Der Spiegel, die Folter und 9/11

Wie ein Nachrichtenmagazin seine Glaubwürdigkeit riskierte - und bis heute nicht wirklich zur Selbstkritik fähig ist

In dieser Woche titelt der Spiegel markig "Die dunkle Seite der Macht - Wie Amerika seine Werte verlor". Dass aber nicht nur der atlantische Partner, sondern auch das Blatt selbst sich in dieser Hinsicht kritische Fragen gefallen lassen muss, ist im aktuellen Heft kein Thema. Ein Rückblick.

Spiegel-Titel vom 27. Oktober 2003

Als den beiden Spiegel-Redakteuren Georg Mascolo und Holger Stark im Herbst vor elf Jahren die Resultate von CIA-Folterverhören der angeblichen 9/11-Planer zugespielt wurden, konstruierte das Nachrichtenmagazin daraus eine Aufsehen erregende Titelgeschichte. Auf dem Cover der Ausgabe vom 27. Oktober 2003 prangte in großen Lettern: "Das Geständnis - Was die Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September nach ihrer Gefangennahme den US-Ermittlern verrieten".

Nunmehr wären alle Zweifel an der Urheberschaft der Anschläge restlos beseitigt, so der Tenor des damaligen Artikels. Die Hauptverdächtigen seien von "amerikanischen Verhör-Spezialisten in die Mangel" genommen worden und redeten seitdem "ausgiebig". Die Autoren erwähnten einige der angewandten Foltermethoden und konstatierten nonchalant: "Der Druck scheint zu wirken." Erstmals, so das Nachrichtenmagazin, lasse sich aus den protokollierten Geständnissen "präzise die Genesis der spektakulärsten Terrortat der Geschichte nachzeichnen":

Die Aussagen zerreißen jene Schleier, die bis heute noch über der Vorgeschichte des 11. September liegen. Sie liefern den Beweis, dass die Qaida-Spitze permanent in die Vorbereitungen eingebunden war - und das auch weit früher als bislang angenommen. Und sie belegen vor allem, dass (…) Osama Bin Laden persönlich über die Auswahl der Todespiloten und der zu entführenden Maschinen entschied. (…) War die Geschichte des 11. September 2001 bisher ein Art Puzzle, bei dem noch einige wesentliche Teilchen fehlten, ist das Bild jetzt, nach den Aussagen, nahezu vollständig - in einigen Bereichen sogar bis ins letzte Detail.

Der Spiegel

Was für ein Scoop der Spiegel-Redaktion! Exklusiv hatte man Zugang zu erfolterten Informationen erhalten, die nicht einmal der ermittelnden Justiz überlassen worden seien (die diese aber wohl auch kaum hätte verwenden können). Und die unter den Augen der CIA misshandelten Gefangenen würden jetzt tatsächlich bestätigen, was die US-Regierung schon immer vermutet hatte - welch ein Erfolg! Stolz lobten die Journalisten seinerzeit ihre eigene Bedeutung:

Was die US-Regierung von inhaftierten Qaida-Terroristen über die Geschichte der Terroranschläge vom 11. September erfährt, bleibt sorgsam unter Verschluss. Nicht einmal Hamburger Richter, die über mutmaßliche Mittäter zu urteilen haben, dürfen das wissen. Den SPIEGEL-Redakteuren Georg Mascolo, 39, und Holger Stark, 33, ist es nun gelungen, Einzelheiten aus den Vernehmungsprotokollen zu recherchieren. Mit Hilfe von Informationen aus bislang unveröffentlichten Akten und Gesprächen mit amerikanischen und deutschen Terrorexperten können sie die Vorgeschichte der Anschläge rekonstruieren und schildern, wie Osama Bin Laden und seine Leute bereits seit 1996 die Tat planten und später Hamburger Studenten als Piloten der Todesflugzeuge auswählten.

Der Spiegel

Kritische Distanz zu den lancierten Informationen - Fehlanzeige. Zwischen den Zeilen war deutlich zu spüren: Die Spiegel-Redakteure hielten - im Einklang mit der US-Regierung - die gefangenen und misshandelten Araber bereits damals zweifelsfrei für schuldig an 9/11. Mithin sei die Folter zwar unschön, aber letztlich ja dann doch gerechtfertigt, so zumindest der mehr oder minder deutliche Subtext des Artikels. Völlig unbekümmert hatten die Redakteure nicht nur einzelne journalistische Standards, sondern gleich Kernelemente einer aufgeklärten Gesellschaft, wie etwa die Unschuldsvermutung oder das Folterverbot, als unnützen Ballast über Bord geworfen - und feierten sich anschließend für ihre "Enthüllungen".

Spiegel-Titel vom 15.12.2014

Im Lichte des aktuellen US-Senatsberichts, der die Relevanz ebenjener CIA-Folterverhöre nun weitgehend diskreditiert hat, konfrontierte Telepolis jetzt den verantwortlichen Redakteur Holger Stark mit seiner damaligen Arbeit. Beabsichtige die Spiegel-Redaktion, sich von diesem Artikel in irgendeiner Form zu distanzieren? War man damals direkt von der CIA mit dem Material beliefert worden? Sei man weiterhin der Auffassung, dass die Anschläge durch die Folterverhöre im Kern aufgeklärt wären?

Stark, mittlerweile Washington-Korrespondent, leitete die Fragen an die Chefredaktion weiter, die in Gestalt des geschäftsführenden Redakteurs Rüdiger Ditz nun eine Stellungnahme an Telepolis sandte. Darin heißt es beschwichtigend, man habe im damaligen Artikel "Folter, Schmutzarbeit und Vorbehalte" ja schon erwähnt. In den Text seien darüber hinaus "vielfältige Quellen" eingeflossen, ausdrücklich aber "keine Geheimdienstinformationen". Auch habe man in späteren Veröffentlichungen die "Geschichte des 11. Septembers fortgeschrieben". Zudem hätte sich gerade Holger Stark Verdienste erworben durch seine Recherchen zur Entführung von Mohammed Zammar. Auch habe der Spiegel ja schließlich den Fall Kurnaz bekannt gemacht. Das amerikanische Folterprogramm verurteile man selbstverständlich "entschieden". Mit anderen Worten: der Spiegel gehört eigentlich zu den Guten.

Wenn es denn so einfach wäre … Denn die Nachfrage an Holger Stark, ob er die Aussage aus seinem Artikel, dass sich aus den unter Folter gewonnenen Aussagen "präzise die Genesis der spektakulärsten Terrortat der Geschichte nachzeichnen" lasse, auch heute noch uneingeschränkt so stehen lassen wolle - und sich damit ja dann im Widerspruch zu den Erkenntnissen des Senatsbericht befände -, mochte der Washington-Korrespondent nicht direkt beantworten. Stattdessen wiederholte er lediglich den Allgemeinplatz, dass "Folter in einem Rechtsstaat kein legitimes Mittel sein darf", sowie, dass der Spiegel die im Artikel von 2003 enthaltenen Informationen "weder von US-amerikanischen noch von anderen Geheimdiensten erhalten" habe.

Aber von wem dann? Schließlich gebot ja wohl nur die CIA über direkten Zugang zu den Gefolterten. Bekanntlich hatte sich Lee Hamilton, Co-Vorsitzender der amtlichen 9/11 Commission, ebenfalls im Herbst 2003, also zum Zeitpunkt der Spiegel-Veröffentlichung, direkt beim CIA-Chef George Tenet um Zugang zu den gefangenen Zeugen bemüht - und war damals rüde abgewiesen worden1:

Lee, Du wirst keinen Zugang zu ihnen bekommen. Es wird nicht passieren. Nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten weiß, wo diese Leute sind. Und er hat keinen Zugang zu ihnen. Und Du wirst keinen Zugang zu ihnen erhalten.

Die Untersuchungskommission referierte danach in ihrem 9/11-Abschlussbericht, ebenso wie der Spiegel, ausführlich die Geheimdienstpropaganda aus den Folterverhören zur Planung der Anschläge, hatte aber keinerlei Möglichkeit, diese Informationen irgendwie unabhängig zu überprüfen.

Dem Spiegel scheint die Brisanz des aktuellen Senatsberichts in Bezug auf 9/11 noch immer nicht klar zu sein - oder aber man verschließt absichtlich die Augen vor den möglichen Konsequenzen.

Randnotiz: Georg Mascolo, damals Starks Co-Autor beim Artikel, ist Mitglied der Atlantikbrücke und war von 2004 bis 2007 ebenfalls Washington-Korrespondent des Spiegel, später dessen Chefredakteur. Aktuell leitet er den Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, der einiges über die NSA-Lauschaktivitäten und den Antiterrorkrieg veröffentlich hat. Holger Stark ist auch Mitautor der eingangs erwähnten aktuellen Titelgeschichte.

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