Der Trojaner ist schuld

In Großbritannien wurde bereits der zweite Mann, auf dessen PC die Polizei Kinderpornographie gefunden hatte, freigesprochen, weil dafür ein Trojanisches Pferd verantwortlich gemacht wurde

Im November 2002 wurde der Engländer Julian Green verhaftet, nachdem auf seinem PC kinderpornographische Bilder gefunden wurden. Er verbrachte die Zeit bis zum Ende seines Prozesse, bei dem er Ende des letzten Monats freigesprochen wurde, nur wenige Tage im Gefängnis und drei Monate in einem Heim, nachdem er auf Kaution frei kam. Aber er verlor die Erziehungsberechtigung für seine Tochter, und auch sein Haus ging an seine Ex-Frau. Nun lebt er mit seiner Mutter und seinem Sohn zusammen. Das Gericht glaubte jedenfalls Green oder konnte nicht widerlegen, dass er nicht selbst Kinderpornographie aus dem Internet heruntergeladen hatte, sondern dass dies die Folge eines Trojaners war.

Green konnte sich über Legal Aid einen Computerexperten leisten, der seinen PC untersuchte und dabei 11 Trojener und einen Virus fand. Nach seinem Gutachten waren diese Programme, die sich ohne Wissen des Besitzers auf dem PC installiert haben können, wenn dieser oder ein anderer Benutzer unvorsichtigerweise den Anhang einer Email öffnet oder eine Datei aus dem Internet herunterlädt, dafür verantwortlich, dass auch die 172 kinderpornographischen Bilder ohne sein Wissen und Zutun auf der Festplatte gespeichert wurden.

Allerdings ist Green nicht der erste, der von einer solchen Straftat freigesprochen wurde. Erst im April dieses Jahres wurde ebenfalls von einem britischen Gericht ein Mann, auf dessen PC 14 kinderpornographische Bilder gefunden wurden, aufgrund eines Expertengutachtens freigesprochen. Der Experte hatte herausgefunden, dass ein Trojaner einen Tag vor dem Herunterladen der Bilder installiert worden ist. Gleichwohl verlor der Mann nach Bekanntwerden der Anschuldigung seinen Arbeitsplatz als Kommunikationstechniker und musste von seinem Wohnort wegziehen, weil er von aufgebrachten Menschen belästigt wurde.

Die große Frage allerdings ist, ob unbemerkt eingefangene oder installierte Trojaner tatsächlich dafür verantwortlich sind, verbotene Dateien auf dem infizierten PC abzuspeichern, oder ob die Existenz von Trojanern schon dafür spricht, dass der Benutzer die Bilder nicht selbst heruntergeladen hat. Besonders in solchen heiklen Fällen kommt für die Beschuldigten ein Freispruch oft zu spät und hat tragische Folgen, wenn dieser tatsächlich unschuldig wäre, selbst wenn er nicht hinreichend für Sicherheit beispielsweise durch aktualisierte Antivirenprogramme gesorgt hat. Zumindest stellt freigesprochene Green, für den die Monate zwischen Verhaftung und Freispurch die reinste "Hölle" gewesen waren, seinen Fall so dar:

In Fällen wie diesem ist man nicht unschuldig, bis die Tat bewiesen wurde, sondern wird man als Schuldiger behandelt, bis die Unschuld bewiesen wurde. Ich dachte immer: 'Ich habe es nicht gemacht, aber wie kann es beweisen und wie kamen diese Dinge hierher?' Ich werde in Zukunft bestimmt keinen Computer mehr haben.

Bei dem PC handelte es sich, wie die New York Times berichtet, um einen Familiencomputer, den auch seine siebenjährige Tochter und sein Sohn im Teenager-Alter benutze. Möglicherweise habe ja dieser, da er als Teenager schon auch oft nicht ganz saubere Websites gesurft sei, einen Trojaner eingefangen. Das Antiviren-Programm, das auf dem Computer installiert war, sei schon alt gewesen.

Ende 2001 kam es zu dem ersten Vorfall. Als Greens Tochter den PC benutzte öffnete sich beim Browsen eine Website mit Kinderpornographie, was immer wieder geschah, wenn der Browser aktiviert wurde. Daraufhin habe er den Computerhersteller angerufen und sei den Anweisungen gefolgt, den Computer zu reinigen. Die Pornographie sei nicht mehr aufgetaucht, aber der PC sei öfter abgestürzt oder habe sich ohne Zutun mit dem Internet verbunden.

Ein Jahr später, im Oktober 2002, kam dann die Polizei, beschlagnahme den Computer und fand die Kinderpornographie. Ansonsten aber im Haus nichts weiter Verdächtiges. Offenbar wurden auch keine anderen Hinweise darauf gefunden, die Green in Verbindung mit Kinderpornographie brachten. Von wem die Anzeige kam, ist unbekannt. Die Polizei wollte dies nicht sagen. Allerdings erfolgte die Hausdurchsuchung zwei Wochen, nachdem Green im Gericht die Vormundschaft für seine Tochter durchgesetzt hatte, was natürlich zu Spekulationen einlädt.

Greens Verteidiger wirft der Anklage vor, dass diese das Vorhandensein der Trojaner nicht nach der Festnahme erwähnt hat. Möglicherweise habe die Polizei diese nicht entdeckt oder die Anklage wollte diese Tatsache nicht in den Prozess einbringen. Der Verteidiger erwägt nun eine Klage gegen die Polizei. Der Staatsanwalt weist die Beschuldigungen zurück, erklärt aber, dass es bei der "Geschichte des Computers" einige Probleme gegeben habe:

Wir können nicht beweisen, dass Mr. Green die Bilder auf den Computer heruntergeladen hat.

Tatsächlich kann man, wenn man auf Anhänge mit exe-Dateien in einer Email oder auf den entsprechenden Seiten wie Porno- oder Glücksspielseiten surft oder Tauschbörsen benutzt, sich schnell einmal einen Trojaner unbemerkt herunterladen, wenn fahrlässigerweise kein oder kein aktuelles Schutzprogramm installiert ist. Internetbenutzer werden aber auch manchmal hereingelegt wie in diesem Fall: Gefälschte Windows-Update-Seite installiert Trojaner. Ist ein Trojaner einmal vorhanden, dann läst sich ein ungesicherter PC auch fernsteuern. Allerdings sollte auch die bloße Existenz von Trojanern auf einem PC keinen Beweis für eine Unschuld darstellen. Man müsste nachweisen, dass über den gefundenen Trojaner tatsächlich die beanstandeten Dateien auf den Computer geladen worden sind, ansonsten könnte ja jeder, zumindest in Großbritannien, sicherheitshalber einen Trojaner installieren, um damit seine Unschuld zu demonstrieren, da er ja dann keine volle Gewalt über seinen Computer ausüben kann.

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