Der Weg in den Holocaust

Ein Hamburger Journalist leistet Pionierarbeit bei der Darstellung des Holocaust im Internet

Ungefähr 1.690.000 Seiten zeigt die Suchmaschine an, wenn man auf Google die deutschsprachigen Seiten des Begriffs Holocaust sucht. Da musste der Hamburger Journalist Knuth Mellenthin sicher genau überlegen, warum er man trotzdem viel Zeit und Arbeit investierte, um die Webseite Holocaust Chronologie zu konzipieren, die seit kurzem online ist.

15 Jahre Recherchearbeit von Mellenthin sind in die Chronologie eingeflossen. Wer erwarten würde, die Datierung begänne Ende der 30er Jahre, wird überrascht sein. Mellenthin eröffnet die Chronologie am 30.1.1933 mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Wie schnell die Entrechtung und Verfolgung der Juden begann, kann man hier gut nachvollziehen. Schon am 6.3.33, einen Tag nach den letzten Reichstagswahlen, kommt es auf Berlins Einkaufsmeile Kurfürstendamm zu ersten blutigen Übergriffen auf Juden.

Im Ausland werden die Vorkommnisse genau registriert. Am 7.3.33 beteuerte der rechtskonservative Vizekanzler Heinrich von Papen gegenüber der österreichischen Presse, die Juden würden wie andere Staatsbürger behandelt. Bis ins kleinste Detail rekonstruiert Mellenthin die Vorgeschichte des ersten reichsweit durchgeführten Boykotte jüdischer Geschäfte, Büros und Kanzleien am 1. April 1933. Zur Illustration der Ereignisse wird aus den Goebbels-Tagebüchern, dem Aufruf der NSDAP-Parteileitung, den Richtlinienerlass des hessischen Staatspräsidenten für die Presse sowie weiteren Erklärungen des für die Boykottaktionen verantwortlichen NSDAP-Funktionärs Julius Streicher zitiert. Durch einen Klick auf diesen Namen erhält der Interessierte im Glossar eine Kurzbiographie dieses NS-Funktionärs.

Personen der Zeitgeschichte, wichtige historische Ereignisse und für den Themenkomplex relevante Abkürzungen werden im Glossar in lexikalisch knapper Form erklärt. So wie die Vorgeschichte wird auch die Nachbetrachtung des ersten Boykotts mit Zitaten aus dem Goebbels-Tagebuch und der offiziellen Abbrucherklärung der Reichsregierung behandelt. In gleicher Weise wird der geschichtliche Weg nachgezeichnet, der über die zunehmende Entrechtung der Juden zur Reichspogromnacht am 9.11.1938, zu den Deportationen und schließlich zur Massenvernichtung führte. Die Chronologie schließt mit dem 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation.

Die chronologische Darstellungsweise bietet den Vorteil, die Shoah eingebettet in einen historischen Kontext zu erfassen. Zwar behauptet auch Mellenthin nicht, dass mit Hitlers Kanzlerschaft der Weg nach Auschwitz unverrückbar vorgezeichnet war. Aber es wird deutlich, wie die historischen Weichen gestellt wurden.

Neben der Chronologie werden auf der Homepage weitere Texte veröffentlicht, die wichtige historische Debatten in der Holocaustforschung dokumentieren. Beispielhaft seien nur Goldhagens These vom eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen und die von Götz Aly und Susanne Heim angestoßene Debatte über die Ökonomie der Endlösung erwähnt. Mellenthin betont, dass die Webseite noch eine Baustelle ist. Sie soll kontinuierlich erweitert und ergänzt werden.

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