Der Weg in die "Digitale Gesellschaft" stockt

Laut einer Studie wollen vor allem die Digital Natives nicht so richtig mitmachen. Und: Die Schule soll es mal wieder richten

Schule und Bildung kommen nicht aus den Schlagzahlen. Keine Woche vergeht, an der nicht über Mängel, Missstände und Defizite berichtet wird. Meist werden sie mit Zahlen, Tabellen und Statistiken belegt und untermauert. Vorschläge, Empfehlungen und Forderungen an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wie beides künftig besser gemacht oder sinnvoller strukturiert und organisiert werden könnte, werden in aller Regel gleich mitgeliefert.

Die Gegenstände und Themen, die abgehandelt und bekrittelt werden, sind vielfältig und betreffen alle Schularten, Erziehungs- und Bildungseinrichtungen: Kitas und weiterführende Schulen, Grund- und Hochschulen, Berufsschulen und -ausbildung. Mal stehen die schlechten Lese-, Rechtschreib- und Rechenkenntnisse der Schüler und Schülerinnen im Focus, mal der grassierende Bewegungsmangel, die steigende Dickleibigkeit und neue Ernährungspläne etwa für die Schulspeisung und es wird vom Schulunterricht die Vermittlung von mehr praktischen und alltagsrelevanten Wissen verlangt.

Dann wiederum werden die hohen Durchfallzahlen beklagt, die angeblich Ressourcen binden und dem Steuerzahler teuer zu stehen kommen, die Unterschiede in den Bundesländern, was die Anforderungen, den Unterrichtsinhalt oder die Notenvergabe angeht, oder, neuerdings, die Inflationierung von Einser-Abituren, die die Qualität dieses Abschlusses mindern und das Reifezeugnis entwerten (Und plötzlich ist der Olli schlau).

Hinzu treten Streitereien über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben und Notengebung, von Auswendiglernen und dem Erlernen einer Schreib- oder Handschrift, Kritik an der Bevorzugung gymnasialer Bildung auf Kosten der handwerklicher Ausbildung (), Klagen über fehlendes Personal an den Schulen, wachsenden Stress und fehlende Freizeit aufgrund verkürzter Gymnasialzeiten, sowie Nörgeleien am Schmalspurstudium und der Ökonomisierung des Bildungssystems (Universität und Intellektualität), an der Studierfähigkeit deutscher Schulabgänger und überfüllten Unis und Hörsälen.

Über all das (und noch viel mehr) kann man hören und/oder lesen, kluge und beißende Kommentare, Polemiken und Abstrusitäten, in der Zeitung oder am Stammtisch, in Talkrunden oder in Foren, im Radio oder in den Nachrichten.

Ob diese mitunter hitzig geführten Debatten gut oder schlecht sind, ob es gut ist, dass Schule und Bildung in den Focus öffentlicher Debatten gerückt sind oder ob es nicht besser wäre, die Akteure in Ruhe mal einfach ihre Arbeit machen zu lassen statt ständig die Reformen durch neue Reformen zu reformieren, ist, je nach Standpunkt, Interessen und Zielen der beteiligten Personen, Verbände und Institutionen verschieden und heftig umstritten (Abiturienten bis es kracht).

Sicher ist nur: Genützt hat es weder der Schule und der Bildung noch hat es die Arbeit an und in ihr verbessert - außer man bemisst ihre Qualität an der Häufigkeit der vergebenen Zertifikate, deren Zahl von Jahr zu Jahr steigen.

Angeheizt und befeuert werden diese Debatten durch Umfragen und Untersuchungen, die von Stiftungen und Organisationen wie der von Bertelsmann oder der OECD gemacht werden, deren Ergebnisse, Ratschläge und Forderungen von interessierten Medien und willfährigen Journalisten öffentlichkeitswirksam verbreitet werden. Für den unkundigen und in Schule und Bildung wenig bewanderten Leser oder Hörer ist es angesichts der Fülle der Daten, Zahlen und Prozenten, die produziert und gestreut werden, nicht immer leicht, zwischen Dichtung und Wahrheit, Wirklichkeit und Konstruktion, Interessen und Ideologien zu unterscheiden.

Zumal schul- und bildungspolitische Debatten auch dadurch erschwert werden, dass jeder Bürger und jede Bürgerin das hiesige Schul- und Bildungssystem schon mal "erlitten" hat und mehr oder minder erfolgreich durchgeschleust worden ist. Aufgrund dieser Erfahrungen glaubt er oder sie auch, auch in den meisten dieser Fälle mitreden zu können.

So wie es hierzulande gefühlte achtzig Millionen Fußballtrainer gibt, die besser als der Bundesjogi wissen, wie man "Die Mannschaft" taktisch ausrichtet und aufstellt, so gibt es auch ebenso viele vermeintliche Lehrer, Psychologen und Erzieher, die wissen, was am Bildungs- und Erziehungssystem schief läuft, was eingeführt (Projektunterricht, Teamarbeit ... ) oder abgeschafft (Frontalunterricht, Strafen ...), verbessert (Lehrerausbildung, Digitalisierung ...) oder vernachlässigt (Gedichte, Einmaleins, Tafel, Kreid und Papier ...) werden sollte und müsste.

Kommentare lesen (163 Beiträge)
Anzeige