Der Vertreter des Milieus

Dick Gephardt setzt auf Gewerkschaften an Stelle von Internetnutzern

Vor Howard Deans rasantem Aufstieg galt Dick Gephardt als Favorit der am Montag in Iowa stattfindenden Caucus-Vorwahlen. Seine guten Beziehungen zu den Gewerkschaften sollten ihm dabei helfen, seine Konkurrenten in den Schatten zu stellen und sich mit einem deutlichen Sieg für den weiteren Verlauf des Rennens zu positionieren.

Am Montag Abend wird im US-Bundesstaat Iowa ein merkwürdiges Ritual zelebriert. Pünktlich um halb sieben werden sich Tausende von Anhängern der demokratischen Partei in Schulen, Kirchen und privaten Wohnzimmern treffen, um im ersten Bundesstaat über den Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei abzustimmen. An Stelle einer geheimen Wahl werden die Einwohner Iowas in spontanen Diskussionen öffentlich Stellung zu ihren politischen Präferenzen beziehen müssen. Nach einer Weile werden dann die Anhänger der einzelnen Kandidaten Grüppchen in verschiedenen Ecken des Raums bilden. Die Größe der Gruppen bestimmt schließlich über Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Kandidaten.

Diese Form der Abstimmung wird als Caucus bezeichnet und besitzt angeblich ihre Wurzeln in Entscheidungsprozessen amerikanischer Ureinwohner. Es wird erwartet, dass nicht viel mehr als 100.000 Wähler an diesem Ritual teilnehmen werden. Dennoch gilt es vielen Wahlkampf-Strategen als signifikant für den weiteren Verlauf des Rennens. Der Caucus von Iowa ist traditionell die erste Etappe einer mehreren Monate dauernden Vorwahl-Periode, mit der die Parteien über ihren Präsidentschaftskandidaten entscheiden. Wer sich hier profiliert, gilt auch bei den folgenden Abstimmungen als aussichtsreicher Kandidat.

Ein Scheitern könnte dagegen besonders für Dick Gephardt verheerend sein. Der langjährige Fraktionsführer der demokratischen Partei im US-Kongress hat sich auf Iowa konzentriert, um von dort aus im zweiten Anlauf das Weiße Haus zu erobern. Gephardt versuchte bereits 1988, die Nominierung seiner Partei zu erlangen. Damals gewann er Iowa in einem kostspieligen Wahlkampf, konnte sich danach aber mangels Ressourcen nicht mehr gegen seine Konkurrenten zur Wehr setzen. Sollte er dieses Mal nicht mal Iowa erobern, dann würde dies seine Kampagne noch schlechter aussehen lassen als 1988.

IT als Wirtschaftsthema

Bis vor einigen Monaten musste sich Gephardt um Iowa kaum Sorgen machen. Er galt als klarer Favorit im von Landwirtschaft dominierten Bundesstaat. Gephardts Programm konzentrierte sich lange auf Außenhandelsthemen. Er setzte sich gegen Freihandelsabkommen ein, um Jobs in den USA vor Importen zu schützen. Mit derartigen Positionen kam er beim klassischen Milieu der demokratischen Partei an. Gewerkschafter fanden sich in seinen Positionen wieder, Arbeiter und Farmer waren vom Aufstieg des Sohnes eines LKW-Fahrers beeindruckt. Gephardt sicherte sich für diese Wahl die Unterstützung von mehr als 20 Einzelgewerkschaften. Auf die Rückendeckung des Gewerkschafts-Dachverbandes AFL-CIO musste er jedoch verzichten, nachdem sich einige einflussreiche Gewerkschaften der Dean-Kampagne angeschlossen hatten.

Für diese Wahl hat Gephardt seinen Positionen deutlich erweitert. Erstmals will er nicht nur US-Jobs schützen, sondern sich auch international für faire Löhne einsetzen. Gleichzeitig setzt er sich für sichere Renten und - wie praktisch alle demokratischen Kandidaten - für eine bessere Krankenversicherungsversorgung ein. Gephardt bekennt sich ebenfalls zur Gleichberechtigung Homosexueller, versteckt gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften aber tief im Programm - und das, obwohl seine Tochter selbst bekennende Lesbe ist. Auch Außenpolitik fehlt mit Ausnahme eines Bekenntnisses zur Wiederaufnahme der Bemühungen um einen Frieden im israelisch-palästinensischen Konflikt vollkommen in seinem Online-Wahlprogramm.

Dafür erwähnt Gephardt im Gegensatz zu den meisten anderen Kandidaten die High-Tech-Economy, die er fördern will und als Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum ansieht. Dabei begreift Gephardt das Internet und die IT-Industrie offenbar jedoch nur als wirtschaftliches Thema. Bezüge zu politischen Auseinandersetzungen um die Zukunft des Netzes sucht man vergebens. Auch auf Bürgerrechte und ihre zunehmende Einschränkung durch Gesetze wie den Patriot Act geht er nicht ein. Dafür verspricht er, alle im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Terrorismus wichtigen Datenbanken zu einer zentralen Datenbank aller Terror-Verdächtigen zu vereinen.

Flamewars statt Netz-Kampagnen

Als Wahlkampfmittel setzt Gephardt das Netz eher konservativ ein. Seine Website besitzt eine Blog-artige Kommentarfunktion, das Wort Weblog wird jedoch tunlichst vermieden. Statt dessen spricht man heimelig vom virtuellen Küchentisch und versucht, dem Netz ein vertrautes Gesicht zu geben.

Im Gegensatz zu seiner Konkurrenz verzichtet er weitestgehend auf moderne Mobilisierungsansätze. Zwar nutzen auch Gephardts Anhänger die Plattform Meetup.com, um monatliche Stammtische zu organisieren. Doch an Stelle von Deans 180.000 registrierten Meetup-Nutzern bringt es Gephardt gerade mal auf 674. Auch Spendenmarathons, Brief- oder Telefonkampagnen sucht man vergebens auf Gephardts Website. Dafür hat sein Wahlkampf-Team die gut alte Netztradition des Flamewars für sich entdeckt. Auf der Website Deanfacts.com versucht man, dem ehemaligen Gouverneur von Vermont durch Zitate aus Interviews und Zeitungsartikeln das Wasser abzugraben. (Janko Röttgers)

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