Kulturtechniken fehlen

Viel wichtiger als die gekonnte Handhabung digitaler Geräte, von PCs, Tablets und Smartphones, ist das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Das sind nach wie vor die grundlegenden Kulturtechniken. Beherrsche ich sie nicht, kann ich auch mit Textverarbeitung und Tabellenkalkulationen nichts anfangen. Auch jede Recherche im Internet oder jede bunte Power-Präsentation bleibt Stückwerk, wenn ich nicht gut gelernt habe mit Texten, Namen und Theorien umzugehen.

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Genau das vermitteln Schulen, angefangen von der Grundschule, immer weniger und seltener. Und gerade darauf, auf die korrekte Schreibung von Buchstaben, das Erlesen und Verstehen eines Textes, das Rezitieren von Gedichten, die Zu- und Einordnung geschichtlicher Namen und Daten, das Erlernen des kleinen und großen Einmaleins, die Vorstellung von Zahlen und ihren Verhältnissen und die Einübung und Festigung von Rechenverfahren, wird viel zu wenig Wert gelegt. Zumal die Schule bekanntlich Spaß machen darf und Freude vermitteln soll und muss, und Anstrengung und Verzicht weder auf der Agenda noch hoch im Kurs stehen.

Stattdessen werden reichlich Ideologien gepflegt, wie etwa eine gesunde Ernährung oder ein gesundes Frühstück auszusehen habe, wie die Umwelt zu schonen, Energie einzusparen und das Klima zu schützen sei, oder warum ein fairer Handel mit anderen Ländern und Kulturen moralisch geboten sei.

Auch läuft man ständig irgendwelchen Moden und Trends hinterher, im (Irr)Glauben, Schule, Unterricht und Lernen dadurch spannender und attraktiver zu machen. Seitdem wird, weil Kinder keinen Felgumschwung, keine Rolle rückwärts oder Hocke über das längsgestellte Pferd mehr hinkriegen und sie das mehrminütige Laufen für öde und zu mühevoll finden, nicht mehr an Geräten geturnt, sondern getanzt, nicht mehr Haltung und Ausdauer trainiert, sondern jongliert. Dass das Interesse daran ebenso schnell erliegt wie es gekommen ist, tut dabei nichts zur Sache.

Oder es werden unsinnig Zeitbudgets, Stundendeputat und Personal gebunden und verplempert, die besser anderweitig platziert wären. Bestes Beispiel dafür ist der verpflichtende Fremdsprachenunterricht in der Grundschule. Seit einiger Zeit wird Englisch schon in der Grundschule gelernt, obwohl Studien besagen, dass das dieser Unterricht nur dann etwas bringt, wenn zuhause ein Ansprechpartner zur Verfügung steht, der das Sprechen mit dem Kind weiter intensiv übt. Das ist aber bekanntlich in den allerwenigsten Fällen der Fall.

Für einen guten und erfolgreichen Unterricht ist nach wie vor der persönliche Umgang und Bezug zu der Lehrperson unumgänglich. Engagierte Lehrer und Professoren, die Ahnung von ihrem Fach haben, den Stoff gut vorbereiten, die Zuhörer dafür begeistern können und es obendrein verstehen, ihn ansprechend und verständlich aufzubereiten und zu vermitteln, sind viel wichtiger als zu wissen, wie man eine Power-Point Präsentation generiert, eine Excel-Datei anlegt oder ein ansprechendes Handout generiert. Das lernt man auch zu Hause, im eigenen Stübchen und mit Gleichaltrigen. Zu glauben, dass man das alles in der Schule lernen müsste, ist ein Irrglaube, der anscheinend nur schwer auszurotten ist. (Rudolf Maresch)

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