Der "Zombie-Effekt" im Hotspot

In manchen amerikanischen Cafés mit einem WiFi-Zugang sollen sich zunehmend mehr Menschen zum Unmut der Besitzer und anderer Gäste aufhalten, die stundenlang und schweigsam vor ihren Notebooks sitzen

Cafés sind Orte, die zumindest auch der sozialen Geselligkeit dienen. Das könnte sich mit der Einführung von WiFi und Notebooks zu verändern. Um nicht ganz alleine, sondern zumindest im Gefühl unter anderen Menschen in der Öffentlichkeit in einer angenehmen Umgebung zu sein, setzen sich immer Menschen mit ihrem Arbeitsgerät in Cafés. Sie schauen nicht nur mal kurz nach neuen Emails oder nach Nachrichten, sie gehen teilweise auch ganz einfach ihrer Arbeit im WiFi-Café-Büro nach. So berichtet Glenn Fleishman in dem Blog Wi-Fi Net News, dass Victrola, ein Kaffeehaus in einer belebten Straße voller Geschäfte und Restaurants in Seattle, das seit Jahren einen WiFi-Zugang anbietet, diesen nun am Wochenende abdreht. Mitbesitzerin Jen Strongin sagte, dass der Internetzugang zunächst mehr Kunden ins Café geführt, aber dass sich seit einiger Zeit eine unerfreuliche Veränderung im Verhalten der Gäste bemerkbar gemacht habe.

Zuvor hätten die Menschen sich unterhalten, auch Fremde hätten miteinander gesprochen. Natürlich haben Manche auch gelesen oder etwas geschrieben, aber das sei Bestanteil des Milieus gewesen und habe die Gäste nicht gestört, die sich unterhalten wollten. Seit einem Jahr aber scheine fast keiner mit anderen zu sprechen. An den Wochenenden seien 80 bis 90 Prozent der Tische besetzt mit Leuten, die alleine vor ihrem Computer sitzen. Überdies würden sie auch mit ihren Notebooks den Platz für andere okkupieren. Noch schlimmer aber sei, dass viele dieser Gäste mit Notebooks sich manchmal sechs oder acht Stunden lang im Café aufhalten und nicht einmal etwas bestellen würden, auch wenn das Bedienungspersonal sie fragt. Man wolle aber weiterhin für WiFi nichts verlangen, aber die Atmosphäre des Cafés als Ort des Aufhaltens und der Konversation erhalten.

An zwei Wochenenden habe man den WiFi-Zugang gesperrt und dabei gute Erfahrungen gemacht. Der Umsatz sei wieder gestiegen, alte Kunden hätten sich bedankt, das Bedienungspersonal sei zufriedener gewesen, man habe nur einige böse Emails erhalten. Wie die Financial Times berichtet, die auch über diesen Blog gestolpert ist, scheinen auch andere Cafés mit einem WiFi-Hotspot ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. So sperren auch in San Francisco Cafés oder Teestuben den WiFi-Zugang am Wochenende oder am Abend. Gebühren verlangen will man nicht, um so noch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Starbuck-Kette zu haben.

Die Boston Wireless Advocacy Group (BostonWAG), die für die Schaffung von möglichst vielen Hotspots in Boston eintritt, verweist nur auf ihre Anstandsregeln, die doch eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die "WiFi Do's and Don'ts" in Cafés oder Restaurants gibt es auch als Poster, um sie dort aufzuhängen:

Respect the venue's bandwith …Make Purchases and Tip … Share a table … If it's busy don't overstay your welcome

In der FT wird auf ein wissenschaftliches WiFi-Projekt von Studenten der University of California in Berkeley hingewiesen. Sie bezeichnen das Verhalten von Gästen in Cafés, die nur schweigsam vor ihrem Computer sitzen, einprägsam als antisozialen "Zombie-Effekt":

"THE ZOMBIE EFFECT- Zombies in horror movies walk and talk, but they're no longer human. A zombie's mind and soul and spirit are gone.

Many complain that electronic devices -- mobile phones, laptops, headphones and televisions, in particular -- brings with them what we call the "zombie effect." Sometimes people look like zombies when they use such devices, as they focus on faraway people and events and information. In doing so, they devote less attention to the people and places and activities nearby. Onlookers experience an odd feeling as they look around at the disengaged people who "aren't all here."

Die Studenten wollen hingegen mit ihrem Projekt "PlaceSite" mit Wifi die Möglichkeit einer "digitalen Gemeinschaft" der Menschen schaffen, die sich gemeinsam in einem Hotspot befinden. So schlagen sie vor, dass sich bei jedem, der sich in einem Café über einen WiFi-Zugang einloggt, erst einmal eine Webseite öffnet, auf der Bilder und kurze Texte von anderen anwesenden Gäste zu sehen ist – aber dies nur an dem jeweiligen Ort. Jeder könne sich, wenn er dies will, ein solches Profil schaffen und dann auch mit den Anderen Kontakt aufnehmen. WiFi und Notebooks als Kontaktschaffer, früher hatte man das mit Telefonen gemacht, jetzt ginge ähnliches natürlich auch mit Handys. Fraglich ist nur, ob das den "Zombie-Effekt" reduzieren und die "lokale Gemeinschaft" stärken wird, zumal die Notebook-Zombies ja auch zum Arbeiten ins Café kommen, in dem es meist ruhig ist und sie ungestört sind. Vielleicht führt die Teletechnik aber tatsächlich die Zeitgenossen, die mit ihren Mitmenschen in der Nähe nichts mehr anfangen wollen und können, wieder über den Umweg oder dieses Spiel zusammen? Das Leben scheint nicht einfacher zu werden.

Ganz interessant sind manche der Kommentare im Blog, die natürlich nicht immer einer Meinung sind, wie beispielsweise dieser:

I must admit, I am somewhat curious as to if this solitary wi-fi browsing is merely a technological modification of coffee house culture. Late 19th/early 20th century Vienna was known for its coffeehouses, where many of the popular writers (such as Peter Altenberg, Karl Kraus, Hermann Bahr...not all in the same group of course) would gather. The coffeehouse was a place for dialog and conversation...an arena for the exchange of ideas and opinions.

Perhaps technology is just allowing this to a greater extent? No longer limited to the involved patrons of a coffeehouse, laptops and wi-fi perhaps now give the individual the ability to interact with others on a worldwide level. While the discussion between two people within a coffee house may no longer be as important, perhaps the knowledge production and interaction that results from internet access is just as important.

Die Meisten finden es okay, dass man etwas bestellt, wenn man den kostenlosen WiFi-Zugang nutzt oder schlagen eine Zeitbegrenzung vor. Dieser ehemalige Kunde hier ist hingegen ernsthaft verärgert:

There are about 100 other cafes in this city, dozens with excellent service, friendly staff, and progressive management. Victrola, I won't be back.

P.S. If you have more tolerance for this nonsense than I, and want wifi at Victrola, sit near the windows. There are at least two other networks that you can to connect to. And if you live on 15th Ave and have an access point, please aim your antennas at Victrola.

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