Der Weise aus Tibet zu den Flüchtlingen: "Es sind zu viele"

"Deutschland kann kein arabisches Land werden" - der lächelnde Dalai Lama über die Flüchtlingskrise, die CIA in Tibet und seinen Freund George W. Bush

Am Ende der Schlagzeilen-Bemerkung des Weisen aus Tibet steht das für ihn typische: "lacht". Seine Äußerung ist irritierend, weil sie sich mit einfachen Worten in eine komplizierte Debatte einmischt. Naiv oder einfältig, werden die einen sagen, andere werden sie begeistert aufgreifen, passt sie doch zu den Überfremdungs- und Invasionsängsten der Abendland-Gemeinde. Neue Anhänger bei dem ihm kritisch gesinnten Milieu der Linken wird der Dalai Lama jedenfalls dafür nicht finden. (Aber die braucht er auch nicht, könnte man lachend hinzusetzen).

"Europa, zum Beispiel Deutschland, kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland", sagte seine Heiligkeit der FAZ. Es seien so viele, "dass es in der Praxis schwierig wird", setzt er seinen Gedankengang fort, um dann einen Stock höher zu steigen, in die moralische Sphäre:

Auch moralisch gesehen finde ich, dass diese Flüchtlinge nur vorübergehend aufgenommen werden sollten. Das Ziel sollte sein, dass sie zurückkehren und beim Wiederaufbau ihrer eigenen Länder mithelfen.

Von religiösen Vertretern ist man im christlichen Abendland anderes gewohnt. Keine solchen Relativierungen der Barmherzigkeit jedenfalls. "Unerwartet" nennt auch die FAZ die Aussagen des "höchsten Trülku innerhalb der Hierarchie der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus" (Wikipedia) zur Flüchtlingskrise.

Zwar spricht der Dalai Lama das große Thema des Buddhismus, das Leiden, und das Mitgefühl dafür an, sobald er zur Flüchtlingskrise loslegt, schulmäßig ideal aufmerksam auf die konkrete Erfahrung bezogen und die Verpflichtung bedenkend: "Wenn wir in das Gesicht jedes einzelnen Flüchtlings schauen, besonders bei den Kindern und Frauen, spüren wir ihr Leid. Ein Mensch, dem es etwas besser geht, hat die Verantwortung, ihnen zu helfen."

Aber er weiß auch, als Pragmatiker, wo praktisch Schluss ist:

Andererseits sind es mittlerweile zu viele.

Das Lakonische liegt ihm. Was er auch mit seiner Tl;dr-Zusammenfassung der Konflikte im Nahen Osten veranschaulicht:

Es sind muslimische Individuen und kleine Gruppen, die sich in ihren eigenen Ländern gegenseitig umbringen. Schiiten, Sunniten. Sie repräsentieren nicht den gesamten Islam und nicht alle Muslime.

Die Liebe ist bei jeder Religion die Kernbotschaft, so des Weisen Schluss: "auch im Islam". Das nun dürfte vielen Rechten nicht passen.

George W. Bush - "Deshalb besser keine Gewalt"

Interessant, was den Naivitätsvorwurf an den tibetischen Buddhisten-Chef angeht, sind ein paar Bemerkungen, die er in dem Gespräch mit der bürgerlichen Zeitung zu den Aufständen in Tibet macht. Kritiker hatten ihm immer wieder vorgeworfen, dass er beim Konflikt der Tibeter mit China eine nicht ganz so heilige Rolle spielte.

In seinen Äußerungen räumt er nun, dass die CIA beim Aufstand 1958 mitgemischt hat "und einige Leute ausgebildet" habe. Auch von Waffenlieferungen ist in diesen Zusammenhang die Rede, ohne dass er hier allerdings einen direkte Zusammenhang mit der CIA herstellt. Er selbst distanziert sich: "Ich dachte, ein paar Bazookas bringen nicht viel. (lacht)" Drei Mal betont er in dem kurzen Passus, dass er damit nichts zu tun hatte. Sein älterer Bruder habe das gemacht. Eine kontroverse Figur, nennt er ihn.

Foto aus dem Jahr 2007. Bild: White House/gemeinfrei

Das kann man auch über George W. Bush sagen, den seine Heiligkeit als Freund bezeichnet. Auf ihn kommt er bei der Frage zu sprechen, die von ihm wissen will, ob es Umstände für eine legitime Anwendung von Gewalt gebe.

Ja, antwortet der Dalai Lama und nennt dafür zwei Bedingungen: Dass es keine andere Wahl gibt und dass Mitgefühl die Motivation dafür abgibt - theoretisch. Praktisch sei es aber besser, Gewalt zu vermeiden, weil das sicherer sei, wie er am Beispiel des Irakkriegs, den George W. Bush begonnen hat, darlegt. Auch hier mit einer eigentümlichen Simplifizierung der Dinge und einem Glauben, den nicht jeder teilt:

Seine Motivation (George W. Bushs, Einf. d.A.) war sehr aufrichtig. Er wollte Demokratie in den Irak bringen. Eine Person eliminieren. Er benutzte Gewalt. Die Folgen waren negativ. Gewalt ist unberechenbar. Deshalb besser keine Gewalt.

(Thomas Pany)