Der falsche Tod

Medikamentenimitationen sind ein internationales Problem

Weltweit werden nachgeahmte Arzneien verkauft. Viele davon enthalten wenig oder gar keinen Wirkstoff, manche sind gesundheitsschädlich oder sogar giftig. Vor allem Patienten in den Entwicklungsländern kamen ums Leben, weil sie solche Imitate einnahmen. Die Weltgesundheitsorganisation warnt nachdrücklich vor den gefälschten Medikamenten und die Europäische Union sagt diesen Betrügern den Kampf an.

Das Problem der Arzneimittelfälschung ist nicht neu. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts starben in den USA dreizehn Kinder, nachdem sie mit einem Medikament gegen Diphtherie behandelt wurden, das Tetanus-Erreger enthielt (100 Years of Biologics Regulation). Im Kultfilm "Der dritte Mann" taucht der angeblich tote Harry Lime immer wieder aus der Kanalisation auf – er wird polizeilich gesucht, weil er wirkungsloses Penizillin auf dem Schwarzmarkt verkauft hat. Der Anblick der schwerkranken, kindlichen Opfer bringt seinen alten Freund Holly Martins dazu, ihn letztlich zu verraten.

Kampagne der WHO

Es geht bei Arzneimittelfälschungen nicht um günstige Generika (Patentrecht vernachlässigt Krankheiten), sondern per Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem internationalen Pharmaverband (IFPMA) um tatsächlich gefälschte oder in betrügerischer Absicht falsch gekennzeichnete Medikamente. Dazu gehören gefälschte Packungsbeilagen oder Verpackungen, vor allem aber Arzneien, die nur eine Teilmenge, einen anderen (als angegeben) oder gar keinen Wirkstoff enthalten.

Die Liste der durch imitierte Medikamente schwer Erkrankten und Gestorbenen ist lang. So starben z.B. 1990 in Nigeria mehr als 100 Kinder, weil ein Hustensaft mit einer giftigen Substanz kontaminiert war; 1995 bekamen 50.000 Menschen in Niger einen gefälschten Hirnhautentzündungs-Impfstoff gespritzt, 2.500 starben und im gleichen Jahr wurden 89 Patienten in Haiti Opfer eines Paracetamolsaftes, der Diethylenglykol (Wein mit Frostschutz) enthielt. 1998 kostete die gleiche „Medizin“ 30 indische Kinder das Leben (Arzneimittel-Fälschungen).

Das manifeste Problem wurde lange weitgehend ignoriert, weil es bislang hauptsächlich Entwicklungsländer trifft. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind 10 Prozent der weltweit gehandelten Medikamente Fälschungen, in den Entwicklungsländern ungefähr ein Viertel, in einzelnen Ländern wie Nigeria sogar bis zu 60 Prozent. Es geht um viel Geld: heute sollen mit diesen tödlichen Produktpiraterien nach konservativen Schätzungen bereits 3,5 Milliarden US-Dollar jährlich verdient werden; andere Expertisen nennen das Zehnfache dieses Betrags. Experten gehen davon aus, dass der Markt weiter boomt und im Jahr 2010 weltweit mindestens 75 Milliarden Dollar Gewinn mit diesem Betrug verbucht werden (FDA: Counterfeit Drugs und WHO: Counterfeit and substandard medicines).

WWW-Fake

Das Problem wächst – auch durch den immer weniger kontrollierbaren Internet-Handel, der vor allem teure Lifestyle-Medikamente wie Potenz- und Haarwuchsmittel oder Schlankheitstabletten anbietet. Kaum ein Anwender, der sich diese Mittelchen selbst verschreibt und bestellt, ist sich des hohen Risikos bewusst. Im März 2006 warnte die EU-Kommission unter anderem vor einem online gehandelten, gefälschten Medikament gegen Fettleibigkeit. Vizepräsident Günter Verheugen erklärte:

Ich bin sehr beunruhigt über die stetig zunehmende Zahl an gefälschten Arzneimitteln, die über das Internet verkauft werden. Dies ist eine echte Gefahr für die Gesundheit von Patienten. Die Kommission arbeitet mit europäischen und internationalen Partnern zusammen, um all die Möglichkeiten auszuschöpfen, die sicherstellen, dass legale Vermarktungsmethoden für Arzneimittel eingehalten und durchgesetzt werden.

Kommission warnt vor gefälschten Arzneimitteln im Internet

In jüngster Zeit sorgte die Panik vor einer möglichen neuen Grippe-Pandemie (Todbringende Vögel) für einen schwunghaften Handel mit dem Präparat Tamiflu (Die Vogelgrippe und der Schutz des geistigen Eigentums), in den Niederlanden tauchten Anfang 2006 gefälschte Kapseln auf, die keinerlei Wirkstoff enthielten, sondern nur Milchzucker und Vitamin C.

Täglich wird jeder von uns mit Spam überschwemmt, häufig werden dabei mehr oder weniger wirkungsvolle Arzneien angepriesen. Selbst die Penisvergrößerung ohne chirurgischen Eingriff ist – obwohl offensichtlicher Blödsinn – ein Umsatzgarant für die Anbieter. Trotz obskurer oder gänzlich fehlender Informationen vertrauen Käufer den Internetangeboten und können sich letztlich glücklich schätzen, wenn sie dabei nur harmloses Zink bekommen (Want a BIG Penis?).

Eine Untersuchung der Computersicherheitsspezialisten von Sophos ergab vergangenes Jahr, dass mehr als 40 Prozent der Spam-Mails mehr oder weniger dubiose Angebote zu Medizin und Arzneimitteln enthielten. Die absolute Spitzenposition in der Liste der meist verbreiteten Spam-Sorten.

Tödliches Desinteresse

Ein kürzlich in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienener Artikel (Counterfeit anti-infective drugs) prangert das politische, aber auch das wissenschaftliche Desinteresse gegenüber Medikamentenfälschungen an. Paul Newton von der University of Oxford und seine Kollegen konnten bei einer gründlichen wissenschaftlichen Recherche insgesamt nur 43 Fachartikel finden, die zu dieser Problematik veröffentlicht worden waren.

Die Forscher stellten fest, dass vor allem das allerneueste der Malaria-Medikamente mit dem Wirkstoff Artemisinin extrem häufig gefälscht wird. In Kambodscha stellte sich bei einer umfassenden Bestandsaufnahme heraus, dass 71 Prozent der angeblichen Arzneien gegen Malaria gefälscht waren.

Die Weltgesundheitsorganisation will künftig intensiver über die Risiken der nachgemachten Medikamente aufklären (Combating Counterfeit Drugs). Im Februar dieses Jahres verabschiedete eine internationale WHO-Konferenz die Deklaration von Rom, die unter anderem die Einrichtung einer Arbeitsgruppe gegen Arzneimittelfälschungen namens International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (IMPACT) vorsieht. Die Gruppe wird sich aus Regierungsvertretern, Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und internationalen Institutionen zusammensetzen, um folgende Aufgaben zu erfüllen:

  1. Unter Berücksichtigung des globalen Ausmaßes der Problematik soll auf internationaler Ebene das Bewusstsein bei internationalen Organisationen und anderen Interessengruppen gestärkt werden, um die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen zu verbessern;
  2. Stärkung des Bewusstseins bei nationalen Behörden und Entscheidungsträgern sowie Forderung effektiver gesetzgeberischer Maßnahmen zur Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen;
  3. Aufbau eines effektiven Informationsaustausches und Hilfestellung zu konkreten Fragen im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen;
  4. Entwicklung technischer und administrativer Hilfsmittel um die Einrichtung oder Stärkung internationaler, regionaler und nationaler Strategien zu unterstützen;
  5. Förderung in der Abstimmung verschiedener Anti-Fälschungs-Initiativen. IMPACT soll auf der Grundlage bestehender Strukturen/Institutionen arbeiten und wird langfristig weitere Mechanismen prüfen, einschließlich einer internationalen Konvention, um internationale Maßnahmen gegen Arzneimittelfälschungen zu stärken.

Die Europäische Union macht ebenfalls mobil. Das Europaparlament hat eine Resolution verabschiedet, um „in der Erwägung, dass die Fälschung von Arzneimitteln äußerst schwerwiegende Folgen haben kann und sogar die Gesundheit und das Leben von Millionen von Menschen bedrohen könnte“, gegen den Handel mit gefälschten Medikamenten vorzugehen. Nachdrücklich wird die Europäische Union aufgefordert,

eine führende Rolle bei der Förderung eines internationalen Übereinkommens zu übernehmen, um in die Rechtsvorschriften der einzelnen Länder einen spezifischen Straftatbestand (Verbrechen oder Vergehen) betreffend Arzneimittelfälschung sowie Hehlerei und Vertrieb von gefälschten Arzneimitteln aufzunehmen

European Parliament resolution on counterfeiting of medicinal products

(Andrea Naica-Loebell)

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