Der Wurm, wie er in die Welt kam

Bild: magnolia pictures

Der Dokumentar-Thriller "Zero Days": Fetzen des Stuxnet-Codes, Erklärungen des CIA und der Cyberwar in einem journalistischen Blockbuster

Wikileaks-Informanten, Ex-Scientologen, Enron-Insider und Whistleblower: Alex Gibney hat in seiner Karriere als Dokumentarfilmer eine ordentliche Bandbreite von Gesprächspartnern vor seiner Kamera zum Reden gebracht. In seinem jüngsten Film Zero Days findet diese Redseligkeit ein plötzliches Ende. "No comment" lautet das Mantra, das Gibney bei der Erwähnung des Computerwurms Stuxnet entgegen hallt. Um dieses Schweigegelübde zu umgehen, holt Zero Days erst einmal kräftig aus.

Gibney entfacht die Lunte seiner Erzählung vom digitalen Großbrand, der 2010 in Gestalt des Wurms Stuxnet über Computer in der ganzen Welt fegt, mit Hilfe der Sicherheitsexperten von Symantec, Langner und Kaspersky. Sie arbeiten als Talking Heads die enorme Informationsdichte des Films auf: von der Entstehung bis zur Verbreitung der wohl berüchtigtsten Malware der Welt. Erstmals entdeckt wird Stuxnet vom weißrussischen Anti-Virus-Experten Sergey Ulasen, als der Wurm im Jahr 2010 bei einem seiner Kunden im Iran für unerklärte Computerabstürze sorgt.

Bild: magnolia pictures

Bei der kollektiven Analyse des Wurms innerhalb der IT-Sicherheitscommunity wird schnell klar, dass es sich bei der Stuxnet getauften Malware nicht bloß um einen Lausbubenstreich eines Hackers handelt. Die Verbreitung via Zero-Day-Exploit, die Komplexität des Programmcodes und der vorwiegende Wirkungsraum des Wurms im Iran deuten schnell auf einen staatlich organisierten Cyberangriff hin. Stuxnet betritt als staatliche Geheimoperation die Weltbühne, statt wie geplant hinter dem Vorhang zu agieren.

"Zero Days" beleuchtet nicht nur den Auftritt des Stuxnets, sondern lüftet gleich dazu den Vorhang, hinter dem sich seine Wirkungsmechanismen verbergen. Mit einer kleinen Vorführung, in der die Mechanismen des Wurms einen Luftballon zum Platzen bringen, zeigt der Film, wie Stuxnet in die physische Welt eingreift.

Ein Zaubertrick, mit dem die Malware die Steuermechanismen der Uranzentrifugen der iranischen Nuklearanlage von Natanz zerstörte. "The Worm is loose!", kommentiert es Michael Hayden im Film fröhlich, bevor er einen kräftigen Schluck aus seiner Soda-Dose nimmt. Der routinierte und redselige Ex-CIA/NSA Chef weiß, dass der Einsatz der Malware nur Teil einer größeren Operation war, die weit über die Manipulation einiger Anreicherungszentrifugen hinaus reicht.

Bild: magnolia pictures

Die Whistleblower aus den Reihen der NSA, die Gibney in Gestalt einer digital unkenntlich gerenderten Schauspielerin auf der Leinwand erscheinen lässt, bestätigen das. "Olympic Games" nennen die NSA-Insider den Stuxnet-Angriff. Im Vergleich zur Operation "Nitro Zeus", die als allumfassender Cyberangriff auf den Iran(USA plante umfassenden Cyberangriff auf Iran konzipiert wurde, erscheint dieser wie harmloses Würmchen. Zero Days folgt der Spur von "Nitro Zeus", unterlegt vom Rhythmus dunkler Saitenklänge.

Wie dumpfe Kriegstrommeln treiben sie die gewaltige Informationsdichte vor sich her, mit der Gibneys Doku-Thriller aufwartet. "Zero Days" formuliert ein Menetekel des Cyberwars im Informations-Staccato. Die Manipulation der digitalen Infrastruktur bringt tödliche Folgen in der physischen Welt mit sich. 0 und 1 sind zur vierten Säule des Krieges im 21. Jahrhundert und damit zur reellen physischen Bedrohung geworden, deren Geheimhaltung ein Wettrüsten (Beim Cyberwar-Wettrüsten herrscht gefährliche Geheimhaltung) unbekannten Ausmaßes nach sich zieht. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

So sehr Gibney die Ergebnisse seiner umfassenden Recherchearbeit dramaturgisch zu einer spannenden Erzählung zu komprimieren vermag, so wenig interessieren ihn dabei weitere Ebene des Dokumentarfilms. Filmsprache ist in "Zero Days" gleichbedeutend mit Illustration. Die Bilder des Films, die nicht von den Talking Heads besetzt werden, füllt Gibney mit animierten Fetzen des Stuxnet-Codes auf, die planlos durch den Kader schweben. Ebenso einfallslos wirken die pseudo-militärischen Landkarten, deren digital gerenderte, grün-schwarze Oberflächen von den roten Verbreitungslinien des Wurms überzogen werden.

Abseits der formalen Monotonie bleibt Zero Days ein journalistischer Blockbuster. Gibney schlägt die apokalyptischen Töne des kalten Krieges an, die mitunter an John Badhams "WarGames" erinnern, ohne den rationalen Tenor gänzlich abzulegen. Er versteigt sich nicht auf Verschwörungstheorien und Propaganda, sondern konzentriert seine umfassenden Enthüllungen auf ein Plädoyer für einen offenen Diskurs über den Einsatz der digitalen Tötungsmethoden.

Es gibt kein zurück mehr im digitalen Konflikt, will uns Gibney sagen. Wir töten auf der Basis von Metadaten - Der Cyberwar ist physische Realität geworden. Ob und wann dafür internationale Abkommen geschaffen werden, steht in den Sternen. Vorerst bleibt die einzige Antwort auf diese Frage "no comment". (Karsten Munt)

Anzeige