Der erweiterte Körper

Terminator 1. Bild: 20th Century Fox

Prothesen in der Science Fiction

Science Fiction und Prothesen. Beide Themen haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Welches Bild eines ersetzten Körperteils ist uns aus einschlägigen Filmen geläufig? Das Metallskelett eines abgebrannten Terminators? Der Roboterkopf unter der menschlichen Haut des entdeckten Androiden auf der Nostromo?Oder der abgetrennte Arm von Luke Skywalker?

Es interessiert hier, in welcher Funktion und Design Prothesen in der Science Fiction auftauchen. Zugleich deuten Prothesen auf eine mögliche hybride Zukunft, in der Menschen zunehmend zur Maschine werden.

Einige Autoren aus der Hightech-Branche, wie Ray Kurzweil, formulieren mitunter dramatische Visionen in ihren Büchern: Die Computer könnten 2020 bis 2030 die menschlichen Hirne in ihrer Leistung übertrumpfen. Letztlich könne der Mensch unsterblich werden, wenn er sich in die Singularität, die hohe Künstliche Intelligenz, einspeiste.

Der biologische Mensch wird durch die Einspeisung in Computersysteme ersetzt. Auf dem Weg dorthin erhält er zunehmend "Prothesen". Nicht alle Prothesen sind sichtbar. Man denke an einen Herzschrittmacher.

Der Mensch und seine Ersatzteile (16 Bilder)

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Davon abgesehen, nehmen Prothesen in der SF mitunter die Rolle eines Gimmicks an. Einer bemüht exotischen, weil in der Zukunft oder galaktischen Ferne liegenden Lokalität können durch den Einsatz von Prothesen weitere ungewöhnliche Eigenschaften zugefügt werden.

Prothesen könnten auch eine erhöhte Sensorik, Motorik und Symbolik besitzen - zur Steigerung der sinnlichen Lust etwa - und möglicherweise als Ausdruck einer außerirdischen Kultur gelten, in der Prothesen als erstrebenswerte Auszeichnung im Leben angesehen werden.

Auf welchem Stand befindet sich die aktuelle Forschung in der Prothetik? Eine kurze Internetsuchabfrage bringt eine Vielzahl an Berichten über junge Unternehmen, die sich der Entwicklung von Prothesen widmen. In den Headlines oder im Haupttext taucht interessanterweise wiederholt der Begriff "Science Fiction" auf. Die Prothesen, über die die Journalisten berichten, ähneln Robothänden. Die Verlockung, diese Prothesen als Science Fiction zu bezeichnen, ist groß. Aber ist es Fiktion, wenn diese Prothesen tatsächlich entwickelt und angewendet werden?

Metallische Gliedmaßen sind eng mit der Bildwelt der Science Fiction verbunden: Man denke an die "Terminator"-Filme. Heute sind die Prothesenentwickler um ein möglichst unauffälliges Ersatzteil bemüht. Kein Amputierter soll ein neuer Käpt’n Ahab werden, der mit einem Holzbein durch die Fußgängerzone hinkt oder wie Captain Hook mit Enterhaken als Handsubstitut in einer Stadt umher geht. In Städten wie München oder Berlin ist der Haken an der zerbrochenen Hand sicher nicht notwendig. Zumal ästhetisch eher fragwürdig.

Terminator 1. Bild: 20th Century Fox

Inzwischen werden hochwertige Prothesen gebaut, die sich quasi durch Gedanken steuern lassen. Hochwertig, dafür teuer. Wobei die Arbeit mit Mikrosensoren für die Kniegelenke in etwa bereits seit 1997 in Deutschland erfolgt. Damals stellte die Firma Otto Bock erstmals ein mikroprozessorgesteuertes Prothesenkniegelenk auf dem deutschen Markt vor.

Die zunehmende Annäherung an biologische Bewegungsabläufe befeuerte die Bionik, biologische Prozesse durch elektronische zu simulieren. Ein neues Stichwort sind die neuronalen Netze. Sie orientierten sich zunächst an biologischen Nervennetzwerken, aber inzwischen haben sie sich weitgehend von ihrem Vorbild gelöst. Es stellt sich natürlich die Frage, wie weit die neuronalen Netze für die Prothetik einsetzbar sind. Bereits im antiken Ägypten hatten erste Prothesen die bequeme Anpassung an den Körperstumpf als Ziel. Das verlorene Körperteil sollte möglichst weitgehend wieder hergestellt werden.

Lange Jahrhunderte fehlte ein überzeugender haptischer Effekt - es war nicht möglich, einen Gegendruck, der vom zu greifenden Objekt ausgeht, angemessen wiederzugeben. Dies ist 2016 einer Forschergruppe an der Johns Hopkins Universität in Baltimore gelungen. Neuronale Netze könnten die Berechnung der nicht mehr möglichen biologischen Vorgänge bei einer Prothese in Sekundenschnelle berechnen. Wenn die rechnerische Organisation dieser Netze mit einem Nervensystemhybrid kombiniert wird, könnten Prothesenträger mit einer Verbesserung ihrer Mobilität rechnen.

Die Science Fiction kann weitere Gedankensprünge wagen:
Eine Vernetzung ermöglicht eine Art Teil-KI für die künstlichen Extremitäten. Durch die integrierten Mikroprozessoren wäre nicht nur eine Temperaturmessung im Prothesenbein möglich, sondern auch eine Bildauswertung. Sprich: Der Prothesenmensch könnte sehen, wo ein biologisch herkömmlicher Mensch "nur" blanke Haut hat. Abwehrreaktionen des Körpers wären auf ein Minimum reduziert, da nur der Arm- oder Beinstumpf als Schnittstelle in Frage käme.

Bild: Nina Sellars / CC-BY-2.5

Der australische Performancekünstler Stelarc machte eine andere Erfahrung: Er ließ sich ein drittes Ohr implantieren, und zwar auf den Arm. Nach ein paar Tagen reagierte das künstliche Ohr mit einer Entzündung und es musste wieder abgenommen werden. Es sollte nicht hören können, sondern Töne erzeugen. Zudem eine ästhetische Erweiterung des Körpers bilden. Eine Prothese nach Wunsch.

Wo kein biologischer Körper mehr ist, kann keine Abwehrreaktion stattfinden. Ein Metallarm lässt sich beliebig mit Minikameras oder Mikroprozessoren ausstatten. "Minority Report", der Film nach Philip K. Dicks Erzählung, könnte nochmals anders werden - die Kameraüberwachung des Umfelds führt zu einer Rekonstruktion einer möglichen Straftat oder eines Unfalls. Die SF-Plots spielen mit Vorliebe Fälle durch, in denen Manipulation geschieht und sich die Maschine oder ein Mensch Vorteile und Profit durch diese neuen Technologien verschafft. Ein wiederkehrendes Thema.

In der Science Fiction können diese den Weg zur Maschine bereiten. Sie können Menschen mit zusätzlichen Fähigkeiten ausstatten, sie zu Superhelden werden lassen. Das meint auch Samantha Payne, Prothesen-Entwicklerin. Kinder, die ohne Arm geboren wurden, erhalten von ihr einen kindgerecht aufgemachten künstlichen Arm. Ein Junge trägt ein Star Wars-Shirt. Entsprechend wählt er später eine Armprothese im Star-Wars-Look inklusive Lichtschwertsound.

Science Fiction wird mit Science Fiction bedruckt. Payne lernte Joel Gibbard kennen. Er schuf Roboterhände und fasziniert von seinen Prothesen gründete sie mit ihm zusammen die Firma "Open Bionics". Ziel der Firma ist es, Open-Source-Bionik-Artikel im finanzierbaren Rahmen herzustellen. Zudem beabsichtigt Gibbard, die bionischen Prothesen als Open Source zu etablieren. Betroffene könnten sich dann mit etwas Muße in die Programmierung einarbeiten und die Prothesen selbst basteln. Der Amputierte baut seinen fragmentierten Körper nach bzw. um. In der Science Fiction wird daraus möglicherweise ein ganz neuer Körper.

Ein illustres Beispiel sind die Terminator-Filme. Kampfmaschinen sind unter menschlicher Haut verborgen. Bis es zur Auseinandersetzung kommt. Der Gedanke, nicht zwischen Menschen und Maschinen unterscheiden zu können, zieht sich ebenso durch den "Blade Runner"-Film. Die Replikanten sind Cyborgs, also: Mensch-Maschine-Hybridwesen. Cyborgs können durch die Integration von körperfremdem Material als Prothesenträger verstanden werden. Solche Wahrnehmung widerspricht sicher dem Alltagsverständnis von Prothesen. Prothesen gelten heute noch als Ersatzkörperteil.

Wenn man davon ausgeht, dass Prothesen funktionsunfähige oder verlorene Körperteile ersetzen sollen, wirken Prothetiker als hilflose Wesen. Der Bericht der Paralympics-Sportlerin Michaela Daamen führt das recht eindrücklich aus. Ein Körperteil zu verlieren, überfordert zunächst.

In der Science Fiction, so die These, wird der Verlust als Gewinn und mehr noch: als Voraussetzung für eine technologisierte Zukunft gewertet. Ja, dadurch aufgewertet.

Ein Beispiel wäre Geordi LaForge, Chefingenieur auf der Enterprise in "Star Trek. The Next Generation". Er ist seit Geburt blind und trägt den VISOR (Akronym für Visual Instrument & Sight Organ Replacement). Das "Replacement" spricht den Ersatz wörtlich an.

Er kann damit nicht nur sehen, sondern auch Spektralanalysen durchführen. In einigen Folgen bietet sich ihm die Möglichkeit, möglicherweise das Augenlicht wieder zurück zu gewinnen. Er lehnt jedoch ab. Die Prothese ist ein unbemerktes Requisit. LaForge bewertet diese Sehhilfe weder als positiv noch als negativ. Es hat den Anschein, als wäre diese Prothese für den sehbehinderten Zukunftsmenschen LaForge "unbemerkbar" geworden.

Einschneidender ist die Technologisierung des gestorbenen Polizisten Murphy im Film "Robocop": Er wird zu einem Polizeiroboter umgebaut, nachdem er den klinischen Tod gestorben ist. So gewinnt er ein zweites Leben. Ein Leben jedoch, das sich stark vom menschlichen unterscheidet. Cyborg heißt eben nicht nur, dass ein menschlicher Teil für altbekannte Handlungsmuster steht. Der "kybernetische Organismus" integriert Maschinenteile. Eine Prothese, die aus Prozessoren und Metall besteht, erweitert den biologischen Körper des Menschen. Der Polizeiroboter wirkt unangreifbar. Der gesamte Körper von Alex Murphy scheint unter Kontrolle zu sein. Der Mensch wächst mit dem schützenden Exo-Skelett zusammen - ein Cyborg entsteht. Erst dieser Cyborg bietet eine ernstzunehmende Gefahr für Straßenkriminelle. Als sich jedoch Murphy bruchstückhaft an sein früheres Leben erinnert, bröckelt die Maschinen-Fassade.

Robocop 1. Bild: Metro Goldwyn Mayer

Die Science Fiction bietet sich als Umfeld für Prothesen sehr gut an. Ein wesentlicher Grund ist die Bedeutung von Informationsverarbeitungsprozessen und dem Entwurf zukünftiger Technologie. Der Medienwissenschaftler Stollfuß fasst es so zusammen:

Die körperliche ‚Präsenz’ eines Menschen ist danach nicht mehr gezwungenermaßen auf ein biologisches ‚Trägermedium’ angewiesen, sondern lässt sich auch als eine nicht-biologische, zum Beispiel computertechnologische ‚Präsenz’ (oder eine Mischung aus beidem) denken. Darüber hinaus akzentuiert die posthumanistische Sichtweise den Körper als eigentliche Prothese, die wir zu manipulieren gelernt haben, sodass die Erweiterung des Körpers mit oder dessen Austausch durch andere/n Prothesen nur die Fortsetzung eines immer schon da gewesenen Prozesses darstellt.
Stollfuß 2017: 24

Stollfuß untersucht die Serien "The Six Billion Dollar Man" aus den 1970ern und "Dark Angel" (Fox, 2000 - 2002). In diesen Serien tauchen Mensch/Maschinen-Hybridwesen auf, die ein herkömmliches Verständnis von Prothesen aufheben. Ihr ganzer Körper wird zur Prothese, zum Substitut auf dem Weg zum Nachmenschen oder wie man den Protagonisten des Posthumanismus nennen sollte? Vielleicht bezeichnet "posthuman" das Nichtmehrmenschliche, auf dem Weg zur Maschine?

Denkt man diese Thesen weiter, dann erweitert sich der Prothesen-Begriff auf die unzähligen Gadgets, die den Menschen aus seinem (anfälligen) Körper locken und entweder in die "Informatisierung" oder aber die Technologisierung übergehen. Es handelt sich nicht um eine Kriegsverletzung oder ein Absterben des Beins, weil man möglicherweise Diabetes oder ein Alkoholproblem hat. Der Körper wird für die Zukunft zur Verfügung gestellt.

Was heißt das aber, den Körper der Zukunft zur Verfügung zu stellen?

Die Rehabilitation einer Frau ohne Beine durch Prothesen, die - wie erwähnt - an physiologischer Simulationskraft stark zugenommen haben, erweitert sich wie ein Milzbrand auf den gesamten Körper. Dieser wird als Übergang wahrgenommen. Die Transformation des biologischen Körpers in einen computertechnologischen etwa.

Ein Beispiel aus der medialen SF wäre erneut "Star Trek". Die Spezies der Borg bemächtigt sich der Menschen und technologisiert diese zu einem Hybrid, der schließlich immer mehr zur Maschine wird. Die Borg sind dabei eine jenseits menschlicher Kommunikation lokalisierte Spezies, die interstellare Raumfahrt betreibt, d.h. eine Kontaktaufnahme durch die USS Enterprise ist unmöglich. Erst das "Opfer" eines Besatzungsmitglieds, das zum Borg durch die Borg umfunktioniert wird, macht eine zumindest teilweise Verständigung möglich.

Leser werden ihre Favoriten sicher vermissen. Wenn ein Werk nicht genannt wird, heißt das nur, dass bereits ein anderes Beispiel die Argumentation unterstützt hat. Auf Vollständigkeit bei einem solchen Thema kann höchstens ein dicker Wälzer abzielen.Die Cyborg-Thematik wird besonders im Film noch zunehmen. Georg Seeßlen und Markus Metz stellen in einem aktuellen Buch "Schnittstelle Körper" die Durchdringung unserer Gegenwart mit den Wearables und ähnlichen Geräten dar. Dabei interessiert sie vor allem der schleichende Umbau des Menschen. Der Körper als Interface erinnert in dieser Position an die Amputierten und Versehrten, an deren Stümpfen die Prothesen angebracht werden.

Metaphorisch gesprochen: Was müssen wir von unseren Körpern abtrennen, dass wir in die Technologiewelt passen?

Oder stellen wir die Frage von der Science Fiction her:
Kann Frankensteins Geschöpf als Ganzkörperprothese verstanden werden?
Das Monstrum wäre dann Prothese des menschlichen Körpers. Frankensteins Geschöpf ist von Kopf bis Fuß eine Prothese, also Ersatz des Menschen. Als Entwurf der zukünftigen Anatomie. Die alte Menschheit müsste weggedacht werden und dann aus ihren Überresten doktert Frankenstein einen neuen Prothesengott. Doch dieser bleibt mangelhaft. Gott ist er allein durch den Einsatz von Werkzeugen, Kulturtechniken und Intelligenz. Prothese heißt jedoch, (meist unfreiwillig) abzugeben und Gliedmaßen zu verlieren.

Dadurch gewinnt der Prothesengott eine technologische Künstlichkeit. Eine Künstlichkeit, die ihn vom Einfluss der Naturgewalten entkoppelt und Fortschritt möglich macht. Allein der Name "Prothesengott" weist darauf hin, dass er ein Bein oder ein Arm oder sogar beide oder alle Viere verloren hat. Er wird zum Gott, aber mit Einschränkungen.

Der Begriff stammt von Sigmund Freud und laut Karin Harasser argumentiert Freud aus einer Vielzahl von Quellen.

Zum Teil argumentiert er physiologisch, zum Teil rekurriert er auf Erfahrungen in der analytischen Praxis. Ein weiterer Teil seiner Überlegungen ist dezidiert spekulativ und bezieht seine Evidenz aus Literatur und Kunst.
Harasser 2016: 206

Freud führt die Bezeichnung auf die Eigenschaft des Menschen als Mängelwesen zurück, der sich vielfältiger Hilfsmittel bedienen muss:

Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch zu schaffen.
Zitiert bei Harasser 2016: 215

Das "gelegentlich" wird in Zukunft vielleicht integriert sein? Schauen wir uns die Beispiele aus der SF an: Stören die Prothesen? Nicht wirklich. Die Technologie ist so weit fortgeschritten, dass sie den Menschen oder Androiden erweitern und nicht nur ersetzen beziehungsweise nur die Lücke auffüllen. Sie ersetzen nicht das fehlende Glied, sondern sie erweitern den Menschen.

Es ist ein weiterer Schritt Richtung Maschine. Ein wiederkehrendes Thema der Science Fiction, das immer aktueller zu werden scheint. Möglicherweise ändert sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Prothesenträger unserer Gegenwart.

Sind Sie Wesen der Zukunft? Nehmen sie eine neue Qualität vorweg? Möglich.

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