Der böse König Alkohol

Ein kleines Vademecum zum Silvesterfest

Die Umgebung kommt mir vor wie in Technicolor/ Wenn ich trinke/Glaub mir oder nicht, hier ist Las Vegas für mich/ Wenn ich trinke (...). Und ich bin bereit für Zärtlichkeit/Und ich fühl' mich als Mann/ Weil mir keiner was kann/ Wenn ich trinke (...) Träume werden nicht real, doch ich probier' es noch mal/Ja, ich trinke.(....). Ein kühles Getränk, ein Gottesgeschenk/Ja, ich trinke.

(Superpunk 2008)

Der böse König Alkohol: Dass er das Gehirn schädige, mag man nicht immer ausgerechnet von jenen Leuten hören, die offenkundig über weniger Gehirnzellen verfügen als einem selbst bei einem flotten Räuschchen flöten gehen. Ich persönlich schätze seine belebende Wirkung, er löst die Zunge, beflügelt den Geist, ist eine Art Brause für die Seele, lässt einen mitunter knifflige Stellen bei Hegel genauso wie die Essenz italienischer Opern auch bei Unkenntnis der Sprache besser nachvollziehen, verleiht dem Dasein mehr Farbe und der Existenz mehr Würde und macht nicht zuletzt mutig, witzig, sexy, froh und tolerant. Er ist das Aspirin für schmerzende Herzen, und dient tags darauf im Gewand des Restalkohols sogleich als Kokain des kleinen Mannes. - Und außerdem ist und bewirkt er auch noch das Gegenteil. Ein so komplexes Phänomen wie der Alkoholismus verdient es also erst einmal, einer äußerst nüchternen Betrachtung unterzogen zu werden.

Je gleichgültiger, unerbittlicher und prosaischer die Gesellschaft, desto größer die Unfähigkeit des einzelnen, mit diesen Zwängen umzugehen und drängender die Sehnsucht nach zeitweiligen Kompensationsmomenten, nach Selbstentgrenzung und Rausch. Diesem steht aktuell ein Angebot an Konsummöglichkeiten gegenüber, das historisch einzigartig ist.

Gleichzeitig erfüllt der Alkoholkonsum eine ökonomische und kulturelle Funktion, insofern sich damit die Menschen in der Freizeit von den Zwängen des Alltags- und Arbeitslebens regenerieren sollen können, um anschließend unternehmerisch wieder voll anwendbar zu sein. Dies wiederum ist doppelt widersprüchlich, weil der Alkoholismus auch potentiell die Arbeitsfähigkeit untergräbt und im euphorischen Rauschzustand die repressiven Seiten der Arbeit nicht nur verdrängt werden, sondern ihre Abwesenheit positiv gefühlt werden kann. Gleichwohl sind die diversen Alkoholika eher mit der Fähigkeit ausgestattet, den Wunsch nach Enthemmung zu befriedigen, als einen dauerhaften Zustand des Glücks zu etablieren, weswegen mit der Gewöhnung immer mehr konsumiert werden muss, um eine Surrogatwirkung zu erzielen. Der Alkohol ist also das fehlende Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch, das ein Gehirn zum Ersticken braucht.

Richtig betrunken war man dann, wenn man zum Beispiel. am nächsten Tag mit einem permanenten Schwindelgefühl aufwacht, als ob man stundenlang geschiffschaukelt wäre, auf der Kleidung riesige Rotweinflecke und ein volles Rotweinglas auf dem Tisch entdeckt. Nach interessanten Selbstexperimenten lässt sich dann für die Nachwelt festhalten, dass die Behauptung, man könne Wodka trinken so viel man wolle und am nächsten Morgen herumspringen wie ein junges Reh, entschieden in das Reich der von André Heller propagierten Phantasie verwiesen werden muss. Richtig verkatert ist man wiederum, wenn man seine Tagebuchaufzeichnungen so beginnen könnte: "Ich stelle in und an meinem Kopf fest: eine allgemeine Wolke des Kopfschmerzes mit mindestens drei intensiven Schmerz-Zentren: Ich bin der Mittelstürmer von Headache United."

Und wenn man sich dann zu erinnern und zu schämen beginnt, durch Gesprächsrunden argloser Partygäste mit Bemerkungen wie "Sprechen sie bitte weiter, es ist nämlich so, dass mich Dummheit sexuell erregt" gesurft zu sein wie ein T 34 durch die deutschen Linien und reizende Wesen mit modernen minnesänglichen Offerten à la "Darf ich Sie in den Hintern beißen?" verstört zu haben, und feststellt, dass die Welt leider immer noch so beschaffen ist, dass man durch seine eigene Blödheit noch jemand anders als sich selbst beleidigt und folglich am nächsten Morgen am liebsten die Nachricht an die Welt abschicken möchte: "Gibt es einen trunksüchtigen, arbeitslosen Kannibalen unter euch? Ich hätte körpereigene, in Alkohol eingelegte innere Organe kostengünstig anzubieten", dann ist guter Rat richtig teuer.

Dem in diesem Sinne nach Erlösung Darbenden sei hiermit zumindest die Essenz meines zwanzigjährigen Partylebens preisgegeben: Versuche immer, der letzte Betrunkene auf der Party zu sein! Dann kannst du wiederum so beduselt sein, wie die willst, die anderen bekommen das nicht mehr mit und du kannst gewissermaßen sicher im Windschatten des Rausches der Mitwelt reisen. Merke: Auffallen tut immer der erste und nicht der letzte hoffnungslos alkoholisierte Ankömmling!

Und wenn man dann mit wachsender Trunkenheit auch seine nüchternheitsgeschützte Fettnäpfchenresistenz verliert, so dass es schon wieder auffällt, wenn man Mitmenschen auf allen Vieren winselnd und bellend an den Röcken schnüffelt oder spontan auf einem jambischen Panegyrikus wie "Halt nur deine Möse rein/Niemand wird dir böse sein" verfällt, tut es zur Entspannung der abendlichen Runde gut, mit exklusiven Erkenntnissen wie zum Beispiel dem vorher auswendig gelernten "Paradox des Tages" aufzuwarten: "Alkohol, zu absoluten Unmaßen genossen, bringt bei der beobachtenden Umwelt den gegenteiligen Eindruck zunehmender Nüchternheit hervor."

Ich kann über derlei juvenile Exzesse freilich aus einer Perspektive der Altersweisheit nur milde lächeln und bin außerdem viel toleranter geworden: Heutzutage akzeptiere ich schon mal die Meinung anderer - vor allem wenn sie klüger ist als die meine. Und spätestens seit der Erkenntnis des zumindest als Humoristen nicht grob überschätzten Teddy Adorno, wissen wir eh, wann die Gemütlichkeit aufhört: Beim Prosit auf dieselbe.

Um zum Beispiel in einer Münchner Bar eine reizende Persönlichkeit aus dem Geistes- und Kulturleben kennenzulernen, muss man zur vorgerückten Stunde noch die anspruchsvolle Tätigkeit des mit großen Geldscheinen Herumwedelns beherrschen und drei Worte in Frageform aussprechen können: Erstens: "Mausi", zweitens: "geht" und drittens: "was?". Alkohol ist für diese eher rudimentäre Tätigkeit zwar das gebräuchlichste Mittel, im Grunde aber nur dem geübten Kenner des Phänomens der Wechselwirkung zu empfehlen: Freilich flirtet es sich am Besten wenn man sich das Gehirn aus dem Kopf getrunken hat. Aber auf dieses positive Zick folgt sogleich unerbittlich das dialektische Zack, insofern der Alkohol in etwa in den Maßen enthemmt, wie er den Akt der Enthemmung verkompliziert.

Es ist freilich nicht wahr, dass Sex und Alkohol zusammengehen wie Feuer und Sprengstoff in einem Benzinkanister, den man mit brennender Lunte fünftausend Meter tief im Eismeer versenkt, aber tendenziell wird in dieser Angelegenheit ab einem gewissen Grad aus einem vergnüglichen Osterspaziergang eine kräftezehrende Veranstaltung, die nur noch recht abstrakt etwas mit der Idee eines gemütlichen Schäferstündchen gemein hat. Deswegen ist es in angetrunkenen Zustand nach erfolgreicher Kontaktaufnahme zuhause angebracht, im Bett gleich noch ganz hart weiterzusaufen und höchstens noch ein wenig zu knutschen, so dass man nach kurzer Zeit sowieso einschläft, um dann aber am nächsten Morgen, verkatert, kopfschmerzgesegnet und selbstverständlich ungeduscht wie ein Phönix aus der Asche steigend die sexuelle Scharte gleich doppelt und dreifach auszuwetzen.

Was müde Männer in solchen Situationen auf durchaus kostengünstige Weise munter macht, ist ein Getränk, das in einigen Spelunken Niederbayerns als "Rostiger Nagel" bekannt ist und man in England "Motörhead Special" nennt: Ein Stamperl von der anregenden Hälfte-Hälfte-Tabasco-Wodka-Mischung wirkt Wunder und führt dem Körper des spaßverwöhnten Konsumenten von Heutzutage durch die Überblendung und Neuetablierung verschiedener Schmerzzentren dem Körper Energien zu, die ansonsten nur der ausgezehrte Galeerensklave der Antike vermittelt über die neunschwänzige Katze kennen und lieben gelernt hat. Neumodisches Yuppiegebahren wie Zähne putzen lohnt sich übrigens nicht wirklich, weil das, was man gleich herausschwitzen wird, so wahnsinnig stinkt, dass es sowieso gut ist, wenn der Geschlechtspartner oder die Geschlechtspartnerin von der Alkoholfahne betäubt wird.

Beim innigen Kuss des ungewaschenen Geschlechts kommt man dafür in einen kulinarischen Hochgenuss, der auf angenehme wie exotische Weise an das Zutzeln einer in Alkohol eingegelegten und in Nikotinrauch gebeizten, ordentlich gesalzenen und seltsam belebten Weißwurst gemahnt, eine Szene die David Lynch, wenn er nur oberbayerischer Abstammung wäre, gewiss in den Film "Eraserhead" eingebaut hätte. Obendrein kann man sich die nach dem Vollrausch obligatorische Saure Gurke sparen. Mit meinen Gutelaunekennenlernsexsparpaket hat man sich also Zeit, Kosten und Mühe gespart und ist bestimmt auch nicht schlechter gefahren, als mit der normalen Tour. (Reinhard Jellen)

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