angestiftet durch die Schlange (also den Teufel), gegen Gott. Die Menschen wollten sein wie ER, IHN also entthronen - worauf der Chef vom Garten Eden die beiden Aufmüpfigen vor die Tür setzte. Doch die Schlange, so die allererste Verschwörungstheorie, war zuvor noch in anderer Weise kreativ geworden: Sie hatte mit Eva den Kain gezeugt. Der ist also ein Sohn des Teufels, und nur Bruder Abel, später von Kain gemeuchelt, ist Adams Sohn. Kain wurde zum Urvater wahlweise der Freimaurer, der Illuminaten oder der Reptilienmenschen. Das Böse war in die Welt gesetzt als genetischer Defekt.

Das Teufels-Gen: Bosheit aus Prinzip

Das grundlos Böse gehört zum feststehenden Mem von Verschwörungstheorien. Da hat das Christentum ganze (Vor-)Arbeit geleistet mit seinem Gut-Böse-Dualismus. Der Kampf Gut gegen Böse (und umgekehrt) erfolgt a priori, die Fragen nach Motivationen und Interessen erübrigen sich, die Frage nach der Relativität der beiden Begriffe grenzt gar an Ketzerei. Das ist nicht finsteres Mittelalter, sondern Gegenwart.

Das Gut-Böse-Schema hat nicht nur bis heute überlebt, sondern wird von Kirchenleuten, Horrorfilmern, Massenmedien und Politikern gehätschelt und aktiv verbreitet. Wir erinnern uns an Kampfbegriffe wie Schurkenstaaten, Achse oder Reich des Bösen, aber auch Lügenpresse und Verschwörungstheoretiker. Alles Schwarz-Weiß-Gemälde, dualistische Anti-Denk-Muster, verführerisch wegen ihrer Einfachheit, aber ungeeignet, das bunte Knäuel weltlicher Beziehungen und Interessen zu entwirren. Das Gut-Böse-Schema ist damit aber auch ein verlässlicher Marker, mit dem sich echte (also falsche) Verschwörungsmythen von möglicherweise zutreffenden Verschwörungshypothesen abgrenzen lassen.

Verschwörung oder Herdentrieb?

Nein, es ist noch keine Verschwörung, wenn viele das gleiche sagen oder tun. Es kann einfach nur das Richtige und Angemessene in dieser Situation sein. Wenn es das Falsche ist, nennt man es Herdentrieb. Wenn Geschäftemacher den Preis von Atemschutzmasken in die Höhe treiben, steckt dahinter meist nur das gleiche Profitinteresse unterschiedlicher Akteure, die sich nicht mal kennen. Manchmal steckt aber auch unerlaubte Preisabsprache dahinter, was dann das Kartellamt auf den Plan rufen sollte. Manchmal gibt es eben doch Verschwörungen.

Oft aber verdeckt der Verschwörungsverdacht den Blick auf die eigentlichen, systembedingten Ursachen kritikwürdiger Entwicklungen. Dann bekämpft man die falschen Feinde. Dieser Artikel konzentriert sich deshalb auf die Frage, wo die gegen-aufklärerischen, weil eng personal fokussierten und pauschal diffamierenden Verschwörungstheorien - zur Abgrenzung oft Verschwörungsmythen genannt - ihre Ursachen haben und ihren Nährboden finden. Deren Verbreitung soll ja mit der Corona-Krise massiv zugenommen haben, und die mehr oder weniger hilflosen Erklärungsversuche dazu schießen derzeit ins Kraut.

Magisches Denken als Emanzipation

Gehen wir noch einmal zurück zu den Anfängen der Menschheit, diesmal jenseits der Legenden, zu den einigermaßen gesicherten Erkenntnissen der Anthropologie. Danach waren die ersten religiösen Vorstellungen der Frühmenschen animistisch. Sie sahen die Welt als belebt mit Geistern und Dämonen, Feen, Trollen, Zwergen und Riesen, Donnervögeln und Schlangengöttern, schrieben Pflanzen und Tieren Gedanken und Gefühle und jedem Stein eine Seele zu.

Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, wie es zu solchen Vorstellungen kam. Meiner Meinung nach projizierten die frühen Menschen ihre eigenen Fähigkeiten in dem Maße, wie sie sich deren bewusst wurden, auf die belebte wie unbelebte Natur. Wer sprechen kann, meint, alle müssten ihn verstehen, auch die Tiere und Pflanzen. Wer eine Sprache verstehen kann, könnte meinen, alles spräche zu ihm. Diese romantische Illusion der Einheit von Ich und Welt wiederholt sich im Zeitraffer in der frühkindlichen Entwicklung zwischen etwa 2 und 5 Jahren, genannt Magisches Denken, und überlebt zudem in manchen Naturvölkern und esoterischen Zirkeln.

Der evolutionäre Vorteil solcher Vorstellungen ist: Sie heben den Menschen aus seiner Ohnmacht gegenüber dem "blind" waltenden Schicksal heraus. Mit Naturgewalten kann man ebenso wenig verhandeln wie mit Krankheit und Tod. Mit Geistern und Dämonen, die selbst Gewalt über die Natur haben, schon. Man kann sie beschwören, ihnen Opfer bringen, zu ihnen beten. Man kann sie besänftigen, ihnen drohen oder sie auch bestrafen, wie Xerxes angeblich das Meer auspeitschen ließ, als es zwei Schwimmbrücken für seinen Feldzug nach Griechenland zerstört hatte.

So paradox es klingt: Der Glaube an Übernatürliches erniedrigt die Gläubigen nicht, sondern bringt sie im Gegenteil erst einmal auf Augenhöhe zu einer bedrohlichen Umwelt, der sie sich sonst hilflos ausgeliefert fühlten. Das ist - vielleicht - der eigentliche Ursprung aller Religionen. Jede böse Absicht eines Dämons oder Gottes ist besser zu ertragen als die Willkür des Zufalls. Und vielleicht war das anscheinend unverdiente Unglück ja doch die Strafe für eigenes Fehlverhalten? Das Potential für Erziehung wie Unterdrückung ist natürlich im Geister- und Gottesglauben immer schon angelegt.

In erster Linie ist die Mutmaßung, dass hinter undurchschaubaren Geschehnissen mächtige oder gar dämonische Akteure stecken, jedoch ein Akt der Emanzipation. Und ein erster Schritt zur Vernunft. Der zweite, entscheidendere Schritt heißt in der westlichen Ideengeschichte Aufklärung, er entspricht beim Kind dem Übergang vom magischen Denken zum rationalen Denken.

Enträtselte Natur, verrätselte Gesellschaft

Heute, mehr als 200 Jahre nach der Epoche der Aufklärung, glaubt kaum noch jemand an Geister und Dämonen und auch nicht an ein direktes Eingreifen eines Gottes ins Weltgeschehen. Durchschaubarer geworden ist sie, die Welt, deshalb allerdings nicht, im Gegenteil.

Während wir subatomare Teilchen vermessen und Millionen Lichtjahre entfernte schwarze Löcher abbilden können, bleiben gesellschaftliche Phänomene, mit denen wir täglich zu tun haben, seltsam im Dunklen. Wie viele sich widersprechende Theorien gibt es über Geld und Wert! Wer kann sagen, welche Auswirkungen die gegenwärtige Geldpolitik auf Wirtschaft und Inflation haben wird? Wirkt die "unsichtbare Hand des Marktes" wirklich so behutsam im Hintergrund - oder ist sie nicht eher eine Faust [1], die rigoros Profitinteressen durchsetzt und sich dafür notfalls auch des Staates mit Polizei und Militär bedient? Kommen Krisen wie die Finanzkrise aus heiterem Himmel oder gibt es da Gesetzmäßigkeiten?

Niemand außer ein paar Marx-kundigen Linken scheint wirklich daran interessiert zu sein, solche Dinge aufzuklären, die Diskussionen werden in akademischen Nischen geführt. Wer heute etwas über die ökonomischen Machtverhältnisse und deren Verquickung mit der Politik erfahren will, muss sich Kabarettsendungen wie Die Anstalt ansehen. In den "seriösen" Beiträgen der Mainstream-Medien erfährt man dazu wenig, dort werden diese Zusammenhänge eher verschleiert. Das ist exakt so wie in der späten DDR, damals erfuhren wir ein paar Wahrheiten über die Gesellschaft, in der wir lebten, auch nur im Kabarett - oder über ein alternatives Medium, genannt Westfernsehen.

Im Grunde steht der moderne Mensch den undurchschauten Strukturen seiner ureigenen Verhältnisse so ohnmächtig gegenüber wie der Frühmensch der Natur. Und Manche finden ihren Ausweg daraus in einer Art magischen Denkens. Statt Geistern oder Göttern vermuten sie - sie sind ja schließlich aufgeklärt - jedoch Menschen als Strippenzieher hinter den Kulissen. Da sind wir bei den aktuellen Verschwörungstheorien (VT), welche sich so rasant verbreiten sollen und Politiker wie Publizisten, auch aus dem linken Spektrum, zunehmend verstören.

Verstörte VT-Erklärer

Verschwörungstheorien schlummern in uns allen, meint Sascha Lobo [2] - vermutlich als Abart des Teufels-Gens. Zum Ausbruch komme diese "Wirrnis" dann beispielsweise durch einen "Social Meltdown", einer Art psychischen Unglücksfalls, aus dem die Verunglückten nicht mehr herausfänden. In einem anderen Text zu Verschwörungstheorien [3] nennt er Gutgläubigkeit als Risikofaktor. Die Frage, warum die davon Befallenen ihren guten Glauben nicht den offiziellen Narrativen der Mainstream-Medien schenken, stellt sich ihm gar nicht.

Generell konzentrieren sich die Erklärungsversuche für die angebliche VT-Anfälligkeit bestimmter Menschen einseitig auf individuelle Eigenheiten und Defizite. Dabei werden allerdings überraschende Analogien erkennbar. Schauen Sie einmal auf dieses Zitat der Psychologin Dorothee Scholz [4] (Hervorhebungen vom Autor):

Verschwörungstheorien sind für Menschen funktional, das heißt, sie erfüllen wichtige psychische Grundmotive wie z.B. den Wunsch nach Struktur, Verstehbarkeit von Ereignissen oder Kontrollgefühlen angesichts einer immer komplexer werdenden Welt. Die Neigung zu Verschwörungstheorien wird durch Risikofaktoren wie Existenzunsicherheit, Hilflosigkeitserleben, ein geringes Selbstwertgefühl und soziale Isolation begünstigt, da die Illusion von Ordnung, Gruppenzugehörigkeit und nicht selten auch die Möglichkeit aufwertender Selbstinszenierungen versprochen wird.

Dies erklärt auch den Umstand, dass die mangelhafte oder sich gegenseitig widersprechende Logik dieser Konzepte keine wirkliche Rolle spielt - ihre "psychische Nützlichkeit" ist so hoch, dass der Inhalt nachrangig ist und Gegenrede auf der Sachebene deshalb oft scheitert. Um wirksam gegen Verschwörungstheorien vorzugehen, bedarf es eines stärkeren Blickes für die psychischen Defizite und Grundmotive einer Gesellschaft. Aus therapeutischer Sicht würde man sagen, dass Verschwörungstheorien eine problematische Bewältigungsstrategie für einen nachvollziehbaren inneren Leidensdruck darstellen.

Dorothee Scholz

Für das hervorgehobene Wort Verschwörungstheorien könnte man auch Sektengläubigkeit oder allgemein Religionen einsetzen - es würde genauso passen. Offenbar überschneidet sich die Risikogruppe für sozial geachtete Religiosität stark mit der Risikogruppe für geächtete Verschwörungstheorien, oder ist sogar mit ihr identisch. Den schlagenden Beweis dafür lieferte kürzlich ein Corona-Aufruf katholischer Kardinäle [5]. Die Vertreter des Christentums, also der weltweit mächtigsten Verschwörungstheorie mit 2,3 Milliarden Anhängern, warnen darin vor einer autokratischen Weltregierung - also einer drohenden Konkurrenz.

VT als Wahn und Unglücksfall

Als Beleg für die unterstellte Wahnhaftigkeit von Verschwörungstheorien werden oft deren abstruseste Varianten herangezogen, beispielsweise über Aliens und Reptilienmenschen. Hinweise auf Fälle, wo der Verschwörungsverdacht ins Schwarze traf, würden für die Unvoreingenommenheit der Autoren sprechen, doch diese fehlen meist komplett. Harald Martenstein im Tagesspiegel [6] ist da eine seltene Ausnahme.

Auf der Website der Amadeo-Antonio-Stiftung gibt es eine ganze Seite zur Frage "Kritik oder Verschwörungserzählung?" [7]. Dort wird als Gegensatz zur (falschen) Verschwörungserzählung die legitime Kritik an Diskriminierung, geringem Einkommen und politischen Fehlentscheidungen genannt. Ist das nur fahrlässige oder schon bewusste Vernebelung? Bei Verschwörungstheorien geht es schließlich um den Verdacht einer demokratiefeindlichen geheimen Absprache mit dem Ziel der Beeinflussung und Steuerung großer Menschengruppen, von Staaten oder gar der ganzen Welt - nicht um (im Vergleich dazu) läppische Mängel einer ansonsten bestens funktionierenden Demokratie. Bloß keine Systemkritik! lautet wohl die Devise.

Liest man auf der genannten Seite weiter, findet man sieben zutreffende Kriterien für wahnhafte Verschwörungstheorien. Drei seien zitiert:

Wird ein Weltbild mit klaren Rollen von "gut" und "böse" gezeichnet?
Wird die Ursache des Problems personalisiert?
Wird anerkannt, dass die eigene Informationsquelle fehlerhaft sein könnte?

Wenden Sie diese Kriterien mal auf die offiziellen Erzählungen von Regierungen und Massenmedien zu einigen jüngeren Ereignissen an, beispielsweise auf: Novichok-Anschlag, MH17-Abschuss, Syrienkrieg. Heraus kommt: Alles wahnhafte Verschwörungstheorien oder zumindest von solchen begleitet.

Eine Welt voller Verschwörungstheorien

Das Dilemma der unerschrockenen Kämpfer gegen gefährliche Verschwörungstheorien und -theoretiker ist: Sie sind selbst Teil einer medialen Welt, die von offiziellen Verschwörungstheorien nur so wimmelt. Die bewusst lancierte Verschwörungstheorie gehört zur Herrschaftspolitik.

Während der Pestepidemien des Mittelalters wurden Juden als angebliche Brunnenvergifter verbrannt, Hitler sprach von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung, Stalin von Volksverrätern in den eigenen Reihen. Im McCarthy-Amerika waren dann die Kommunisten schuld, die bei Bedarf heute noch als Wahlkampf-Drohkulisse herausgeholt werden. Vorgetäuschte Überfälle auf den Sender Gleiwitz und im Golf von Tonking dienten als Kriegsanlässe, ebenso Lügen über Massenvernichtungswaffen im Irak. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers wurde Putin zum personifizierten Bösen erklärt, dann Hussein, dann Assad, zeitweise Kim Jong Un, bei Chinas Parteichef Xi Jinping ist Trump auf dem besten Wege.

Dasselbe Bild in Literatur, Film und Computerspielen: Böse Verschwörer gehören zum Grundmuster der Plots aller Bonds und anderer Supermänner-Filme. Manchmal sind es mächtige Wirtschaftskonzerne, wie im ersten Alien-Film und im Thriller Limit von Frank Schätzing - ein wenig Gesellschaftskritik darf auch im Unterhaltungsgenre sein.

Nein, Verschwörungstheorien sind keine Unfälle oder psychische Verwirrtheiten und gehören auch nicht zu den unvermeidlichen "Risiken und Nebenwirkungen moderner Gesellschaften" [8] - sie werden uns Kultur- und Medienkonsumenten nur überall als Erklärungsmuster angeboten und manchmal regelrecht eingeimpft.

Dumm ist nur, wenn sich diese Propagandawaffe gegen ihre Erfinder richtet.

Echte Verschwörer lieben übrigens verwirrte Verschwörungstheoretiker, weil sie mit Verweis auf deren offensichtlichen Schwachsinn diejenigen, welche die Wahrheit erkennen, in die gleiche Ecke stellen können. Vielleicht werden die absurdesten Verschwörungstheorien ja von den Weltverschwörern selbst in die Welt gesetzt … aber das ist ja auch schon wieder eine Verschwörungstheorie …

Misstrauen als Nährboden

Der Nährboden, auf dem Verschwörungstheorien gedeihen, ist - das haben viele VT-Erklärer richtig erkannt - das Misstrauen gegen Politik und Staat. Demoskopen konstatieren einen seit Jahrzehnten wachsenden Vertrauensverlust des Wählervolks [9]. Doch woher soll Vertrauen auch kommen, wenn die Unvernunft des Regierungshandelns so offensichtlich ist?

Vernunft, das ist die Fähigkeit zu vorausschauendem Handeln, um lohnenswerte Ziele zu erreichen und drohendes Unheil abzuwenden. Unbestritten vernünftige Ziele gäbe es genug, und dass der Menschheit und damit auch den Deutschen Unheil droht, wenn wir alles einfach so laufen lassen wie bisher, daran gibt es kaum Zweifel. Doch was passiert? Klimaschutzziele - ausgedünnt und trotzdem nicht erreicht. Alternative Energien - gedeckelt. Tempolimit und kostenloser ÖPNV - abgelehnt. Bei den CO2-Grenzwerten für Kraftfahrzeuge wird die BRD von der EU vorgeführt. Und das schon 2017 mögliche EU-weite Glyphosat-Verbot wurde von einem CSU-Landwirtschaftsminister aktiv verhindert. Dessen Lobbyisten verdienen an Windbestäubern und Methanfurzern. Insekten brauchen die nicht. Aber wir.

Und nun, kaum begannen sich im Lockdown Luft und Natur wieder etwas zu erholen, fällt einigen Automanagern und deren Ministerpräsidenten zur Konsum-Ankurbelung nichts Besseres ein als eine neue Abwrackprämie, noch nicht mal beschränkt auf E-Autos. Wir sollen also unsere dank TÜV-Zwang tadellos funktionierenden Autos wegschmeißen und neue kaufen. Absurder geht’s nicht.

Wer so offensichtlich gegen alle Vernunft und den gesunden Menschenverstand handelt und dabei noch große Teile der Bevölkerung vom jahrzehntelangen Wirtschaftsaufschwung ausschließt, darf sich über das tief sitzende Misstrauen nicht wundern. Wer glaubt noch an die Mär vom "Vater Staat" als gutwilligem Fürsorger und Beschützer seiner Bürger, der über Recht und Gesetz wacht und sich selbst daran hält? Im Gegenteil, man darf diesem Staat einiges zutrauen. Die US-Amerikaner sind uns auch darin weit voraus, zumindest in Literatur und Film. Angefangen von Oliver Stones "JFK" über "Der gute Hirte" (Robert de Niro) bis zur Netflix-Serie "House of Cards" zeigen sie unterm Deckmantel filmischer Fiktion, welcher Verbrechen sie ihre Politiker, Geheimdienste und Wirtschaftsbosse für fähig halten.

Monster der Unvernunft

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" schrieb Goya 1799 in eine seiner berühmten Le Capricho-Radierungen, gemünzt gegen die Korruptheit von Kirche und Staat seiner Zeit. Heute schläft die Vernunft nicht bloß, sie wird mit aller Macht vertrieben, und die Ungeheuer werden regelrecht gezüchtet.

Gefährlich sind weniger die Verschwörungstheorien "von unten", die Verdächtigungen einzelner mächtiger Akteure wie Bill Gates, sondern die offiziellen, politisch instrumentalisierten Fake News, eingesetzt als Cover-up für geopolitische Interessen und mit dem Potential für militärische Konflikte. Die einen verhalten sich zu den anderen wie nervige Trolle zu mächtigen Teufeln. Doch beide nisten in dem (nicht nur) von Trivialmedien wie der Bild-Zeitung brandgerodeten ehemaligen Garten Eden, wo Erkenntnis mal ein begehrtes Ziel war, jetzt aber die einfachsten, an Angst, Egoismus und Vorurteile appellierenden Erklärungsmuster bestens gedeihen. Verdummung fördert Dummheit - welch eine Überraschung!

Wir erleben gerade, dass alle technischen Segnungen des Kapitalismus zu Danaergeschenken werden, zu trojanischen Pferden, in denen Unheil steckt. Smartphones und Smart Homes werden zu Instrumenten zur Überwachung und Unterdrückung. KI wird zur Bedrohung von Arbeitsplätzen, Gesundheitsvorsorge zur Freiheitsberaubung und Impfung zur übergriffigen Körperverletzung. Im Land der ersten industriellen Revolution sind die Maschinenstürmer schon auf der Jagd nach 5G-Antennen.

Was wir bräuchten, sind keine Konsumprämien zur Nachfrageankurbelung, sondern Vernunftprämien zur Ankurbelung des gesunden Menschenverstandes. Eigentlich die wichtigste Ressource, die wir haben, anscheinend für das gegenwärtige Gesellschaftssystem aber wohl die größte Gefahr.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-unsichtbare-faust-des-marktes
[2] https://www.spiegel.de/netzwelt/corona-krise-sascha-lobo-ueber-das-phaenomen-des-social-meltdown-a-d734aaf2-98d0-490b-983d-a2c26ffedcdd
[3] https://www.spiegel.de/netzwelt/web/9-11-in-zwoelf-phasen-in-die-verschwoerungsgalaxie-a-1286272.html
[4] http://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2018/01/Neujahrsspezial-OCCI_DE-3.pdf
[5] http://kath.net/news/71579
[6] https://www.tagesspiegel.de/politik/von-kritik-und-verschwoerungstheorien-das-volk-wusste-nichts/25836898.html
[7] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/kritik-oder-verschwoerungserzaehlung/
[8] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/projekte/no-world-order/
[9] https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-01/deutschland-vertrauen-politik-staat-umfrage