Der Vater der Bilder

Der 11. September und seine Spätwirkungen auf das Autorenkino

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge" - einer jener (übrigens falsch übersetzten) Philosopheme, für die der Vorsokratiker Heraklit bekannt geworden ist, scheint eine gewissen Gültigkeit zu besitzen, wenn man sich die kulturellen Auswirkungen von Kriegen vor Augen führt. Der Film hat sich der Katastrophe des Krieges immer besonders schnell angenommen und Bilder des Schreckens und der Verarbeitung inszeniert.

Dass diese Bildproduktion seit dem medialsten aller Kriege - dem zweiten Golfkrieg von 1992 - exponentiell zugenommen hat, verwundert genauso wenig wie die nachhaltige Beeinflussung durch den Terrorangriff vom 11. September 2001 auf die Filmindustrie. Neben den oftmals indirekten, sublimen filmischen Be- bzw. Verarbeitungen Hollywoods setzt sich der Independentfilm mit dem Thema und alternativen Perspektiven darauf offensiv und direkt auseinander, wie man etwa auf dem diesjährigen Filmfest in München beobachten konnte.

Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln

Um eine Katastrophe vom Ausmaß eines Krieges oder die massenpsychologischen Effekte terroristischer Bedrohungen begreifbar zu machen, müssen sie auf ein verständliches Maß - im Idealfall auf ein Individuum und sein direktes soziale Umfeld - reduziert werden. Die ästhetisch erhabenen Spielfilmszenen von Kriegsschauplätzen und die gleichermaßen faszinierend wie in ihrer Distanz zur Alltagswahrnehmung schockierend wirkenden TV-Aufnahmen von Terrorangriffen wie denen auf das World Trade Center müssen Bilder und Geschichten von Individuen gegenüber gestellt werden, damit Krieg und Terror überhaupt zu einer Erfahrung werden können.

Während die "real life documentary" "9/11" (USA 2002, James Hanlon) dieses Prinzip umgesetzt hat, indem sie die Geschichte einer Feuerwehr-Brigade erzählt wird, die in den Wirbel des Terroranschlags auf das WTC hineingezogen wurde, verdeutlicht die internationale Produktion "The Jacket" (USA/GB/D 2005) des britischen Regisseurs John Maybury die exemplarischen Folgen des Krieges für die Psyche des Soldaten. Der zuvor vor allem auf Experimentalfilme und Videoclips abonnierte Maybury lässt bild- und tonästhetisch etliche Mittel dieser beiden Gattungen in seine Geschichte eines Golfkriegsheimkehrers Jack (Adrien Brody) einfließen.

Flucht vor dem Schrecken

Nachdem dieser beschuldigt und verurteilt wird, einen Polizisten ermordet zu haben, steckt man ihn in die Psychiatrie. Dem Krieg gegen seine physische Existenz im Irak entkommen, wird er nun in den Isolationsexperimenten eines ehrgeizigen Psychiaters (Kris Kristofferson) gefoltert. Während Jack, eingeschnürt in einer Zwangsjacke stundenlang in einer Leichenkühlbox verbringt, beginnt er von der Zukunft des Jahres 2007, seinem "Fall" und sogar seinem baldigen Tod zu halluzinieren. In dieser zweiten Zeitebene ist Jack frei, beginnt eine Liebesbeziehung und hat Kontrolle über sich und sein Leben. Mehr und mehr nehmen die beiden Zeitebenen aufeinander Einfluss und immer häufiger sehnt sich Jack aus der ihn geistig und körperlich vernichtenden Gegenwart in diese zwar fantasierte aber immerhin glückliche Zukunft. Dass der Übergang zwischen beiden Zeitebenen stets mit Erinnerungsbildern seines "ersten Todes" (Jack wurde im Irak Opfer eines Partisanen-Angriffs, in dessen Folge er für tot gehalten wurde) eingeleitet wird, macht auch dem sich mehr und mehr in ein "12 Monkeys"-Derivat entwickelnden Science Fiction eine düstere Parabel auf die Folgen des Krieges für Identität und Erinnerung.

Homecoming

Eine andere Perspektive auf die Schrecken des Krieges in den USA, nämlich für die Angehörigen gefallener Soldaten des Irak-Krieges, skizziert der Experimentalfilmer Jon Jost in "Homecoming" (USA 2004). Hier ist es zunächst die Abwesenheit des Sohnes und Bruders, die sich als psychologische und ökonomische Krise für die Familie offenbart. Im von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Depression geprägte Küstenort Newport (Oregon) ist die Geschichte des jungen Mannes Chris (Ryan Harper Gray) angesiedelt. Probleme mit der Freundin, die ihn schließlich verlässt, die Ignoranz der Eltern, die sich entweder um ihren anderen Sohn im Krieg sorgen oder um ihr in den letzten Zügen liegendes Geschäft und schließlich Chris' Psychotherapeut, bei dem sich das Interesse an Chris schließlich als homosexueller Annäherungsversuch entpuppt - davon ist Chris' Leben bestimmt.

Zudem steht seine Bush-feindliche Haltung dem extremen Patriotismus der Eltern entgegen. Selbst als diese die Hiobsbotschaft vom gefallenen Sohn empfangen, flüchten sie sich in ihre Ideologie. Bei Chris indes versickert damit der Lebenswille endgültig. In recht kruden Video-Bildern mit teilweise experimentellen Montagetechniken fängt "Homecoming" diese Geschichte voller Schweigen und Hoffnungslosigkeit ein. Die angeblich improvisierte Inszenierung des Films unterstreicht die Authentizität der Gefühle, die etliche der Hinterbliebenen des Afghanistan- und Irak-Krieges verspüren dürften.

Falscher Bekenner

Doch auch Weltgegenden, die weniger direkt von den Kriegen betroffen sind, hat die Krise nachhaltig erschüttert. Einen diesbezüglich sehr eindringlichen Beitrag liefert der Münchner Regisseur Christoph Hochhäusler in seinem zweiten Spielfilm "Falscher Bekenner" (D 2005) ab. Hier ist es ein verschlafenes Nest in Süddeutschland, in dem eine Geschichte mit deutlichen Parallelen zu "Homeland" erzählt wird. Der junge Realschulabsolvent Armin (Constantin von Jascheroff) findet keine Arbeit, hat keine Freunde und keine Perspektive. Als er eines Nachts als erster einen Autounfall entdeckt, kommt ihm die Idee, einen anonymen Brief an die Presse zu schreiben und den Unfall als Terroranschlag zu "bekennen". Die Polizei und die Medien glauben an die Geschichte und schon bald überzieht Terror-Furcht das verschlafene Nest. Der vor allem in seinem Schauspiel sehr eindringliche Film verdeutlicht vor allem, wie der Terrorismus nach und nach immer mehr zu einem Vehikel der öffentlichen Stimmungsproduktion durch die Medien wird. Dass die dadurch oftmals zur Berühmtheit gelangten Täter Trittbrettfahrer nach sich ziehen, die aus den "fifteen minutes of fame" einen Persönlichkeitsentwurf herleiten, ist eine Tatsache, die sich "Falscher Bekenner" nicht ausgedacht hat.

Schläfer, Fahrradfahrer und "Araber": Moslems unter Generalverdacht

Schläfer

In gewisser Hinsicht greift auch ein anderer deutscher Film, der auf dem Münchner Filmfest Premiere feierte, die Suggestivwirkung der Medien auf. "Schläfer" erzählt mit hoher Intensität von der Beziehung des deutschen Biologen Johannes (Bastian Trost) zu seinem algerischen Kollegen Fahrid (Mehdi Nebbou). Gleich zu Beginn des Films wird Johannes vom Verfassungsschutz als Spitzel angeheuert: Er soll Informationen über Fahrid sammeln. Trotz der anfänglichen Weigerung entstehen zusehends Verdachtsmomente gegen seinen muslimischen Kollegen. Als dieser dann mit der deutschen Kellnerin Beate (Loretta Pflaum) zusammenkommt, in die auch Johannes verliebt ist, bekommt die Bespitzelung und Denunziation eine neue Motivation. In "Schläfer" ist es vor allem der Zuschauer, der zusammen mit Johannes "verführt" wird, Indizien für die "Schuld" Fahrids zu finden. Wir schnüffeln in Fahrids Wohnung herum, finden dort Dinge, die uns merkwürdig vorkommen, halten jedes auf arabisch geführte Gespräch für verdächtig und sind dadurch, dass Johannes uns als die Identifikationsfigur des Films präsentiert wird, parteiisch, als es zur Eifersuchtsgeschichte kommt. Heisenberg zeigt in seinem Film auf beklemmende Weise, wie viel Bereitschaft zum Misstrauen oder mangelnde Skepsis wir bereit sind in die Waagschale zu werfen, wenn vor uns nur genug Indizien konstruiert werden.

The Great Ecstasy of Robert Carmichael

Auf der anderen Seite findet sich die Ohnmacht derjenigen wieder, die wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft bedroht sind. Sie sind - wie der junge irakische Schüler in Thomas Clays "The Great Ecstasy of Robert Carmichael" (GB 2005) - der Willkür ihrer Umgebung ausgesetzt. Einer Umgebung, die, so suggeriert der Film, vor allem durch die Verbindung von medial geschürten Ressentiments und (abermals) Perspektivlosigkeit zur Gewalt gegen alles fremde und andere bereit ist. So folgt etwa der Misshandlung des irakischen Schülers in Clays Film eine regelrechte Explosion der Gewalt, bei der drei Jugendliche einen neu in den Ort gezogenen Fernsehkoch und dessen Frau überfallen und beide auf grausame Weise töten. Ein Motiv brauchen sie dazu nicht - Clay legt jedoch mit seinen in den Film einmontierten Sequenzen der TV-Berichterstattung über den Irak-Krieg eines nahe: Die Gewalt im Kleinen ist eine Antwort auf die im Großen. Dass der in seiner Darstellung von Vergewaltigung und Mord äußerst transgressive Film dazu mediale Gewaltbilder als Auslöser nahe legt, verlagert seinen politischen Duktus in die Nähe der konservativen "Medien-Trilogie" Michael Hanekes.

Police Beat

Einen etwas strukturierteren und sarkastischen Blick auf "die Fremden" wirft das Spielfilmdebüt des US-Regisseurs Robinson Devor. "Police Beat", so der Titel des Films, ist ein Polizeifilm der etwas anderen Sorte: Der republikanische und muslimische US-Einwanderer Z (Pape S. Niany), der als Streifenpolizist mit dem Fahrrad auf Verbrecherjagd ist, vereint gleich so viele Widersprüche in sich, dass der Film und seine Figuren eigentlich nur als Parabel verstanden werden können. Und parabelhaft erzählt "Police Beat" auch seine Geschichte, in der Z Verkehrssünder und Kleinkriminelle abstraft - mit dem steten Blick auf die Verfassung und die Freiheit, dabei auf sozialer Ebene abarbeitet, was er im Privaten erlebt. Die von Devor als authentisch behaupteten Kriminalfälle, die Z verfolgt, und das überzeichnete aber darin ironisch-ehrliche Bild der derzeitigen Einwanderersituation in den USA offenbaren eine Gesellschaftsstruktur, die heterogener und widersprüchlicher kaum sein könnte.

"Crash"

Diese Struktur nimmt auch der mit dem Minimalbudget von 6,5 Millionen Dollar inszenierte "Crash" (USA 2005) von Paul Haggis ins Visier. "Crash" (der in Deutschland als "L.A. Crash" am 4. August in die Kinos kommt) ist ein Episodenfilm, der vordergründig von den ethnischen Problemen in der Stadt Los Angeles erzählt. In mehreren ineinander greifenden Episoden werden die Schicksale von Gewalt gegenüber und von Einwanderern, den Vorurteilen gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung und dem Rassismus der Polizei (womit der Film auf die Rassenunruhen von 1992 Bezug nimmt) vorgestellt.

Crash

Mit der Inszenierung der Probleme einer persischen Einwandererfamilie, lässt sich "Crash" thematisch ebenfalls in die Reihe der hier vorgestellten Filme stellen. Die Eltern der Krankenschwester Dorri (Bahar Soomekh) haben einen kleinen Gemischtwaren-Laden. Als ein mexikanisch-stämmiger Schlosser das Schloss an der Hintertür des Ladens zwar repariert, aber dringend den Austausch der kaputten Tür empfiehlt, versteht Dorris Vater diesen nicht. In der Nacht wird das Geschäft dann tatsächlich aufgebrochen, verwüstet und mit fremdenfeindlichen Graffitis besudelt. Fassungslos steht die Familie am kommenden Tag vor den Trümmern ihrer Existenz und Dorri fragt sich, als sie den Satz "Arab go home" liest, seit wann denn Perser Araber seien.

In dieser Pauschalisierung der Herkunft zeigt sich das häufig anzutreffende, undifferenzierte Ressentiment gegenüber "den Arabern" (bzw. "den Moslems") deutlich. Dies ist nur eine der Episoden des Films - für diesen aber eine typische, denn die Missverständnisse, die durch Sprache, Mentalität oder schlicht durch Berührungsängste zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen der Stadt eskalieren, werden in jeder Sequenz als Anlass für Gewalt genommen. "Crash" belässt es jedoch nicht bei dieser Diagnose sondern entwirft ein zutiefst humanistisches Bild von einem Miteinander, das die Ähnlichkeiten "der Menschen" trotzt ihrer Verschiedenheit betont.

"Re-Inventing the Taliban"

Dass Krieg und Terrorismus immer zwei Fronten hat und die Frage, wer "die Guten" und wer "die Bösen" sind, vor allem davon abhängt, auf welcher Seite der Front man sich befindet, zeigen vier Produktionen aus den Krisen- und Kriegsgebieten Irak und Pakistan. Die Pakistanerin Sharmeen Obaid wagt einen Blick hinter die Strukturen der im Gebiet von Afghanistan und Pakistan nach wie vor starken Taliban. In "Re-Inventing the Taliban" (Pakistan/USA 2004) begibt sie unter Lebensgefahr in das Zentrum der MMA-Allianz nach Peshawar und interviewt dort Fundamentalisten und deren Sympathisanten. Doch hat Obaid keineswegs vor, mit ihrem Film Angst oder gar Ressentiments zu schüren und die pakistanische Gesellschaft eindimensional als islamistisch zu kennzeichnen. Denn ihren Bildern aus Peshawar stellt sie schon bald solche eines gemäßigten Islam gegenüber, wie sie ihn in Lahore, im Westen des Landes, bei der Mehrzahl der Menschen vorfindet. Schließlich besucht sie ein Konzert von MMA-Gegnern und eine Modenschau, auf der Frauen - ganz im Kontrast zum Bild der unterdrückten Burkha-Verschleierten - westliche Mode wie selbstverständlich vorführen.

Re-Inventing the Taliban

Dieses zweiseitige Bild von Pakistan wiederholt auch der Spielfilm "Javaid Shampoo" der Regisseure Bilal Minto und Faisal Rehman. Er beschreibt die Lebenspläne des jungen Javaid, der von einer Model- oder Filmstar-Karriere träumt, sich aber genauso gut vorstellen kann, beim Jihad mitzukämpfen. Um seinen ersten Plan zu verwirklichen beginnt er eine Ausbildung bei dem im Showbiz des Landes gerade sehr populären Silberschmied Saba. Gleichzeitig kämpft das auf der Fälschung von Markenschampoos konzentrierte Familienunternehmen Javids - daher der Titel des Films - gegen die internationale Konkurrenz von Shampoo-Herstellern. Nachdem die beiden Regisseure 2002 bereits ein Feature über den 11. September 2001, wie er sich in der pakistanischen Stadt Lahore zugetragen hat, gedreht hatten, wirft "Javaid Shampoo" einen weiteren Blick auf das Land, das während des Afghanistan-Krieges zwischen den Fronten stand. Diese doppelte Verwicklung des Landes in West-Orientierung und Islamismus sublimiert sich in der Biografie des jungen Protagonisten aus "Javid Shampoo".

"Underexposure" - die erste irakische Filmproduktion nach Kriegsende

Vom Irak und dem Krieg handeln der Dokumentar-Spielfilm "Underexposure" (Irak/D 2004, Oday Rasheed) und "Schildkröten können fliegen" (Iran/Irak 2004, Bahman Gobadi). Ersterer ist die erste irakische Filmproduktion nach Kriegsende (und gleichzeitig die erste deutsch-irakische Koproduktion überhaupt) und beleuchtet ein Thema, dem sich noch weitere Filme des Festivals gewidmet haben: der Schwierigkeit der Filmproduktion im Krisengebiet. Der Protagonist des halbdokumentarischen Films versucht nach dem Angriff der US-Armee das Leben seiner Freunde und Verwandten in den Trümmern Bagdads mit der Kamera einzufangen. Rasheed montiert seine fiktionalen Erzählelemente mit Archivmaterial aus den Kellern des irakischen Kulturministeriums, die nach den Plünderungen auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden.

Schildkröten können fliegen

Weniger experimentell verfährt "Schildkröten können fliegen". Der Spielfilm berichtet von einem Nebenschauplatz des Krieges, dem Kurdengebiet an der Grenze zwischen Türkei und Irak. Dort verdient der geschickte Junge mit dem Spitznamen "Satellit" als Kopf einer Kinderbande seinen Lebensunterhalt, indem er die überall ausgelegten Landminen sammelt und auf dem Schwarzmarkt zum Verkauf anbietet. Die abenteuerliche Arbeit fordert zahlreiche Opfer - etlichen Verstümmelten begegnet "Satellit" während des Films. "Schildkröten können fliegen" zeichnet sich dadurch aus, dass er - gerade als Beitrag des Jugendfilmfestes - den Alltag der Heranwachsenden in Krisengebieten vor Augen führt und so ein komplexeres Bild jener Lebensumstände liefert, die jüngeren Zuschauern hierzulande durch die Nachrichtenberichterstattung allenfalls angedeutet werden.

Eingebettet und Ausgeliefert: Die Medien im Kriegszustand

"The Great Ecstasy of Robert Carmichael" zeigt, wie bereits beschrieben, die vermeintlichen Einflüsse der Kriegsberichterstattung auf die Rezipienten. Doch auch unter welchen Bedingungen diese Bilder entstanden sind, wird in einigen Filmen aspektiert. So wirft Stephen Marshall in "This Revolution" (USA 2004) einen fiktionalen Blick auf die politischen Implikationen der Nachrichtenproduktion. Sein Protagonist Jake Cassevetes ist Kriegsberichterstatter und soeben aus dem Irak in die USA zurückgekehrt, um von einem Parteitag der Republikaner zu berichten. Als der durch und durch konservative Patriot dort eine junge Kriegswitwe kennen lernt und sich in sie verliebt, wird sein Weltbild zusehends in Frage gestellt.

This Revolution

Schließlich wendet er sich sogar gegen seinen Arbeitgeber, der dokumentarische Aufnahmen von politischen Aktivisten an das Heimatschutz-Ministerium weitergeben will. Abermals wird mit "This Revolution" von der Relativierung stereotyper politischer Ansichten unter den Bedingungen der sozialen Realität erzählt. Marshall, der als Vorsitzender und Mitbegründer des "Guerilla News Network" (GNN) bereits preisgekrönte politische Berichterstattung betrieben hat, lässt vieles von seinem Hintergrundwissen in seinen ersten Spielfilm einfließen. Zwar bedient sich dieser dann der typischen Argumente der regierungskritischen Liberalen, verdeutlicht aber die Brisanz der Lage der Medien in den USA vortrefflich.

Zu einem der interessantesten Dokumentarfilme zählt sicherlich "Bearing Witness" (USA 2004) von Barbara Kopple, Marijana Wotton und Bob Eisenhardt. In ihm werden fünf Journalistinnen vorgestellt, die als Kriegsberichterstatterinnen für europäische, amerikanische und arabische Medien tätig sind. Sie werden während ihrer täglichen, teilweise lebensgefährlichen Arbeit gezeigt (einige heikle Szenen passieren sogar während der Dreharbeiten zu "Bearing Witness") und privat, wenn sie von ihren Lebensträumen erzählen, ihr Berufsleben Revue passieren lassen oder sich an Orte begeben, wo sich für sie tragische Dinge zugetragen haben. So erzählt etwa die Fotografin Molly Bingham von ihrer 7-tägigen Gefangenschaft im Gefängnis von Abu Ghraib, die Londoner Zeitungsjournalistin Marie Colvin von jenem Gefecht während des Tamilen-Aufstandes in Sri Lanka, bei dem sie ein Auge und fast sogar ihr Leben verlor und die schwangere Times-Autorin Janine DiGiovanni von ihrem Rückzug aus dem Beruf, ihrer Familienplanung und der regelrechten "Sucht", wieder zurück an die Berichterstattungsfront zu kehren. "Bearing Witness" konfrontiert seine Zuschauer durch die Wahl seines Sujets mit einem noch nahezu unbekannten Aspekt des Krieges und macht großen Gefahren und kleinen Heldentaten seiner fünf vorgestellten Journalistinnen auf plastische Weise nachvollziehbar.

Silver City

"Silver City" (USA 2004) von John Sayles schließlich kehrt mit seinem Sujet in die USA zurück und erzählt in einem Mix aus Film noir und Mediensatire von dem eigentlich recht ungebildeten und nur durch familiäre Verbindungen an die Senatorenkandidatur gelangten Dickie Pilager (Chris Cooper). Als anlässlich eines Wahlwerbespots, in dem die Naturverbundenheit des Politikers besonders unterstrichen werden soll, eine Leiche im als Hintergrund dienenden See gefunden wird, wird der Privatdetektiv Danny O'Brian (Danny Houston) engagiert, den Fall zu klären. Er deckt dabei mehr zufällig einen Korruptions-, einen Umweltskandal, mehrere Morde und eine schmuddelige Geschichte auf, die irgendwie alle mit dem Gouverneurskandidaten zu tun haben. Die Anspielungen auf George W. Bush, Jr. in der Person und dem Auftreten Dickie Pilagers (der oft große Mühe hat, ohne PR-Berater einen vollständigen Hauptsatz herauszubringen) sind offensichtlich, der Film aber trotz oder gerade wegen dieser ein wenig zu plakativ geraten. Die Bush-kritischen Filmemacher der USA (was sich von "Homecoming" über "This Revolution" bis zu "Silver City" zeigt), dominieren den politischen Diskurs des Autorenfilms.

Die Wahrheit ist die Summe der Teile

Die hier vorgenommene Einengung der Perspektive auf das Thema "Der 11. September und die Folgen für den Film" eröffnet einen interessanten Blick auf die Produktionen und deren gesellschaftlichem Hintergrund. Vor allem die Multiperspektivität auf den Themenkomplex, die nicht nur in der internationalen Streuung der Filme begründet liegt, verschafft Über- und Einblicke, die so konzentriert wie auf einem Filmfestival wohl kaum zu bekommen sind. Das Bild, das wir aus der Ferne von den Ereignissen bekommen, ist notwenig immer medial konstruiert. Objektivität lässt sich daher nur in dem Maße erreichen, wie wir uns verschiedene Perspektiven zu Eigen machen. Insofern ist es auch völlig irrelevant, ob es sich dabei um fiktionale oder dokumentarische Beiträge handelt. Durch ihren je eigene Sichtweise und mit den ihnen zu Grunde liegenden Ästhetiken liefert jeder der Werke ein Puzzle-Teil der Realität. Dazu jedoch müssen sie gesehen werden können. Die Hälfte der hier vorgestellten Filme haben noch keinen Verleih gefunden.

Die Filme (Stefan Höltgen)

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