Der Transrapid der Waffentechnik

Die US Navy berichtet von erfolgreichen Schienenkanonentests mit siebenfacher Schallgeschwindigkeit

Herkömmliche Kanonen arbeiten mit der durch die Entzündung von Explosivstoffen erzeugten schnellen Ausdehnung von Gasen, die Projektile bewegen und sie andere Objekte durchdringen lassen. Das schon etwas betagte Verfahren hat mehrere Nachteile: Die Explosivstoffe können potentiell auch bei Gelegenheiten losgehen, bei denen das nicht gewünscht ist. Eine Schienenkanone (auch "EMRG" oder "Railgun") ist dagegen eine Waffe, welche die für die Bewegung von Projektilen notwendige Energie nicht durch Explosivstoffe, sondern durch Elektromagnete erzeugt. Da Schienenkanonengeschosse grundsätzlich ohne Treibladung auskommen, sind sie in der Handhabung, Lagerung und im Transport potentiell unempfindlicher. Durch den fehlenden Treibsatz sind die Geschosse auch erheblich kleiner und entsprechend schwerer zu entdecken, etwa durch Radar. Und sie sind potentiell billiger. Elizabeth D'Andrea vom Electromagnetic Railgun Program der Navy sprach deshalb im Zusammenhang mit EMRG-Geschossen von "missile ranges at bullet prices". Allerdings sind bislang die Verschleißkosten bei den Kanonen so hoch, dass sie diese theoretische Ersparnis noch bei weitem übersteigen.

Wie der Transrapid ist auch die Schienenkanone eine deutsche Idee. Und ähnlich wie beim Transrapid wird über das theoretisch vielversprechende Konzept seit Jahrzehnten intensiv nachgedacht, ohne dass bisher ein Durchbruch in der praktischen Nutzung erreicht worden wäre. Dafür wurden EMRGs fester Bestandteil der Populären Kultur, unter anderem in Serien wie Stargate und Computerspielen wie Quake, Half Life oder Resident Evil.

Letzte Woche wurde im Naval Surface Warfare Center in Dahlgren mit einer Railgun ein Aluminiumprojektil verschossen, dass nach Angaben der US-Navy eine Geschwindigkeit von Mach 7 erreichte. Die Reichweite der getesteten Kanone soll mehr als 370 Kilometer betragen, der Einschlag mit Mach 5 erfolgen. Derart schnelle Railgun-Projektile verfügen über ein so hohes Maß an kinetischer Energie, dass sie auch ohne Sprengkopf eine bemerkenswert zerstörerische Wirkung entfalten.

Bei der Entwicklung ihrer EMRGs arbeitet die US-Navy vor allem mit der Firma BAE-Systems zusammen. Offizielles Ziel der Navy ist es, einen voll funktionsfähigen Prototyp, der mit einer Energie von 64 Megajoule arbeitet, bis 2018 fertig gestellt zu haben. Der Einsatz in Form von Bordkanonen könnte nach diesem Zeitplan ab dem Jahr 2020 beginnen. Frühestens dann soll die nächste Generation von Kriegsschiffen vom Stapel laufen - die CG(X)-Lenkwaffenkreuzer und die Zumwalt-Klasse-Zerstörer.

Allerdings gibt es auch Stimmen, welche die Verwendung der für die Schienenkanonenentwicklung geplanten erheblichen Summen lieber in andere Technologien stecken wollen. Tatsächlich wäre das Navy-Schienenkanonenprogramm nicht das erste, das vor den bedeutenden technischen (und damit auch finanziellen) Schwierigkeiten kapitulieren würde: Im Unterschied zum Gaußgewehr ("Coilgun"), bei dem die Magnetfelder mit Spulen erzeugt werden, beschleunigt das EMRG-Projektil (oder der Schlitten, auf dem es sich befindet) auf zwei parallel laufenden Schienen durch ein sich aufbauendes Magnetfeld. Ein Hauptproblem dabei ist die schnelle Abnutzung der stromleitenden Schienen. Die Beanspruchung durch das Magnetfeld und die Hitze ist so groß, dass sie bisher im Höchstfall einige wenige Abschüsse durchhalten. Das angepeilte Wirtschaftlichkeitsziel des Projekts - eine Kanone, deren Lauf vor dem ersten Auswechseln 3000 Schuss abfeuern kann - steht deshalb noch in weiter Ferne. (Peter Mühlbauer)

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