Der User als Patient

Der postende Forenbesucher bewegt sich beim Drunterkommentieren mehr und öfter im virtuellen Irrenhaus, als ihm bewusst zu sein scheint

Der Drunterkommentierer ist authentisch. Er lebt in den Medien, zumal in den sozialen, wie in der echten Welt. Nicht nur hält er fest an der Unsitte, eine Meinung zu haben, er findet auch, er müsse sie einzelnen ganz bestimmten Leuten unterbreiten.

Social Media ist ihm seine Heimstätte, sein wohliges Häuschen mit Garten, in dem er es sich gemütlich einrichtet und auf jeden einredet, der gerade am Gartenzaun entlang flaniert.

Der Drunterkommentierer hält sich für den Häppchenbringer auf dem Bankett, dabei buhlt er um die Aufmerksamkeit von Social-Media-Accounts, also Schimären.

Der Drunterkommentierer ist der Hampelmann seiner eigenen Langeweile. Er denkt, er verbessere die Welt, indem er Sätze korrigiert und glaubt, er korrigiere Menschen, indem er ihnen Informationen zuträgt.

Der Drunterkommentierer bringt es fertig, sich in der kosmischen Kälte und existenziellen Verlassenheit der sozialen Medien zu Hause zu fühlen. Fragt ihn im wirklichen Leben niemand nach seiner Meinung, darf er im Kommentarbereich des Netzes mal so richtig die Sau herauslassen.

Dass seine Beiträge nur von seinesgleichen, also anderen Kommentarspalten-Exegeten gelesen werden und seine Meinung in der Welt keinen Belang hat, stört ihn nicht weiter, sondern treibt ihn nur noch an, mit anderen Wahnsinnigen abermals Nebenschauplätze und Meta-Diskussionen zu eröffnen: Der Drunterkommentierer verkümmert zum Drunterkommentar-Drunterkommentierer.

Das Thema des Drunterkommentieren ist nicht das Thema, zu dem er drunterkommentiert. Sein Thema ist ausschließlich er selbst, genauer: Sein gestörtes Verhältnis zu Vernunft und Mitwelt.

Kennen Sie diese Menschen, die Sie mitten in der Stadt ansprechen, nicht etwa um zu betteln oder Ihnen was zu verkaufen, sondern um davon zu erzählen, das mit dem Staat sei so schlimm, das ginge bis hinauf zur Regierung? So jemand ist der Drunterkommentierer.

Beim Drunterkommentierer verhält sich der Mitteilungsdrang proportional zur Inkompetenz: Je weniger Ahnung er hat, desto öfter bringt er seine Phrasen an. Er führt seine Existenz zwischen den beiden Polen Tragik und Lächerlichkeit: Für eine fundierte Position fehlt ihm Bildung und Geduld, für Zurückhaltung hat er zu viel Geltungsdrang.

Er kann dabei meinungsstark oder geistesschwach sein, das ist einerlei. Seine Aufgabe im Diskurs-Produktionsprozess ist eine andere, dienende, passive: Der Drunterkommentierer soll die Aufmerksamkeit für diejenigen mehren, die bereits oben kommentieren.

Sein Selbstbild ist freilich ein völlig anderes: Wenn er in den Spiegel schaut, erblickt der Drunterkommentierer das Antlitz eines Aufklärers von mindestens Voltaire'schem Rang, und zur gleichen Zeit das eines Whistleblowers vom Schlage Edward Snowdens.

Der Drunterkommentierer ist ein Meinungs-Söldner auf eigene Rechnung, der uns Geheimnisse der Welt verrät, die bereits jeder kennt. Er tut das selbstverständlich in der Pose dessen, der die Zusammenhänge als einziger wirklich verstanden hat.

Er weiß es besser als der Autor. Wirklich. Immer.

Überhaupt kennt der Drunterkommentierer das Thema des Artikels oder Postings immer besser als dessen Verfasser. Ebenso weiß er über Biografie und die wahre politische Haltung des kommentierten Autors besser Bescheid als dieser selbst.

Der Drunterkommentierer wähnt sich als eierlegende Wollmilchsau des Internets: Nicht nur findet er sich von besserer Bildung und hält sich für klüger als die Leute, die er kommentiert, er ist natürlich auch weltgewandter und erfolgreicher.

Er verzichtet bloß auf den weltlichen Ruhm, um sich von diesem nicht korrumpieren zu lassen, was, nebenbei bemerkt, wiederum einiges über dessen Vertrauen in seine eigene Integrität verrät.

Bei seinen Streifzügen, ja bei seinen diskursiven Feldzügen durch die Kommentarspalten des World Wide Web erreicht der Drunterkommentierer nicht einmal die Würde des landläufigen Trolls, der sein existenzielles Elend immerhin nicht hinter Diskussionsbereitschaft oder Ernsthaftigkeit verbirgt.

Der Drunterkommentierer gibt sich als netter Kerl von nebenan, er stellt seine Absichten offen zur Schau: Er will diskutieren, also jenen die Zeit stehlen, die selber mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen haben, als ihm zu antworten.

Wie der Zombie ist der Drunterkommentierer nahezu ausschließlich in Rudeln anzutreffen: Seine Behelligungen dienen nicht der Kommunikation oder dem Austausch; es geht ihm einzig ums fressen. Wo noch Reste von Hirn verblieben sind, holt der Drunterkommentier-Zombie schonmal Messer und Gabel raus.

Er trifft dabei auf jene Netzwerk-Zombies, die ihre Beiträge und Fotos überhaupt nur noch zur Herbeiführung von Drunterkommentaren posten: Die als Influencer betitelten Werbemaskottchen des Digitalzeitalters.

Wie der Drunterkommentierer der Meinungsbekundung des Netzwerk-Influencers bedarf, so bedarf der Influencer der Meinungswaren-Industrie des Drunterkommentars des Meinungswaren-Konsumenten.

Denn die Sphäre der Netzwerkdiskussion stellt eine Form von immaterieller Warenproduktion dar, die letztlich in Reklame voll aufgeht, zu deren Herstellung sie allerdings möglichst vieler Meinungen anderer bedarf.

Es handelt sich dabei nicht mehr um autonome geistige Warenproduktion, sondern um eine direkt und persönlich abhängige: Ohne den Kommentarblödsinn des Drunterkommentierers kein Meinungsstuss des sich selbst bewerbenden Originalposters.

Der Drunterkommentierer ist der Knecht des Internetzeitalters, sein Herr, zu dem er qua regelmäßiger Kommentierung betet, ist der vorbildliche Netz-Szenemensch. Dieser wiederum hat seine Karriere selber als Drunterkommentierer begonnen.

Inwiefern der Produktionsprozess von Postings und Drunterkommentaren einer der Werbesphäre ist, zeigt vorzüglich das Gebaren der Influencer und ihrer Fans auf Instagram.

Was auf Facebook etwa noch durch Reste von Intellektualität und auf Twitter durch die gratisedgyness mutiger anonymer Empörter verdeckt wird, ist auf Instagram bereits als das kommentierte Werbefernsehen offenbart, in welchem die sozialen Medien ihr Wesen haben.

Die bürgerlich-liberale Beteuerung, des Volkes Meinung zähle, kommt im Drunterkommentierer zu sich: als Tragödie und Farce zugleich.

Er macht das Internet zum Irrenhaus und fühlt sich verkannt

Der Drunterkommentierer ist das Symptom der Verwandlung des Internets in eine Irrenanstalt, in der sich jeder für Jesus hält und in Selbstgesprächen murmelnd über die Flure rennt. Nur dass diese Irrenanstalt eine offene ist und die Monologisierenden glauben, sie kommunizierten mit anderen.

Der Drunterkommentierer ist ein mit sich selbst redender Moralist, der sich für einen belehrenden Weisen hält.

Wenn der Drunterkommentierer durch einen unglücklichen Zufall zu Popularität oder eingebildeter Wichtigkeit kommt, treibt er sein Spiel einfach weiter: nur diesmal als Drüberkommentierer.

Er behält die alte Praxis bei und verbreitet seine Meinungen, aber nun gibt er vor, sie seien keine unerbetenen Antworten, sondern selber Setzungen. Es fällt ihm dabei gar nicht auf, dass er keine Setzungen trifft, sondern lediglich wieder nur Hampelmann seiner eigenen Blödheit ist.

Als treibende Kraft von Schmunzelbubbles und solcher Bubbles, die auf verkniffene Weise über Schmunzelbubbles zu schmunzeln pflegen, ist der Drunterkommentierer systemrelevantes Element auf den Märkten der Emotionsherstellung.

Träte er nicht freiwillig in die Welt, die Social-Media-Industrie hätte ihn erfinden müssen. Hat sie ja auch.

Wird es ganz arg, muss der Drunterkommentierer bezahlt werden. Er firmiert dann unter dem Label "Kolumnist", wo er, geschickt weggesperrt an den Zeitungsseitenrand, niemanden mehr weiter stört, der nicht ohnehin qua masochistischer Neigung gewohnt ist, sich selbst regelmäßig seine Laune zu verderben.

Der Drunterkommentierer ist universell einsetzbar, weil die momentane Verfasstheit der Welt den drunterkommentierende Charakter zwangsläufig hervorbringt.

Den Drunterkommentierer immanent und persönlich zu kritisieren, hilft nicht weiter. Sobald das nämlich geschieht, wird man selbst zu einem.

Die politischen Optionen, die gegen diese Verfasstheit der Welt aufzubringen wären, sind hier nicht Gegenstand; sicher ist allerdings, dass allein ihre Nennung 95 Prozent aller eifrigen Drunterkommentierer gegen sie aufbrächte.

Was ja nicht die schlechteste Auszeichnung wäre. (Marlon Grohn)