"Der Schlüssel liegt darin, als erster zu lügen"

KAL 007

Während des Kalten Kriegs haben Sie in Deutschland als Kontaktperson zwischen CIA und BND gedient. Was hinterließ in dieser Zeit den größten Eindruck?
Ray McGovern: Der Geist der Zusammenarbeit war insgesamt sehr hoch. Die Experten der "Auswertung" waren sehr ähnlich wie Analysten, die im CIA’s Directorate of Intelligence mit Analysen arbeiteten.
In den 1980ern waren Sie verantwortlich für das tägliche Briefing der Präsidenten Ronald Reagan und George H.W. Bush im Weißen Haus. In einem Interview haben Sie Andeutungen dazu gemacht, dass Reagan zum KAL007-Zwischenfall ein manipuliertes Memo untergejubelt wurde. Können Sie ins Detail gehen?
Ray McGovern: Ich habe darüber detailliert geschrieben … zum Beispiel habe ich einen Artikel entworfen am Tag, als MH 17 abgeschossen wurde, in dem ich die Art, wie der Abschuss [von KAL 007] auf unehrliche Weise zum Nachteil von Russland dargestellt wurde, mit der Weise verglich, wie es wohl mit MH 17 der Fall sein könnte - unter Berücksichtigung von John Kerrys Vorliebe, die Russen für alles Mögliche verantwortlich zu machen (und die besten Analyseergebnisse zu Schlüsselfragen wie MH 17 und den Sarin-Attacken außerhalb von Damaskus am 21.08.2013). Mein erster Artikel erschien am Morgen des 18. Juli 2014.
Leider wurden meine schlimmsten Befürchtungen später bestätigt. Um die Ehre meiner ehemaligen Geheimdienstkollegen zu wahren, diese hatten sich alle geweigert, Kerrys Behauptung, die er 35 Mal am 20. August 2013 wiederholte, zu bestätigen, dass Baschar al-Assad verantwortlich für die Sarin-Angriffe neun Tage zuvor außerhalb von Damaskus sei. In beiden Fällen hatte Kerry ein neues Genre des Bewertungsreports vorbereitet … einen "Regierungsbericht" anstelle eines "Geheimdienstberichts", der traditionell dazu vorbereitet wird (Nnicht im Weißen Haus, sondern in der Geheimdienst-Community), um analytische Einschätzungen von Schlüsselthemen oder ähnlichem zu unterstützen.

Raw Meat for Russia Bashing vom 18.07.2014 auf Consortiumnews.com:

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Verfälschen des Falles

Um den Fall gegen Moskau möglichst schwarz erscheinen zu lassen, unterschlug die Reagan-Administration einen Entlastungsbeweis, den die US-Abhörer aufgefangen hatten. Das US-Mantra wurde "der zielgerichtete Abschuss einer zivilen Passagiermaschine".

Newsweek schmückte das Cover mit der Headline "Murder in the Sky."

"Die Spin-Maschine der Reagan Administration fängt an, durchzudrehen" schrieb Alvin A. Snyder, damals Direktor der Information Agency’s Television and Film Division, in seinem 1995 erschienenen Buch Warriors of Disinformation.

US-Information Agency Direktor Charles Z. Wick "begann mit seinen Top-Kräften den Aufbau einer speziellen Task Force, um Wege zu ersinnen, die Story ins Ausland zu spielen. Das Ziel war schlicht und ergreifend, so viel Schlechtes über die Sowjetunion wie möglich anzuhäufen", erinnert sich Snyder.

Snyder berichtet, dass "die amerikanischen Medien die Linie der US-Regierung ohne Zögern übernahmen. So sagte der ehrwürdige Ted Koppel auf ABC News ‘Nightline’: ‘Dies war eine dieser Gelegenheiten, bei denen ein sehr kleiner Unterschied zwischen dem besteht, was aufgewirbelt wird von US-Regierungs-Propagandaorganen, und den kommerziellen Nachrichtensendungen.'"

Am 6. September 1983 ging die Reagan-Administration soweit, ein manipuliertes Transkript der abgehörten Nachrichten dem UN-Sicherheitsrat vorzulegen (ein Vorspiel ähnlich der falschen Präsentation zwei Jahrzehnte später durch Außenminister Colin Powell über die dem Irak vorgeworfenen Massenvernichtungswaffen).

"Das Band war vermutlich 50 Minuten lang", sagte Snyder über die aufgezeichneten sowjetischen Nachrichten. "Doch das Segment, das wir [bei der US Information Agency] laufen ließen, dauerte acht Minuten und 32 Sekunden. [...] ‘Erkenne ich hier die feine Hand von Rosemary Woods [der Sekretärin Nixons, die Bänder löschte]?‘ fragte ich sarkastisch.‘"

Doch Snyder hatte einen Job zu erledigen: die Produktion eines Videos, das seine Vorgesetzten verlangten. "Die Wahrnehmung, die wir vermitteln wollten, war, dass die Sowjetunion kaltblütig einen barbarischen Akt begangen hatte", schrieb Snyder.

Ein Jahrzehnt später, als Snyder das vollständige Transkript sah - inklusive der Teile, welche die Reagan-Regierung versteckt hatte -, konnte er realisieren, wie viele der zentralen Elemente der US-Präsentation falsch waren.

Der sowjetische Jägerpilot glaubte den abgehörten Nachrichten zufolge offensichtlich, dass er ein US-Spionageflugzeug verfolgte, und er hatte Schwierigkeiten, in der Dunkelheit das Flugzeug zu erkennen. Auf Befehl der Bodenkontrolle umflog der Pilot die Linienmaschine und wackelte mit den Flügeln, um den Flieger zur Landung zu bewegen. Der Pilot sagte, er habe auch Warnschüsse abgefeuert. "Diese Äußerung war nicht auf dem Band, das wir zur Verfügung stellten", schrieb Snyder.

Für Snyder war es klar, dass die Reagan Administration in der Verfolgung ihrer Ziele des Kalten Kriegs den Vereinten Nationen sowie dem amerikanischen Volk und der Welt falsche Anschuldigungen präsentierten. Für diese Republikaner rechtfertigten die Resultate ihrer Schmierenkampagne die Option einer Geschichtsfälschung.

In seinem Buch bekannte Snyder seine Rolle in der Täuschung und zog eine ironische Lehre aus dem Vorfall. Der hochrangige USIA-Beamte schrieb: "Die Moral von der Geschichte ist, dass alle Regierungen, inklusive unser eigenen, lügen, wenn es ihren Zwecken dient. Der Schlüssel liegt darin, als erster zu lügen."

Weitere Details zur KAL-007-Täuschung und der Geschichte von US-Tricks findet man bei Consortiumnews.com A Dodgy Dossier on Syrian War."

Verlässlichkeit der US-Geheimdienste

Es war nicht immer so. Es gab eine Zeit, als die US-Regierung ihre Glaubwürdigkeit nicht für einen billigen Propaganda-Stunt riskiert hätte, wissend, dass es Momente gibt, in denen es unbedingt erforderlich ist, dass die Welt US-Offiziellen glaubt.
Einige von uns werden sich erinnern, als der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Adlai Stevenson, dem UN-Sicherheitsrat U2-Fotos vom Anfangsstadium der sowjetischen Raketenbasis auf Kuba zeigte. Es war eine perfekte Geräuschsperre für den Versuch der Sowjets und ihrer Alliierten, Zweifel an der Wahrheit an John F. Kennedys Anschuldigungen zu säen.
Leider ist die Glaubwürdigkeit der US-Offiziellen und der amerikanischen Geheimdienste nunmehr auf dem Tiefststand. Man muss nur daran zurückdenken, wie die Massenvernichtungswaffen im Irak bewiesen werden sollten. "Die Geheimdiensterkenntnisse und Fakten wurden um die Politik herum manipuliert", berichtete der Chef des britischen Geheimdienstes dem Premierminister Tony Blair am 23. Juli 2002, nachdem er am 20. Juli mit CIA-Direktor George Tennet im CIA-Hauptquartier gesprochen hatte.