Der ehrliche General

Britischer Armeechef will den Rückzug aus dem Irak

Im Grunde seien seine Bemerkungen „nicht substantiell neu oder vom Gehalt her berichtenswert“, so versuchte gestern der britische Armeechef General Richard Dannatt den Wirbel um seine Äußerungen von Donnerstag zu relativieren. Der englischen Zeitung Daily Mail gegenüber hatte sich der General in einem Interview dafür ausgesprochen, die britischen Truppen „sometime soon“ aus dem Irak zurückzuziehen. Andernfalls würde man „katastrophale Konsequenzen“ sowohl für die britische wie die irakische Gesellschaft riskieren; die fortgesetzte Präsenz britischer Soldaten würde die Sicherheitsprobleme im Irak verschlimmern.

Richard Dannatt ist bestimmt nicht der Erste, der solche Gedanken äußert. Aber weil der “very honest General“ - so der Titel des Interviews – seit August die britischen Truppen im Irak kommandiert, sind seine Äußerungen ungewöhnlich, für einen hochrangigen Militär beispiellos, wie der Guardian und die BBC bemerkten, und mit einer ganz anderen politischen Ladung versehen als die übliche Kritik von Kriegsgegnern.

In seinem Interview ließ Dannat unter anderem durchblicken, dass die Blair-Regierung den Waffengang im Irak womöglich mit einem gewissen Maß an Naivität und ohne Plan für „die Zeit danach“ unternommen habe:

Die ursprüngliche Absicht bestand darin, dass wir eine liberale Demokratie errichten wollten, die ein Beispiel für die Region geben sollte, pro-westlich, mit möglichen vorteilhaften Wirkungen auf das Gleichgewicht innerhalb des Nahen Ostens.
Das war die Hoffung. Ob das eine vernünftige oder naive Hoffnung war, darüber wird die Geschichte urteilen. Ich bin der Meinung, dass wir das nicht schaffen werden. Ich glaube, wir sollten unsere Ambitionen niedriger ansetzen.

Nicht die einzige Bemerkung, die von der englischen Presse gerne aufgegriffen und zu einer Kampfansage gegen die Regierung unter Premierminister Blair hochgepitcht wurde. Ehrlich wolle er sein, sagte der General der Journalistin der Boulevardzeitung Daily Mail. Nachrichten-„Spin“ und „News-Leaks“ zur Situation im Irak seien nicht hilfreich, ihn beschäftige die Sorge, dass die Armee zerbrechen („break“) könnte, wenn sie zu lange im Irak bleibe. Er wolle auch in fünf und in zehn Jahren noch eine Armee. Man solle sich vergegenwärtigen, dass die britischen Soldaten in einem muslimischen Land seien. Die Ansicht von Muslimen über Fremde in ihrem Land sei „ziemlich klar“. Zumal man als Fremder dort nur willkommen geheißen würde, wenn man in das Land eingeladen worden sei, „aber wir waren damals sicher nicht eingeladen.“

Die militärische Kampagne, die wir 2003 losgebrochen haben, hat die Tür eingeschlagen. Was wir auch immer für einen Konsens am Anfang gehabt haben mögen, er hat sich in Toleranz gewandelt und jetzt größtenteils in Intoleranz....Das ist ein Fakt. Ich sage nicht, dass die Schwierigkeiten, mit denen wir weltweit konfrontiert sind, von unserer Präsenz im Irak verursacht werden, aber zweifellos verschlimmert sie unsere Präsenz im Irak.

Deutliche Worte also, die der geadelte General noch mit einigen Zusätzen untermauerte und ausbaute, etwa, dass auch sein Sohn im Irak bis vor einigen Monaten Dienst tat, dass Afghanistan ein anderer Fall sei, eben weil man dort auf Einladung des Präsidenten bleibe, dass er die islamistische Bedrohung ernst nehme und er nicht hoffe, dass ein „moralisches und spirituelles Vakuum“ in England dessen Fortschritt befördern werde.

Das Echo war entsprechend stark, nun wurde dem General selbst „Naivität“ vorgeworfen, Naivität im Umgang mit der Presse, die, wie er selbst gestern sagte, ein „hoo-ha“ aus seinen Bemerkungen machte, die weder neu noch „newsworthy“ seien. Zwischen seiner Position und derjenigen der Regierung passe kein Zigarettenpapier, alles, was er gesagt habe, könne er auch gegenüber Tony Blair vertreten. Dessen offizieller Sprecher erklärte, dass der General die volle Unterstützung des Premierministers habe.

Doch hinter der Fassade dürfte man in der Downing Street nicht sehr glücklich über die Aussagen des Armeechefs sein, da sie die Isolation von Blair und seinem Kabinett in dieser Frage zeigen. Die Unterstützung für die Mission im Irak scheint außerhalb der Regierung gegenwärtig sehr schwach zu sein. Kein Zufall, dass Dannatt seine kritischen Äußerungen in einem Boulevardblatt machen konnte. Und deutlich wird in den gestrigen Reaktionen auf Dannats freie Rede, dass niemand den Inhalt der Aussagen des Generals laut kritisiert hat, sondern nur sein Ausscheren aus der Regel, dass sich Militärs nicht in politische Angelegenheiten einzumischen hätten: "On matters like this, senior soldiers should keep their mouths shut."

Dannat reagierte auf die Kritik gestern mit einer leichten Abmilderung seiner zentralen Aussage: Man werde erst dann aus dem Irak abziehen, wenn der Job getan ist:

I'm a soldier. We don't do surrender, we don't pull down white flags. We will remain in southern Iraq until the job is done - we're going to see this through.

(Thomas Pany)