Der alte Mann und das Heer

Die Innenstadt Athens war am Sonntag aus Angst vor Unruhen abgesperrt worden. Bild: W. Aswestopoulos

Befreiungstag hinter Gittern - die Revolution fand nicht statt

Anlässlich des Nationalfeiertags der Befreiung (25.3.1821) wurden in Griechenlands Hauptstadt Athen Unruhen erwartet. Aus diesem Grund war die Innenstadt während der feierlichen Umzüge und Militärparaden für das Volk gesperrt. Auf den Straßen der Hauptstadt patrouillierten tausende Polizisten, auf Dächern saßen Scharfschützen und die gesamte Innenstadt war mit Zäunen abgesperrt. In Athen selbst blieb es deshalb vergleichsweise ruhig, in anderen Städten dagegen kam es zu teilweise massiven Ausschreitungen.

Eine Feier ist gewöhnlich ein fröhliches Ereignis. Ein Feiertag dient in der Regel einem geselligen Beisammensein. Ein Nationalfeiertag sollte zumindest die beteiligte Nation feiern lassen. Ein Befreiungstag suggeriert ein Gefühl der Freiheit. Nichts von alledem fand am Sonntag in Athen statt. Frei waren weder Bürger noch Politiker und erst Recht nicht tausende Polizeibeamte, die ihren freien Tag in den Wind schreiben durften.

Jährlich am 25. März feiern die Griechen den Aufstand gegen die Türkenherrschaft. Damals, 1821, waren es die seit 1453 unter osmanischer Herrschaft stehenden Hellenen überdrüssig, Kopfsteuern zu zahlen. Nicht alle Griechen waren für die Revolution, denn ein Großteil der wirtschaftlichen und geistigen Elite hatte sich seinerzeit mit der Fremdherrschaft arrangiert. Heuer wünschte die politische Elite unter sich zu bleiben, um in Ruhe den Befreiungstag zu begehen. Die Bürger indes schimpfen über ständig neue Kopfsteuern.

In der Athener Innenstadt gab es mehr Polizisten als Bürger. Bild: W. Aswestopoulos

Politiker – ein Job mit hohem Gefährdungspotential

Aufgrund zahlreicher Attacken aufgebrachter Bürger gegen Politiker und sogar regierungsfreundliche Künstler hat die Obrigkeit Angst bekommen. Giorgos Dalaras musste seine Konzerttournee, die er im Wahlkreis seiner Gattin der Ex-Staatssekretärin Anna Dalara abgehalten wollte, aufgrund des Protestes zahlreicher Athener absagen. Der Barde hatte mit Hilfe von Sponsoren für Zuschauer kostenlose Sangesdarbietungen organisiert. "Solidaritätskonzerte" hatte er sie getauft.

Es half nichts. Statt Applaus zu hören bekam Dalaras kiloweise Yoghurt ins Gesicht geschmissen. Dazu flogen Wasserflaschen und Kaffeebecher. Bei seinem letzten Auftritt, Anfang März, hatten die wütenden Zuschauer auch Bitterorangen von Athener Alleebäumen abgepflückt. Auch diese dienten als Wurfgeschosse. Angesichts der Volkswut sprangen die Sponsoren nacheinander ab. Der Sänger, der zunächst "für die demokratischen Rechte", die er mit seinem Gesang wahrzunehmen gedachte, weiter singen wollte, musste ohne Sponsoren entnervt das Handtuch werfen.

Dieses Schicksal wollten die Politiker diesmal für sich vermeiden. In zahlreichen Kabinettssitzungen wurde über eine Absage der Feierlichkeiten diskutiert. Infrastrukturminister Makis Voridis, der aufgrund einer von ihm bestrittenen, mutmaßlichen rechtsextremen Vergangenheit zumindest zum nationalbewussten Lager zu zählen ist, befürwortete eine Absage der Veranstaltung. "Sie werden uns schlachten", fürchtete er die Wut des Volkes.

Sicherheitshalber waren die Orangenbäume abgeerntet worden. Bild: W. Aswestopoulos

Riskantes Bestehen auf Traditionen

Den üblichen "wohl informierten Kreisen" zufolge, sprich den Zeitgenossen aus Ministerien und politischen Parteien, die gern reden, aber ungern ihren Namen genannt haben möchten, bestand der Chef der konservativen Nea Dimokratia, Antonis Samaras, auf das Festhalten an Traditionen. Er wollte unbedingt, dass sowohl die samstägliche Schülerparade in Athen als auch die sonntäglichen Schülerparaden und die Militärparaden in den größeren Städten stattfinden sollten. Die Alternative, dass die Paraden ohne Beteiligung hoher politischer Würdenträger abgehalten werden sollten, ließ er, so berichten die Informanten, nicht zu. Es ging um die Staatsräson.

Dabei hatte gerade der letzte Nationalfeiertag, der 28. Oktober – Griechenland hat zwei Nationalfeiertage - in einem Desaster geendet. Staatspräsident Papoulias musste in Thessaloniki vor einer aufgebrachten Menge flüchten. "Verräter", riefen ihm die Menschen zu.

Damals hieß der Ministerpräsident Papandreou. Der versuchte mit einem Vorschlag für eine Referendum die aufgebrachten Griechen zu beruhigen und beunruhigte so die übrige Eurozone. Das Referendum fand nicht statt. Die Kreditgeber des Landes verlangten mehr oder weniger offen den Kopf Papandreous und so war dieser zuerst seinen Premierministerjob und schließlich vor einer Woche auch seinen Parteivorsitz los. Wie sollte man eine ähnliche Katastrophe vermeiden?

Eine Freiheitsparade für die Bürger ohne Bürger!

Im Lauf der vergangenen Woche war die Lösung gefunden worden. Papoulias sollte nicht in die Provinz reisen, wo er auch schwer zu schützen gewesen wäre. Die Paraden im ganzen Land sollten stattfinden. Aber halt ohne störende Öffentlichkeit.

Mehrere Tage geisterten zahlreiche weitere Lösungsvorschläge in den griechischen Medien herum. Schließlich wurde am Donnerstag bekannt gegeben, dass sich selbst registrierte Journalisten für die Beobachtung der Parade einen neuen Passierschein besorgen müssten. Ansonsten durfte bis auf ausgewählte Bürger niemand die Parade live beobachten. Für die vaterlandsbewussten Bürger gäbe es schließlich das Fernsehen.

Bis Donnerstagmittag war der zuständigen Behörde des Presseministeriums nicht bekannt, wie dies abzulaufen habe. "Das klappt vielleicht zeitlich nicht", meinte eine freundliche Dame am Telefon, "das sind doch nur noch knapp eineinhalb Arbeitstage." Kurze Zeit später kam die erlösende Nachricht. Der Passierschein könne ab sofort bis 20 Uhr per Email beantragt werden. Für die Schülerparade wäre die Stadt Athen zuständig, die Militärparade würde von der Regionalverwaltung beaufsichtigt hieß es. Der Emailnachricht beizufügen waren Nachweise wie eine Kopie des Personalausweises und des Journalistenausweises. Ab 14 Uhr würden die Passierscheine zur Abholung bereitliegen, beschied eine weitere freundliche Dame der Regionalverwaltung.

Verwaltung in Aktion

Am Freitag, den 23. März 2012, gab es pünktlich um 14 Uhr vor der Regionalverwaltung Athen ein Stelldichein der in Athen tätigen Journalisten. An und für sich sind solche Treffen nicht unangenehm, trifft man doch auf Kollegen. Das aktuelle Treffen zog sich jedoch in die Länge, da die Ausweise nicht fertig waren. Die griechischen Beamten taten zur Verkürzung das, was Beamte auf der ganzen Welt zu tun pflegen, sie spielten mit Akten. Alle Journalisten mussten beim Empfang im Erdgeschoss einzeln antreten, um überprüfen zu lassen, ob sie auf der ominösen Liste der akkreditierten Berichterstatter stehen. "Sie existieren", war die Standartantwort. Wie jemand ohne zu existieren einen Passierschein beantragen kann, mag in ruhigen Gefilden Europas seltsam erscheinen. In einem Land, in dem zahlreiche Tote weiterhin ihre Rente erhalten, gehört es zum Standartrepertoire.

Das gleiche Spiel wiederholte sich im sechsten Stockwerk. Insgesamt waren sechs Sachbearbeiter mit dem unüblich hohen Publikumsverkehr beschäftigt. Sie nahmen ihre Aufgabe außerordentlich ernst. Denn der Passierschein der Regionalverwaltung war eine in Plastik eingebrannte, offiziell aussehende, verhältnismäßig fälschungssichere Erkennungskarte. Von der Stadtverwaltung gab es stattdessen ein Stück bedrucktes Papier aus dem Laserdrucker. Schließlich war die Regionalverwaltung für den Präsidenten und die Stadtverwaltung nur für den parteilosen Universitätsprofessor Giorgos Babiniotis zuständig. Babiniotis wurde vor knapp zwei Wochen Bildungsminister und nahm als solcher die Schülerparade ab. Wer sollte ihn schon angreifen?

Der Passagierschein. Bild: W. Aswestopoulos

Um es vorwegzunehmen, die wachhabenden Beamten konnten am Wochenende nicht auseinander halten, welcher Ausweis nun gültig war. Zur Militärparade meinte ein Polizist, dass er mich mit meinem Regionalverwaltungsausweis ausnahmsweise durchlassen würde. "Sagen Sie es aber niemandem", bat er mich. Ich versprach, niemandem zu sagen, dass er mich nicht durchlassen wollte, denn Träger des Schülerparadenausweises ließ er regelwidrig anstandslos durch. Am Samstag wurden übrigens alle Taschen der Passanten kontrolliert. Der lokale Korrespondent der BBC, Mark Lowen, hatte kurzfristig Ärger, weil ein Polizist seinen Milchkaffee für eine Yoghurtrakete hielt. Am Sonntag hingegen waren die Vorsichtsmaßnahmen lascher. Kein Mensch interessierte sich für den Inhalt der zahlreichen Kamerataschen.

Die Revolution in Athen fiel aus

Bei der samstäglichen Schülerparade kam es zu vereinzelten Ausschreitungen. Denn einige Eltern und Lehrer wollten partout nicht einsehen, warum sie die Parade ihrer Schützlinge nicht beobachten durften. Die für Athen mittlerweile üblichen Gewalteskalationen blieben jedoch aus.

Surreal ist, dass das neue Akropolismuseum zur Feier des Befreiungstags seine Pforten kostenlos öffnete, aber leider nicht leicht erreichbar war. Der gesamte Nord- und Westteil der Hauptstadt war eben so wie der Großteil des gesperrten Stadtzentrums vom Zugang zum Museum abgeschnitten. Denn als Vorsichtsmaßname hatte die Polizeiverwaltung die Metrostation der Akropolis, den einzigen freien Zugang für die betroffenen Stadtviertel, gesperrt.

Darüber hinaus war die im Stadtzentrum liegende juristische Fakultät bereits am Freitag geschlossen worden. Man fürchtete, dass sich ansonsten Studenten und Autonome dort einquartieren könnten. "Vorsorgliche Festnahmen" fanden ebenfalls statt. Im Einzelfall bedeutete dies zum Beispiel die Festnahme von Anhängern des Komponisten Mikis Theodorakis. Theodorakis tritt offen als Gegner der aktuellen Politiker auf und bezeichnet diese als Verräter. Seine Anhänger wurden verhaftet, als sie während der Militärparade aus einem Büro der Spitha-Organisation auf die Straße gehen wollten.

Athen exarchia - leergefegt. Bild: W. Aswestpoulos

Am Sonntag erlebten die Bürger von Patras ein ähnliches Schauspiel. Ihnen wurde im Stadtzentrum der Gang zur Kirche verwehrt. Denn sonst, so die Begründung, wären Politiker gefährdet. Schließlich fand die Parade in Patras ohne Politikerbeteiligung statt. Zahlreiche Bürger hatten sich nämlich mit vollen Kaffeebechern und Eiern bewaffnet und bereits im Vorfeld der Parade die Wurfgeschosse gegen die Polizei eingesetzt. In Thessaloniki kam es zu ähnlichen Szenen. Dort fand die Parade aber nach zahlreichen Festnahmen statt. In Herakleion auf Kreta fiel der feierliche Umzug aufgrund zu starker Proteste der Bürger aus. In Trikala waren bei Beginn der Parade die Parlamentsabgeordneten, die eigentlich beiwohnen wollten, verschwunden. Sie hatten sich in letzter Minute aus dem Staub gemacht.

In zahlreichen anderen Städten des Landes kam es zu Tumulten. Wo die Paraden stattfanden, grüßten vor allem Schülergruppen die zuschauenden Bürger und verweigerten den anwesenden Politikern die Ehrbezeugung. Vereinzelt machten sie gegenüber der Ehrentribüne obszöne Gesten.

Die Athener Geisterparade

In der Hauptstadt konnte dies alles nicht passieren. Die zahlreichen Bitterorangenbäume wurden bis auf die Höhe von knapp zweieinhalb Meter von ihren Früchten befreit. Man hatte aus der bitteren Erfahrung des gescheiterten Sangesstars gelernt.

In der gesamten Innenstadt wurden die Bürgersteige mit Gittern eingezäunt. Parken oder gar die Durchfahrt, das war im gesamten Zentrum verboten. Auf den zentrumsnahen Straßen, die noch für den Verkehr freigegeben waren, gab es ein absolutes Halteverbot. Der Syntagmaplatz vor dem Athener Parlamentsgebäude war mit mehreren Zaunreihen versehen worden.

Staatspräsident Karolos Papoulias (82) wurde in die Mitte des Parlamentsvorplatzes vor dem Mahnmal des unbekannten Soldaten postiert. Ihm zur Rechten befand sich die Empore für ausländische Botschafter und einheimische Militärs, während zur Linken das Kabinett samt Vertretern des Parlamentspräsidiums und der Kirche postiert wurden. Auf der anderen Straßenseite, getrennt durch die Amalias Avenue und mehrere Reihen von Polizisten und Personenschützern war der Platz für die Presse und die ausgewählten Bürger. Einen Metallzaun, der hier eventuell als Stativersatz hätte dienen können, gab es nicht, stattdessen waren Seile wie in einem Boxring gespannt worden.

Bild: W. Aswestpoulos

Die Atmosphäre war gespenstisch. Eine stehende Militärkapelle spielte Märsche und Vertreter aller Waffengattungen des Heeres, der Luftwaffe und der Marine zogen ebenso am Staatschef vorbei wie Polizei und Feuerwehr. Es gab aber keinerlei Militärfahrzeuge. "Wir müssen doch sparen", entschuldigte dies ein Polizeibeamter gegenüber den Reportern. Nicht nur die Fahrzeuge fehlten. Die traditionell alle Paraden eröffneten Kriegsversehrten verweigerten "aus Protest gegen die unmenschlichen Sparmaßnahmen" die Teilnahme.

Präsident Papoulias eilt zum Rednerpult - Premier Papademos und Parlamentspräsident Petsalnikos schaffen es nicht rechtzeitig auszustehen. Bild: W. Aswestopoulos

Zum Ende der Parade traten Staatspräsident Papoulias, Premierminister Papademos und Verteidigungsminister Avramopoulos vor die Presse. Es sollte die Gelegenheit für Fragen geben. Dazu konnte es jedoch nicht kommen, denn außer den Fernsehteams, die selbst ihre eigenen Mikrofone verlegt hatten, gab es keine Lautsprecheranlage.

Wie unter solchen Bedingungen der bald beginnende Wahlkampf ablaufen soll, bleibt schleierhaft. Für den 29.4. oder alternativ den 6.5. sind Wahlen angekündigt.

Nur einer war sehr zufrieden mit dem unwürdigen Schauspiel. Verteidigungsminister Dimitris Avramopoulos meinte: "Das war die beste Parade, die ich je erlebt habe, und eine der besten, die je stattfanden." Premier Loukas Papademos sagte: "Es war eine fantastische, beeindruckende Parade, mit der wir die Helden von 1821 geehrt haben. Diese haben uns mit Mut, Selbstaufopferung und Glauben die Freiheit geschenkt."

Für den heutigen Montag hat sich die Kreditgebertroika angesagt. Man möchte die Fortschritte des Landes überprüfen. Gibt es ein negatives Zeugnis, dann ist die Freiheit des Landes noch mehr in Gefahr. (Wassilis Aswestopoulos)