Der Weg in die "Digitale Gesellschaft" stockt

Alles erforschen und nutzen

Fakt ist, dass seit dem PISA-Schock zur Jahrtausendwende und der darauf folgenden "Testeritis" (IGLU, TIMMS, VERA ...) eine neue Reformwelle eingesetzt hat, die nicht nur das gesamte Bildungssystem erfasst und auf den Prüfstand gestellt hat, sondern auch noch jene in den Schatten stellt, die Anfang der 1960er mit dem "Sputnik-Schock", der "realistischen Wende" in den "Geistes-" bzw. Erziehungswissenschaften und der Gründung des "Deutschen Bildungsrates" ausgelöst wurde.

Seinerzeit, mit Beginn des Versuchs auch in Westdeutschland, Schule, Bildung und Erziehung mit empirischen Methoden und Verfahren zu erfassen und somit planbar zu machen, führte der Ruf nach "Ausschöpfen ungenutzter Bildungsreserven" und "Begaben von Begabungen", den vor allem die Bildungsökonomen Gerhard Picht und Heinrich Roth verlauten hatten lassen, dazu, dass auch jene Mädchen mit den 3K-Handicaps (Kirche, Küche, Kinder) entdeckt und eine gymnasiale Bildung zuteil wurde.

Fakt ist aber auch (so lobenswert der Gedanke "Bildung für alle" auch war und ist), dass mit diesem neuen Reformeifer ("Keiner darf zurückbleiben") mehr Probleme geschaffen als gelöst wurden. Beispielsweise wurde, um der Forderung der OECD nach mehr Abiturienten und Studienabgänger zu genügen, das Anforderungsniveau an weiterführenden Schulen und an Universitäten Zug um Zug gesenkt - und zwar in allen Bundesländern und in allen Schularten. Dies war schon deswegen nötig, um den einsetzenden Run auf weiterführende Schulen und höherwertige Schulabschlüsse, den die Erleichterung, Absenkung oder zuletzt gar vollkommene Aufhebung von Zugangsbeschränkungen ausgelöst hat, zu schultern. Schüler zunächst aufs Gymnasium und dann an die Universitäten zu locken, um sie dort dann kläglich scheitern zu lassen, macht schließlich keinen Sinn.

Dass rund ein Drittel aller Schüler und Studenten wegen dieser schleichenden Absenkung des Anforderungs- und Leistungsprofil falsch gelenkt werden und faktisch an der ihrer Begabung und ihren Talenten gemäßen Leistungsfähigkeit ungeeigneten Bildungsanstalt ihre "Ausbildung" machen und die Unternehmen und Betriebe zu teuren Nachschulungen zwingen, verwundert daher nicht.

Darum ist es nur konsequent, wenn Unterrichtsstoffe geglättet, Fächer gestrichen oder neu ins Programm aufgenommen wurden, Durchfallen und die Vergabe von Ziffernnoten zunehmend verboten werden, und man ganze Studiengänge verschult, modularisiert und den Erwerb von Abschlüssen und Zertifikaten an die Erringung von Credit-Points gebunden hat.

Und es ist, nach dieser Logik, nur konsequent, wenn die Politik, aufgeschreckt von hohen Abbrecherquoten offensichtlich dazu übergehen will, die Finanzierung der Hochschulen an erwünschte Absolventenzahlen zu binden, wodurch sie gezwungen werden sollen, Höchstquoten für diese Leute festzulegen (Nie mehr Abbruch).

Und Fakt ist schließlich auch, dass mit dieser Ausrichtung an PISA, seinen Testzyklen, Rankings und Vergleichsstudien, und der Anpassung an das angelsächsische Bildungsmodell, eine radikale Neu- und Umorientierung dessen passiert ist, was künftig an unseren Schulen und Akademien gelehrt und gelernt werden soll.

An die Stelle von Bildung und den Erwerb substanziellen Wissens ist die Vermittlung formaler Kompetenzen getreten, mithin von Fähigkeiten, die mit der Lebenswelt und dem Alltag, den Problemen, Bedürfnissen und Nöten von Schülern und Studenten zu tun haben oder auf sie anzuwenden sind, damit sie später, so die Erwartung, aufgrund dieser Eignung in die Lage versetzt werden, in bestimmten Situationen angemessene und verlässliche Entscheidungen zu treffen.

Der Vorteil dieser Transformation von Bildung auf Fertigkeiten, von Wissen auf Handeln, ist nach Meinung der Bildungsforscher, Bildungsplaner und der auf ihre Kompetenzen vertrauenden Bildungspolitiker, dass diese dann einer genaueren Bewertung und Bemessung zugänglich sind. Offensichtlich ist man der Meinung, dass dadurch Bildungsstandards objektivierbar bzw. operationalisierbar werden.

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