Der dümmste Krieg seit 2000 Jahren

Der renommierte Militärhistoriker Martin van Creveld lässt kein gutes Haar an der Bush-Regierung, ist aber für eine weitere Militärpräsenz der USA in der Region

Der Irak-Krieg, den die Bush-Regierung begonnen hat, ist der "dümmste Krieg", der geführt wurde, "seit Kaiser Augustus seine Legionen nach Germanien geschickt und dort verloren hat". Bush müsse zudem durch ein Impeachment abgesetzt und mitsamt seiner Mannschaft vor Gericht gestellt werden, weil sie das amerikanische Volk in die Irre geführt hätte. Dann hätten alle Verantwortlichen ausreichend Zeit, um über ihre Sünden nachzudenken. Denn auch der Abzug der Truppen aus dem Irak wird den USA teuer zu stehen kommen.

Der das sagt, ist kein pazifistisches Weichei oder gar ein politischer Gegner der Republikaner, sondern Martin van Creveld, einer der bekanntesten Militärhistoriker, der in Jerusalem an der Hebrew University lehrt. Seine Bücher sind einflussreich und sie werden auch von den Offizieren der US-Armee in der Ausbildung gelesen – als einzige Werke von nicht-amerikanischen Autoren.

US-Patrouille in Mosul am 2.11.. Bild: Pentagon

In seinem noch vor dem Zerfall der Sowjetunion und dem ersten Golfkrieg geschriebenem Buch über die "Zukunft des Krieges" hat er bereits vorausgesagt, dass die großen, hochgerüsteten Streitkräfte in den modernen Kriegen immer bedeutungsloser werden. Die Zeit der zwischenstaatlichen Kriege sei zu Ende. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Sieger nicht die mächtigen Armeen, sondern die lose organisierten Aufständischen, die Guerilla-Gruppen, Terroristen, Milizen oder Befreiungskämpfer. Sie sind schlecht bewaffnet, aber schnell und rücksichtslos, und sie sind den großen, unbeweglichen Armeen, die ebensolche Gegner benötigen, trotz ihrer überwältigenden Feuerkraft in den asymmetrischen neuen Kriegen, in den "low intensity conflicts", überlegen.

Creveld geht es in seinem neuen Artikel, der in der Wochenzeitschrift Forward erschienen ist, um eine Bewertung dessen, was die USA bei einem Rückzug aus dem Irak erwartet. Er ist davon überzeugt, dass es jetzt keine Frage mehr sei, ob ein Truppenabzug nach dem "dummen Krieg" kommen wird. Es gehe nur noch darum, wann er geschieht und zu welchem Preis. Und obwohl der Irak-Krieg mit dem Vietnam-Krieg weder hinsichtlich der amerikanischen Opfer noch der Dauer und der Art der Kriegsführung vergleichbar ist, zieht Creveld zwischen beiden hinsichtlich des Rückzugs eine Parallele.

1969 seien die amerikanischen Truppen ähnlich demoralisiert gewesen wie heute, während die Opposition in den USA wie heute immer stärker wurde. Den Krieg hat man damals verloren, musste sich schmählich zurückziehen, das Statthalterregime konnte den Kämpfern Hanois keinen hinreichenden Widerstand entgegensetzen, auch wenn die südvietnamesischen Truppen militärische Ausrüstung von den USA erhalten hatten, die dann in die Hände der Vietkong fiel. So werde es auch im Irak geschehen. Das sei nicht erfreulich, aber es sei keine Alternative in Sicht.

Allerdings war den realistisch Denkenden zur Zeit des Vietnam-Krieges klar, dass die Südvietnamesen keine wirklichen Chancen hatten. Auch das ist mit dem Irak nicht vergleichbar. Die schiitische Mehrheit im Irak ist in der Regierung dominant, aber sie wird trotz hartem Vorgehen den Widerstand nicht brechen können, sondern ihn dadurch eher vermehren. Ungelöst ist im Irak vor allem die Verteilung des Ölreichtums. Hier kann es auch zu Konflikten zwischen allen drei großen Gruppen, den Kurden, Sunniten und Schiiten, kommen. Umliegende Länder wie Syrien, die Türkei, Jordanien, Iran, die Golfstaaten oder auch Saudi-Arabien könnten schnell in einen Bürgerkrieg mit hineingezogen werden. Der Irak, der nach der Dominotheorie der Neocons die ganze Region unter demokratischen und kapitalistischen Nachahmungsdruck setzen sollte, könnte jetzt ganz im Gegenteil die sowieso wegen der autoritären Regime angespannte Region vollends unsicher machen.

Kein vollstädniger Rückzug möglich

Immerhin, so seziert Creveld weiterhin gegenüber der Bush-Regierung gnadenlos, habe Nordvietnam noch eine Regierung gehabt, mit der man über ein Friedensabkommen verhandeln konnte, im Irak bestehe der Gegner aus Terroristengruppen "ohne zentrale Organisation und Kommandostruktur". Die neuen und teuren Hightech-Waffen, die sich nur die reichste und größte Supermacht leisten könne, könne man nicht der Armee des Statthalterregimes überlassen. Zudem fragt Creveld zynisch, was diese Hightech-Waffen wirklich gebracht hätten, abgesehen von einer größeren Staatsverschuldung. Die existierende irakische Armee sei viel zu schwach, unerfahren und unloyal, so dass "Washington seine Waffen genausogut gleich Abu Musab al-Sarkawi aushändigen" könne.

Der Truppenabzug könne nicht schnell und über Nacht geschehen, um Risiken zu vermeiden. Er wird sich über Monate hinziehen, und dies unter nennenswerten Verlusten. Mit einem vollständigen Abzug würde, was alle prophezeien, der bislang latente Bürgerkrieg in einen offenen übergehen, der sich lange hinziehen wird. Schon mit der vollen Truppenpräsenz der Amerikaner nehmen jetzt schon die Konflikte, Anschläge, Folterungen, Erschießungen und Vertreibungen zwischen den Gruppen, allen voran zwischen Schiiten und Sunniten, zu.

Creveld sagt, dass den Amerikanern eigentlich die Option eines totalen Rückzugs für längere Zeit aus verschiedenen Gründen nicht offen stünde, auch wenn sie dies wollten. Die Region mit ihren Ölvorräten sei dafür einfach zu wichtig. Eine wie auch immer kleinere Truppenpräsenz sei vor allem auch deswegen unabdingbar, weil der Iran in Schranken gehalten werden müsse, für den die USA der "Große Satan" seien. Der Iran sei aber auch der eigentliche Gewinner des Irak-Kriegs. Creveld, hier ganz konform mit der israelischen Regierung, betrachtet den Iran als Hauptgefahr für die gesamte Region. Der habe schon früher die Golfstaaten bedroht. Und wenn das Land nun bald Atomwaffen haben wird, wovon Creveld ausgeht, dann könnten einzig noch die USA "die Golfstaaten und deren Öl vor den Krallen der Mullahs" schützen.

Zudem würde der Irak ohne US-Militärpräsenz ganz in den chaotischen und gesetzlosen Zustand eines Terroristenhafens verfallen, weswegen Bush angeblich ja auch in das Land einmarschiert ist. Doch nach dem "dummen Krieg" könnten sich "Hunderte von Mini-Sarkawis über den gesamten Nahen Osten ausbreiten, Sabotageakte ausführen und versuchen, im Namen Allahs die Regierungen zu stürzen". Die Türkei, Ägypten, Jordanien und auch Israel würden die Folgen zu spüren bekommen.

Amerikanische Truppen müssten also nach Ansichts Crevelds in der Region stationiert bleiben, um sie nicht im Chaos versinken zu lassen. Das sei eine schwierige militärische und politische Aufgabe:

Aber solch ein Unternehmen müsste, so würde man hoffen, von einem Team organisiert werden, das anders und kompetenter ist als dasjenige, das gerade im Weißen Haus und im Pentagon im Amt ist.

Creveld führt allerdings nicht aus, wie die weiterhin in der Region präsenten Truppen agieren müssten, um die prophezeiten Konflikte nicht ausbrechen zu lassen oder im Zaum zu halten. Letztlich haben Pentagon und Weißes Haus wohl jede moralische Autorität in der Region verloren, und sie müssten weiterhin einen Spagat betreiben, indem sie vorgeben, demokratische Entwicklungen zu fördern, während sie autoritäre Regimes stützen müssten.

Creveld stellt sich die Supermacht als Aufpasser vor, der das Schlimmste mit Androhung militärischer Gewalt verhindert, aber er sagt auch, dass alle Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg von den großen Militärmächten verloren wurden, wenn sie gegen Guerilleros oder weit unterlegene Gegner antraten. Das hätte zwar Bush abhalten sollen, in einen Krieg gegen den Irak zu ziehen – Creveld sagt, er kann die Gründe von Bush nicht nachvollziehen, was auch die künftigen Geschichtswissenschaftler beschäftigen werde -, aber mit derselben Logik ließe sich sagen, dass auch eine Militärpräsenz vor Ort nichts ausrichten wird, wenn nicht andere, politische Maßnahmen eingeleitet werden und es nicht sowieso zu spät für eine andere politik ist. Diskutiert wird beispielsweise, US-Interventionen vor allem aus der Luft zu organisieren (Weg vom Boden, ab in die Luft). Doch solche "Präzisionsschläge" sind schon oft genug militärisch und politisch daneben gegangen. Aber das ist dem Militärhistoriker, der im Krieg ein Phänomen für sich sieht, das von Menschen nicht nur als Fortsetzung der Politik verfolgt wird, vielleicht auch einfach zu fremd. Er neigt dazu, dass heute, wenn schon militärisch agiert wird, man nach der Hiroshima-Strategie verfahren müsste (War on Terror):

As history since Hiroshima shows, the best, perhaps the only, way to curb war is to deter it with such overwhelming force as to turn it from a struggle into suicide. The best way to mitigate it is to use all possible means to bring it to a speedy end. I think both Clausewitz and Sun Tzu would agree on these points.

(Florian Rötzer)