Der Weltuntergang als Fallbeispiel

Unser immer komplexeres sozioökonomisches System ist laut David Korowicz zunehmend in Gefahr, schwere "systemische" Schocks nicht mehr beherrschen zu können

Während Deutschland und Österreich noch um Regierungsmehrheiten und Arbeitsprogramme ringen, erinnert David Korowicz einmal mehr an weltweit verdrängte Probleme, die anscheinend derart gravierend und unlösbar sind, dass sie erst gar nicht angegangen werden. Was der gelernte Physiker und Direktor des irischen Risk/Resilience Network schon länger ohne viel Widerhall thematisiert, klingt tatsächlich recht weit hergeholt. Und wäre seine Argumentation nicht systemtheoretisch stabil fundiert, könnten seine Thesen leicht in die Sphäre der hysterischen Weltuntergangsprognosen verschoben werden, wie sie gemeinhin von religiös motivierten Weltuntergangspropheten oder den Vermarktern von Survival-Kits, Investitionen in physisches Gold und Atomschutzbunkern verbreitet werden.

In seinem neuen Paper "Catastrophic Shocks Through Complex Socio-Economic Systems: A Pandemic Perspective" erneuert Korowicz nun jedenfalls seine Warnungen vor der zunehmenden systemischen Verletzlichkeit unseres Wirtschaftssystems. Dazu spielt er am Beispiel einer schweren Pandemie die gravierenden Folgen durch, die eine Unterbrechung unserer heutigen sozioökonomischen Normalität weltweit haben könnte, würde sie lange genug andauern, um die systemimmanenten Stabilisatoren zu überwinden und das seit 200 Jahren mehr oder weniger stabile sozioökonomische System sozusagen über die Klippe werfen.

Dazu betrachtet er die globalisierte Wirtschaft als "komplexes adaptives System" (CAD), das weltweit Menschen, Güter, Fabriken, Dienstleistungen, Institutionen und Rohstoffe dynamisch verbindet. Dieses System befindet sich zwar nicht im Gleichgewicht, definiert sich aber durch eine Reihe von Charakteristika, die sich innerhalb bestimmter Abweichungen um einen Mittelwert bewegen und über einen langen Zeitraum Bestand hatten. Dazu gehört etwa das jährliche Wachstum des Welt-Sozialprodukts, das sich seit annähernd 200 Jahren in der Gegend von 3,5 Prozent bewegt.

Dieses Wachstum korreliert mit der selbstorganisierten Zunahme sozio-ökonomischer Komplexität, die Korowicz anhand folgender Parameter festmacht: der Zahl der interagierenden Teile (nodes), deren Verbindungen (edges), dem Niveau an Abhängigkeit zwischen den Nodes, sowie der Geschwindigkeit, Effizienz, Konzentration und Delokalisation der Prozesse, wobei eine kleine Zahl an Knoten eine weit überproportionale Bedeutung für die Funktion des (Wirtschafts-)Systems besitzen. So sind Banken beispielsweise nicht gleichmäßig miteinander vernetzt, sondern eine sehr kleine Zahl großer Banken ist mit einer sehr großen Zahl an weiteren Banken verbunden, die ihrerseits nur in geringem Ausmaß untereinander vernetzt sind. Ähnlich beobachte man dies auch bei kritischer Infrastruktur und Handelsnetzwerken.

Besonders problematisch erscheint Korowicz dabei die heute weltweit zunehmend übliche Just-in-time-Produktion in internationalen Lieferketten, bei denen aus Effizienzgründen immer niedrigere Lagerbestände an kritischen Inputs vorgehalten werden und der Ausfall eines einzigen kritischen Bestandteils die gesamte Produktion stocken lassen könnte.

Dieses Wachstum der Wirtschaft und der Komplexität habe nun einerseits etliche Risiken erheblich verringert. Lokale Ernteausfälle führen dadurch nicht mehr zu Hungersnöten (zumindest im "Zentrum"), sondern diese Risiken werden nun global verteilt und aufgefangen. Ebenso kann das System kritische Infrastruktur wie Trinkwasser- und Energieversorgung zu erschwinglichen Preisen bereitstellen und global verteilen, was für die Absicherung finanzieller Risiken gilt, die heute global verteilt werden. Die Kehrseite der Medaille bestehe heute allerdings nicht nur aus dem Too-big-to-fail-Status einzelner Finanzinstitute, sondern aus einer generellen globalen Überschuldung, die ohne hohe Wirtschaftswachstumsraten nicht aufrechterhalten werden kann. Eintretende Schocks könnten sich zudem augenblicklich über Ansteckungseffekte weltweit verbreiten.

Angesichts der Vielzahl an kritischen Abhängigkeiten sei nun vor allem bemerkenswert, wie verlässlich und selbst-stabilisierend dieses System auch bei massiven Störungen der Güter und Dienstleistungsströmungen funktioniert. Das habe sich zuletzt etwa nach dem schweren Tsunami in Japan, dem Vulkanausbruch in Island oder bei der Treibstoffblockade in Großbritannien im Jahr 2000 gezeigt, als es jeweils zwar zu schweren lokalen Problemen gekommen ist und aufgrund der Unterbrechung globaler Lieferketten weltweit zwar einige Fabriken schließen mussten, die negativen Effekte sich aber nicht verstärkt und global ausgebreitet hatten, sondern selbst die lokalen Wirtschaftssysteme rasch wieder normal funktioniert hatten.

Korowicz zufolge sei indes nicht davon auszugehen, dass das auch bei künftigen Schocks der Fall sein werde. Vielmehr zeigten eine Vielzahl komplexer Systeme die Eigenschaft, sehr schnell in einen neuen Zustand überzugehen, sofern eine bestimmte Schwelle überschritten wird. Was ein System verkraften kann, hänge davon ab, wie sehr es bereits gestresst ist.

Korowicz untersucht nun beispielhaft, welche Folgen eine schwere Grippe-Pandemie, die mit jener nach dem 1. Weltkrieg vergleichbar wäre, haben könnte. Sie hatte damals zu erheblichem Absentismus, d. h. der Abwesenheit vom Arbeitsplatz vieler Arbeitskräfte, geführt. Er geht von eine zehn bis fünfzehn Wochen andauernden Grippewelle aus, die in der milderen Variante für zwei bis vier Wochen zu 20 Prozent Abwesenheit vom Arbeitsplatz führt und in der schweren Variante in der Spitze 40 Prozent Absentismus verursacht, der daraufhin für vier bis acht Wochen bei über 20 Prozent verharrt. Was daraus resultiert, werde nun von einem einfachen Prinzip, dem Liebigschen Minimumgesetz bestimmt, wonach die Produktion stets von dem "kritischen Faktor" beschränkt wird, der am knappsten ist. Es käme also selbst bei einem Überfluss an allen anderen Produktionsfaktoren zu Ausfällen, wenn auch nur ein einziger kritischer Faktor fehlt.

Overall, we are saying the longer a socio-economic system spends in the critical regime, the more likely it is to undergo a complete systemic collapse and loss of basic function. In addition, the longer it spends in this state, the more difficult it may be to ever return to its pre-pandemic state.

Korowicz

Während ein großer Teil der Arbeitskräfte im Krisenfall für die laufende Produktion vielleicht gar nicht benötigt wird, von zu Hause arbeiten könnte oder leicht zu ersetzen wäre, werden bei den komplexeren Produktionen Experten benötigt, die nicht so einfach ersetzt werden könnten. Ohne diese wäre die Produktion aber nicht aufrecht zu erhalten, wobei in den jeweiligen Unternehmen auch nur geringe Ersatzkapazitäten (Redundanz) bestehen. Je höher nun die Absentismus-Rate und je niedriger die Redundanz ist, umso höher wäre also die Wahrscheinlichkeit eines Produktionsausfalls.

Angenommen in einer Fabrik mit Hunderten an Arbeitsplätzen gäbe es sechs unabhängige, aber kritische Spezialistenrollen, für die jeweils ein Ersatzmann bereitsteht (= 100% Redundanz). Bei 20 Prozent Absentismus ergibt sich daraus eine 20prozentige Chance, dass eine kritische Kraft samt ihrem Ersatz ausfällt, woraufhin die gesamte Produktion stillstehen würde und auch alle anderen Beschäftigten zuhause bleiben könnten. Daraus entstünde ein indirekter Absentismus, der umso stärker wird, wenn dieser Ausfall Produkte betrifft, die für andere Unternehmen kritische und schwer ersetzbare Inputs darstellten, woraus ein "Kaskadeneffekt" resultieren könnte. Weil die meisten Produktionen aber nicht kritisch und leicht ersetzbar sind, bedürfte es folglich einer gravierenden Unterbrechung, die sich auf global relevante "Hubs" erstrecken müsste, um diesen Effekt zu verursachen. Wie aber das Beispiel der Treibstoffblockade in Großbritannien zeigt, ist dabei zudem der Zeitfaktor von enormer Bedeutung.

Damals hatten über steigende Dieselpreise verärgerte Trucker Raffinerien und Tankstellen blockiert, wodurch nach zwei Tagen rund die Hälfte der Tankstellen schließen musste und es in der Industrie zu energiebedingten Ausfällen kam. Dadurch kamen Arbeitskräfte nicht mehr an ihre Arbeitsplätze und einige Unternehmen mussten den Betrieb einstellen, was rasch "systemische Effekte" zeigte. Als die Blockade nach fünf Tagen beendet wurde, war den Supermärkten bereits die Ware ausgegangen, große Teile der Produktionsindustrie musste schließen, die Spitäler boten nur noch Notfalldienste an, die Bankomaten waren leer und auch der Postdienst war zusammengebrochen. Während Supermärkten und Tankstellen von Panikkäufen geleert worden waren und der nationale Produktionsausfall schon nach dem ersten Blockadetag auf zehn Prozent geschätzt wird, war der der kommerzielle LKW-Verkehr selbst am Höhepunkt der Krise tatsächlich nur um zehn bis zwölf Prozent zurückgegangen.

Ähnlich waren die Folgen auch bei einem Trucker-Streik in Südafrika, wo nach einer Woche die Bankomaten leer und die Tankstellen großräumig geschlossen waren. Ein Report des britischen Thinktanks Chatham House, der den Effekt des isländischen Vulkanausbruchs untersucht hatte, kam dann auch generell zu dem Schluss, dass die maximale Toleranz der Just-In-Time-Wirtschaft bei einer Woche liege und daraufhin weitreichende Schließungen folgen würden. Damit nicht genug, hatten zudem etliche Unternehmen angegeben, sie hätten Monate zur Erholung gebraucht, wenn die Unterbrechung nur ein paar Tage länger angehalten hätte.

... many [of the businesses surveyed] said that had the disruption continued just a few days longer, it would have taken at least a month for companies to recover.

Chatham House

Demnach würden sich derartige Schocks in ihrer ersten Woche relativ langsam durch die Lieferketten und die Wirtschaft arbeiten, gewännen dann aber rasch an Dynamik, wobei die Wirtschaft mit ihrer Fortdauer immer länger brauche, um sich zu erholen - selbst wenn der ursprüngliche Anlass längst bereinigt wurde. Es sei wie bei einem Herzinfarkt: Innerhalb einer kurzen Zeitspanne wäre es möglich, das System wiederzubeleben, würde aber ein bestimmter Punkt überschritten und zu viele wichtige Systeme geschädigt, werde eine Rückkehr zum alten Zustand unmöglich und wäre der Patient tot. Analog dazu könnte auch unser an relativ stabiles Wirtschafts- und Komplexitätswachstum gewöhntes System durch einen systemischen Kollaps dauerhaft in einen neuen Zustand übergehen, was krisenhaft erfolgen würde und unabsehbare Konsequenzen hätte.

Um dieses Risiko zu lindern, wäre es laut Korowicz also erforderlich, den kritischen Systemen mehr Redundanz zu verschaffen und deren wechselseitige Abhängigkeiten zu verringern. Ebenso müssten die Systeme zur Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse vereinfacht und dezentraler gestaltet werden, wobei generell auf allen Ebenen größere Puffer aufgebaut werden müssten. Da aber all dies nur auf Kosten der Effizienz und von individuellen Wettbewerbsvorteilen erfolgen könnte, läuft die Entwicklung genau in die Gegenrichtung, was die Risiken bis zur Unbeherrschbarkeit ansteigen lasse.

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