Der Weg in die "Digitale Gesellschaft" stockt

Wikipedia statt Geschichte

Neu ist das alles natürlich nicht. Schon die erste Bildungsoffensive speiste sich aus diesem Vertrauen an Empirie und Unterrichtstechnologie. Angehende Lehrer wurden mit Curricula und der Operationalisierbarkeit von Unterricht, der Zergliederung einer Unterrichtsstunde und deren Auffächerung in Feinziele, in objektive Prüfverfahren und Methodenkompetenzen vertraut gemacht und eingewiesen. Nach rund anderthalben Dekaden ruderte man wieder zurück, hielt das für zu technokratisch und stellte wieder die Wertevermittlung und Charakterbildung, die Lehrerpersönlichkeit, dessen Engagement und Ausstrahlung in den Mittelpunkt.

Im Klartext bedeutet diese Bildungsoffensive 2.0, dass es künftig unwichtig wird, welche Inhalte und Fächer, Namen und Themen gelehrt und/oder gelernt werden, sondern nur noch das Wie. Zumal sich Kompetenzen im Gegensatz zu Wissen und Bildung an beliebigen Gegenständen, Themen und Namen generieren lassen.

Verstehen und Wahrnehmen, Beobachten und Erkennen, Kreieren und Reflektieren lässt sich bekanntlich Vieles und alles Mögliche. Dazu braucht man weder ganze Bücher zu lesen noch eigene Ideen zu entwickeln oder gar Epochen, Ereignisse oder Theorien zu kennen, um sie ein- oder zuordnen zu können. Dafür genügen Auszüge, Zusammenfassungen und Konglomerate und zu wissen, wo und wie ich im Internet dazu etwas finde.

Wer aber nicht gelernt hat, in Zusammenhängen zu denken, und nur mit Problemlösen befasst war, wer kein substanzielles Wissen sein eigen nennen kann, beispielsweise wenig oder gar keine Ahnung von Kultur, Geschichte und Tradition hat und auch mit Literatur, Kunst und Religion nichts anfangen kann, dem helfen bei all diesen Tätigkeiten weder Google und Wikipedia noch das Internet oder die geschickte Handhabung mit Apps, Word oder Excel weiter.

Darum kann auch die Pressemitteilung, die die InitiativeD21, ein deutsches Non-Profit Unternehmen mit Sitz in Berlin, das sich für eine "gemeinsame digitale Zukunft" stark macht, vor ein paar Tagen herausgegeben hat, nicht wirklich überraschen.

Schon länger wird von Medienfirmen wie dem Burda-Konzern, von Computerherstellern wie Apple und von Softwaregiganten wie Microsoft, Google und Co. bemängelt, dass die Bestückung und Vernetzung von Schulen mit Smartboards und Laptops, Tablets und Programmen zu langsam voranschreite, die Infrastruktur (Breitband) dafür nicht vorhanden ist und der Unterricht immer noch zu stark auf die Handhabung von Büchern und Heften, Papier und Schreibstift, Tafel und Kreide abgestellt werde.

Längst würden sie sich wünschen, dass Kommunen, Städte und Gemeinden mehr Eifer und Tempo an den Tag legten, noch mehr Initiative zeigten und ergriffen und diesbezüglich größere finanzielle Anstrengungen unternähmen, die Klassenzimmer mit entsprechenden digitalen "Zeugs" auszustatten. Auch die Aus- und Fortbildung des unterrichtenden Personals, die dem seit Jahren hinterherhinkt, ist ihnen immer wieder ein Stein des Anstoßes und den Firmen ein Dorn im Auge.

Kommentare lesen (164 Beiträge)
Anzeige