Der Zauberer der schwarzen Scharen

Julius Evolas Revolte gegen die moderne Welt

Ist Baron Julius Evola ein Philosoph für den Giftschrank oder der letzte und zu Recht legendäre Lehrer einer ewigen Weisheit? Ist der rechte Kulturkritiker und Esoteriker wirklich ein Fall für den Giftschrank, so müssen die Alarmglocken klingeln. Die Tür ist nämlich aufgebrochen, die Werke des umstrittenen Weisen sind in den Händen einer neuen Generation. Am rechten Rand der Darkwave-Szene etwa, wo erstmals rechtsextrem-antihumanistische Inhalte mit einer ästhetisch ansprechenden und differenzierten musikalisch-kulturellen Vermittlung verbunden werden, finden die Ideen des "faschistischen Gurus" (Umberto Eco) verstärkt Aufmerksamkeit.

Julius Evola 1973

Julius Evola wird 1898 in Rom geboren. Den 1. Weltkrieg erlebt er als Artillerieoffizier. Danach treibt er sich in den Kreisen des Dadaismus herum. Frucht dieser Zeit sind Gemälde, Gedichte und theoretische Texte zu der neuen avantgardistischen Kunstrichtung. Heute hängt eines der Bilder in der Nationalgalerie für moderne Kunst in Rom.

Evola entwirft später eine Theorie des absoluten Ichs, die sich unter anderem an den Ego-Philosophen Max Stirner, an Nietzsche und Oswald Spengler anlehnt. Schließlich stößt er auf René Guénon, einen Orientalisten und konservativen Esoteriker der sogenannten traditionalen Schule, dessen Gedanken für Evola ein lebenslanger Leitstern werden. Schon früh an Esoterik interessiert, wendet er sich mehr und mehr der Welt der Magie und der Mythen zu. In seinen Büchern entfaltet er seine unorthodox-orthodoxe Sicht auf Geist und Geschichte.

Der Titel seines Hauptwerkes von 1934 könnte als Überschrift über Evolas Leben und Wirken stehen: "Revolte gegen die moderne Welt". Hier ist er von der modernen Sicht der Vergangenheit so weit entfernt wie möglich. Sieht das Denken seit der Aufklärung Geschichte gewöhnlich als Fortschritt, als Evolution zum wenigstens Besseren, so stellt sich die Sache für den Baron im genau umgekehrten Lichte dar. Die Wegmarken zur Moderne, wie die französische Revolution und die Aufklärung, das Ende des Feudalismus und die Demokratien, natürlich vor allem auch die Arbeiterbewegung, Sozialismus und Feminismus, sind ihm Fäulniszeichen, Signaturen des fortschreitenden Verfalls einer ursprünglichen und quasi gottgewollt hierarchischen Ordnung.

Evola sah sein gesellschaftliches Ideal eines rigiden Kastensystems mit einem spirituellen Kriegerfürstentum an der Spitze zuletzt noch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wenigstens ansatzweise verkörpert. Mit Reformation und Renaissance geht danach der Ansturm des Pöbels gegen die legitime Ordnung weiter. Nur noch ein Häuflein Eingeweihter, Söhne des Lichts quasi, bewahrt schließlich im Meer des Chaos und der humanistisch-egalitären Dunkelheit der Moderne die ewige Flamme der Tradition.

Auch im politischen Raum verwechselt der Baron Licht und Finsternis. Das macht sein Engagement in der faschistischen Bewegung Italiens deutlich. Er gehört teilweise zu ihren Theoretikern, obwohl zwischen dem elitären Aristokraten und der populistischen Massenbewegung immer auch Distanz bleibt. Seine Begeisterung für das Preußentum verführt ihn sogar dazu, in der SS zeitweise eine Fortführung der geistlichen Ritterorden und den soldatisch-spirituellen Kern eines zukünftigen Europas zu sehen.

Nach dem Krieg und dem Ende der europäischen Faschismen sind alle Hoffnungen des Alten auf politische Veränderung zerschlagen. Durch eine Kriegsbombe für den Rest seines Lebens ans Bett gefesselt, denkt Evola in seinem Alterswerk Cavalcare la Tigre (den Tiger reiten) darüber nach, wie ein Anhänger der Tradition nach dem absoluten politischen Scheitern weiter leben kann. Er entwickelt das Konzept der Apoliteia. Der "anders seiende Mensch" der Tradition soll, wie es die Titelmetapher verdeutlicht, im Trubel der modernen Welt mitschwimmen, ohne in seiner spirituellen Substanz von ihr tangiert und verunreinigt zu werden. Obwohl eine solche Haltung eher auf eine Art innere Emigration hinzudeuten scheint, haben viele in dem Buch ein Handbuch für militante Rechte erkannt und in Evola, der 1974 starb, einen der wesentlichen Ideengeber des neofaschistischen Terrorismus Italiens.

Natürlich sind viele der enthusiastischsten seiner heutigen Jünger ebenfalls dem Rechtsextremismus zuzuordnen. In Italien befruchten die Bücher des "Marcuse der Rechten" Aktivisten der "postfaschistischen" Alleanza Nazionale, der neofaschistischen Forza Nueva und der faschistischen Kleingruppen. In deutschen Landen gehören etwa Intellektuelle aus dem Umfeld der nationalkonservativen bis rechtsradikalen Wochenzeitung Junge Freiheit zu seinen Fans. Der Zauberer der schwarzen Scharen inspiriert neurechte Kulturrevolutionäre wie die Gruppe um die Zeitschrift Hagal oder die Aktivisten des Think-Tanks Thule Seminar.

Evolanischer Hausphilosoph praktisch aller Fraktionen ist im deutschen Sprachraum der Wiener Martin Schwarz. Schwierigkeiten mit der Demokratie haben auch einige Kinder der "schwarzen Szene", die düstere Sounds zu den Untergangsphantasien des Italieners produzieren. Die Herausgeber von Sigill (inzwischen Zinnober), dem Zentralorgan der subkulturellen Rechtsästheten, brachten auf ihrem Label Eis und Licht 1998 eine CD-Compilation, völkisch korrekt als "Lichtscheibe" designiert, zum 100. Geburtstag des esoterischen Rechtauslegers heraus. Hier erweisen Musikgruppen wie Von Thronstahl, Allerseelen oder Orplid ihrem Meister die Reverenz.

Neben der rechten Rezeption wird Evola aber auch im esoterischen Mainstream mehr und mehr wahrgenommen. So erscheinen seine Werke in den USA inzwischen bei einem der führenden einschlägigen Verlage, bei Inner Traditions. Hier wird das politische Engagement Evolas wohl eher als Ausrutscher gesehen und die Substanz seiner esoterischen und kulturkritischen Werke jenseits der zeitlichen Belange betont. Diktatoren und totalitäre Regime haben auch viele literarische und intellektuelle Vorsänger der Linken legitimiert, deren Werk man trotzdem einen Wert über den Tag hinaus zubilligt, so könnte die Argumentation hier lauten.

Ein wesentliches Faszinosum am evolanischen Oeuvre ist sicher der elitäre Zug. Der Evolaner hat den dummen Massen die überlegene Sicht auf den wirklichen Verlauf der Geschichte, auf unbekannte und unterirdische Zusammenhänge, die die Welt bewegen, voraus. Das wirkt auf Leute, die Defizite kompensieren müssen, wie Champagner. Es ist zu vermuten, dass die traditionelle Szene, ob politisch oder nicht, eher von solchen Charakteren verstärkt wird, als von den ritterlichen, in sich selbst und der Transzendenz ruhenden spirituellen Übermenschen, die Evolas Werk als Ideal bevölkern.

So werden dem Zauberer die Jünger wohl nicht ausgehen. Dass die moderne Welt nicht eines Tages gegen Evola und seine Jünger revoltieren muss, dafür sorgen hoffentlich die Menschen, die ihr etwas mehr abgewinnen können. (Dietmar Gottfried)

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