Der Stoff zum Verlieben

Italienische Wissenschaftler haben bei frisch Verliebten hohe Neurotrophin-Werte festgestellt, die aber wie die Gefühle der ersten heißen Liebesphase bald wieder zurückgehen

Erst kürzlich haben uns ein Ökonom und ein Psychologe vorgeführt, dass die Chemie uns ganz erheblich lenken kann. In diesem Fall ging es um harte Geschäfte, wenn auch nur in einem Experiment. Wurde Versuchspersonen das Hormon Oxytocin in Form eines Sprays verabreicht, wurden diese sehr viel vertrauensseliger oder risikofreudiger als eine Kontrollgruppe, wenn sie entscheiden sollten, Geld bei einem ihnen unbekannten Treuhänder mit der Erwartung auf eine Belohnung zu investieren (Die Basis des Vertrauens).

Enge soziale Beziehungen setzen Vertrauen voraus, das unter Risiko in den Anderen als Vorschuss investiert werden muss. Manche nennen Oxytocin auch das Liebeshormon, weil es auch eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von sexuellen Aktivitäten spielt, aber beispielsweise auch mit daran beteiligt ist, Mutter und Kind bei der Geburt aneinander zu binden. Ganz allgemein geht man in der Forschung davon aus, dass das Hormon an der Aufnahme und Aufrechterhaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen beteiligt ist.

Natürlich wurden die Gehirne frisch Verliebter auch schon mit bildgebenden Verfahren untersucht: Die Dumping-Preise eines liebeskranken Gehirns. Beim Anschauen eines Bilds des Partners wird Dopamin ausgeschüttet. Männer und Frauen reagieren verschieden. Bild: Lucy L. Brown und Diane M. Smith, Albert Einstein College of Medicine

Italienische Psychiater und Molekularmediziner der Universität haben nun einen weitere chemische Substanz gefunden, die bei den Gefühlen der heißen und euphorischen Verliebtheit zu Beginn einer Beziehung zur Geltung kommt oder eher diese mit zu verursachen scheint. Dabei handelt es sich um das Neurothrophin NGF, also um einen Nervenwachstumsfaktor. Solange das Gehirn mit NGF überflutet wird, ist man blind verliebt. Allerdings geht diese anfängliche Verliebtheit allmählich zurück und macht, wenn es gut geht, anderen Liebesgefühlen und einem nüchternen Blick auf den Partner Platz. Dabei sinkt auch die NGF-Konzentration im Blut.

Die Wissenschaftler haben, wie sie in ihrem vorab online veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift Psychoneuroendocrinology (Enzo Emanuel et al.: Raised plasma nerve growth factor levels associated with early-stage romantic love) schreiben, die Konzentration der vier Neurotrophine NGF, BDNF, NT-3 und NT-4 im Blut von insgesamt 58 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 31 Jahren untersucht, die sich kürzlich verliebt hatten. Die Ergebnisse verglichen sie mit zwei Kontrollgruppen mit derselben Zahl von Menschen. Die eine Gruppe bestand aus Paaren, die schon lange zusammen waren, die andere aus Singles.

Die frisch Verliebten hatten eine deutlich erhöhte NGF-Konzentration im Blut als die Versuchspersonen der Kontrollgruppen. Die Intensität der Verliebtheit scheint überdies mit der NGF-Konzentration korreliert zu sein. Bei den anderen drei Neurotrophinen gab es zwischen den Gruppen keine bemerkenswerte Unterschiede. Interessant ist jedoch, dass bei den 39 Personen der Gruppe der frisch Verliebten, die nach einem Jahr noch mit ihrem Partner zusammen waren, die NGF-Werte sich wieder normalisiert hatten. Die Verliebtheit war zumindest chemisch verglüht. Die Wissenschaftler schicken aber schon voreiligen Interpretationen ihrer Forschung die Warnung vorher, dass das neurobiologische Wissen über den Zustand des Verliebtseins oder Sich-Verliebens noch gering ist: "Angesichts der Komplexität von Gefühlen wie dem der Liebe, wäre es nicht überraschend, wenn eine Vielzahl von biochemischen Mechanismen an den Stimmungsänderungen am Beginn einer Liebschaft beteiligt ist."

Die hohen NGF-Werte am Beginn des Verliebtseins könnten, so vermuten die Wissenschaftler, eine Rolle bei den Gefühlen der Abhängigkeit und der Euphorie spielen. NGF könnte so auch daran beteiligt sein, eine Liebesbeziehung anzubahnen, aber offenbar ist es biologisch nicht notwendig oder vielleicht auch riskant, eine Beziehung auf erhöhtem Niveau aufrechtzuerhalten, wenn mit fallenden NGF-Werten Wirklichkeit und Alltag wiederkehren.

Natürlich regen Forschungsergebnisse wie dieses die Fantasie an. So könnte man beispielsweise mit einem Test sehen wollen, wie hoch die wechselseitige Verliebtheit ist oder ob der Partner sich überhaupt – chemisch nachweisbar – verliebt hat und nicht nur so tut. Mit einem Magnetresonanz-Tomographen ist das vielleicht möglich (Die Neurowissenschaftler und der Liebestest), aber do ein wenig umständlicher als ein schneller chemischer Test. Möglicherweise könnte man seinem Liebesobjekt, wenn es sich abweisend zeigt, aber auch ein wenig NGF zuführen, um den Gefühlen Beine zu machen, also so ähnlich, wie man Menschen mit dem Hormon Oxytocin in einem Raum einnebeln könnte, um Misstrauen abzubauen und Entgegenkommen zu bewirken. Vor einem solchen Missbrauch des Hormons hatte der Hirnforscher Antonio Damasio beispielsweise im Wahlkampf oder bei anderen Verkaufsstrategien gewarnt. Vielleicht könnte man aber auch einer alten Liebe mit NGF wieder auf die Sprünge helfen.

Mit der weiteren Erforschung der Neuroendokrinologie oder neuronalen Chemie wird nicht nur das Wissen um die Abläufe in unserem nassen Gehirn wachsen, das ganz anders wie beim Computer oder nur beim elektrischen Gehirnmodell der synaptischen Vernetzungen von einer Vielzahl von breit wirkenden Stoffen überschwemmt wird. Es wird auch das Wissen wachsen, wie man therapeutisch und damit auch auf andere Weise mit Medikamenten oder Drogen manipulativ in unsere Gefühle und Stimmungen einwirken und sie steuern kann. Noch aber muss man, wie auch die italienischen Wissenschaftler sagen, weiter forschen, um Genaueres zu wissen. (Florian Rötzer)

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