Der afrikanische Despot

Das Psychogramm eines Diktators: "The Last King of Scotland"

"I don’t like human flesh. It’s too salty for me." - mit breitem, ergötztem Grinsen warf Idi Amin Dada zu seinen Glanzzeiten solche hübschen Bonmots im Dutzend in die Menge der ebenso fasziniert wie fassungslos dreinblickenden internationalen Journalisten, die nach ihnen schnappten wie die Krokodile im durch Uganda fließenden Nil nach Beute. Idi Amin war eines der Medienphänomene der Siebziger Jahre, die ziemlich genau mit seiner Regierungszeit zusammenfallen. Allein als ein weiterer in jener schier endlosen Reihe afrikanischer Potentaten, die durch Putsch an die Macht gekommen, durch Putsch irgendwann wieder verschwanden, hätte er das nicht geschafft. Idi Amin gab dem Affen Zucker, sprich: Er bediente genau jenes Afrika-Bild, das in der nicht idealistischen Mehrheitsbevölkerung des postkolonialen Westens von Afrika und seinen Menschen dominierte, und er war sich dessen zutiefst bewusst.

Foto: Fox Warner

Jetzt wird aus Idi Amin und damit aus dem Typus des afrikanischen Despoten schlechthin der Stoff eines packenden Kinofilms: Kevin Macdonalds "The Last King of Scotland" ist das Psychogramm eines Diktators; ein Film über Abgründe und Faszination der Macht irgendwo zwischen Shakespeare und "Quo Vadis", also Schmierenkomödie und Tragödie in einem, gewürzt mit allen exotistischen Ingredienzien des schwarzen Kontinents: mit Sex, Schweiß und Blut.

Der Titel, bei dem einem zunächst wohl irgendwas zwischen einer Fortsetzung von "Braveheart" und Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Prequel in den Sinn kommt, verdient den Preis für den irreführendsten Filmtitel des Jahres. Ihn trägt allerdings schon Giles Fodens zugrundeliegener, preisgekrönter Roman von 1998; er bezieht sich auf die überlieferte Begeisterung Idi Amins, eines ehemaligen britischen Offiziers der "King's African Rifles", für Schottland und dessen "rebellische" Bevölkerung. Sie hielt er für die tapfersten Kämpfer der Erde, und sie waren Feinde der Briten, Ugandas ehemaliger Kolonialmacht.

In einer der vielen bizarren, aber historisch authentischen Szenen des Films erlebt man Amin, ganz in schottischer Uniform und Kilt vor einem ebenso ausstaffierten, ängstlich die Klamotte mitspielenden Hofstaat. Musiker spielen Dudelsackmusik und mischen sie mit Buschtrommelklängen und anderen afrikanischen Instrumenten. Blickt man Idi Amin ins Gesicht, weiß man nicht, ob er dies gerade ganz ernst meint, oder ob er sich über die Ansammlung von Hofschranzen und Speicheleckern amüsiert, seine Allmacht über sie genießt, und sich nur mit der Frage befasst, wie weit er das schreckliche Spiel wohl noch treiben kann.

Da sind im Film bereits 60 Minuten vergangen, und wir haben diesen Herrscher bereits kennengelernt, sein unberechenbares Temperament, in dem sich Leutseligkeit und Brutalität zu einer explosiven Mischung verbunden haben. Und es sind solche Szenen, die die Qualität von "The Last King of Scotland" ausmachen: Das Portrait eines Diktators, nahe dran an Peter Ustinovs phänomenaler Nero-Darstellung, das sich so blendend wie "Quo Vadis" und alles, was wir von Nero, von Idi Amin und den vielen Exmplaren zwischen ihnen wissen, in den bekannten Topos vom "schurkischen Herrscher" und vom "Charisma des Bösen" fügt.

"Afrika!", "Freiheit!" - es ist merkwürdig: Auch der Zuschauer kann sich der Wirkung dieses Mannes, der da auf einer Bühne redet und schreit, verführt und wütet, nicht ganz entziehen. Ein charmanter Mensch, der etwas Bedrohliches, aber auch fast etwas Erotisches ausstrahlt und dem man - wenn man es nicht weiß - noch nicht anmerkt, dass aus ihm bald ein blutrünstiges Ungeheuer werden wird. Dann spielt aus dem Off exotische Musik, die Massen tanzen sich in Ekstase, und es ist um den jungen schottischen Arzt Nicholas Garrigan (James McAvoy) geschehen.

Foto: Fox Warner

Er ist fasziniert, hat sich sozusagen politisch verliebt. Das alles liegt in diesem Fall zuerst an Forest Whitaker, der für diesen sensationellen Auftritt soeben höchst verdient den Oscar bekam. Whitaker ist schon einmal ein Grund, diesen Film zu sehen, und man wünscht sich, dass alle diesen absolut sehenswerten Film im Original angucken würden, denn zu Whitakers Leistung gehört untrennbar auch seine Stimme, die Art, wie er sich die Diktion dieses schaurig-faszinierenden Menschen aneignet. Sein großartiger Auftritt, der neuste in einer gar nicht kurzen Reihe von Filmen über den Despoten, ist klug, indem er sich nicht an Dokumentarisches hält, und indem er die Bestie im Mensch, wie den Menschen in der Bestie zeigt - ein Richard III. des schwarzen Kontinents, voller Charme und voller Paranoia. Er dominiert diesen Film: Er spielt Idi Amin, einen der bekanntesten afrikanischen Politiker in den 70er Jahren. Amin war ein politisches Chamäleon, ein Verrückter, ein geschickter Taktierer, ein hochintelligenter Paranoiker.

"Idi Amin Dada: Autoportrait" heißt eine phänomenale Dokumentation über ihn aus dem Jahr 1974, deren reine Existenz bereits ein Zeugnis ist von der schillernden Wirkung, die von diesem Mann ausging. Sie stammt von Barbet Schroeder, der vorher ethnologische Beobachtungsfilme über die Ureinwohner Papua-Neugineas und dann einen Tierfilm über Gorillas gedreht hatte, was ihn offenbar gewissermaßen für Idi Amin qualifizierte, und später mit Mischfilmen aus Autorenkino und Hollywood berühmt wurde. Schroeder lässt in seiner Dokumentation den Diktator Ugandas ausführlich zu Wort kommen und sich dadurch selbst entlarven - so denkt man zumindest heute, weil man weiß, dass die Krokodile, die Amin dort so leutselig als Schätze der Natur präsentiert, auch dazu dienten, die Leichen vieler Oppositioneller verschwinden zu lassen.

An diesen Film, der kürzlich wieder im Rahmen der Schroeder-Retrospektive beim Festival von San Sebastian gezeigt wurde, und an den nach wie vor starken Eindruck, den Idi Amin zwischen unbestreitbarem Charisma und nacktem Erschrecken hinterließ, muss man jetzt denken, wenn Kevin Macdonalds Spielfilm "The Last King of Scotland" ins Kino kommt.

Dieser Film ist ein gelungener Zwitter: Ein Spielfilm nach realem Geschehen, frei interpretiert, aber kaum erfunden. Der Regisseur erzählt sie gewissermaßen als Initiationsgeschichte: Ein junger Mann erliegt dem Charme des charismatischen Politikers, lässt sich in Versuchung führen, isst von den verbotenen Früchten der Macht und wird durch Erkenntnis, durch zutiefst erschreckende Einsichten bestraft. Denn die Freundschaft, die sich zwischen Amin und dem weißen Fremden entwickelt, ist eine brutale Freundschaft, eine ungleiche Beziehung.

Foto: Fox Warner

Nicholas wird Leibarzt des Diktators, und als solcher Mitglied und Teilnehmer des schönen Lebens bei Hofe, eines Lebens aus Seventies-Partys, Alkohol, Musik, schönen Menschen die allerlei schöne Dinge tun. Wer wäre nicht gern dabei gewesen? - dieses Gefühl ruft der Film anfangs wach, und es ist bemerkenswert, dass Peter Morgan einer der Drehbuchautoren ist und hier nach "The Queen" einen auch im positiven Sinn so ganz andern Hof portraitiert. Der ehemalige Untertan Idi Amin schrieb seiner ehemaligen Königin übrigens einmal einen Brief. "Dear Liz" lautete er "if you want to know a real man, come to Kampala."

Nicholas wird aber auch Zeuge der Schattenseite, einer verbrecherischen Diktatur, die wie ihre Vorgänger die Feinde zu tausenden massakrierte und bis zu 500.000 Menschenleben auf dem Gewissen hatte.

Die Geschichte Afrikas, so wie wir sie kennen, wird vom Westen erzählt. Das Kino macht da keine Ausnahme. Es setzt fort, was Wissenschaft und Kunst schon vor langer Zeit begonnen haben. Neuerdings ist Afrika groß in Mode und zwar einmal mehr vor allem als Schauplatz einer bitteren education sentimentale westlicher Seelen, als "Heart of Darkness" für Bleichgesichter - eine Betrachtungsweise, die zwar insofern ehrlich ist, als sie Fremdheitserfahrung und Mythisierung nicht durch Anbiederung und Political Correctness vertuscht, die aber doch immer außen vor bleibt. Selbst "Hotel Rwanda" war so ein Fall, in seinem Schwarz-Weiß-Raster, seiner überklaren Gut-Böse-Teilung, seinem Moralismus.

Foto: Fox Warner

Ein Großteil dieses Films wurde nun vor Ort in Uganda gedreht - als erster westlicher Film seit "African Queen" vor 56 Jahren. Macdonald und sein Kameramann Anthony Dod Mantle, der auch für Lars von Trier arbeitet, zeigen Bilder, die in Stil wie Brillanz an "City of God" erinnern und ein überraschend modernes Kampala fern aller Afrika-Klischees.

Genau das tut Whitaker auch mit seiner Figur. Er humanisiert Amin, ohne irgendwetwas zu entschuldigen. Aber er zeigt ihn als unreifes Geschöpf einer langen Geschichte, die Afrika zwischen Armut und Kolonialismus, zwischen fremden Herrschern und eigenen Ausbeutern als Gebeutelten und doch Beteiligten, Mitschuldigen erscheinen lässt. Indem Whitaker und sein Regisseur Idi Amin seine Würde zurückgeben, zeigen, dass er nicht nur ein Scheusal war, sondern auch ein Mensch, tut er das gleiche auch mit Afrika. Wenn der Amin des Filmws einmal zu seinen Untertann spricht und sagt: "I will wear the uniform of a general. But in my heart, I am a simple man, like you. I am you", dann lügt er nicht.

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