Der erste Krieg im wirklichen Medienzeitalter

US-Verteidigungsminister über den ersten Krieg im 21. Jahrhundert, Video dokumentiert, wie Sicherheitskräfte einer britischen Firma willkürlich auf Zivilfahrzeuge feuern

US-Verteidigungsminister Rumsfeld sagte kürzlich, dass der Irak-Krieg der erste Krieg des 21. Jahrhunderts sei und dass er sich vor allem deswegen von anderen Kriegen unterscheide, weil er unter der Präsenz der Medien, vor den Objektiven der Video- und Digitalkameras und mit der Kommunikation über Emails und Blogs stattfindet:

"Our country is waging a battle unlike any other in history. We are waging it in a media age that’s unlike any war that war fighters have ever known. Think of it. This is the first war of the 21st Century. It’s the first war to be conducted with talk radio, and 24-hour news, and bloggers, and emails, and digital cameras, and Sony video cams, and all of these things that bring so much information near instantaneously to people. And in this new century, we all need to make adjustments -- government and the media alike."

Das kann dann mitunter dazu führen, dass Journalisten ins Zielfeld geraten oder die Berichterstattung durch "embedding" kontrolliert wird, aber auch, dass man die falsche Berichterstattung der freien Medien über eine Abteilung für Informationsoperationen durch heimliches Einschleusen von scheinbar vom Pentagon unbeeinflussten Artikel in den Medien zu begegnen sucht. Durch Korruption von Journalisten und Medien und durch die Lancierung von keineswegs korrekten Artikeln wird man weder eine freie Presse noch die Demokratie fördern. Während das Weiße Haus sich entrüstet zeigt und die Sache angeblich untersuchen lassen will, findet Rumsfeld, dass die westlichen Medien das alles übertreiben und er eigentlich auch die Tatsachen nicht kenne. Und obwohl nach dem 11.9. und noch bis zum Beginn des Irak-Kriegs die Bush-Regierung in hohem Ansehen stand und die US-Medien wenig kritisch und sehr patriotisch waren, meint Rumsfeld, dass der Krieg in einer seltsamen Zeit begonnen wurde:

We've arrived at a strange time in this country where the worst about America and our military seems to so quickly be taken as truth by the press, and reported and spread around the world, often with little context and little scrutiny, let alone correction or accountability after the fact.

Dass Rumsfeld oder andere Vertreter des Weißen Hauses nicht gerade glühende Verfechter der Wahrheit sind – auch wenn dies Sicherheitsberater Hadley angesichts der manipulierten Presse im Irak beteuert -, liegt zwar gerade im Kontext des Irak-Krieges offen vor aller Augen, aber man bleibt hier bei der gewohnten Strategie, dass man nur keine Fehler eingesteht und auf das Vergessen setzt. Das zieht zwar nun nicht mehr so richtig, denn die Medien schlucken nicht mehr alles, was auch die Menschen endlich hat aufwachen lassen.

Trotzdem muss man der ersten Aussage von Rumsfeld zustimmen, dass der Irak-Krieg wegen der Medienberichterstattung, aber vor allem wegen der Mitteilungen, Bilder und Videos, die jenseits der üblichen Kanäle durch Emails, Blogs oder Webseiten an die Öffentlichkeit gelangen, eine neue Dimension erreicht hat. Das betrifft nicht nur die Medienstrategie der Aufständischen und Terroristen, die sich des Internet und der Konkurrenz der Massenmedien zur Verbreitung ihrer viralen Informationen bedienen, sondern auch das, was ungewollt an die breite, nicht mehr zu kontrollierende Öffentlichkeit gelangt. Das beste Beispiel dafür sind die Bilder der Missahandlungen aus Abu Ghraib oder auch die Bilder, die Soldaten vor Ort von ihren Erlebnissen gemacht haben und die sie beispielsweise im Austausch für den freien Zugang zu einer Sex-Website übermittelt haben: Tod gegen Sexualität (Sind grausame Kriegsbilder obszön?).

Vor kurzem wurde ein weiteres Video bekannt, das wiederum für Unruhe sorgt. Es soll angeblich von Mitarbeitern der britischen Söldner- oder Sicherheitsfirma Aegis Defence Services gemacht worden sein. Die Firma hat, wie der Telegraph berichtete, erst vor kurzem vom Pentagon einen Auftrag in Höhe von 320 Millionen Euro erhalten. Veröffentlicht wurde es auf der Website www.aegisIraq.co.uk, auf der man auch versicherte, dass dies keine offizielle Seiete von Aegis Defence sei.

In einem der Videos, die mittlerweile von der Webseite entfernt wurden, wurde mit der Unterlegung von Elvis Presleys Song "Train I Ride" gezeigt, wie Mitfahrer eines Wagens auf andere Autos schossen, die hinter diesen herfuhren. Die Schüsse erfolgten offensichtlich ohne Anlass, möglicherweise einzig aus der Lust heraus, im Irak die Freiheit zum Herumballern zu haben – und tatsächlich wäre es denn auch nicht verwunderlich, wenn die Menschen, die zum Freiwild der gut bezahlten und kaum kontrollierten Söldner werden, Wut entwickeln. Es sieht so aus, als hätten die Schützen nicht auf die Personen geschossen, dennoch blieben die Fahrzeuge liegen. In einem Fall wurde ein Wagen beschossen, der dann in einen anderen, auf der Straße stehenden hineinfuhr, aus dem die Insassen in Panik flohen. Nach dem Telegraph fanden alle vier auf dem Video aufgenommenen Schießereien auf der Straße zwischen Bagdad und dem Flughafen statt.

Es ist ein seit längerem offenes – letztlich seit dem ersten Zwischenfall in Falludscha 2004 bekannt gewordenes – Problem, dass die zahlreichen schwer bewaffneten Söldner und privaten Sicherheitskräfte für zahlreiche Übergriffe gegen die irakische Zivilbevölkerung verantwortlich sind. Anscheinend fühlen sie sich in einem rechtlichen Niemandsland, einem Wilden Westen des Orient, wo man halt sicherheitshalber schneller schießt oder eben auch aus der Lust heraus, endlich seinen Wünschen einmal nachgehen zu können, die man zuvor vielleicht beim Militär nicht ausleben konnte. Zur Rechenschaft gezogen wurden sie nie, da niemand sie belangen kann und will, obgleich sie unter anderem auch vom Pentagon oder der US-Regierung angestellt und bezahlt werden.

Aegis hat angeblich, wie es in einer Pressemitteilung heißt, eine Untersuchung eingeleitet und will mit den Videos selbstverständlich nichts zu tun haben, weil man stets korrekt und nach strikten Einsatzregeln handelt. Die schließen zwar auch nach angeblich strengen Regeln den Beschuss von Zivilfahrzeugen ein, aber jeder Gebrauch von Schusswaffen würde protokolliert und überprüft. Sollte eine der Vorfälle, die auf dem Video aufgezeichnet wurden, Aegeis-Personal betreffen, würde man dies von einem Ausschuss überprüfen lassen. Das mag man glauben oder auch nicht. Das britische Verteidigungsministerium hat ebenfalls angeblich eine Untersuchung eingeleitet. Das Außenministerium zieht sich darauf zurück, dass Aegeis versichert habe, das Video betreffe keine Mitarbeiter. Daher wäre nun die US-Regierung zuständig, die Aegeis beschäftige.

Auf der nichtoffiziellen Website, die seit einigen Tagen sehr gesäubert wurde und von einem ehemaligen Aegis-Mitarbeiter betrieben wird, findet sich noch eine, angeblich von Lieutenant Colonel Tim Spicer, dem Direktor der Sicherheitsfirma und früheren Chef von Sandline International, stammende Mitteilung vom Oktober 2005:

  1. I am also concerned about media interest in this site and I remind everyone of their contractual obligation not to speak to or assist the media without clearing it with the project management or Aegis London. This site could be construed in this way.
  2. I remind everyone that there is a proper chain of command for airing concerns, grievances etc.
  3. Please think twice about posting your happy snaps and whilst I am not concerned about this site as yet, if it develops into something other than a light hearted pressure valve I will take a much greater interest.
  4. Remember that your job and those of your colleagues indirectly relies on the maintenance of our contract. Refrain from posting anything which is detrimental to the company since this could result in the loss or curtailment of our contract with resultant loss for everybody.

Das würde schon eher danach klingen, dass Spicer die Videos oder die Fotos, die auch nur noch sehr ausgedünnt vorhanden sind, durchaus für authentisch hält und seine Mitarbeiter davor warnt, dass eine Veröffentlichung geschäftsschädigend sein könnte. (Florian Rötzer)

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