Der Tod des griechischen Fußballs

Der russisch-griechische Oligarch Ivan Savvidis. Bild: W. Aswestopoulos

In Griechenland herrschen weiterhin die Oligarchen und machen den Fußball zur Farce, wie letztes Wochenende wieder Ivan Savvidis deutlich machte, der mit einer Pistole am Gürtel und mit Leibwächtern auf das Spielfeld stürmte

Am Sonntagabend fand in Thessaloniki das Derby zwischen PAOK Thessaloniki und AEK Athen statt. Das Spiel ist seit der Gründung beider Vereine ein ganz besonderes. Denn schließlich berufen sich beide Teams auf ihre Herkunft, den beim Bevölkerungstausch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus der Türkei vertriebenen Griechen Istanbuls (Konstantinopels). Beide Teams führen den byzantinischen Doppeladler im Vereinsemblem. Wobei der Doppeladler von PAOK nicht ganz dem Vorbild des Wappens der byzantinischen Kaiser entspricht. Denn PAOK verlor im vergangenen Jahrhundert auf dem Spielfeld das Recht, den Originaladler im Emblem zu führen.

Das diesjährige Derby hingegen hätte zum ersten Mal in den letzten Jahren sportlich die Meisterschaft für einen anderen Verein als den üblichen Serienmeister Olympiakos Piräus entscheiden können. Hätte, denn es wurde nicht bis zum Ende gespielt. In der 89. Spielminute hatte PAOK nach einem Eckball und einem daraus resultierenden Chaos im Strafraum von AEK den Ball ins Tor von AEK befördert. Doch das Tor zählte zunächst nach der Intervention des Linienrichters nicht. Dieser hatte gesehen, dass ein Spieler von PAOK bei der Ballabgabe des entscheidenden Passes auf den Torschützen im Abseits stand. Der Spieler lief sogar den Bewegungsspielraum des Torhüters von AEK behindernd ins Tor. Videoaufnahmen und Analysen des Fernsehens belegen diese Sichtweise. Die Spieler von PAOK hingegen waren aus verständlichen Gründen aufgebracht. Sie lieferten sich eine wilde Diskussion mit dem Schiedsrichter.

Mit der Abseitsentscheidung wollte sich der Club-Präsident von PAOK, Ivan Savvidis, nicht abfinden. Er stürmte zusammen mit seinen Leibwächtern aufs Spielfeld und soll, so berichten die AEK-Spieler, dem Schiedsrichter der Begegnung mit dem Tod gedroht haben. Savvidis rannte auch auf AEK-Spieler und auf die Bank der Gäste zu. Er hatte in der Zwischenzeit seine Jacke ausgezogen und an seinem Gürtel prangte für alle erkennbar ein Revolver.

Weitere Mitglieder der Führungsriege von PAOK rannten aufs Spielfeld. Sie schubsten unter anderen einen Kameramann und waren ebenfalls außer sich. Erwähnenswert ist, dass im allgemeinen Chaos diejenigen, denen ansonsten Krawalle nachgesagt werden, vorbildliche Ruhe wahrten. Die Fans von PAOK - Fans der Gästemannschaft waren im Stadion nicht erlaubt - ließen sich nicht zur Gewalt hinreißen. Bemerkenswert ist, dass Savvidis seinen amokartigen Lauf durchs Stadion samt sichtbarer Waffe vor den Augen mehrerer Dutzend Polizisten machen konnte.

Es ist jedoch nicht verwunderlich. Denn alle haben vor diesem Mann Angst. Er ist der Oligarch, der die Regierung mit der Androhung der Schließung seiner Fabrik erpresst, um alte Steuerschulden und Strafzölle für Tabakschmuggel nicht zu zahlen. Savvidis hatte die Firma SEKAP gekauft, später jedoch behauptet, er hätte über die bestehenden Verurteilungen zu Straf- und Steuernachzahlungen nichts gewusst. Savvidis erhielt zudem einen Anteil am privatisierten Hafen von Thessaloniki. Der Oligarch hatte im vergangenen Jahr zudem mit einem Gebot von 44 Millionen Euro die Preise für Fernsehlizenzen hoch gepusht. Dabei gab er nach der mittlerweile annullierten Auktion zu, dass er dies nur aus "patriotischen Gründen" zu Gunsten des Staats gemacht hätte.

Savvidis, der sich in Griechenlands Medienwelt mit Rundfunksendern und Zeitungen eingekauft hat, begründete seinen Reichtum im Russland der Wende. Dort war er sogar Abgeordneter für die Partei von Vladimir Putin, fiel jedoch beim Kremlherrscher in Ungnade. Savvidis entschloss sich daher im Land seiner Vorfahren, in Griechenland, seine Träume zu verwirklichen. Savvidis besitzt den Hauptsponsor der griechischen Profiliga, den Brausewasserhersteller Sourouti. Er besitzt mit Makedonia Pallas Thessalonikis luxuriösestes Hotel und er will den griechischen Meistertitel.

Dies alles war dem unglücklichen Schiedsrichter der Partie bewusst. Es sah hilflos zu, wie Savvidis wütend seine Spieler aufforderte, das Spielfeld zu verlassen. Diese kamen dem Wunsch nicht nach - der Kapitän von PAOK, der Portugiese Adelino André Vieira de Freitas, bekannt als Vieirinha, zeigte Rückgrat und widersprach Savvidis. Schließlich ging das Schiedsrichtergespann in die Kabinen. Das Team von AEK folgte. Erst eine gefühlte Ewigkeit später verließen die Spieler von PAOK das Feld. In den Kabinen spielten sich unglaubliche Szenen ab, wobei der Schiedsrichter seine Meinung mehrfach änderte. Nach zweistündiger Unterbrechung kam er wieder aufs Feld, wo sich die Spieler von PAOK bereits warm machten. Er ging ins Spielfeldzentrum, erklärte das vorher aberkannte Tor als gültig, pfiff an und brach wegen der fehlenden AEK-Mannschaft das Spiel ab.

Im Spielbericht vermerkte er die Weigerung von AEK, das Spiel fortzusetzen. So dass nun dem Athener Team eine Strafe droht. Diese wiederum hatten erklärt, sie würden kein Fußballspiel austragen, so lange sie mit Waffen bedroht werden. Allerdings hat der Schiedsrichter im Bogen auch den Grund für die Unterbrechung angeführt. Dies wiederum hätte nach den geltenden Sportgesetzen zum Spielabbruch zu Lasten von PAOK führen müssen. AEK kündigte an, Beschwerde beim griechischen Fußballbund, bei der Regierung und bei der UEFA einzureichen.

Mitten in der Nacht schaltete sich der für Sport zuständige Staatsminister Giorgos Vassiliadis ein. Er kündigte eine schwere Entscheidung für die Zukunft des griechischen Fußballs an. Doch dieser ist schon tot. Denn das Spiel PAOK-AEK hätte eigentlich ohne Zuschauer stattfinden müssen. So sah es eine Strafe gegen PAOK vor. Beim letzten Heimspiel vor zwei Wochen hatte ein Fan von PAOK eine Kassenrolle an den Kopf des Trainers von Olympiakos Piräus geworfen. Der wiederum klagte danach über Schwindel, eine Platzwunde an der Lippe und ließ sich ins Krankenhaus fahren.

Das Derby PAOK-Olympiakos wurde nie angepfiffen. Olympiakos erhielt drei Punkte und laut Regelwerk einen 3:0 Auswärtssieg. PAOK wurden drei Punkte abgezogen und neben einer Geldstrafe zwei Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgebrummt. Schließlich hatten Fans sogar einen Motorroller ins Stadion gebracht und diesen am Zaun des Spielfelds aufgehängt. In einem Stadion, in das Normalsterbliche bei der vorgeschriebenen Leibesvisitation Kronkorken als gefährliche Waffe abgenommen bekommen, sollte dies nicht passieren. Der Motorroller kam übrigens mit dem Krankenwagen ins Stadion.

Gegen die Strafe zog PAOK vor das Berufungsgericht und erhielt in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 1 Uhr Nachts vor dem Derby gegen AEK die Punkte zurück. Das Spiel wurde trotzdem für Olympiakos gewertet, allerdings wurde die Zuschauersperre aufgehoben.

AEK, das mit einem Plus von fünf Punkten gegenüber dem Tabellenzweiten PAOK nach Thessaloniki losgefahren war, hatte plötzlich nur noch zwei Punkte Vorsprung. Bei der Rückreise nach Athen liegt der Hauptstadtpunkt nun vier Punkte hinter PAOK - wenn sich nicht erneut etwas an der Beurteilung der Vorgänge ändert. Dies allein zeigt, wo Griechenlands Meisterschaft entschieden wird - es ist nicht der Fußballrasen der Stadien. Die Frage ist allerdings, ob es jemand wagt, Savvidis die Meisterschaft zu verweigern?

Auf Anordnung der Regierung wurde die griechische Fußballmeisterschaft bis auf Weiteres unterbrochen. Eine Beurteilung des Spiels vom Sonntag steht jedoch noch aus. Nach Savvidis fahndet die Polizei wegen eines erlassenen Haftbefehls. (Wassilis Aswestopoulos)

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