Der Zwang zum perfekten muskulösen Körper macht junge Männer krank

Bild: Peels.com/CC0

Mädchen müssen schlank, junge Männer muskulös sein. Nach einer Studie produziert der bislang übersehene Drang zur Körpernormierung auch bei Männern psychische Störungen

Der Körperwahn beschränkt sich keineswegs auf Frauen, auch Männer sind zunehmend besorgt, ihren Körper zu optimieren, also auch, ihren Körper nach den aktuellen Normen der Attraktivität zu gestalten. Ratgeber für all das, was man machen muss, um den "perfect body" durch "body sculpture" oder "body shaping" zu gestalten, gibt es reichlich. Kein Fett, alles Muskeln, Sixpack, breite Brust und Schultern, knackiger Po, ganz wichtig: Muskelaufbautraining, gerne eineinhalb Stunden und mehr täglich, und geeignete Ernährung, wozu auch Supplemente gehören. Es soll ja alles schnell gehen, um den männlichen Vorbildern nachzueifern und sie zu imitieren, um das eigene Selbstbewusstsein zu stärken bzw. nicht von Muskulöseren verspottet zu werden und auch auf dem sexuellen Markt besser dazustehen.

Dass das Streben nach einem optimierten Körperbild vor allem bei jungen Frauen zu psychischen Problemen und körperlichen Folgen führen kann, ist lange bekannt. Seitdem die jungen Männer aber auch stärker darauf ausgerichtet sind oder unter dem Zwang stehen, einen genormten Körper mit vielen Muskeln haben zu wollen, mehren sich auch hier als Folge psychische Probleme oder Körperbildstörungen. Eine Studie von Wissenschaftler der Harvard University und der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) hat nun erstmals das angestrengte Verhältnis von Männern mit ihren Muskeln untersucht. Dabei hat sich herausgestellt, dass junge Männer mehr und mehr in den Sog der Optimierungsnormen für ihre Muskelkörper geraten.

Der Untersuchung, die im International Journal of Eating Disorders erschienen ist, zugrunde lagen die Daten der nationalen Studie Growing Up Today aus den USA. 2460 Männer zwischen 18 und 32 Jahren beantworteten 2013 den Test "The Drive for Muscularity Scale", der Auskunft darüber geben soll, wie stark ihr Drang nach Muskelaufbau und ihre Wahrnehmung der körperlichen Unvollkommenheit ausgeprägt ist. 2014 wurden mögliche gesundheitliche Probleme erfasst, die damit zusammenhängen könnten: depressive Symptome, Übermaß an Essen, Binge Eating, Binge Drinking, Darmleeren und Konsum von muskelaufbauenden Produkten wie Steroide oder Kreatin.

Offenbar sind junge Männer, die einem vielleicht für sie unerreichbaren Körperbild anhängen, stärker gefährdet, Depressionen zu entwickeln, am Wochenende zu saufen oder zu stark zu fasten. Allgemein und unabhängig vom Alter, der sexuellen Orientierung, dem Gewicht und der Bildung ist der Drang nach einem muskulären Körper mit einem erhöhten Depressionsrisiko verbunden.

Naheliegend ist, dass alle, die muskulöser werden wollen, mit einer vierfach höheren Wahrscheinlichkeit legale und verbotene muskelaufbauende Supplemente und anabole Steroide zu sich nehmen. Wahrscheinlich wegen der strengen Disziplin brechen sie aber am Wochenende aus und neigen stärker zum Binge Drinking, aber eben auch zum Fasten und zum Ausbilden von depressiven Symptomen. Dabei stehen anscheinend schwule und bisexuelle Männer stärker unter Druck als heterosexuelle, was vermutlich zeigt, dass Männer untereinander sich noch stärker unter Zwang setzen, den richtigen männlichen Körper zu bilden.

Zwar haben auch 10 Prozent der Männer eine Körperbildstörung der klassischen Art, sie glauben also, dass sie zu dick seien und dünner werden sollten (wobei: möglicherweise sind sie eben auch zu dick). Aber der Druck nach einem der Norm entsprechenden Körper geht darüber hinaus. Ein Drittel der Männer sagt, er habe im vergangenen Jahr eine Hungerkur gemacht - nicht wegen Übergewicht, sondern nur aus dem Glauben, übergewichtig zu sein. Wenn junge Mädchen danach zwanghaft trachten, schlank zu bleiben und Essen wieder auszuspeien, sind junge Männer geplagt, Muskeln aufzubauen, weswegen sie meinen, immer mehr trainieren zu müssen und geraten damit in eine Spirale der Unvollkommenheit, die Optimierung nicht zu schaffen.

Trine Tetlie Eik-Nes, Professorin an der Abteilung für Neuromedizin und Bewegungswissenschaft an der NTNU und Mitautorin, geht davon aus, dass der Drang nach einem muskulöseren Körper ein "Zeichen sei, dass die jungen Männer ihr Leben nicht meistern, aber dass sie glauben, dass sie es schaffen, wie man trainiert". Das Schinden des Körpers in den Fitnessstudios ist eine überschaubare Leistung, die sich auch quantifizieren lässt, gleichzeitig setzt man sich unter messbaren Eigenzwang und permanent drohendem Versagen.

"Das Problem entsteht", meint Eik-Nes, "wenn die Körper von professionellen Sportlern wie Ronaldo zum Ideal für junge Männer werden, die arbeiten und studieren und Familien haben. Man muss das Training als Vollzeitjob betreiben, wenn man wie Ronaldo aussehen will. Er gehört zu einem Tausendstel der Weltbevölkerung, der vom Sport lebt. Manche Menschen trainieren, als wären sie in einer Nationalmannschaft, aber sie betätigen sich nur sportlich. Das ist der Unterschied, über den wir besorgt sein sollten." Sie würden nur ihre Muskeln aufbauen wollen, um muskulös auszusehen, das habe aber nichts mit Leistung und der Muskelfunktion zu tun, wie das bei Profisportlern der Fall ist.

Mädchen müssen dünn sein und schmale Hüften besitzen. Jungen müssen breite Schultern und große Muskeln haben. Das sind die engen Ideale, mit denen die jungen Menschen heute aufwachsen. Es zeigt sich, dass dieses unrealistische Körperbild für Männer ebenso problematisch ist wie für Frauen.

Eik-Nes

Bislang sei übersehen worden, dass junge Männer ebenso unter den Körperbildnormen leiden und obsessiv einem idealen Körpertyp nacheifern wie junge Frauen. Und es könnten wieder die Medien und Sozialen Netzwerke sein, die die Normen verbreiten und kontrollieren. Eltern sollten, so Eik-Nes, beobachten, wie die Jungen essen und Sport betreiben, um schnell eingreifen zu können. Ein Alarmzeichen sei, wenn sie jeden Tag ins Fitnessstudio gehen, Huhn und Broccoli essen wollen und die ganze Zeit Proteinshakes und Supplemente einnehmen. (Florian Rötzer)

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