Der Zynismus der Verhältnisse

Bild: © Sony Pictures

Jodie Fosters Börsen- und Kriminalthriller "Money Monster" mit George Clooney und Julia Roberts

Die Börse - das ist so etwas wie der Roman des Neoliberalismus, die große Erzählung des freien Marktes. Darum braucht sie eigentlich keine Filme. Jodie Foster versucht es trotzdem. Schnelle Schnitte verkörpern das Tempo, die Geschwindigkeit, mit der in Sekundenbruchteilen Milliarden verschoben werden. Elektronische Musik, Kamerafahrten durch riesige Computerhallen, Aufnahmen blinkender Leuchtdioden, Zahlenkolonnen stehen für die undurchschaubare Komplexität des Börsengeschehens. Dazu hört man dann George Clooneys schöne Stimme: "You dont have a clue, where your money is." - "Ihr habt keine Ahnung, wo Euer Geld steckt."

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Es beginnt als ganz und gar sarkastische Komödie: George Clooney spielt Lee Gates, einen gockelhaften schmierigen Fernseh-Moderator, der seine Ideale jeden Morgen beim Pförtner abgibt, und mit einer ein bisschen debilen, ein bisschen kritischen Börsensendung, die er in bis zum Zynismus routinierter Form moderiert, zum Star geworden ist.

Eines Tages wird er mitten in seiner eigenen Sendung als Geisel genommen. Ein normaler Anleger fühlt sich von ihm, wie einem zuvor in der Sendung angepriesenen Investmentfond geprellt, und will nun vor laufender Kamera die wahren Hintergründe eines Aktiencrashs ermitteln. Während Lee erst einmal seine sofortige Ermordung abwenden kann steigen die weltweiten Quoten für die Sendung im Sekundentakt.

Schnell kommt heraus, dass es kein "Glitch", kein Computerfehler war, der an den Ereignissen Schuld trug, sondern dass die Aktie in boshafter Gewinnabsicht manipuliert wurde.

Die Monster des Titels sind hier also nicht allein das Geld und die Gier, die in uns allen stecken mag - sondern vor allem auch ein nimmersatter Finanzhai und CEO, der seiner Firma mit einem organisierten Computerbetrug 800 Millionen abgeluchst hat.

Lange Zeit satirisch und bis zum Ende immer wieder witzig entwickelt sich dieser turbulente Finanzmarktfilm doch klar in Richtung eines Hochdruckspannungsthrillers, der von fern an "Hundstage" erinnert, Sidney Lumets Geiselnahme-Film, in dem Al Pacino einst einen sympathischen Geiselnehmer gab.

Je länger "Money Monster" dauert, um so mehr gerät das nervenaufreibende Spiel vor den Kameras und hinter den Kulissen, wo die Polizei den Geiselnehmer töten will - vielleicht auch, weil er dem Publikum ein paar Wahrheiten zuviel über das Wesen des modernen Kapitalismus erzählt - langsam außer Kontrolle.

"Money Monster", von Jodie Foster inszeniert, von Clooney produziert, ist einerseits Beispiel für das Beste an Hollywood: Engagiert, aber mainstreamtauglich und daher breitenwirksam wird ein brennende Thema kritischer angepackt, als es die oft von Lobbyinteressen und Ideologien gefangene Politik und die längst zur unkritischen Unterhaltung geronnenen Medien tun, die nur noch ihr eigenes Geschäft - also Quoten und Auflage - im Kopf haben.

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Bild: © Sony Pictures

Einleuchtend zeigt der Film den Zynismus der Verhältnisse. Vielleicht schwankt er insgesamt etwas zu sehr zwischen Finanzdrama, Kriminalfilm, und Komödie. Auch ist die Handlungslogik fragwürdig. Das tut dem Vergnügen freilich wenig Abbruch. Zudem begeistern die herrlichen Auftritte von Clooney und von Julia Roberts, die seine Produzentin und Regisseurin Patty Fenn spielt. Auch zwei Nebendarsteller sind überzeugend und angenehm anzusehen: Jack O'Connell als Geiselnehmer, von dem im Laufe der Handlung mehr und mehr sympathische Züge sichtbar werden, und Caitriona Balfe als Pressesprecherin des verbrecherischen Konzerns, die im Laufe der Handlung die Seiten wechselt.

Ein grundsätzliches Darstellungsproblem bleibt für "Money Monster": Wie kann man, in Zeiten in denen Kapital unsichtbar geworden ist, eigentlich noch über Geld reden, und - schwieriger noch - wie kann man es im Kino darstellen? Wie zeigt man eigentliche Geldströme und unsichtbares Kapital? Diese Darstellungsprobleme haben vor allem etwas mit dem Wandel des Finanzhandwerks zu tun: Die Zeiten, in denen Goldbarren gehörtet, und Banknoten stapelweise per Lastwagen bewegt wurden, sind vorbei, durch die Digitalisierungstechnik sind die Geldmengen unsichtbar, die Finanzströme und Geschäfte ins Unsichtbare beschleunigt worden. Heute ist Reichtum entmaterialisiert, abstrakt und damit scheinbar ungreifbar geworden. Durch die aktuelle, seit 2008 andauernde Banken- und Finanzmarktkrise ist der Wunsch nach Darstellung und Verständnis des Geschehens, der dokumentarische wie dramatische Reiz extrem gewachsen, und damit die Darstellungsprobleme neu ins Bewusstsein gerückt wurden. Die Geschwindigkeit, mit der in Sekundenbruchteilen Milliarden verschoben werden, ist dabei nur ein Teil des Problems, noch gravierender ist die Komplexität des Börsengeschehens.

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Das Kino reagiert auf dieses Problem verschieden: Die einen versuchen im fast schon "klassischen" Stil eines Börsendramas a la "Wall Street" (Oliver Stone) dem psychologischen Typus des "Finanzhais" näher zu kommen: Curtis Hansons "Too Big to Fail" (bei uns nur auf DVD erhältlich) rekurrierte auf hässliche Exemplare, deren sympathischere, warmherzigere Variante rückte "Margin Call" von J.C. Chandor ins Zentrum. Ein anderer möglicher Zugang ist die - visuell aufregendere - Darstellung dessen, was das Geld mit den Menschen macht: In Filmen wie "Spring Breakers", "The Great Gatsby" und "The Bling Ring" geht es um Überfluss, Konsumismus und Luxus, auch um die Gier, die Sucht nach immer mehr von allem - aber es geht hier nicht mehr um das Geschäft, nicht um die Finanzhändler.

Martin Scorsese in "The Wolf of Wall Street" und mit bescheideneren Ausstattungsmitteln auch Costa-Gavras' "Le Capital" verschmolzen am ehesten diese beiden Ansätze zu einem furiosen Portrait des modernen Kapitalismus, der mit der Anziehungskraft des Lebensstils der Reichen spielt, und zugleich die inhumanen Seiten der Finanzwirtschaft in den Fokus rückt.

"The Wolf of Wall Street" leugnet die eigene Faszination für die Welt der Börse nie - aber er zeigt sie überhitzt und übersteigert, gewissermaßen dem Wahnsinn nahe. Der Film sagt nichts Neues, aber er zeigt Neues: den Exzeß, zeigt Luxusyachten, Kokain, Prostituierte, und Amoral.

Das ist eine neue Facette der ästhetischen Seiten der Börsen- und Wirtschaftsdarstellungen im Kino: Allen Filme über die Börse gemeinsam ist, dass man um sie zu genießen, das eigentliche Handelsgeschehen nicht verstehen muss, wohl auch nicht verstehen kann - so einfach ist es dann eben doch wieder nicht, bloß weil in manchen Ländern inzwischen jedermann zum Börsenexperten zu mutieren glaubt.

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Wenn man mal etwas vom realen Geschehen zu zeigen versucht, dann sind das wandernde, auf- oder absteigende Zahlenkolonnen, oder es ist die über Splitscreens visuell hergestellte Gleichzeitigkeit mehrerer Geschehnisse. Seit "Dr.Mabuse", der Fritz Langs Filmen der frühen 20er Jahre zugleich ein Hypnotiseur, war, ein Spieler und ein Schwerkrimineller, der seine Verbrechen mit Börsenmanipulationen krönte, ist das Ticken der Uhr ein beliebtes Stilmittel für das Geschäft unter Zeitdruck.

Menschen braucht man dafür heute eigentlich kaum noch. Sie stören nicht nur die realen Geschäfte, die längst von Maschinen fehlerfreier erledigt werden. Menschen braucht man nur als Vehikel der Erzählung, man braucht sie nur, um das Abstrakte irgendwie zu verkörpern. Ein Schauspieler kann ein Tier spielen oder ein Monster. Aber einen Börsenkurs?

In den meisten Filmen ist der typische Finanzhändler männlich. Er ist ein Egoist, er ist gierig, er ist der Schurke dies Films - ein besonders bemerkenswerter Aspekt, stellt doch der Finanzhändler zugleich einen Heldentypus unserer Zeit dar: Einen modernen Krieger und Ritter, der das Handwerk des Finanzkriegs an der Computertastatur möglichst perfekt beherrscht, der dadurch Fehler im Wirtschaftssystem beseitigt, und die Übermacht der "freien" Marktwirtschaft bestätigt und festigt - und der insofern ein treuer Diener des Systems westlicher Demokratien ist, einer der ihre Werte verkörpert und zum Vorbild taugt, so wie früher Soldaten, Priester und Eroberer.

Trotzdem scheint irgendetwas nicht zu stimmen, nicht korrekt zu sein mit dieser Figur, sonst könnte man sie positiver darstellen als nur durch das schwarz-schillernde Charisma eines Mephisto oder Richard III. unserer Tage.

Schon in L’Argent von Marcel L'Herbier, einem der Vorgänger heutiger Börsenfilme geht es nach Zola um Manipulation durch Gerüchte, um die potentiell zerstörerische Wirkung von Geld auf die Menschen.

Adam McKays The Big Short zeigte zu Beginn des Jahres 2016 eine andere Seite: Hier wird die Handvoll Männer, die aus Überzeugung wie Gier gegen den Trend spekulieren und mit Erfolg auf das Platzen der Finanzblase setzen, vor allem dadurch zu Helden, dass sie sich äußerlich von der Konkurrenz absetzen: In T-Shirt und Shorts, vulgär schreiend, autistisch im Büro Musik machend - der Film zeigt die Hippieseite der Börse. Hier wird der Finanzmarkt plötzlich zum Gegenstand der Poesie, und der Finanzhändler kurz von seiner schöpferischen Seite erkennbar: Auch die Börse "würfelt nicht" (Albert Einstein) und unter vielen klugen Spekulanten gibt es ein paar Genies, die die Zukunft vorherzusagen vermögen.

Dass die Börse eine einzige Fiktionsmaschine ist, ist schon längst keine originelle Einsicht mehr. Binsenweisheit ist, dass hier mit Erwartungen gehandelt wird, mit Ängsten und Hoffnungen, Prognosen für die Zukunft also. Die Realität, der Gegenwert eines Unternehmens oder Geschäfts im Jetzt und Hier zählt eigentlich gar nichts. Denn wenn sich auch nur zehn Prozent der Händler das auszahlen ließen, was ihre Aktien angeblich wert sind, wäre der große Krach da, und viele von ihnen pleite. Es zählt also, was einer nicht hat oder jedenfalls nicht "realisiert", wie der Börsenjargon treffend heißt. Aktien sind Irrealia, wie das Geld überhaupt, das schon Georg Simmel, der Soziologe unter den Philosophen in seiner immer noch unter Wert gehandelten "Philosophie des Geldes" als "flüssiges" "Medium" charakterisiert hat.

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Dies alles zu verstehen, heißt aber nicht, dass Börse und Finanzmarkt, Geld gar, als reine Phantastik abzuwerten seien. Es bedeutet im Gegenteil, das Phantastische im Leben gegenüber der schnöden Pragmatik wieder aufzuwerten.

Die Börse - das ist so etwas wie der Roman des Neoliberalismus, die große Erzählung des freien Marktes. Darum braucht sie eigentlich keine Filme. Außer jenen Filmen, die ihr Widerstand entgegensetzen, ohne sie gleich moralisch, also plump zu kritisieren. Filme die sie auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen, dekonstruieren, wie David Fincher 1997 in The Game seine Hauptfigur, einen Investment-Banker. Der ist nicht zufällig mit Michael Douglas besetzt, der zehn Jahre zuvor in der Rolle des charismatischen Finanzjongleurs Gordon Gecko in Oliver Stones Börsenthriller Wall Street unsterblich geworden war. Tatsächlich ist The Game die mit Abstand originellste und kritischste Auseinandersetzung des Mainstream-Kinos mit der Finanzwelt seit der Entstehung des Hyperkapitalismus der letzten gut 30 Jahre.

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Denn als einer der wenigen verfällt Fincher nicht der eigenen Bildsprache des Finanzkapitals, die immer ein bisschen propagandistisch ist, und noch im Scheitern an ihrem Glamour, ihrer Selbstmythisierung arbeitet. Seine Hauptfigur mag der Gleiche bleiben, aber wir kennen ihn besser.

Wir haben verstanden, dass im Leben dieses Menschen am Ende nichts ernst ist, sondern alles ein Spiel. Für das Individuum mag diese Einsicht bei näherer Betrachtung traurig sein, für die Gesellschaft ist sie eine Katastrophe. (Rüdiger Suchsland)

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