Der amerikanisch-israelische Komplex

Warum Israel im Mittleren Osten (noch) frei agieren kann und keine Sanktionen der Weltgemeinschaft zu fürchten hat - Teil 1

Über einen Monat dauerten die gewalttätigen Feindseligkeiten in Gaza und an der libanesisch-israelischen Grenze – ungeachtet aller politischen Proteste und diplomatischen Bemühungen, das Morden, Töten und Massakrieren sofort zu beenden. Laut libanesischer und israelischer Angaben sind seit Beginn der Kampfhandlungen mehr als 1.000 Libanesen, meist Zivilisten, 400 Hisbollah-Kämpfer, über Hundert Israelis und Palästinenser zu Tode gekommen, von den Hunderttausenden, die auf der Flucht sind, die Haus, Hof und Heimat verloren haben oder ein Leben lang verstümmelt oder traumatisiert bleiben, ganz zu schweigen. Die Ankündigung des israelischen Verteidigungsministers, den Libanon „zwanzig Jahre zurückzubomben“, hat sich bewahrheitet. Um den Zedernstaat wiederaufzubauen und in die Moderne zurückzuholen, werden mehrere Milliarden Euro nötig sein. Allein die Beseitigung der Öl-Katastrophe vor den Küsten Beiruts, die durch die Bombardierung eines Tanklagers ausgelöst worden ist, wird hundert Millionen Euro verschlingen.

Have you seen the flags of freedom?
What color are they now?
Do you think that you believe in yours
More than they do theirs somehow?
When you see the flags of freedom flyin'

Neil Young

Angefangen hat der neuerliche Konflikt mit der Entführung eines israelischen Soldaten durch Hamas-Aktivisten, worauf Israel mit einer Militäroffensive nach Gaza antwortete. Schon Anfang Juli versäumte der Weltsicherheitsrat, mäßigend auf die drohende Krise zu wirken. Wieder konnte sich das Gremium nicht auf eine gemeinsame Formel einigen.

Als am 12. Juli im Norden Israels die Hisbollah zwei weitere israelische Soldaten kidnappte und bei einem Befreiungsversuch der Israelis acht ihrer Leute umkamen, brach die Krise endgültig aus. Bereits am Tag darauf flog die israelische Luftwaffe gen Libanon und zerbombt seitdem, ohne Rücksicht auf Verluste, die Infrastruktur des Landes, während ihre Armee gleichzeitig in den Süden einrückte, um Bodenstellungen, Tunnelanlagen und Waffenlager der Hisbollah und die Organisation selbst zu vernichten.

Die Zeitnähe und die Ähnlichkeit der Ereignisse nähren den Verdacht, dass es sich möglicherweise um eine konzertierte Aktion von Hamas und Hisbollah gehandelt haben könnte. Ob die Auftraggeber auch mit dieser Härte und Unerbittlichkeit gerechnet haben, mit der Israel nun zurückschlägt, weiß niemand. Tatsache ist, dass Israel, wenn es attackiert wird, bislang immer nach der Devise handelt, mehrere Araber für einen Israeli zu töten.

Die spannende Frage wird sein, ob Israel mit dieser Politik der Abschreckung (Deshalb spielt Israel verrückt) auch in Zukunft Erfolg haben wird. Beobachter bezweifeln dies. Auch Strategen und Israel wohl gesonnene Publizisten denken bereits laut über Israels letzte Offensive nach und verweisen auf den Verlust des „moralischen Rückhalts“, den der Westen dem Land bislang gewährt hat, der aber aufgrund der unnachgiebigen israelischen Haltung zunehmend im Schwinden begriffen ist.

Oder sie machen darauf aufmerksam, dass genau diese Politik des Shock and Awe für das Land höchst kontraproduktiv ist. Bei Lichte besehen hat sie nämlich nur zu mehr Widerstand auf Seiten der Nachbarn und Gegner geführt und die Zahl der Feinde und Attentäter ständig vermehrt und anwachsen lassen (Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland). Die Erwartung, dass die Politik der eisernen Faust, die vor allem Sharon an den Tag gelegt hat und die die jetzige Regierung Olmert fortführt, zu mehr Sicherheit Israels führt, hat getrogen. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Vom Norden und vom Süden werden die Israelis mit Katjuschas beschossen und müssen, was vor Jahren noch undenkbar schien, zu Hunderttausenden flüchten oder Luftschutzbunker aufsuchen.

Ausgerechnet die Hisbollah, die man jetzt bekämpft, ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie Zorn und Wut über diese Politik den „geistigen Anstiftern“ ungehemmten Zulauf potentieller Kämpfer und Selbstmordbomber sichert. Die Hisbollah ist unmittelbar Ausfluss und Ergebnis des Einmarsches Israels in den Libanon anno 1982. Anders als arabische Armeen zuvor, die sich von der israelischen haben vorführen lassen, hat sich die Hisbollah im Verborgenen konstituiert. Sie hat den Partisanenkampf genau studiert (Die Unauffindbarkeit des Friedens II), und ihre Aktionen den Erfordernissen des „asymmetrischen Krieges“ angepasst. Als dezentrales Netzwerk straff organisiert, mit einem bewaffneten und einen politischen Arm sowie mit hochmodernen und mobilen Waffen ausgerüstet, sind die Übergänge zwischen zivil und militärisch, Kombattant und Nicht-Kombattant fließend. Hat der Hisbollah-Kämpfer seine Katjuscha abgefeuert, geht er sofort wieder seiner Tätigkeit als Bäcker oder Mechaniker nach, um sich am nächsten Tag erneut in einen Kämpfer zu verwandeln.

Auf Grund des breiten Rückhalts und der nachhaltigen Unterstützung, den die Hisbollah in der libanesischen Bevölkerung genießt, können sie sich, getreu dem Gebot Mao Tse Tungs, wie Fische im Wasser bewegen. Und mit der Märtyrer- und Todeslyrik, den ihr ihre geistigen Führer einimpfen, sind sie auch kaum noch einzuschüchtern. Gegen Kämpfer, die bewusst ihren Tod mitein kalkulieren, ihm gar mit Freude entgegensehen, haben Soldaten, die im Gefechtsfeld an Frau und Kinder denken, einen äußerst schweren Stand.

Das postheroische Zeitalter, das die Postmoderne für die Westbewohner einläutet und das man mit überlegener Waffentechnik gestalten und meistern will, gereicht gerade auf diesem Terrain zum eindeutigen Standortnachteil. Noch so große Flächenbombardements, gezielte Tötungen oder Zerstörungen vermögen wenig angesichts hoch motivierter Partisanenkrieger auszurichten, die weder Tod noch Teufel fürchten. Das hat man in Korea und Vietnam gesehen, aber auch im Kosovo oder derzeit in Afghanistan und im Irak.

So berechtigt das Land ist, die Übergriffe von Hamas und Hisbollah auf ihr Gebiet als kriegerischen Akt zu werten und gegen die Angreifer und ihre Helfershelfer militärisch vorzugehen, genauso legitim ist es, die „Unverhältnismäßigkeit“ der israelischen Angriffe zu verurteilen. Brücken, Verkehrswege und ganze Stadtteile wegen drei entführter Soldaten in Schutt und Asche zu legen und ganze Landstriche und Unbeteiligte zur Geisel machen, ist weit überzogen und durch das Völkerrecht nicht gedeckt (Die Unauffindbarkeit des Friedens).

Trotz der Offensichtlichkeit der Ereignisse gelang es weder dem UN-Gremium noch der regen Reisediplomatie, diesen Tatbestand festzustellen und die beiden Konfliktpartner zur sofortigen Einstellung ihrer Feindseligkeiten zu bewegen. Weder wertete man die Angriffe als kriegerische Akte, noch stellte man die militärischen Exzesse der israelischen Armee an den Pranger. Auch dann noch nicht, als die israelische Luftwaffe UN-Beobachter bombardierte und in Kana ein Massaker unter Zivilisten anrichtete.

Im Gegenteil: Einer Verurteilung durch den UN-Sicherheitsrat entging Israel dank des Vetos der USA. Und zu einer „sofortigen Waffenruhe“, wie die meisten Araber und Europäer fast flehentlich gefordert haben, muss sich Israel dank der sturen Unterstützung durch die US-Außenministerin auch nicht verpflichten – mal abgesehen von der Frage, ob sich Israel einem solchen Diktat jemals gebeugt hätte. Schlimmer noch: Die Erklärung auf der Krisenkonferenz in Rom nahm die israelische Regierung gar als Freibrief, um im Libanon weiter „militärisch aufzuräumen“. Zumindest solange, bis eine von wem auch immer geführte robuste Friedenstruppe den israelischen Part übernimmt und die Hisbollah an ihrer statt entwaffnet. Ob die nach der UN-Resolution beschlossene 15.000 Mann starke libanesische sowie eine ebenso starke von der UN befehligte Truppe für eine anhaltende Waffenpause sorgen kann, ist zu bezweifeln.

Vieles deutet daraufhin, dass Israel im Libanon eine Art „Stellvertreterkrieg“ für die USA führte. Auch den USA schien es zunächst darum zu gehen, einen schnellen Frieden zu verhindern und die Hisbollah, die man als Handlanger des Iran und nicht als libanesische Partei betrachtet, dauerhaft zu schwächen. Es ist offensichtlich, dass man in Washington die Kampfhandlungen nicht als regionalen Konflikt ansah, sondern als Teil des globalen Kampfes gegen den Terror und die „Achse des Bösen“. Dass die israelische Führung zögerte und zauderte, mal vorpreschte, dann wieder zurückwich, die Hisbollah militärisch so stark und behände war und der israelischen ungeahnte Schwierigkeiten bereitete, hat vielleicht nicht nur das Kabinett Olmert, sondern auch die Bush-Administration überrascht.

Vor dem Pult des Pressesaals ihres Ministeriums griff die US-Außenministerin, die sich seit ihrem Amtsantritt eine Zeitlang eher als Pragmatikerin und Realistin gezeigt hat, jedenfalls selbstredend wieder auf die bekannte „neokonservative“ Rhetorik einer demokratischen Neugestaltung des Nahen Ostens zurück. Am 21. Juli, also knapp eine Woche nach Ausbruch der Waffengewalt an der Nordgrenze Israels, warnte sie die Weltöffentlichkeit vor den „falschen Versprechen eines Waffenstillstands“. Durch ihn, so Rice kühl, würden im Nahen Osten „nur alte Zustände wiederherstellt“. Stattdessen müsse man das Problem an den „Wurzeln“ packen und dem Terror der Hisbollah den Garaus machen. Auch werde sie sich mit deren Auftraggebern, die sie in Damaskus und Teheran ortet, nicht an einen Tisch setzen. Und als ob die Zeit rückwärts liefe und die blutigen Erfahrungen im Irak sie nicht längst eines Besseren belehrt hätten, sprach sie die seherischen Worte: „Was wir hier sehen, sind die Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens.“ Weswegen alle politischen Maßnahmen, die fortan ergriffen würden, sicherstellen müssten, dass man „den neuen Nahen Osten vorantreiben und den alten zurückdrängt“.

Wie sie diese Sätze im Brustton der Überzeugung in die Mikrofone sprach und das Bild einer neuen Welt und Zeitrechnung malte, konnte man vor dem Bildschirm fast den Eindruck gewinnen, dass man im Lager der „Bushies“ froh ist oder nur darauf gewartet hat, dass sich die jahrelangen Spannungen an der südlibanesischen Grenze endlich auf diese Weise gelöst haben und die Nato bald auch in diesem Teil der Welt militärisch aktiv werden kann. Damit hätte mancher neokonservative Stratege sein Ziel erreicht: die vollkommene Einkreisung des Iran.

Diese einseitige Parteinahme der USA für die Belange Israels verwundert nicht, zumal zwischen den beiden Nationen eine jahrzehntelang währende „besondere Partnerschaft“ existiert. Sie datiert auf die Zeit nach dem Sechstagekrieg, als die USA Israel als Frontstaat im „Great Game“ des Kalten Krieges entdeckt haben, um den sowjetischen Einfluss im Nahen Osten zu brechen. Durch sie konnte die russisch-ägyptische Allianz aufgebrochen und die Hegemonie des „Reichs des Bösen“ in dieser Region entschärft werden.

So lässt man seit dieser Zeit dem Land großzügig jedes Jahr 3 Milliarden Dollar direkte Hilfe zukommen, was einen stolzen Betrag von satten 100 Milliarden Dollar ausmacht, Summen, über die das Land (anders als jedes andere Land) frei verfügen kann – auch zur Finanzierung der Siedlungspolitik im Westjordanland. Zugleich scheut man sich nicht, dem Land die allerneueste Waffentechnik zu überlassen, darunter F-16 Bomber, Black Hawks, Patriots und Bunker brechende Waffen, was die Israel Defence Forces zur modernsten, mächtigsten und schlagkräftigsten Armee des Nahen Ostens macht. Schließlich haben die USA weggesehen, als Israel sich um nukleare Waffen bemüht hat, was man bei anderen Staaten, sogar bei europäischen Verbündeten, wohl niemals dulden würde.

Auf der anderen Seite hat die Supermacht Israel über dreißig Mal durch ihr Veto vor einer Verurteilung durch den Sicherheitsrat bewahrt, und zwar auch dann noch, als dessen Politik US-Interessen entgegengestanden ist. Auch hat sie bei allen Konferenzen und Friedensverhandlungen in den letzten Jahren, gleich ob in Oslo, Camp David oder anderswo, stets die israelische Verhandlungsposition unterstützt, wenn es „spitz auf Knopf“ stand. Und guckt man genauer hin, so entpuppt sich die „Bush-Doktrin“, mit ihren drei Säulen: Unilateralismus, preemptive strike und regime change, in weiten Teilen von israelischer Politik inspiriert.

Auch wenn es zwischendurch immer wieder mal zu kleineren Irritationen zwischen den beiden Partnern kam (bekanntlich war Richard Nixon privat ein Antisemit und übermittelt ist sein lautes Fluchen über den kleinen Mittelmeerstaat, der sich seiner Politik widersetzte), hat sich diese Nibelungentreue seit dem Ende des Kalten Krieges eher noch verstärkt, und das interessanterweise obwohl oder gerade weil sich die Geschäftsordnung und die geopolitischen Interessenlagen der beiden Länder seitdem grundlegend geändert haben.

Sieht sich Israel ständiger Anfeindungen und Provokationen seitens seiner arabischen und islamischen Nachbarn gegenüber, die sein Existenzrecht lauthals in Zweifel ziehen, muss der Supermacht eher daran gelegen sein, ein schiedlich-friedlichen Ausgleich mit diesen Ländern zu haben – nicht zuletzt wegen der Ölversorgung und der Interessen ihrer Öl-Industrie. Das Land kostet mittlerweile nur noch viel Geld, es bindet politische Aufmerksamkeit und Kräfte, die anderswo (Fernost) weit dringender gebraucht werden, besitzt aber weder Öl noch andere Ressourcen, die es für die USA lohnenswert machen würde, dort weiter finanziell zu investieren.

Die Unsicherheit und Instabilität, die Israels unberechenbare Politik im Nahen Osten schafft, nährt obendrein den Terrorismus, sie gibt ihm Legitimation und gefährdet die Sicherheit Amerikas. Der islamistische Terror zum Beispiel, der New York und Washington am 11. September heimgesucht hat, ist auch unmittelbar Folge der einseitigen Parteinahme der USA. Da muss man nur die Reden und Schriften der Drahtzieher und Hintermänner lesen. Das einseitige amerikanische Engagement für den jüdischen Staat hat dazu geführt, dass Israels Feinde auch die Feinde Amerikas geworden sind und der Antiamerikanismus bei etlichen Ländern zur Staatsdoktrin wurde.

In der ersten Augustwoche zum Beispiel hat es ausgerechnet in Bagdad, was in der allgemeinen Berichterstattung über den Libanon-Krieg untergegangen ist, die bislang weltweit größte antiamerikanische Kundgebung und antiisraelische Demonstration im Nahen Osten gegeben. Den Anhängern des radikalen Predigers Muktada al-Sadr ist es gelungen, mehr als eine Million Schiiten auf die Straße zu bringen, und das, obwohl das amerikanische Oberkommando gerade 6000 neue Marines in die Stadt beordert hat, um die Sicherheitslage dort zu verbessern.

Realistisch betrachtet hat sich das ehemalige „Faustpfand“ Israel zur Hypothek und Last für die amerikanische Sicherheit und ihre geopolitischen Ambitionen und Interessen in dieser und in anderen Regionen der Welt entwickelt. Vor allem auch, weil das Land sich durch niemanden und durch nichts von seinem Weg des Unilateralismus abbringen lassen will, wie der israelische Regierungschef Ehud Olmert jüngst versichert hat (Niemand kann uns stoppen). Ein Verbündeter, der so agiert, wird für alle anderen Beteiligten zum extremen Risikofaktor. Meinen jedenfalls auch Walt und Mearsheimer in ihrem umstrittenen Papier über die Israel Lobby und ihre Verwicklung in die US-Politik.

Auch der häufig zu hörende Zwischenruf, dass Israel die einzige echte Demokratie in der ganzen Region sei und man dem Land schon deswegen beistehen müsse, verliert, wenn man amerikanische oder westliche Maße anlegt, zunehmend an Überzeugungskraft. Zum einen hat die Supermacht, wenn es die politische Situation oder das raumpolitische Interesse erfordert, häufig mit Diktatoren und Tyrannen paktiert oder gemeinsame Sache gemacht. Das gilt für demokratisch geführte Regierungen genauso wie für die neokonservative Regierung, siehe Pakistan und Usbekistan; zum anderen ist die israelische Demokratie auf Prinzipien gegründet, die der USA nicht unbedingt gefallen können.

Noch immer werden arabische Israelis als Bürger zweiter Klasse behandelt und damit wird das Verbot der Diskriminierung, das Gebot der ethnischen Gleichheit usw. auf gröblichste Weise missachtet. Wegen dieser Verhaltensweise vergleicht mancher Zeitgenosse das Land mit dem ehemaligen Apartheid-Staat Südafrika. Zuziehende Neujuden genießen zum Beispiel noch immer mehr Rechte und Privilegien als palästinensische oder andere Einheimische. Sie werden finanziell besser gestellt und großzügig mit Krediten versorgt, wenn sie sich entschließen, nach Israel zu kommen und/oder in eine der vielen Siedlungen im Westjordanland zu ziehen.

Bleibt zum Schluss allenfalls noch das „moralische“ Argument, der besondere Schutz, den Land und Bürger wegen der Verbrechen der Nazis verdienen und den sich die internationale Politik, zumindest jene, die der Westen seit Ende von WK II verfolgt, zur Aufgabe und zum Programm gemacht hat. Aber auch diese Perspektive trägt nur bis zu einem gewissen Maß. Mal abgesehen davon, dass Moral alles andere als ein guter Ratgeber für Politik ist. Hier geht es bekanntlich um den Ausgleich oder die Durchsetzung von Interessen. Wer sich auf Moral beruft, zeigt in aller Regel, dass er politisch schwach ist. Moral erweist sich stets als schwarzes Loch, das Politik nicht schließen kann. Unmerklich ist man schnell bei Glaubensfragen angelangt, die rational zu entscheiden, bekanntlich unmöglich ist. Meist führen solche Lösungen zu Glaubenskriegen, der höchsten Form der Feindschaft und des Krieges, der unter technischen Bedingungen unweigerlich zum Vernichtungsfeldzug wird.

Andererseits kann dieser Moralismus, zu dem sich Amerika, aber auch der Westen verpflichtet fühlt, auch nicht im langfristigen Interesse Israels sein. Im Laufe der Zeit nutzt er sich ab, die Geschichte verblasst und nimmt, je größer der zeitliche Abstand wird, andere Züge an. Neue Verantwortlichkeiten und Schuldzuweisungen entstehen, die nur noch bedingt mit vergangenen Taten oder Ereignissen verrechnet oder begründet werden können. Das ungelöste Palästinenserproblem, der Glaubensstreit um Ost-Jerusalem, die besetzten Gebiete und die unsägliche Siedlungspolitik etwa sind allein Sache und Erbe des Staates Israel. Auch die Hisbollah, die Hamas oder die Fatah – alle diese Organisationen, die Israel unerbittlich befehden, sind Ergebnisse israelischer Politik und haben mit dem Moralismus des Westens oder dem Holocaust nichts gemein. Sich, wie manche wohl meinende Publizisten, dabei ständig als Opfer zu stilisieren, ist unredlich, sie ist weder dem Erwachsenwerden noch dem eigenen Selbstbewusstsein zuträglich. Das hat auch die Bundesrepublik erfahren, die sich jahrzehntelang in die Büßerrolle gefügt hat, jetzt aber urplötzlich Geschmack an der großen Weltpolitik gefunden hat und seitdem im Konzert der Großen zumindest mitagiert.

Die Worte sind endlich und auch die Menschen
beide haben das gleiche Ende.

Gilad Atzmon

Aber auch die gegenteilige Strategie, der Opferrolle mit einer Politik der Stärke und der Einschüchterung zu begegnen, scheint auf Dauer wenig Erfolg versprechend. Werden aus Opfern Täter, erzeugt das nur neue Opfer, aus denen sich weitere Täter rekrutieren. Ein Circulus vitiosus setzt sich in Gang, der nur noch schwer zu stoppen ist. Der Wunsch nach Normalität, der in Israel zweifellos grassiert, lässt sich nur in Übereinkunft mit den Nachbarn, und das heißt: mit Syrien und dem Iran, mit der Hamas und der Hisbollah erreichen, aber nicht aus einer einseitigen Position der Macht, der Überlegenheit und Stärke. Solche Übereinkünfte, die ein Ende der Okkupation, einen vollständigen Rückzug auf die Grenzen von 1967, eine Lösung des Status von Ost-Jerusalem sowie eine begrenzte Rückkehr der vertriebenen Palästinenser beinhalten wird und muss, sind für Israel schmerzhaft.

Gewiss, das Land mag aus seiner Sicht mit Recht darauf hinweisen, dass es bislang keinen geeigneten Gesprächspartner gefunden hat, mit dem es das Programm „Land gegen Frieden“, die „Road Map“ oder welchen Plan auch immer durchsetzen kann. Andererseits kann man sich die Gesprächspartner aber auch nicht aussuchen, sondern muss mit denen verhandeln, die die Interessen der Gegenseite vertreten. Das Diktum, mit „Terroristen“ oder „Schurkenstaaten“ nicht verhandeln zu wollen, ist politisch unklug und der eigenen Sache wenig zuträglich. Mal abgesehen von dem Faktum, dass das Land selbst von Leuten regiert worden ist, wie Menachem Begin, Itzak Shamir oder Ariel Sharon, die sich terroristischer Akte schuldig gemacht haben. Den Verhandlungspartnern die Bedingungen des Friedens diktieren zu wollen, funktioniert nicht. Das hat schon der „Frieden von Versailles“ gezeigt, bei dem maßgebliche Kriterien des ius ad bellum von den Siegermächten leichtfertig außer Kraft gesetzt worden sind und den Frieden seitdem unauffindbar gemacht haben (Die Unauffindbarkeit des Friedens). Der Versuch, das nach wie vor ungelöste Sicherheitsproblem Israels durch eine Politik der einseitigen Besetzung, des einseitigen Abzugs oder der einseitigen Grenzziehung zu lösen, ist gescheitert. Sie hat das Land allem Anschein nach in eine strategische Sackgasse geführt, aus der sie auch eine internationale Schutztruppe nicht herausführen wird können.

So historisch einzigartig die „Moralität der Sühne“ (Navid Kermani) für Auschwitz auch im Einzelnen sein mag, für das erlittene Unrecht der Juden in Europa kann die dort lebende arabische Bevölkerung rein gar nichts. Das macht die gezielten Anfeindungen und Drohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad so verstörend und gefährlich für das Land, weil er da in einer offenen und tiefen Wunde herumbohrt. Weder sind die Araber, Moslems und Palästinenser schuldig, noch sind sie verantwortlich für diese Schandtaten. Für die arabischen Nachbarn wird diese spezifische Moralität, auf die Israel sich beruft, auch in Zukunft nicht nachvollziehbar sein. Da wird auch noch so gut gemeinte Aufklärungsarbeit über die Leidensgeschichte der Juden in Europa wenig helfen. Arabern und Palästinensern dürfte diese Vorgeschichte angesichts des Unrechts, das sie täglich erfahren oder Jahrzehnte lang erlitten haben, ziemlich kalt lassen. Sie sehen nur, dass Israel die Palästinenser zu Hunderttausenden aus ihrem Land vertrieben hat; sie sehen nur, wie es das Westjordanland mit Siedlungen durchpflügt und die Bevölkerung am Checkpoint oder im Lager demütigt und erniedrigt (Geografie der Macht); und sie sehen nur die kompromisslose Haltung, der sich die militärische Übermacht befleißigt.

Dass sich dagegen palästinensischer Widerstand formiert, und zwar seit der Staatsgründung Israels 1948, verwundert angesichts Hunderttausender, die in Flüchtlingscamps auf engsten Raum zusammengepfercht leben, nicht. Wer dort aufgewachsen ist, ohne Zukunft und Perspektive, und/oder Vater, Geschwister und Kinder bei einem der vielen Bomben- und Vergeltungsaktionen verloren hat, wird kaum freiwillig dem Feind die Hand zur Versöhnung reichen. Das moralische Dilemma, in das sich Israel selbstredend manövriert hat und vor dem Israel aktuell steht, ist, dass es die moralischen Ressourcen, von denen es Jahrzehnte lang gezehrt hat, mittlerweile aufgebraucht hat. In Europa ist das noch vielfach deutlicher zu merken als in Amerika, wo die Kritik erst allmählich anhebt. Ein Staat, der seine Existenz auf Moral und Humanität gründet, kann nicht zugleich inhuman handeln. Auch dann, wenn er bewusst und ständig provoziert wird. Macht er das, entledigt er sich unnötig und freiwillig seiner stärksten Waffe, die ihn vor allen anderen heraushebt und auszeichnet, der demokratischen Legitimität. Er wird seinerseits zum Wüterich und zu jenem „Schurkenstaat“, den er angeblich bekämpfen will oder zu bekämpfen vorgibt.

Israel führt zwei Kriege gleichzeitig – einen „gerechten“, wenn auch „unverhältnismäßigen“ Krieg gegen die Hisbollah oder die Hamas, die geschworen haben, die Existenz des Landes zu vernichten, und einen „ungerechtfertigen“ Krieg, der die Annexion fremder Territorien und die ethnische Säuberung zum Ziel hat. Solange der Krieg nach innen unmittelbar Folge des Krieges nach außen ist, und beide Formen des Krieges bloß die zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, wird Israel nicht nur weiter auf der Anklagebank der Weltöffentlichkeit sitzen, es wird auch die Kritik wachsen und, was weit schlimmer ist, es werden Solidarität, Unterstützung und Zuwendung schwinden. Das Ergebnis dieser Haltung und Politik könnte für Israel, wie Navid Kermani in der SZ vom 7. August titelt, „in jeder Hinsicht niederschmetternd“ sein. Und aus dieser moralischen Sackgasse werden das Land auch wohl gesonnene Publizisten, journalistische Organe oder Organisationen wie der Zentralrat der Juden in Deutschland nicht mehr herausmanövrieren können, die mit ihren pro-israelischen Äußerungen und Stellungnahmen dem Anliegen des Staates Israel häufig mehr schaden als nützen.

Die Post, die derzeit aus den USA (siehe Mearsheimer/Walt) nach Europa, aber auch von Europa nach Israel unterwegs ist, sollte der Regierung und ihrer politischen Klasse zu denken geben. Es könnte sein, dass die nächste US-Regierung dies ebenso sieht und bald auf Distanz zu ihrem engsten Verbündeten geht.

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