Der alte weiße Mann und die Seuche AIDS

Zentralafrika um 1909. Bild: public domain

Eine Kontroverse im Telepolis-Forum

Der folgende Beitrag ergänzt die Diskussion über den Ursprung des HI-Virus (AIDS als koloniales Überbleibsel und Was konnte den HI-Virus zur Seuche werden lassen?), wo einige Probleme im Telepolis-Forum aufgeworfen wurden. Der Umfang von annähernd 300 weitgefächerten Forumsbeiträgen erfordert trotz allem eine Beschränkung - auf den Teil, der im unmittelbaren Bezug zum kolonialen Afrika steht. Damit bleibt eine Reihe interessanter Fragen bei der späteren Verbreitung des Virus ausgeklammert, insbesondere die Problematik verseuchter Blutprodukte.

Auf welche Quellen stützt sich die Artikelserie?

Ein wesentlicher Teil der Forschung zur Entstehungsgeschichte von AIDS ist im empfehlenswerten Buch von Jacques Pepin1 zusammengestellt, der als Professor für Mikrobiologie und Infektionskrankheiten an der University of Sherbrooke, Quebec, Canada und als Direktor am Center for International Health tätig ist. Zuvor arbeitete er über mehrere Jahre als Arzt im Kongo.

Die Datierung der Entstehung von HIV-1 M ist dem Team um Michael Worobey2, University of Arizona zu verdanken, der dazu rechnergestützte Modelle verwendete. Zwei aktuelle Übersichtsartikel von Nuno R. Faria3 zur frühen räumlichen Ausbreitung und von João Dinis de Sousa4 zu den Übertragungsmöglichkeiten ergänzen die Diskussion.

HIV-1 entstand durch Übertragung von der Unterart Pan troglodytes troglodytes (violett). Ihr Lebensraum umfasst Teile des südlichen Kamerun, Gabon, Äquatorialguinea, der Zentralafrikanischen Republik, der Cabinda-Enklave von Angola und der beiden Republiken Kongo. Bild: Cody.pope/public domain

Wurde AIDS vom Kolonialismus erschaffen?

Nein. Der Kolonialismus hat AIDS (unbewusst) begünstigt, aber nicht erschaffen. Das Überspringen der Artenschranke wäre auch vorher möglich gewesen, wurde aber während des Kolonialismus wahrscheinlicher und ist tatsächlich eingetreten. Von einer Erschaffung durch einen bewussten Akt kann keine Rede sein.

Ist eine Diskussion über AIDS im Kolonialismus hinfällig, solange exakte Beweise fehlen?

Nein. Ein wesentliches Ziel der Forschung ist die Prävention. Unter den begünstigenden Umständen einer Gefahr müssen die wahrscheinlichsten erkannt werden, um sie in der Zukunft zu vermeiden.

Der einzig mögliche exakte Beweis zur Entstehung von AIDS durch die Kolonisierung wären die entsprechenden Nachweise für die Patienten der ersten Generation (mit einer wasserdichten AIDS-Diagnose und einem Lebenslauf zur Arbeitstätigkeit, medizinischen Behandlungen, Privatleben) wie im Falle des Zahnarztes David J. Acer aus Florida, in dessen Umgebung sich AIDS-Fälle häuften. Da HIV erst 1983 entdeckt wurde, als die unbekannten Toten schon längst zu Staub zerfallen waren, bleibt uns dieser Nachweis verschlossen.

Was bedeutet Überwindung der Artenschranke?

HIV hat sich durch geeignete Mutationen an den menschlichen Organismus angepasst, dass es durch sexuelle Kontakte besser übertragen werden konnte.

Im Unterschied dazu war SIV nur an die entsprechende Übertragung bei den jeweiligen Affen angepasst. Ein SIV-Infizierter stellte also für seine Mitmenschen ein geringeres sexuelles Risiko dar. Da die Betroffenen schliesslich starben, brach die Übertragungskette schneller ab.

Begünstigt man nun (bewusst oder unbewusst) zusätzliche Übertragungen, so verlängert man diese Ketten und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit einer gefährlichen Mutation. Das geschah bei HIV-1 M, welches einen effektiven Weg zur Infektion der Lymphozyten (CD4 T-Zellen) fand.

War die verstärkte Bejagung von Schimpansen in der Anfangsphase des Kolonialismus massgeblich für die Verbreitung des HI-Virus zur Seuche?

Nein. Sie war zwar fördernd, aber nicht allein ausschlaggebend.

Wurden in der AIDS-Forschung regionale afrikanische Bräuche als Verbreitungswege ignoriert?

Nein. Neben kolonialen Einflussfaktoren wurden auch die traditionelle Skarifizierung (Ziernarben) und die rituelle Beschneidung von Mädchen untersucht, die in einigen Stämmen als Gruppenzeremonie durchgeführt wurde. Sie kommen als Übertragungsmöglichkeit in Betracht, allerdings wird ihre Bedeutung vergleichsweise gering eingeschätzt.

Von größerem Gewicht waren die traditionellen Stammesbindungen, welche bis ins 20. Jahrhundert die Heirat außerhalb der Gemeinschaft als nicht gesellschaftsfähig erschienen ließen. Einem beträchtlichen Teil der Arbeitsmigranten, selbst den besser bezahlten männlichen Einwohnern von Leopoldville, gelang es fern der Heimat kaum noch, eine Ehefrau aus ihrem Stamm zu finden. Ihr dauerhafter Singlestatus schuf eine Nachfrage nach Prostitution. So führten abrupte Veränderungen des Wirtschaftssystems zu sozialen Auflösungserscheinungen.

Warum vermutet man die Entstehung des HI-Virus nicht in den afrikanischen Gebieten mit der höchsten AIDS-Rate?

Eine hohe AIDS-Rate liegt oftmals in denjenigen Gebieten vor, wo seit den letzten Jahrzehnten die besten Bedingungen zur Weitergabe des Virus herrschten. Das ist auch möglich, wenn das Virus importiert wurde. Dagegen spricht eine hohe Vielfalt von Untergruppen, also ein Reichtum von Mutationen, eher für eine lange Evolutionsgeschichte. Die höchste Vielfalt von Mutationen zu HIV-1 M findet man in Zentralafrika.

Wie wurde nachgewiesen, dass ein Schimpanse Patient Zero das Virus zu Beginn des 20. Jahrhunderts übertrug?

Die ältesten Gewebeproben mit HIV-1 M stammen aus den Jahren 1959 und 1960. Die Virus-RNA weist zwischen ihnen in 12 \% des genetischen Materials Abweichungen auf, was bei den bekannten Mutationsraten auf eine längere Vorgeschichte schließen lässt. Mit Hilfe mathematischer Modelle wurde berechnet, dass sie sich auf einen Stamm zurückzuführen sind, nämlich HIV-1 M.

Ihr gemeinsamer Vorgänger wurde in einem einmaligen Akt von einem Schimpansen Pan troglodytes troglodytes auf einen Menschen übertragen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% geschah dies zu einem Zeitpunkt zwischen 1908 und 1933, siehe Worobey5.

Darstellung der Modellrechnung von B. Korber et al. Im linken Teil ist der wahrscheinliche Stammbaum der Gruppe HIV-1 M mit seinen Untergruppen dargestellt. Im rechten Teil wird die Modellrechnung zur Bestimmung des Zeitintervalls der Entstehung veranschaulicht, in welches 95% aller Simulationen führen. Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Bette Korber, Los Alamos National Laboratory.

DNA-Vergleiche auf Basis von gesammeltem Kot aus verschiedenen Territorien von Pan troglodytes troglodytes ergaben als wahrscheinliches Übertragungsgebiet das südliche Kamerun.6 Es gehörte bis 1916 zum deutschen Kolonialbesitz und stand anschliessend unter französischer Verwaltung (mit Völkerbund-Mandat bzw. UN-Treuhandmandat).

Wie hätte das Virus aus den entfernten Wäldern von Südkamerun nach Leopoldville gelangen können?

Man muss bedenken, dass HIV-1 M mehrere Jahrzehnte zu dieser Reise benötigte. In diesem Zeitraum kam es zu einer Kettenreaktion von Ansteckungen, wobei einer der Infizierten schließlich nach Leopoldville gelangte. Entsprechende Wege waren vorhanden.

Vor den Eisenbahnen waren Flüsse das Hauptverkehrsnetz zur Ausbeutung des schwer zugänglichen Landesinneren. Dabei wurde Afrika schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Grenzen der Kolonien hinaus wirtschaftlich vernetzt, also im modernen Sinne globalisiert. Bereits während der deutschen Herrschaftsphase in Kamerun (1884-1916) nutzte man das ausgedehnte Netz des Sangha- und Congo-Flusses zum Transport von Kautschuk und Elfenbein über Leopoldville zum Atlantik. Auf dem Weg lag ein Netz von Handelsposten und Zwischenstationen. Arbeiter und Händler zirkulierten in beide Richtungen, sodass auch Krankheiten übertragen werden konnten.7

Das Flussnetz des Sangha gehört zum Einzugsgebiet im Congo-Becken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es im Wirtschaftsverkehr zwischen den abgelegenen Urwäldern Kameruns und Leopoldville genutzt. Bild: Kmusser/CC BY-SA-4.0

Welche Bedeutung besaß Leopoldville zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Das flussabwärts am Kongo gelegene Leopoldville wurde erst zu Beginn der Kolonialzeit gegründet. Da seine Lage nach geographischen und wirtschaftlichen Kriterien gewählt war, verwundert es kaum, dass er zum Verkehrsknoten der gesamten Region wurde. Bis 1934 lief auch ein beträchtlicher Teil des Warenverkehrs aus dem benachbarten Französisch-Äquatorialafrika über die Stadt und den Kongo-Fluss zum Atlantik.

Wie sprichwörtlich alle Wege nach Rom, so führten viele Wege und damit auch allerlei Krankheitskeime ins wirtschaftliche und administrative Zentrum von Belgisch-Kongo. Die Stadt verfügte gegen Mitte des 20. Jahrhunderts über mehrere Hospitäler und wissenschaftliche Forschungseinrichtungen, wo auch Gewebeproben analysiert und archiviert werden konnten. Diese Infrastruktur war eine der Voraussetzungen zur späteren Auffindung der Proben.

Woher stammt das Anfangsrisiko-Modell und welche Aussagekraft kann ihm zugemessen werden?

Die Modellrechnung stammt von Pepin8 und wird dort klar als grobe Überschlagsrechnung ausgewiesen. Sie soll lediglich abschätzen, in welcher Grössenordnung eine Übertragung des Virus von Schimpansen auf die traditionelle Landbevölkerung zu erwarten gewesen wäre, wenn man den erhöhten Konsum von Wild zu Beginn der Kolonisierung ausser Acht lässt.

Ist das Anfangsrisiko-Modell abzulehnen, weil Afrikaner nicht streng monogam lebten?

Nein. Bei einer mittleren Übertragungswahrscheinlichkeit unter 0,1% pro Sexualkontakt war es nicht notwendig, streng monogam zu sein, solange die Anzahl der Infizierten gering blieb. Dabei spielte keine grosse Rolle, ob es anfangs nur 2 oder 20 Infizierte gab. In diesem Fall brechen Infektionsketten nach wenigen Übertragungen meist ab. Ein Beispiel ist der norwegische Seemann Arvid Noe, welcher sich zwischen 1962 und 1965 in Kamerun mit HIV-1 O infizierte. Noe starb 1976, nachdem er seine Frau und Tochter angesteckt hatte. Obwohl davon auszugehen ist, dass er auch später Kontakt zu Prostituierten hatte, kam es in Europa zu keiner Epidemie von HIV-1 O.

Wäre HIV-1 in der Anfangsphase mit Sicherheit erloschen, wenn sich das Virus nur auf sexuellem Wege verbreitet hätte?

Nein. Aber seine Überlebenswahrscheinlichkeit wäre geringer. Beim HIV-2 konnte das in den letzten Jahrzehnten tatsächlich beobachtet werden. Dieser in Westafrika verbreitete und weniger aggressive Typ ist tatsächlich rückläufig, seitdem die weitläufigen Gesundheitsmaßnahmen mit unsterilen Gerätschaften in den 1970er Jahren eingestellt wurden. HIV-2 ist auf sexuellem Wege schlechter übertragbar als das an Menschen angepasste HIV-1 M. Damit kommt es als Modell der frühen Übertragungsdynamik in Betracht.

Welche Bedeutung kommt der Polygamie zu?

Sie wird im Gegensatz zur Prostitution nicht als zentraler Risikofaktor angesehen. Zunächst war die Polygamie längst nicht bei allen Stämmen verbreitet. Ausserdem ist sie meist an Wohlstand gekoppelt, denn das Brautgeld musste mehrfach gezahlt und die Familie versorgt werden. Derartige Familien konnten als überprivilegiert und sicherlich nicht durchschnittlich angesehen werden.

Falls der Mann seine zahlreichen Ehefrauen mit HIV infiziert hätte, so wäre das Virus vielleicht noch auf Kinder übergesprungen, die noch vor der Geschlechtsreife gestorben wären. Außerhalb der Großfamilie hätte sich das Virus sicherlich ausbreiten können, jedoch nicht wesentlich stärker als bei einer durchschnittlichen Familie. Die Frauen genossen kein vergleichbar vielseitiges Sexualleben wie ihr Mann, um für ihre Umwelt zu einem vergleichbaren Risiko zu werden.

War die Dominanz europäischer Ärzte in der Kolonialzeit durch den Mangel an geeigneten einheimischen Bewerbern bedingt?

Nein. Der Zugang zur höheren Bildung blieb für Afrikaner in der gesamten Kolonialzeit schwerer als für die entsprechende Bevölkerung in den Mutterländern, wenn er sich auch schrittweise verbesserte. Auch hier sind regionale Unterschiede zu beachten. Das französische System war offener, so dass die Zahl afrikanischer Hochschulabsolventen von der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit stetig anstieg (7499 Studenten im Jahre 1955).

In Belgisch-Kongo gab es dagegen noch zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit keinen einzigen einheimischen Arzt. Der Vergleich zeigt, dass es dort nicht an geeigneten Kandidaten, sondern am Willen der Administration mangelte. Anreize und Ausbildungsförderung für Fachkräfte in den Kolonien wurden sehr wohl geschaffen, doch sie blieben auf Belgier beschränkt. Dabei hätte man die einheimischen Interessenten zum Studium nicht einmal nach Europa schicken müssen. In den 1950er Jahren existierten sowohl in Leopoldville als auch Elisabethville (Lubumbashi) bereits Universitäten mit medizinischen Fakultäten, deren Studenten jedoch meist aus Belgien stammten.

Am Rande sei erwähnt, dass afrikanische Wissenschaftler in der Gegenwart wesentliche Beiträge zur Erforschung von Tropenkrankheiten und HIV beisteuern. Ein Beispiel ist die Autorenliste in Woroby9.

Ist die Kolonialmedizin im Rückblick grundsätzlich negativ zu bewerten?

Nein, zu Anfang war man sich auch in Europa über die Risiken nicht im Klaren. Die volle Tragweite der Infektionsmöglichkeiten bei mangelhafter Sterilisierung gelangte den Verantwortlichen im Gesundheitswesen erst während des Zweiten Weltkriegs ins Bewusstsein. Bei der Behandlung für Afrikaner änderte das auch später wenig.

Im Vergleich zur Gegenwart, wo die Pharmaindustrie den Entwicklungsländern bezahlbare Medikamente schlicht verweigert, lässt sich der kolonialen Zweiklassenmedizin jedoch zugutehalten, dass sie zumindest eine kostenlose und umfassende Grundversorgung anstrebte.

Lässt sich die These der stark erhöhten Sterblichkeit von Europäern zu Beginn der Kolonisierung belegen?

Es ist wohlbekannt, welche Krankheiten in Afrika endemisch waren. Zur langen Aufzählung gehören die Afrikanische Schlafkrankheit, Gelbfieber und Malaria. Ein großer Teil der afrikanischen Bevölkerung hat dagegen zumindest gewisse Resistenzen erworben oder ist Träger von verschiedenen Genmutationen mit Schutzwirkungen (z.B. Sichelzellanämie gegen Malaria).10

Mitteleuropäer waren weniger geschützt. In seinem Buch über Hintergründe der philantropischen Tätigkeit der Rockefeller-Stiftung auf Sri Lanka schreibt Soma Hewa11:

The entire West African region suffered from a hyper-endemic of malaria and European newcomers had virtually no chance of escaping the infection. The west coast of Africa was the deadliest territory for European soldiers and traders. The dead rate of Europeans in their first year on the West African coast in the late eighteenth century was somewhere between 300 and 700 per thousand per year - a situation which led to Africa beeing called a "white man's grave".

Soma Hewa

Ein Handbuch der britischen Marine12 von 1944 ergänzt dazu: "… in the days when the west coast was the white man's grave, the Congo forest would have been his purgatory." Ausführliche Zahlen zur Sterblichkeit findet man bei Öberg und Rönnbäck.13

Zudem wurde führenden europäischen Spezialisten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar, dass die wirtschaftlichen Umwälzungen in den Kolonien - verbunden mit der Umgestaltung ökologischer Lebensräume und Vertiefung des Kontakts zwischen Mensch und Tier - mit verstärkten gesundheitlichen Risiken einhergehen. Der schottische Mediziner und Parasitologe Patrik Manson, einer der Begründer der modernen Tropenmedizin, beschrieb es 1902 als "pathologische Revolution" im tropischen Afrika.14

Wie sieht es mit der Vermutung aus, AIDS wäre durch Tierversuche bei der Entwicklung eines oralen Polio-Impfstoffs übertragen worden?

Die Polio-Theorie war eine ernstzunehmende Hypothese, die entsprechend untersucht wurde. Spätestens seit den DNA-Untersuchungen der Gruppe um Michael Worobey15 wird sie in der Fachwelt nur noch vereinzelt vertreten.

Ist Kolonialismuskritik zwangsläufig kommunistische Propaganda?

Nein. Die Auflösung des traditionellen Kolonialsystems stand bereits während des Zweiten Weltkriegs auf der Agenda der USA (Atlantik-Charta von 1941). Es war einer der wenigen Punkte, in denen sich die Führung der USA mit der Sowjetunion einig war.

Die AIDS-Forschung ist eines der zahlreichen medizinischen Themen, welche zu gesellschaftlichen Ursachen führen. Wenn die Literaturquellen fast durchgängig in Fachzeitschriften wie Nature, Science oder Virology zu finden sind, die im Internet direkt eingesehen werden können, so erstaunt die hohe Emotionalität bei Teilen des Telepolis-Forums.

Beim oft zitierten "alten weißen Mann" scheint es sich um eine Metapher zu handeln, dessen Sinn mir leider noch verborgen ist. Als Europäer, der jede Menge alter weißer Männer kennt, manche vielleicht etwas schrullig, aber selten bösartig, sehe ich keinerlei Verbindung zu einem Wirtschaftssystem, welches auf Unterdrückung beruht. Die Schwachstellen des kolonialen Gesundheitswesens waren nicht durch persönliche Fehler seiner oftmals sehr engagierten europäischen und afrikanischen Mitarbeiter zurückzuführen. Stattdessen war das System von Beginn an überfordert. Eine durch blinde Geldgier getriebene Plünderungsökonomie richtet irreparablen Schaden an.

Die Kritik des Kolonialismus stand von Anbeginn in der Agenda der bedeutendsten französischen, englischen und amerikanischen Schriftsteller (Maupassant, Zola, Daudet, Forster, Conrad, Mark Twain, Jack London usw. - hier muss Kipling eher als Ausnahme betrachtet werden) und ist damit westliches Kulturgut im reinsten Sinne. Wer ist dann der "alte weiße Mann", den man verteidigen müsste?

Dr. Raj Spielmann ist Mathematiker und Autor des Buches "Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Mathematische Anwendungen in Natur und Gesellschaft", das im Verlag Walter De Gruyter erschienen ist.

(Raj Spielmann)

Anzeige