Der böseste Mann von der Welt: Aleister Crowley und die Schrecken der Magie

Teil 1: Geheime Meister, Scarlet Women und die Goldene Dämmerung - Crowley wird Magier

Aleister Crowley ist der Held der Popkultur. Er taucht auf einem Plattencover der Beatles auf (Sergeant Pepper’s), Kenneth Anger hat ihn den Rolling Stones nahegebracht, Rockstars zahlen Rekordpreise für seine Gemälde, er spukt durch zahlreiche Horrorfilme und Schauerromane. Fast könnte man vergessen, dass er mehr ist als der böse Hexer aus dem Märchen. Crowley hat wirklich gelebt. Ein Satanist war er aber eher nicht.

Das Leben eines Autors ist oft schwer. Man schreibt ein Buch, und dann will es niemand kaufen. Oder man findet erst gar keinen Verlag. Manche Verleger reagieren geradezu allergisch auf Autoren, deren Manuskripte, ihrer Meinung nach, zu lang sind, zu kompliziert, nicht kommerziell genug. Aber diese Unmutsäußerung des Verlagschefs Rupert Grayson ist denn doch extrem:

Alastair [sic] Crowley, der Schwarze Magier, hatte seinen mit Drogen aufgeladenen Körper in Gang gesetzt, um uns einen Besuch abzustatten; als ich über den zwei Fuß breiten Tisch, der uns trennte, in seine gelben, in einem gelben Gesicht mit braunen Pockennarben sitzenden Augen blickte, war ich wirklich angewidert. Als er den Raum verließ, machte ich die Tür und die Fenster auf, um den aromatischen Geruch des Bösen loszuwerden, den er bei seinem kurzen Besuch hinterlassen hatte. Das Manuskript, das uns Crowley brachte, war, wie nicht anders zu erwarten, ein seltsames und sinistres Werk; es war, soweit ich mich erinnern kann, das einzige Buch, das ich aus keinem anderen Grund als dem ablehnte, dass uns der Autor sofort unsympathisch war.

Crowley versuchte damals, in den 1930ern, ein eigenes Parfüm auf den Markt zu bringen. Im Laufe seines Magierlebens hatte er mit den ungewöhnlichsten Essenzen experimentiert und sich dabei eine olfaktorische Toleranz antrainiert, die seine Zeitgenossen nicht aufbringen konnten. Gut möglich also, dass er sehr streng roch, als er bei Grayson vorstellig wurde. Allerdings hätte sich der Verleger so oder so geekelt, denn Crowley eilte der Ruf des Widerlings voraus. Wer ihn sah, dem wurde am besten schlecht. Andernfalls kam man leicht selbst in den Geruch, ein Satanist zu sein. Bis heute hat sich daran erstaunlich wenig geändert.

Eigentlich hieß er Edward Alexander Crowley (1875-1947). Seine Mutter nannte ihn „Alick“. Sein Großvater, ein Brauereibesitzer, hatte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Kette von Kneipen eröffnet, in denen außer Bier auch Schinken- und Käsebrote angeboten wurden. Mit dieser frühen, bei den Londoner Büroangestellten sehr beliebten Form des Fast Food Restaurants hatte er ein Vermögen verdient. Alicks Vater konnte es sich daher leisten, das Leben eines reichen Gentlemans zu führen. Crowleys Eltern gehörten einer christlich-fundamentalistischen Sekte an. Die Plymouth Brethren waren überzeugt, dass die Bibel in ihrem Wortlaut befolgt werden müsse (Maßstab war die King James-Übersetzung), bei Versammlungen waren alle Gemeindemitglieder gleich, es gab keine bevorzugte Stellung von Priestern, und die Brethren glaubten an das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht, nach dem alle außer ihnen in der Hölle schmoren würden.

Aleister Crowley

Natürlich rebellierte Crowley gegen seine Eltern, wenn auch nicht so bedingungslos, wie das oft dargestellt wird, weil es so gut ins Klischee passt. Im Grunde war er ganz der Sohn seines Vaters. Wie dieser machte er es sich zur Aufgabe, seine Mitmenschen spirituell voranzubringen; nur das Glaubensbekenntnis war ein anderes. In seinen Schriften finden sich immer wieder die typischen Kadenzen der King James-Bibel, die ihn stark geprägt hat. Die Plymouth Brethren sprachen besonders die höheren Schichten an. Crowley blieb zeitlebens ein Angehöriger der Klasse, in die er hineingeboren wurde, mit deren rassistischen und sozialen Vorurteilen. Die Herkunft aus reichem Hause konnte er auch dann nicht verleugnen, als er kein Geld mehr hatte. Er war ein Exzentriker, der großen Wert auf gute Manieren und gesellschaftliche Umgangsformen legte. Die Geschichten, in denen er irgendwelche Salons besucht und mit mehr oder weniger witzigen Bemerkungen seine Exkremente auf dem Teppich der Gastgeber hinterlässt, sind deshalb mit großer Sicherheit erfunden.

Alick Crowley besuchte „gute Schulen“, was auch bedeutete, dass er auf brutale Lehrer traf. Der Sadismus war ein fester Bestandteil des Schulsystems. Ein anderer waren Misstrauen und dauernde Wachsamkeit gegenüber den Schülern, besonders im sexuellen Bereich. Die beiden großen Tabus waren Homosexualität und Masturbation. Die viktorianische Medizin war fixiert auf den männlichen Samen. Von ihm, dem Träger der Virilität, hing das Wohlbefinden des Mannes ab. Ejakulationen galten als gesundheitsgefährdend. Ärzte rieten deshalb zu möglichst wenig Sex in der Ehe. Frauen sah man nicht als gleichwertige Wesen an. Von ihnen wussten die Sexologen zu berichten, dass sie jenseits der reinen Fortpflanzungsfunktion kaum Interesse am Geschlechtsverkehr hätten (es gibt Benimmbücher, in denen der wohlerzogenen Frau geraten wird, beim Sex keine Lust zu zeigen und so zu tun, als ob sie eingeschlafen wäre).

Außerehelicher Sex war ganz verboten. Toleriert wurde jedoch, dass sich die Herren aus den höheren Schichten bei Prostituierten Befriedigung verschafften; gleichzeitig lamentierte man über den schlechten Charakter dieser Frauen aus der Unterschicht. Crowley kann man als einen Vorreiter der freien Liebe sehen, auch für die Frauen. Man sollte aber hinzufügen, dass er sich nicht wirklich von der viktorianischen Sexualmoral befreien konnte. Er opponierte gegen sie, aber ein gänzlich unverkrampftes Verhältnis zum Sex scheint er nie gehabt zu haben. Frauen sind für ihn minderwertig, ihre vornehmste Rolle ist die der Mutter. Seine Confessions, für die er einen Verleger suchte, als er Grayson einen Besuch abstattete, sind über weite Strecken bemerkenswert ehrlich und direkt. Aber was die schwule Seite seiner Bisexualität angeht, flüchtet er sich in Metaphern. Das hat nicht nur mit der Angst vor Strafverfolgung zu tun. Seine Homosexualität war ihm peinlich, weil sie „unmännlich“ war. Seine Geschlechtskrankheiten versteckt er hinter blumigen Reden, weil er sich schämte. Das Gefühl, dass der Sex im Grunde etwas Schmutziges sei, wurde er nie los. Und im Mittelpunkt seiner Sexualmagie stand der Samen – so wie bei den Viktorianern, gegen die er ankämpfte. „Wo Crowley sich am Ende unterschied“, schreibt sein Biograph Lawrence Sutin (Do What Thou Wilt: A Life of Aleister Crowley), „das war seine Bereitschaft, diese ‚Lebensenergie’ freigebig zu verbrauchen.“

In der Schule durfte Crowley Bücher lesen, die zuhause verboten waren. Besonders begeisterte er sich für Shakespeare und Swinburne. Der gängigsten Version nach verlor er mit 15 seine Unschuld an eine Schauspielerin in Torquay. Ein „mystisches“, zu „spiritueller Ekstase“ führendes Erlebnis in Stockholm an Silvester 1896, über das er in den Bekenntnissen berichtet, ist wohl so zu deuten, dass er in Schweden erstmals Geschlechtsverkehr mit einem Mann hatte. Denn von Magiern und Dämonen wusste er noch nichts. Alick schrieb sich am Trinity College der Universität Cambridge ein und legte sich den Namen „Aleister“ zu, eine gälische Variante von Alexander. Damit erwies er dem Dichter-Rebellen Percy Shelley und dem Helden von dessen Werk Alastor, or The Spirit of Solitude seine Referenz, und er befreite sich von „Alick“, den er vor allem deshalb hasste, weil seine Mutter ihn so nannte.

Von Cambridge ging Aleister bald wieder ab. An einer konventionellen beruflichen Laufbahn hatte er kein Interesse. Aber er wollte berühmt werden. Am liebsten als Dichter. Also begann er mit der Veröffentlichung seiner Dramen und Gedichte – in schönen, bibliophilen Ausgaben und auf eigene Kosten. Der Erfolg blieb aus. Seine Gedichte sind von wechselnder Qualität. Aber die Bände White Stains und The Scented Garden gehören eigentlich in jede Bibliothek der schwulen Literatur.

Crowleys Weg zur Magie war schwierig. Zuerst kaufte er sich A.E. Waites The Book of Black Magic and Pacts. Das Buch war eine Enttäuschung. Crowley hatte sich etwas in der Art von Huysmans’ Roman Là-bas versprochen (über den Kindermörder Gilles de Rais), in dem eine Schwarze Messe beschrieben wird. Waite konnte da nicht mithalten. Besser war Die Wolke über dem Heiligtum des Mystikers Karl von Eckhartshausen. Besonders fasziniert war Crowley von den Teilen des Werks, die sich mit einem geheimen religiösen Orden beschäftigten. Schließlich lernte er den Chemiker George Cecil Jones kennen. Jones war Mitglied des Hermetic Order of the Golden Dawn und bereit, ihn dort einzuführen.

Ende des 19. Jahrhunderts war das magische Wissen eine ziemlich fragmentarische Angelegenheit. Es war immer wieder auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und auf die eine oder andere Weise ergänzt worden. Zwischen ganz unterschiedlichen Geheimgesellschaften gibt es deshalb immer wieder Berührungspunkte, was Verschwörungstheoretikern ein reiches Betätigungsfeld eröffnet. Der Golden Dawn ist ein Ableger des Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung aus Deutschland. Es ist nur nicht ganz sicher, ob es das deutsche Vorbild überhaupt gab.

Die Geschichte geht in etwa so: Der Priester und Freimaurer A.F.A. Woodford fand in einem Antiquariat ein verschlüsseltes, 60-seitiges Manuskript, das er im August 1887 an den Chemiker William Wynn Westcott weitergab. Jedenfalls behauptete das Westcott. Woodford konnte man nicht mehr fragen, weil er gestorben war. Westcott dechiffrierte die 60 Seiten und hatte nun die überblicksartige Darstellung von fünf magischen Initiationsritualen in Händen, die gewisse Ähnlichkeiten mit den Ritualen der Freimaurer aufwiesen, aber auch weibliche Adepten zuließen. Dem Manuskript lag ein erklärender, ebenfalls verschlüsselter Brief von Anna Sprengel bei. Fräulein Sprengel war Rosenkreuzerin, lebte in Stuttgart oder Nürnberg (der Brief nannte nur eine postlagernde Adresse) und stand dem Orden der Goldenen Dämmerung vor. Mit ihr – oder besser: mit deren Sekretärin – begann Westcott eine Korrespondenz, die drei Jahre lang andauerte. Dann erreichte Westcott die Nachricht, dass Fräulein Sprengel plötzlich verstorben sei und dass der deutsche Orden mit sofortiger Wirkung jegliche Kommunikation mit der englischen Filiale einstelle. Die drei Jahre hatten jedoch gereicht, um eine okkulte Geheimgesellschaft aufzubauen, die eine besondere Anziehungskraft auf Dichter und Intellektuelle ausübte.

Ein – wenn auch kurzzeitiges – Mitglied war Arthur Machen, der mit dem Erzählband The Three Impostors (1895) einen Klassiker der phantastischen Literatur geschrieben hat. Länger dabei war William Butler Yeats. Sein magisches Motto, Demon Est Deus Inversus (der Teufel ist die Umkehrung von Gott), geht auf die gnostische Lehre zurück, der zufolge der Teufel die wahre Quelle der göttlichen Weisheit ist, was aber in einer unerleuchteten Welt nicht gesehen wird. Verkürzt ergibt das rasch den Satanismus-Vorwurf, dem sich auch Crowley oft ausgesetzt sah. Zum Teil war er selbst schuld daran, weil er gern provozierte. Doch ein Teufelsanbeter war er nicht. Der Satanismus braucht das Christentum als Kontrastfolie, ersetzt Jesu’ Herrschaft durch die des Antichrist. Crowley wollte eine neue Religion gründen, die das Christentum ablösen sollte, statt es umzudrehen.

Weil das Sprengel-Manuskript eher allgemein blieb, mussten die Rituale des Golden Dawn erst noch geschrieben werden. Das übernahm der aus einfachen Verhältnissen kommende Samuell Liddell Mathers. Mathers wurde ein wichtiges role model für Crowley. Er behauptete, in direkter Linie vom Clan der Macgregors abzustammen, weshalb er sich den Namen „Count Macgregor of Glenstrae“ zuerkannte. Anders als Westcott sagte er von sich, dass er über magische Fähigkeiten verfüge. Seiner Darstellung nach hatte er Kontakt zu den Meistern der Großen Weißen Loge, auf die alles okkulte Wissen zurückgehe. Daraus leitete er einen Führungsanspruch ab, und das brachte Unruhe in den Golden Dawn.

Als Crowley die Aufnahmegebühr von 10 Schilling entrichtete, war Mathers längst nach Paris übersiedelt und hatte dort einen eigenen Tempel gegründet. Westcott hatte sich kürzlich zurückgezogen, um seine Stelle als Beamter nicht zu gefährden (jemand, vermutlich Mathers, hatte ihn bei seinen Vorgesetzten angeschwärzt). Doch der Machtkampf zwischen London und Paris ging weiter. Crowley besuchte Mathers in Paris (Mai 1899) und schlug sich auf seine Seite. Das hatte auch damit zu tun, dass die Londoner nicht bereit waren, ihn in den zweiten Orden des Golden Dawn aufzunehmen (ihnen gefiel sein Lebenswandel nicht), Mathers dagegen schon. Die Londoner wiederum führten das als Beleg für Mathers’ mangelndes Urteilsvermögen an, weshalb er nicht ihr Führer sein könne.

Mathers hatte in einer Pariser Bibliothek ein geheimnisumwittertes, dem legendären Abraham von Worms zugeschriebenes Manuskript gefunden und ins Englische übersetzt: Die geheime Magie des Abramelin. Dieses Buch enthielt genaue Angaben zu einem sechsmonatigen Ritual. Crowley wollte es durchführen. In der Vorbereitungsphase trat er als „Graf Vladimir Svareff“ auf, was er gelegentlich mit den Erfordernissen des Rituals begründete. Wahrscheinlich wollte er nur gern ein russischer Graf sein. Den idealen Ort für das Ritual fand er am Südufer des Loch Ness: Boleskine House. Nachdem er das Haus gekauft hatte, gab er sich als „Laird of Boleskine and Abertaff“ aus, bekannte sich wie Mathers zu den Macgregors und empfing Gäste in der entsprechenden Tracht des schottischen Hochlands. Einer Gelegenheit zur Maskerade konnte er selten widerstehen.

Das Abramelin-Ritual ist sehr streng. Wer es beginnt, muss es bis zum Ende durchführen oder die Konsequenzen tragen; nur Krankheit ist ein legitimer Grund, es abzubrechen. Crowley begann es im Dezember 1899, reiste dann aber, im Januar 1900, nach Paris, um endlich von Mathers in den zweiten Orden eingeführt zu werden. Richard Cammell (der Vater von Donald Cammell, dem Regisseur von Performance mit Mick Jagger) war eine Weile lang mit Crowley befreundet und hat ein schönes Buch über ihn geschrieben (Aleister Crowley. The Man: The Mage: The Poet). Er ist überzeugt von der Kraft des Rituals. Für ihn stand Crowley unter einem Fluch, nachdem er gegen die abramelinschen Regeln verstoßen hatte. Nach und nach verlor er seinen Sinn für Gut und Böse, seine Liebe, sein Vermögen, seine Ehre, seine magischen Fähigkeiten, sein Talent als Lyriker. Sagt zumindest Cammell.

Crowleys Initiation in den zweiten Orden war zugleich eine weitere Eskalationsstufe im Machtkampf innerhalb des Golden Dawn. Zur Festigung seiner Autorität schickte Mathers einen Brief nach London, in dem er die ganze Korrespondenz zwischen Westcott und Fräulein Sprengel zur dreisten Fälschung erklärte. Sein gesamtes okkultes Wissen, so Mathers, verdanke der Golden Dawn nur ihm allein, nur er stehe in Verbindung mit den Geheimen Meistern. 1890 hatte er, im Einklang mit Westcott, den Tod von Fräulein Sprengel verkündet. Jetzt, im Februar 1900, teilte er mit, dass Anna Sprengel am Leben sei. Sie nenne sich Madame Horos, wohne in Paris und helfe ihm bei seinen magischen Operationen. Diesen Teil des Briefs bedauerte Mathers schon sehr bald. Madame Horos, die ihre Fettleibigkeit damit begründete, dass sie den Geist der auch schon ziemlich voluminösen Madame Blavatsky (die Begründerin der Theosophie) in sich aufgenommen habe, war eine Hochstaplerin. Im Dezember 1901 wurde sie in einem Sensationsprozess wegen Beihilfe zu einer von ihrem Gatten begangenen Vergewaltigung verurteilt. Die Presse ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, den Golden Dawn lächerlich zu machen.

Die Opposition gegen Mathers wurde von William Butler Yeats angeführt, der weder etwas von Crowleys Versen noch von dessen Charakter hielt. Crowley wiederum war eifersüchtig auf Yeats, der genau das war, was er selbst gern geworden wäre: ein gefeierter Dichter. Von Mathers zu seinem Londoner Repräsentanten ernannt, drang Crowley am 17. April 1900 in die Londoner Räume des Golden Dawn ein und tauschte die Schlösser aus. Mathers hatte sich inzwischen von Madame Horos losgesagt, fürchtete jedoch deren magische Angriffe. Zur Abwehr derselben trug Crowley eine Osiris-Maske, den Tartan der Macgregors und einen Dolch, als er am 19. April mit neuen Schlüsseln in den Tempel wollte. Er wurde von Yeats, einem Polizisten und dem Hausbesitzer erwartet, der dummerweise zu einer Interessengruppe der Handeltreibenden gehörte. Crowley stand dort auf der Schwarzen Liste, weil er Rechnungen nicht bezahlt hatte. Ohne großes Theater ging er wieder nach Hause. Damit war der Machtkampf auf sehr weltliche Weise entschieden.

Crowley hatte nun Zweifel an den magischen Kräften seines Mentors Mathers. Diese begleiteten ihn, als er sich im Juni 1900 nach New York einschiffte. Die Reise führte ihn rund um die Welt. Sein Freund Oscar Eckenstein machte ihn mit der Kraft des Yoga vertraut. Da beide begeisterte Bergsteiger waren, entschlossen sie sich zu einer Himalaya-Expedition. Sie versuchten als erste, den K2 zu besteigen. Das Unternehmen misslang, gilt heute jedoch als bedeutende Leistung in der Geschichte des Bergsteigens. Die Londoner Sektion des Alpenvereins, die Crowleys Aufnahmeantrag abgelehnt hatte, verweigerte der Expedition allerdings die Anerkennung. Crowley hat das nie vergeben. Der Alpenverein gehörte fortan zu seinen Lieblingsfeinden.

Im November 1902 traf Crowley in Paris ein und fand, eigenen Angaben zufolge, viel Aufmerksamkeit in Künstlerkreisen. Er scheint aber kaum beachtet worden zu sein, was auch daran lag, dass er ein sehr schlechtes Französisch sprach (obwohl er immer das Gegenteil behauptete). Eine Ausnahme war das Café Le Chat Blanc. Dort versammelten sich britische und amerikanische Literaten. Crowley war nicht sonderlich beliebt, aber man hörte ihm doch zu, wenn er von der Magie und seinen Abenteuern im Himalaya erzählte. Einer der Gäste war William Somerset Maugham. Sechs Jahre später veröffentlichte er den Roman The Magician, in dem viel von okkulten Werken abgeschrieben ist (besonders von Mathers’ The Kabbalah Unveiled) und einige der Legenden verarbeitet werden, die mittlerweile über Crowley in Umlauf waren. Im Roman tritt Crowley als der sinistre Oliver Haddo auf, der die schöne Heldin entführt, um an ihrem Körper magische Rituale durchzuführen. Maugham wies Crowley damit die Rolle zu, die er nie mehr los wurde und die unser Bild von ihm viel mehr geprägt hat als die biographische Person: die des Schurken und Satanisten im Schauerroman und im Horrorfilm.

Paul Wegener und Alice Terry in „The Magician“

Crowley selbst hat stets betont, dass man scharf zwischen hoher („weißer“) und niedriger („schwarzer“) Magie unterscheiden müsse. Die hohe Magie, zu der er sich bekannte, zielt darauf ab, ein so tiefgehendes Verständnis des eigenen Ich und seiner Umgebung zu erlangen, dass es gelingt, alle menschlichen Beschränkungen zu transzendieren und letztlich selbst ein göttliches oder jedenfalls ein über-menschliches Wesen zu werden. Die niedere Magie dient dem unmittelbaren weltlichen Vorteil: der Gewinnung einer geliebten Person, der Rache an einem Feind, der Geldvermehrung. Das Problem ist nur, dass sich in der Praxis das eine schlecht vom anderen trennen lässt. Arthur Machen berichtet in seiner Autobiographie, dass Yeats nach dem gewonnenen Machtkampf einen Gegenschlag seines Widersachers fürchtete, in dessen Schrank angeblich nackte Frauen an durch ihr Fleisch getriebenen Haken hingen und der Fetische mit Nadeln traktiert haben soll, um seinen Feinden Schmerz zuzufügen. Crowley wird das seine dazu beigetragen haben, dass Yeats von solchen Ängsten umgetrieben wurde.

Im Gegensatz zu seinem späteren Image als Verderber unschuldiger Mädchen mochte Crowley erfahrene Frauen. Rose Kelly, seine erste Gattin, hatte bereits eine Ehe und diverse Affären hinter sich, als er mit ihr durchbrannte. Anlässlich seiner Hochzeit gönnte sich Crowley einen neuen Adelstitel. Er trat als der persische Prinz „Chioi Khan“ auf, was, wie er erläuterte, mit „das Tier“ (The Beast) zu übersetzen sei. Es war eine seiner typischen Trotzreaktionen. In den Bekenntnissen erzählt er an dieser Stelle von seiner Mutter, die geglaubt habe, er sei das apokalyptische Tier mit der Nummer 666 aus der Offenbarung des Johannes. Das hat er erfunden oder nicht. Wie dem auch sei: dem Gedichtband The Sword of Songs gab er den Untertitel „The Book of the Beast“; auf dem Buchdeckel ließ er mehrfach die Zahl 666 einprägen. „The Beast“ war fortan sein Kampf- oder auch, für seine Anhänger, sein Kosename (Aleister durften ihn nur ganz wenige nennen).

Die Hochzeitsreise führte das Ehepaar Crowley zur Cheopspyramide. In Ägypten nahm, Crowley zufolge, eine übernatürliche Intelligenz namens Aiwass oder Aiwaz Kontakt zu ihm auf. Aiwass sprach ein sehr reines Englisch. In drei magischen Sitzungen am 8., 9. und 10. April 1904 diktierte Aiwass Crowley die in drei Kapitel unterteilte Heilige Schrift einer neuen Religion direkt in die Schreibmaschine. Das Diktat ist in The Book of the Law nachzulesen. Die berühmtesten Zeilen daraus: “Tu was du willst. Dies sei das ganze Gesetz. Liebe ist das Gesetz; Liebe unter dem Willen.“ Die Exegeten sind sich darin einig, dass diese Sätze fast immer falsch verstanden werden. Uneinigkeit herrscht darüber, wie sie richtig zu verstehen sind. Crowleys Form der tantrischen Sexualmagie hat wohl mit der freudianischen Einsicht zu tun, dass das Unbewusste unser wahres, durch gesellschaftliche Normen unterdrücktes Selbst ist und dass wir auf dessen Stimme hören müssen. Nur so können wir lernen, dem Willen des Unbewussten zu folgen. „Wille“ ist dabei nicht gleichbedeutend mit „Begierde“. Es geht eher darum, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, in Übereinstimmung mit seinem freien Willen Veränderungen herbeizuführen, statt ein hilfloses Opfer der Umstände zu sein.

Crowley versuchte sich noch Jahrzehnte später an wechselnden Interpretationen von dem, was ihm in Ägypten widerfahren war. Aiwass, glaubte er, sei wohl sein Schutzengel und auch das Wesen, das am Ende des Abramelin-Rituals erscheint. Also verkündete Crowley, dass er die wahre Kontaktperson der Geheimen Meister sei und deshalb den Golden Dawn leiten müsse. Man kann das Ganze zur Intrige gegen Mathers erklären, würde Crowley damit aber vermutlich Unrecht tun. Ein Magier, meint Colin Wilson in Das Okkulte, erforsche die Randbezirke des menschlichen Bewusstseins. Ob man nun an einen außerirdischen Boten oder an eine Projektion von Crowleys Unbewusstem glaubt: er scheint in solche Randbezirke vorgedrungen zu sein und dabei etwas erlebt zu haben, das ihn davon überzeugte, tatsächlich die Anlagen zu einem großen Magier zu haben. Das bestimmte sein weiteres Leben.

Rose hätte die Frau dieses Lebens sein können. Mit ihr als Medium lernte Crowley Aiwass kennen, für sie schrieb er einige seiner besten Gedichte, sie war seine erste Scarlet Woman. Die Scarlet Woman war essentiell für Crowleys Magie. Man kennt sie aus der Offenbarung des Johannes (in Crowleys Fall natürlich wieder in der King James-Version), wo sie auch als die Große Hure Babylon bezeichnet wird. Babylon ist die Feindin des Christentums. Crowleys Scarlet Woman knüpft an die Heiligen Huren an, die als Tempeldienerinnen eine wichtige Rolle in vorchristlichen Mysterienkulten spielten, ist also in einem religiösen Zusammenhang zu sehen und sollte nicht mit weltlichen Prostituierten verwechselt werden.

Bei Crowley wird der Sex zum Sakrament. Der Samen des Mannes und die Monatsblutung der Frau erfüllen eine ähnliche Funktion wie der Wein und die Hostie in der christlichen Messe. Wer so etwas blasphemisch oder einfach nur eklig findet, wird mit Crowley wenig Freude haben (er selbst hätte einen solchen Vergleich vehement zurückgewiesen, weil er etwas grundlegend anderes als das Christentum begründen wollte). Wer darin nur einen Vorwand für sexuelle Ausschweifungen sieht, für den ist Crowley ein geiler Lüstling. Als Teil von religiösen Ritualen war Sex für ihn etwas Unpersönliches. Freunde des in romantische Liebe verpackten Geschlechtsakts werden das schlimm und grausam finden. Man kann einwenden, dass Crowleys Sexualmagie eine spirituelle Ausrichtung hat und aus Elementen zusammengesetzt ist, die man aus anderen Religionen und Kulten kennt, von den Gnostikern des frühen Christentums bis zum indischen Tantrismus. Aber man braucht auch nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie Crowley in einer christlich geprägten Gesellschaft aufgrund von Halbwahrheiten und Gerüchten zum Sexmonster mutierte. Seinen Tagebüchern zufolge hatte er übrigens mehr Sexualpartner als der Normalbürger, war ansonsten aber ein höchst durchschnittlicher Liebhaber.

Nicht alles über Crowley ist erfunden. Er zeugte Kinder, die früh starben oder um die er sich nicht kümmerte. Dorothy Olsen, eine der Scarlet Women, trank sich zu Tode. Maria de Miramar, die zweite Mrs. Crowley, verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einer Irrenanstalt. Hanni Jäger, die er „The Monster“ nannte, beging Selbstmord. Mag sein, dass er sich zu Frauen hingezogen fühlte, die in psychischen Grenzbezirken unterwegs waren, weil es mit ihnen einfacher war, auf eine andere Bewusstseinsebene zu gelangen. Die Tatsache bleibt bestehen, dass er auf seinem Lebensweg eine Spur von Wahnsinn und Tod zurückließ.

Rose, seine erste Frau, war alkoholkrank. Crowley scheint daran am meisten gestört zu haben, dass sie, wenn sie betrunken war, gegen die Etikette verstieß und er sich vor seinen Freunden blamiert fühlte – er war eben doch ein sehr bürgerlicher Provokateur. Schließlich ließ er sich scheiden. Crowley, das muss man leider sagen, war ein Opportunist, der andere Menschen ausnützte und sie fallen ließ, wenn sie ihm lästig wurden. (Rose wurde im Delirium in eine Anstalt eingewiesen, später als geheilt entlassen und führte dann ein normales bürgerliches Leben.)

Mathers war nicht bereit, seinen Chefposten beim Golden Dawn in Paris aufzugeben, weil Aiwass zu seinem ehemaligen Schüler gesprochen hatte. Von Yeats und den Londoner Kollegen hatte Crowley ohnehin nichts zu erwarten. Er zog sich in sein Haus in Schottland zurück und erklärte Mathers den „magischen Krieg“. Einstweilen widmete er sich jedoch dem Problem, wie sich seine Werke besser unter die Leute bringen ließen. Mehrere seiner Gedichtbände waren bei Kegan Paul in London erschienen. Dieser Verlag stand in dem Ruf, umstandslos alles zu veröffentlichen, solange der Autor die Kosten übernahm. Von Jepthah and Other Mysteries verschickte Crowley 84 Rezensionsexemplare; verkauft wurden genau zehn Stück. Andere Bände kaufte gar niemand (heute sind die Bücher gefragte Sammlerstücke, bei Auktionen erzielen sie Phantasiepreise).

Crowley fand, dass er das selbst auch nicht schlechter machen konnte und gründete seinen eigenen Verlag, die Society for the Propagation of Religious Truth. Das war als Affront gegen die Anglikanische Kirche gedacht, deren verlegerische Aktivitäten unter dem Dach der Society for Promoting Christian Knowledge zusammengefasst waren. Den Absatz förderte das nicht, was wenig Gutes für die nun in Vorbereitung befindlichen Gesammelten Werke ahnen ließ. Der magische Krieg beschränkte sich vorerst auf ein paar tote Hunde in Boleskine House, die, Crowleys Überzeugung nach, auf Mathers’ Konto gingen und auf geeignete Maßnahmen zur Abwehr weiterer Angriffe. Crowleys Behauptung, Mathers habe seine Frau Mina gezwungen, sich zu prostituieren und in einer Nacktshow am Monmartre aufzutreten, sollte man nicht dazuzählen. Das war schlicht Rufmord; in sexuellen Dingen war das Ehepaar Mathers äußerst heikel. Crowley konnte ein sehr unsympathischer Mensch sein.

1905 kam der Schweizer J. Jacot Guillarmod zu Besuch nach Boleskine. Guillarmod war an der K2-Expedition beteiligt gewesen und schlug vor, sich nun an den fünf Gipfeln des Kanchenjunga zu versuchen. Diese zweite Himalaya-Expedition wurde ein Desaster. Crowley war, wie man heute beim Vorstellungsgespräch sagen würde, kein team player und auch gänzlich ungeeignet, ein solches Unternehmen zu leiten. Von den anderen Expeditionsteilnehmern hielt er wenig bis gar nichts. Den einheimischen Trägern gegenüber erwies er sich als Sadist mit Kolonialherrenmentalität. Einer der Träger stürzte ab und starb; andere desertierten. Guillarmod hielt die von Crowley gewählte Route für falsch, erklärte sich mit Hilfe seiner Landsleute Alexis Pache und A.C.R. de Righi zum neuen Expeditionsleiter und entschloss sich auf einer Höhe von ungefähr 6 500 Metern zum Umkehren. Beim Abstieg rutschte einer der Träger aus und riss zwei weitere Träger sowie Pache mit nach unten. Vermutlich hätten die vier Männer überlebt, wenn dadurch nicht eine Lawine ausgelöst worden wäre, die sie unter sich begrub. (Die Namen der drei Träger werden weder in Crowleys noch in Guillarmods Bericht genannt. So war das damals beim Bergsteigen im Himalaya.)

Crowley war im Lager geblieben und verbrachte die Nacht in seinem Zelt, während Guillarmod und de Righi versuchten, die Männer zu retten. Auf Hilfeschreie reagierte er nicht. Später begründete er das damit, dass er nicht mehr hätte helfen können und dass ihm die Toleranz für diese Art von selbstverschuldeten Unfällen fehle. Crowley trennte sich von Guillarmod und den anderen, schaffte den Rückweg schneller als sie und nützte den Zeitgewinn, um fünf offene Briefe, in denen er sein Verhalten rechtfertigte, an Zeitungen in Indien und in London zu schicken. Die Briefe sind voller Verachtung gegenüber seinen Kameraden und in ihrer Arroganz ziemlich unerträglich. Natürlich konnte er dadurch nicht verhindern, dass Guillarmod und de Righi auch ihre Version der Ereignisse veröffentlichten. Sie erklärten Crowley zum Feigling und zum Charakterschwein. In Bergsteigerkreisen war er fortan erledigt. Der Vorfall sollte ihn bis an sein Lebensende verfolgen.

Um endlich die ihm gebührende Anerkennung zu erfahren, setzte Crowley 100 Pfund für den besten Essay über sein dichterisches Werk aus. Sieger des Wettbewerbs und einziger Teilnehmer war Captain J.F.C. Fuller. Fuller hielt Crowley tatsächlich für ein Genie; das Geld bekam er nie, aber die beiden wurden trotzdem Freunde. Weil die Übernahme des Golden Dawn keine Fortschritte machte, gründete Crowley 1907 den Orden des Silbernen Sterns (Astrum Argenteum, oder kurz A.A.). Dieser neue, von ihm geleitete Orden hatte zunächst nur zwei weitere Mitglieder: Jones, der ihn bei der Goldenen Dämmerung eingeführt hatte und Fuller. Darüber kann man lächeln oder die Nase rümpfen. Fuller wurde später Mitglied der britischen Faschistenpartei und ein Bewunderer von Adolf Hitler; er war einer von nur zwei Briten, die zum 50. Geburtstag des „Führers“ eingeladen wurden. Aber er war auch ein brillanter Kopf. Er gilt als einer der genialsten Militärtheoretiker aller Zeiten. Fuller schrieb eine elegante Prosa, war künstlerisch begabt und ein hervorragender Stratege. Für Crowley wurde er rasch zu einem der wichtigsten Verbündeten, die dieser je hatte.

Bisher hatte die Öffentlichkeit von Crowleys Bemühungen, eine berühmte Persönlichkeit zu werden, kaum Notiz genommen. Das sollte sich nun ändern. Wenn schon nicht berühmt, so würde er doch bald berüchtigt sein.

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