Der Tag, an dem die Außerirdischen ausstarben

Als das Weltall aus der Mode kam -Teil 1

"Kalib Broltan führte das kleine Raumschiff geschickt an den Planeten heran. Es war eine urwüchsige Welt, mit sieben riesigen Kontinenten und großen Wasserflächen."1

Der Schauspieler Alfred Edel ist jetzt auch schon 22 Jahre tot und keine Sau weiß mehr, dass er 1972 eine Rolle in einem Science-Fiction-Film von Alexander Kluge spielte. "Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte" hieß die Parodie, in der es natürlich um Stalingrad ging. Doch der Film selbst spielt im galaktischen Bürgerkrieg des Jahres 2040.

Willi Tobler alias Alfred Edel hat eine Frau und zwei Kinder. Nach einem Bombardement aus dem Weltraum entschließt er sich, alles zurückzulassen: Habe, Frau und Kinder, zudem alle Vorsätze und Tugenden. Dergestalt unbelastet will er für seine Sicherheit sorgen und meldet sich zum Dienst in einem fremden Raumsektor bei Raumadmiral Bohm, wird Pressesprecher (!) der 6. Raumflotte. Doch sein Engagement wird ihm zur Falle, die Machtverhältnisse wechseln, Willi Tobler hat auf die falsche Seite gesetzt. Die Kriegsrichterin verurteilt ihn zum Tode.

Im Film werden Sonnensysteme zerstört, Planeten zu Klump geschossen und Zivilisationen ausgelöscht. Raumschiff-Flotten prallen im "Eisgürtel-Sektor" einer Milchstraße mit Superwaffen aufeinander. Um der totalen Vernichtung zu entgehen, bleibt nur ein Ausweg: Durchbruch durch die Sonne Mira. Doch der Inhalt ist ja eigentlich auch egal, entscheidend war die Darstellung der fremden Raumschiffe: Das waren Transistoren aus den alten Röhren-Fernsehern, die vor der Kulisse schwarzer Sternenkarten langsam vorrückten.

Für Alexander Kluge war der Weltraum sowohl vordergründig Handlungsraum der Story wie auch hintergründig Projektionsfläche der Vergangenheit, also für den Untergang der 6. Armee vor Stalingrad. Damit sind aber im grundsätzlichen zwei "Funktionsweisen" des Weltalls benannt. Da ist zum einen der physikalische Raum, sich unendlich ausdehnend, in dem sich Milliarden von Galaxien finden, das unendliche Rätsel der Existenz, dem der Mensch mit Rechenoperationen beizukommen versucht, jener unendliche Raum, der Blaise Pascal zum Erschaudern brachte.

Cover des Magazins Amazing Stories, Januar 1930. Bild: Hochgeladen von AdamBMorgan/gemeinfrei

Und es war bisher der Raum, in dem sich die menschliche Phantasie austoben konnte, der Raum der unendlichen Möglichkeiten, bevölkert mit fremden Planeten, fremden Wesen, intergalaktischen Raumschiffen, Raumstationen und Satelliten. Mit Anti-Gravitations-Fahrzeugen, fremden Raumflotten, UFOs und Strahlenkanonen. Ein Raum, bevölkert mit höchst seltsamen Gesellschaften, manchmal sehr fremd, manchmal sehr nah, meist der Menschheit sehr überlegen, manchmal mit böser Absicht, manchmal in guter.

Das hat damit zu tun, dass sich auf der Erde quasi zwei Schwarze Löcher auftaten. Das eine war der Neoliberalismus, der seit den 1980er Jahren immer mehr an Masse gewann. In diesem Schwarzen Loch verschwand kraft seiner Gravitation nach und nach alle utopische Energie: Anders leben? Es gibt keine Alternative! Anders arbeiten? Es gibt keine Alternative! Anders denken? Es gibt keine Alternative!

Das Spielerische der Revolte um und nach 1968 fand sich auch in dem utopischen Potenzial wieder, den Entwürfen und Projektionen, den Skizzen und Versuchen. Das Weltall war dabei eine der großen Projektionsflächen, der Himmel quasi der Ort der Utopie. Dort konnte das Fremde gedacht werden, mit einem gewissen Schauer, der einem dem Rücken hinunterlief. Doch je mehr die Schwerkraft des Neoliberalismus zunahm, desto mehr verblasste die Projektion. Sicher gab und gibt es noch immer Science-Fiction. Doch was ist "Star Wars" im Grunde mehr als eine kosmische "Top Gun"-Version, gekreuzt mit Märchenerzählungen? Und wo bleibt dabei das innere Vibrieren wie bei dem "Tag, als die Erde stillstand"?

Das andere Schwarze Loch war der Prozess der Digitalisierung, verbunden mit dem Ausbau und Wachstum des Internets, dem Entsehen der komitativen Sphäre. Plop! - und plötzlich war eines Tages das Paralleluniversum geboren. Der unendliche Raum ging nicht mehr nach außen, sondern nach innen. Statt der in Lichtjahren gemessenen Entfernungen wurde die Richtung umgepolt, die Reise ging nun hinein in den Mikrokosmos des elektronischen Chips, hinein in das digitale Zauberland von 1 und 0. Und höchst fasziniert begannen die Menschen sich ihren eigenen Wiederspiegelungen hinzugeben, betrachteten erregt ihre eigenen Erzeugnisse, erlebten staunend das Aufblühen einer Milliarde Pornoseiten, warfen sich von ihrer Eitelkeit angetrieben in die Unendlichkeit des fortwährenden Geschwätzes und auf all diesen Bahnen kreisten sie um sich selbst.

Verglichen mit dem kalten Weltall ist dieses Universum eine Art warme Ursuppe, in der man zwar vor sich selbst erschrecken kann, ansonsten aber unter seinesgleichen bleibt. In diesem Paralleluniversum ist die Science-Fiction und die Utopie aufgehoben, denn es ist beides selbst. Obgleich witzigerweise gerade das Internet von keinem Science-Fiction-Autor in dieser Form vorgedacht war, simuliert es die Verwirklichung der Science-Fiction und der Utopie und macht sie damit überflüssig. Stand hinter der Projektion der Träume in das Weltall noch das Unerfüllte, das Ersehnte, so ist das Internet die Simulation der Erfüllung dieser Träume. Es ist die Vorgaukelung der Erfüllung der Utopie, was einem quadratischen Kreis gleicht. Seitdem wir drin sind, im Internet, ist das Weltall out und der Außerirdische tot. Er wird nicht mehr gebraucht.

Es folgt: Als das Weltall aus der Mode kam II. Warum Pinifarini nicht bis zur Mondbasis kam.

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