"Der beste Schutz ist das Verlassen der Stadt Tokio"

Die Strahlenexpertin Angelika Claußen über die zu erwartenden Folgen des Reaktorunfalls in Japan

Nach wie vor kämpfen Techniker und Katastrophenschützer in Japan gegen einen GAU in den Meilern von Fukushima. Seit dem Unfall nach Erdbeben und Flutwelle ist allerdings jetzt schon mehrfach Radioaktivität ausgetreten. Telepolis sprach mit der Strahlenexpertin und langjährigen Vorsitzenden der Ärzteorganisation IPPNW, Angelika Claußen, über die Lage in dem asiatischen Land, Spätfolgen und die politische Lehre aus dem Unglück.

Frau Claußen, seit Tagen verfolgt die Welt die Nachrichtenlage aus Japan. Nun sind die Informationen aus dem Land oft nicht transparent. Wie schätzen Sie die Situation um den zerstörten Atomkomplex Fukushima ein?
Angelika Claußen: Die Nachrichten deuten zum aktuellen Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass die Kernschmelze in den verschiedenen Reaktoren begonnen hat. Demnach ist es nicht auszuschließen, dass das sogenannte Containment, also die Sicherheitshülle, in den kommenden ein, zwei Tagen zerstört wird, sofern es den Sicherheitsleuten mit den laufenden Maßnahmen nicht gelingt, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Die Folge wäre ...
Angelika Claußen: ... dass das radioaktive Inventar in die Luft entweichen würde.
Sind die derzeit häufigen Vergleiche zu der Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl vor 25 Jahren also angebracht?
Angelika Claußen: Nicht unmittelbar. Der Unterschied zu Tschernobyl ist, dass dort der Reaktor über mehr als eine Woche lang gebrannt hat und das radioaktive Inventar in Folge dieses Brandes in hohe Luftschichten aufgestiegen ist. Die radioaktive Wolke ist damals über die hohen Luftschichten sehr stark verbreitet worden. Damals sind 53 Prozent des radioaktiven Inventars in Mittel-, Ost- und Westeuropa niedergegangen.
Was bedeutet das im Umkehrschluss für Fukushima?
Angelika Claußen: Im Moment kann man da nur Mutmaßungen anstellen. Auf der Basis der bekannten Daten gehe ich davon aus, dass sich das radioaktive Material im Falle eines massiven Entweichens über mehrere hundert Kilometer verteilen und damit die nördlichen Teile von Japan verstrahlen würde.
Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurden Hunderttausende evakuiert, die Sperrzone erstreckt sich bis heute auf rund 3000 Quadratkilometer. In dem relativ kleinen Inselstaat Japan gibt es viel weniger Raum. Was bedeutet der Atomunfall in Fukushima vor diesem Hintergrund?
Angelika Claußen: Tatsächlich ist auch die Bevölkerungsdichte in Japan viel höher als in der Ukraine oder in Weißrussland. Um genau zu sein: Sie ist 15 Mal höher. So viele Menschen auf so engem Raum kann man gar nicht schnell genug evakuieren. Zudem sind die Winde unberechenbar und Tokio liegt nur knapp 250 Kilometer vom Ort des Reaktorunfalls entfernt. Je nach Wind- und Wetterlage kann dort natürlich einiges an Strahlung herunterkommen. Ob diese Szenarien tatsächlich eintreffen – was niemand von uns hofft -, werden wir in den kommenden Tagen sehen.
In der Megastadt Tokio leben 35 Millionen Menschen. Wie können sich diese Bewohner denn im Moment schützen?
Angelika Claußen: Der beste Schutz ist das Verlassen der Stadt Tokio gen Süden. Das werden die meisten Menschen aber nicht machen können. Wer bleibt, muss sich möglichst in geschlossenen Räumen aufhalten. Diese Menschen müssen sich im Fall einer Kernschmelze mit Nahrung und Wasser versorgen. Besonders mit Wasser, denn im Fall einer Kernschmelze wird es sehr schnell zu einer Kontaminierung des Grundwassers kommen. Das bedeutet, dass das Grund- und Trinkwasser unterirdisch und über die Luft verseucht wird.
Sie haben die mangelhafte Datenlage angesprochen. Wie könnte man den Informationsfluss verbessern?
Angelika Claußen: Die Regierung müsste unabhängige Kommissionen in den verschiedenen Regionen des Landes einrichten. Das Problem ist doch, dass im Moment nur die Betreiberfirma Tepco die Radioaktivität misst. Das ist im Grunde genommen unglaublich: Den Verursachern der Katastrophe wird die Information der Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit überlassen.
Regierungssprecher Yukio Edano hat in den vergangenen Tagen aber auch immer wieder beschwichtigt und von "geringen Mengen" austretender Radioaktivität gesprochen. Sind geringe Mengen also ungefährlich?
Angelika Claußen: Die bislang bekannt gegebenen Strahlenmengen sind ja nicht einmal gering. Nehmen wir mal an, in der Umgebung der Reaktoren würden 500 Millisievert über eine Stunde hinweg austreten. Das ist schon eine erhebliche Strahlenmenge, der Aufenthalt in einem solchen Strahlenfeld würde eine akute Strahlenkrankheit hervorrufen.
Mit welchen Folgen?
Angelika Claußen: Konkrete Folgen sind Organschäden. Das Immunsystem wird in Mitleidenschaft gezogen, so dass es leicht zu Infekten kommt, gegen die der Körper keine Abwehr mehr aufbauen kann. Wir würden in einem solchen Fall eine Veränderung des Blutbildes beobachten. Es können Blutungen auftreten und – durch die Schädigung des strahlensensiblen Magen-Darm-Traktes – Erbrechen und Durchfall. Beobachtet wurden bislang auch Störungen des zentralen Nervensystems und anderer Organe. Aber auch schon 400 Millisievert, und dieser Wert wurde bereits offiziell gemessen, können erste dieser Anzeichen hervorrufen.
Welche Langzeitfolgen für den Menschen sind auch bei geringeren Mengen von Radioaktivität in der Umwelt zu erwarten?
Angelika Claußen: Man kann schon jetzt davon ausgehen, dass die Menschen in Tokio über einen langen Zeitraum hinweg mit einer stetigen Strahlenbelastung konfrontiert sein werden. Alle Erkenntnisse der Strahlenmedizin zeigen, dass es keine Mengen an Radioaktivität gibt, die nicht gefährlich sind. Es gibt keinen unteren Grenzwert.
Bei einer langfristigen Belastung – wie wir sie in der Ukraine und Weißrussland nach Tschernobyl beobachten konnten – treten durchaus auch andere Erkrankungen auf. Besonders gefährdet ist das ungeborene Leben, vor allem zwischen dem 8. und dem 15. Tag – aber auch danach. Es treten dann genetische Schäden auf. Es kommt zu Fehlgeburten, Todgeburten und schweren Missbildungen. Sie werden sich erinnern, dass es nach der Katastrophe von Tschernobyl auch in Deutschland eine erhöhte Zahl von Trisomie 21, dem sogenannten Down-Syndrom, gab. Viel schwerer waren die Folgen natürlich in der Ukraine und Weißrussland. Eines der zudem größten Probleme sind die Schilddrüsenerkrankungen.
Kann man dem nicht vorbeugen?
Angelika Claußen: Gegen Schädigungen der Schilddrüse besteht die einzige effektive Prophylaxe in der Einnahme von Jodtabletten. Bei einer atomaren Verseuchung nimmt die Schilddrüse eher das radioaktive Jod auf, das sich so im Organismus anreichert. Das stabilere und nicht-radioaktive Jod wird verdrängt. Dabei sind Kinder anfälliger als Erwachsene.
Nach dem Unfall in Tschernobyl haben wir bei Kindern nach schon vier Jahren eine Erhöhung der strahlenbedingten Schilddrüsenerkrankungen um 30 Prozent beobachten können. Dennoch hat die Internationale Atomenergiebehörde, die IAEO, selbst bei dem ersten großen Bericht über diesen Reaktorunfall im Jahr 1991 diese Folgen verleugnet. Daneben gibt es mit einer mehrjährigen Latenzzeit vermehrt Fälle von Leukämie, Brustkrebs und anderer onkologischer Erkrankungen. Weiterhin könnten zahlreiche Nichtkrebserkrankungen wie Herzinfarkte, Hirninfarkte, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen und Linsentrübungen entstehen.
Und das ist in Japan zu erwarten?
Angelika Claußen: Wenn die Notfallteams einen GAU in Japan in diesen Stunden und Tagen nicht vermeiden können, dann müssen wir damit rechnen. Erschwerend kommt in Japan im Vergleich zu Tschernobyl die hohe Bevölkerungsdichte hinzu.
Frau Claußen, welche Lehre können wir also aus dem Geschehen in Japan ziehen?
Angelika Claußen: Der einzig wirkliche Schutz vor den Gefahren der zivilen Atomkraft ist hier in Deutschland und weltweit die Abschaltung der Atomkraftwerke und die Abschaffung dieser Technik – auch wenn das den bisherigen Opfern natürlich nicht mehr hilft. Der Regierung in Japan würde ich raten, so viele Jodtabletten wie möglich ins Land zu holen, um mit der Verteilung an die Bevölkerung zu beginnen. Die Abgabe an die Bevölkerung ist sicher logistisch schwierig. Aber selbst wenn von den 35 Millionen Einwohnern von Tokio nur zwei oder drei Millionen Menschen geholfen wird, dann wäre schon etwas erreicht. Bei solchen Katastrophen können wir Mediziner ja immer nur das tun, was im Bereich den Machbaren liegt. Auch wenn es oft nicht genügt. Aber es ist besser als gar nichts.
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