Der Traum der kontrollierten Automobilisierung

Ein Fahrtschreiber im Instrumentenbrett eines Lkws. Bild: Archiv Kienzle Argo Taxi International GmbH

Vor 60 Jahren wurde eine allgemeine Fahrtschreiberpflicht für Nutzfahrzeuge verordnet, um der "Disziplinlosigkeit der deutschen Verkehrsteilnehmer" zu begegnen

Mit der massenmotorisierten Gesellschaft verbanden sich nicht nur die Idee individueller Reise- und Bewegungsfreiheit, sondern auch negative Begleiterscheinungen wie Staus, Abgase, Verkehrsinfarkte in den Städten und hohe Unfall- und Unfallopferzahlen. Diese Entwicklung zeichnete sich schon in den Gründungsjahren der Bundesrepublik ab. Damals wie heute versuchte die Politik dem mit stärkerer Regulierung entgegen zu steuern. So wurde für Nutzfahrzeuge vor 60 Jahren eine allgemeine Fahrtschreiberpflicht verordnet. Mit diesem Kontrollgerät - einer Art Black Box für Fahrzeuge - verband sich über Jahrzehnte die Vision einer technologischen Lösung der modernen Verkehrsprobleme. Was im Nutzfahrzeugebereich Wirkung zeigte, konnte sich für den Pkw-Bereich aber nicht durchsetzen.

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Das bundesdeutsche Wirtschaftswunder ging einher mit dem Durchbruch zur Massenmotorisierung. Mit dem Verkehr kamen aber auch die bis heute akuten Probleme: Unfall- und Opferzahlen auf den deutschen Straßen stiegen rasant an. Im Oktober 1951 diskutierte der Bundestag deshalb dringend notwendig gewordene Maßnahmen zur Sicherung des Straßenverkehrs. Der damalige Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm verwies auf die erschreckende Realität: Alle drei Minuten wurde ein Unfall registriert, alle fünf Minuten ein Mensch verletzt und täglich 21 Menschen getötet. Mit über 7.500 Verkehrstoten lag die Zahl in der damaligen Bundesrepublik fast doppelt so hoch wie heute. Und das bei einer noch dramatisch niedrigeren Zahl an zugelassenen Fahrzeugen.

Ein aufgeklappter Kienzle-Fahrtschreiber mit herausnehmbarer Diagrammscheibe (aus den 1960er Jahren). Bild: Archiv Kienzle Argo Taxi International GmbH

Schuld waren die schlechte Verkehrs- und Fahrzeugtechnik, ein ziemlich desolater Zustand des Straßennetzes, eine mangelhafte Schulung der Fahrer und nicht zuletzt eine unzureichende Gesetzeslage. Darin waren sich Politiker aller Parteien einig. Besonders laut wurden die Stimmen gegen die "Disziplinlosigkeit der deutschen Verkehrsteilnehmer", insbesondere der Lastwagenfahrer, erhoben. Eine der beschlossenen technischen Maßnahmen war deshalb die bundesweite Einbaupflicht eines technischen Kontroll- und Aufzeichnungsgeräts für Nutzfahrzeuge ab einer bestimmten Größe.

Dieses Gerät war der uns bis heute gut vertraute Fahrtschreiber (Tachograph), ein eichfähiger Zeit-, Weg- und Geschwindigkeitsmesser. Damit konnte jeder Polizist - auch im Nachhinein - Arbeitszeiten und Geschwindigkeitsüberschreitungen auf der Diagrammscheibe des Geräts ablesen und Verkehrssünder überführen.

Hergestellt wurden schon damals die meisten Tachographen bei der Firma Kienzle Apparate GmbH mit Sitz in Villingen am Fuße des Schwarzwalds. Das Unternehmen war der dortigen Uhrenindustrie entwachsen und hatte sich seit der Weimarer Zeit auf feinmechanische Kontrollgeräte für den Betriebs- und Automobilbereich spezialisiert. Ihre wichtigste Erfindung war der Fahrtschreiber, der dem Unternehmen schon in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft eine erste Blüte beschert hatte. Damals stand das Gerät im Dienst der auf Treibstoffsparen ausgerichteten Autarkiepolitik Hitlers. In der massenmotorisierten Bundesrepublik bot sich die Fahrtschreiberpflicht für eine verbesserte Verkehrskontrolle an.

Für die Fahrzeugeigentümer verband sich mit dem Kontrollgerät weiterhin eine Philosophie der rationalen und kontrollierten Fahrweise. Sinkende Unfall- und Treibstoffkosten schlugen sich direkt im Geldbeutel der Transport- und Logistikunternehmer nieder.

Diese Argumente überzeugten auch über die deutschen Grenzen hinaus und führten in vielen Ländern zu ähnlichen Gesetzen. 1969/70 nahm sich die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft dem Problem an und verabschiedete eine allgemeine Fahrtschreiberpflicht für Nutzfahrzeuge in allen EWG-Ländern, deren Geltungsbereich noch über die bundesdeutsche Regelungen hinaus ging.

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Ein Kienzle-Lkw mit Werbeschrift auf einer Schwarzwald-Passstraße: "Organisation in der Verwaltung, im Straßenverkehr, in der Fertigung." Bild: Archiv Wenzel

Möglich geworden war die damals zügige Einigung durch eine Interessengemeinschaft von Verkehrspolitikern, Wirtschaft und Gewerkschaften. Die Fahrtschreiberpflicht war Teil eines Pakets zur Harmonisierung europäischer Sozialvorschriften. Wichtig waren insbesondere für Politik und Gewerkschaften die kontrollierbaren Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer, bei den Unternehmen standen weiterhin die ökonomischen Vorteile im Vordergrund.

Nicht zuletzt eine geschickte Lobbypolitik der Unternehmensvertreter aus Villingen hatte die beteiligten Behörden vom Nutzen des Geräts überzeugt und damit die gesamteuropäische Regulierung befördert. Gleichzeitig hatte man bei Kienzle Apparate ein komplett neues Werk errichtet und damit die Kapazitäten auf die europäische Nachfrage angepasst. Ab Mitte der 1970er Jahre sicherten modernste Modelle und eine verdreifachte Produktionszahl an Kienzle-Fahrtschreibern die eigene Marktdominanz auch gegen europäische Konkurrenz.

1970 baute Kienzle ein modernes Industriewerk, um die Nachfrage aus Europa zu befriedigen. Bild: Archiv Kienzle Argo Taxi International GmbH

An dieser Situation hat sich bis heute wenig geändert. Über alle technischen und gesetzlichen Neuerungen hinweg gilt, dass rund 80-90 Prozent der Fahrtschreiber in Nutzfahrzeugen weiterhin aus der Villinger Produktion stammen. Der traditionelle Markenname Kienzle ist aber Schritt um Schritt verschwunden. Er findet sich heute nicht mehr auf den Geräten, sondern wird nur noch von einigen Vertriebsunternehmen gepflegt. Das Villinger Werk gehört mittlerweile zum Konzern der Continental AG, es ist aber weiterhin größter industrieller Arbeitgeber der Region.

So groß der Erfolg für Kienzle im Nutzfahrzeugebereich war, so groß waren die Enttäuschungen in den 1990er Jahren, als das Unternehmen versuchte, den Pkw-Bereich mit einem ähnlichen Gerät zu erobern. Mit dem Unfalldatenspeicher UDS war in Villingen eine Art Black Box für Pkws entwickelt worden. Das Gerät konnte mittels moderner Sensortechnik das komplette Fahrzeugverhalten überwachen und zeichnete in Unfallsituationen alle wichtigen Daten bzgl. Geschwindigkeit, Beschleunigung und Drehungen auf. Somit war der UDS ein unbestechlicher Zeuge im Straßenverkehr, er konnte Unfallbeteiligte mit seinen Daten entlasten - oder eben auch belasten.

Seit Einführung der EWG-Fahrtschreiberpflicht liefen in Villingen jedes Jahr bis zu 500.000 Tachographen vom Band. Bild: Archiv Kienzle Argo Taxi International GmbH

Genau hier lag auch das Problem der Einführung. Zwar konnte Kienzle in ersten Feldversuchen nachweisen, dass die Black Box zur vorsichtigen Fahrweise beitrug und damit den Kraftstoffverbrauch und die Unfallzahlen merklich senkte. Ein "Spion im Auto", wie der ADAC polemisierte, war aber für viele Politiker und Bürger schwer vorstellbar und regte zum Widerstand an. Zumal in einem Land, dessen öffentliche Debatte lange Zeit stark von der Vision einer "freien Fahrt für freie Bürger" geprägt war.

Kienzle reagierte zwar mit der Möglichkeit einer Löschtaste, mit der der Fahrer belastende Daten im Zweifel selbst vernichten konnte. Aber die Gefahr der Selbstbelastung und die Schreckensvision des "gläsernen Autofahrers" bestimmte weiter die öffentliche Diskussion. Eine Einbaupflicht - ähnlich wie beim Fahrtschreiber für Nutzfahrzeuge - war politisch nicht mehrheitsfähig. Der UDS erreichte damit nie die prognostizierten Verkaufszahlen und fristet bis heute ein Nischendasein.

Seit 2006 ersetzt der Digitale Tachograph die alten Modelle mit der Diagrammscheibe. Bild: Continental AG

Tachograph und UDS zeigen die Chancen und Grenzen technisch-rationaler Lösungen in der Verkehrspolitik auf. Während wirtschaftlich-rationale Argumente den Durchbruch im Nutzfahrzeugebereich ermöglichten, wurde die Debatte um eine Black Box für den Privat-Pkw weit stärker von emotionalen Vorbehalten bestimmt.

Armin Müller ist Autor des Buchs zur Kienzle- und Fahrtschreiber-Geschichte: "Kienzle. Ein deutsches Industrieunternehmen im 20. Jahrhundert", Stuttgart 2011, 311 S., 12 s/w Abb., 124 s/w Fotos. Preis: 29 Euro. Internet-Portal zu Kienzle Apparate.

(Armin Müller)

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