Der fast nackte Ministerpräsident und das Stuttgart-21-Desaster

Gerade noch jugendfrei: Baden-Württembergs Landesvater, dargestellt von Peter Lenk. Foto: Winfried Wolf

Streit um den Verbleib einer brisanten Skulptur in Baden-Württembergs Landeshauptstadt: Kretschmann sei von Bildhauer Peter Lenk "zu ordinär" dargestellt, heißt es

In wenigen Tagen entscheidet sich, ob die Skulptur "Schwäbischer Laokoon - Stuttgart 21: Chronik einer grotesken Entgleisung" in Baden-Württembergs Landeshauptstadt bleiben kann, oder ob es noch vor der Sommerpause zu einem Abbau der Skulptur und dann zu einem Rücktransport an den Bodensee kommt. Die mehr als zehn Meter hohe Skulptur zeigt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) weitgehend nackt als Laokoon, der von ICE-Schlangen erwürgt wird. Neben dem nur mit einem Feigenblatt "bekleideten" Landesvater sind mehrere - teils gut erkennbare - einzelne Figuren, darunter die Ex-Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Günter Oettinger sowie Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zu sehen. Hinzu kommen vier große Relief-Tafeln, die das zerstörerische Großbauprojekt Stuttgart 21 und den Widerstand dagegen zum Thema haben.

Die Skulptur steht seit dem 25. Oktober 2020 im Zentrum Stuttgarts - vor dem Stadtpalais am Charlottenplatz. Sie wurde von dem Bildhauer Peter Lenk geschaffen. Dessen "Imperia" in Konstanz ist bereits zum Wahrzeichen der Bodensee-Stadt geworden; sie erinnert an einen unheilvollen Teil der dortigen Stadtgeschichte: an das Konstanzer Konzil mit der Verbrennung des Reformators Jan Hus. Thema der Stuttgarter Skulptur ist der Bahnhofsneubau Stuttgart 21, der eng mit der Zerstörung des Mittleren Schlossgartens und dem verschwenderischen Einsatz von Stahl und Beton sowie dem Abbau von Bahnkapazitäten verbunden ist - in Zeiten der Klimaerhitzung und des Karlsruher Klimaschutz-Entscheids ein unheilvolles Vorhaben.

Peter Lenk hat in mehr als zwei vollen Arbeitsjahren diese Skulptur geschaffen. Rund 1.300 Menschen, davon die Hälfte aus Stuttgart und Region, aber eben auch mehr als 650 aus dem übrigen Bundesgebiet - sammelten 150.000 Euro, um die Kosten für das Material und für die Fremdarbeit, die in dem Werk stecken, zu decken.

Früheres Lenk-Werk wurde als "Porno-Kunst" skandalisiert

Formal steht die Skulptur nur "zur Probe" und "befristet bis Ende Juni 2021" an der genannten Stelle. Vergleichbares gab es allerdings in mehr als zwei Dutzend Städten mit Lenk-Kunst. Und am Ende entschieden die Stadtverantwortlichen und die Zivilbevölkerung, dass die Werke auf Dauer am Ort bleiben sollten - und damit so gut wie immer zu einer Attraktion und einer touristisch relevanten Sehenswürdigkeit wurden. Außer für die "Imperia" in Konstanz gilt dies zum Beispiel in Ludwigshafen für die "Global Players", die 2008 als "Porno-Kunst" skandalisiert wurden, weil dieses Relief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und weitere Spitzenpolitiker nackt beim Ringelpiez mit Anfassen zeigt.

In Stuttgart hatte noch im Spätsommer 2020 der damalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) das Aufstellen der Laokoon-Skulptur genehmigt. Heute hat Frank Nopper, der seit Februar 2021 amtierende neue Oberbürgermeister (CDU), das maßgebliche Gewicht bei der Entscheidung, ob die Skulptur abtransportiert wird. Eine erhebliche Verantwortung tragen dabei allerdings auch die Gemeinderatsfraktionen von SPD und Grünen. Das Werk ist aktuell von besonderer Bedeutung, da unlängst im "grün-schwarzen" Koalitionsvertrag festgehalten wurde, dass man noch ein zweites Stuttgart 21 bauen will. Natürlich wird aktuell eifrig dementiert, dass es bei der Forderung nach Abbau der Skulptur um Politik geht. Doch genau darum geht es allein.

Ein Festival soll die Stuttgarter Skulptur verdrängen

Für den Zeitraum vom 31. Juli bis 12. September ist im Umfeld des Stadtpalais das Festival "Stuttgart am Meer" geplant. Vor dem Hintergrund der Pandemie ist allerdings noch völlig offen, ob es stattfinden kann. Doch selbst wenn dies der Fall ist: Es ist absurd, dass bei einer Festival-Fläche von deutlich mehr als 2.000 Quadratmetern eine Skulptur, die vielleicht 45 Quadratmeter beansprucht, abgeräumt werden muss. Weil genau an dieser Stelle ein Tischchen mit vier Sektgläsern platziert werden soll?

Das geplante Festival steht unter dem Motto "Einfach grün - greening the city" - das wirkt bereits ausgesprochen verstörend vor dem Hintergrund der in Steinwurfentfernung verlaufenden Konrad-Adenauer-Straße, die rekordverdächtig von bis zu 100.000 Kraftfahrzeugen pro Tag frequentiert wird. Völlig zynisch wirkt die Forderung, das "Lenk-Mal" müsse wegen dieses Festivals verschwinden, vor dem Hintergrund von "Stuttgart 21" selbst. Mit diesem Monsterprojekt ist die Zerstörung von Grün unmittelbar verbunden.

Wegen Stuttgart 21 wurden im Bereich des damaligen Mittleren Schlossgartens vor knapp einem Jahrzehnt mehr als 200 Bäume gefällt - darunter Dutzende Bäume, die mehr als 100 Jahre alt waren. Bäume, denen Leonard Cohen bei seinem Auftritt vor rund 7.000 Menschen in Stuttgart am 1. Oktober 2010 seinen Song "The Anthem" widmete, nachdem er bei seiner Ankunft Zeuge von brutaler Polizeigewalt im Mittleren Schlossgarten geworden war. Protestierende hatten sich dort gegen Stuttgart 21 und für den Erhalt der Bäume eingesetzt. Bäume, die Stuttgarts Stadtbevölkerung so wertvoll erschienen, dass sie auch in den bitteren Wintern nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten Weltkrieg geschützt und nicht - wie so gut wie alle anderen Bäume in der Stadt - zu Brennholz verarbeitet worden waren.

Zynisches Ausnutzen der Pandemie

Peter Lenks Skulptur steht, wie erwähnt, am genannten Platz seit dem 25. Oktober 2020. Nur wenige Tage danach wurden die weitreichenden Lockdown-Maßnahmen beschlossen. Diese sind seither fast durchgängig in Kraft. Das hat beispielsweise zur Folge, dass die Demonstrationen gegen Stuttgart 21, die seit mehr als zehn Jahren an jedem Montag stattfanden, als Präsenzveranstaltungen ausgesetzt werden mussten. Eine erste Präsenzdemo soll es nach aktuellem Stand wieder am 31. Mai geben. Diese pandemiebedingten Restriktionen haben auch zur Folge, dass seit einigen Monaten Führungen an der Laokoon-Skulptur nur mit extrem begrenzter Teilnehmerzahl stattfinden können.

All das führte dazu, dass in dem halben Jahr, in dem die Skulptur in Stuttgart steht, die Zivilgesellschaft das Werk nur begrenzt zur Kenntnis nehmen konnte. Wenn es nunmehr in Bälde zu mehr "Öffnungen" kommt, dann wäre dies just der Zeitpunkt, ab dem die Öffentlichkeit die Skulptur in größerem Umfang wahrnehmen würde. Wenn genau jetzt der Abbau der Skulptur gefordert wird, dann nutzt man die Pandemie zynisch aus. Schließlich weiß man aus mehr als einem Dutzend Städten, dass Lenks Werke zwar im Vorfeld der Aufstellung oft auch auf Widerspruch stießen, dass sie jedoch nach einigen Monaten so gut wie immer von der Zivilgesellschaft wohlwollend aufgenommen wurden. Genau das soll in Stuttgart offenkundig vermieden werden.

Anmaßendes und fragwürdiges Kunstverständnis

Wenige Tage nach Installation der Skulptur erschienen in der Stuttgarter Zeitung und in der Schwäbischen Zeitung Artikel, in denen unter anderem demagogisch gefragt wird: "Soll das Kunst sein?" Beide Beiträge, jeweils verfasst von Adrienne Braun, münden in einem dem Appell, Lenks Werk möglichst bald wieder abzuräumen. Braun: "Die Stadt Stuttgart sollte also sehr genau überlegen, ob sie eine solche gebaute Karikatur tatsächlich dauerhaft an einem so prominenten Platz zeigen will."

Der Direktor des Stadtpalais, Torben Giese, äußerte, er sei "froh", wenn Lenks Werk "nur temporär vor dem Stadtpalais" stünde. Ihm erscheint der Schwäbische Laokoon "zu ordinär" Wobei interessanterweise die beiden hier Zitierten zugleich feststellen, dass das Lenksche Werk vor dem Stadtpalais "immer zahlreiche Besucher" habe und es "viel positives Feedback" gebe (Giese) beziehungsweise, dass "viele Museen sich wünschen, dass ihr Publikum so interessiert bei der Kunstbetrachtung wäre, wie es die Menschen vor der Stuttgarter Skulptur sind" (Braun).

Verantwortung von CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen

Seit dem 31. April 2021 liegt dem Stuttgarter Gemeinderat ein Antrag mit dem Titel "S21-Skulptur von Peter Lenk soll bleiben - Suche nach neuem Standort intensivieren" vor. Unterzeichnet hat ihn "Die FrAKTION LINKE SÖS PIRATEN Tierschutzpartei und PULS-Fraktionsgemeinschaft". In dem Antrag heißt es, dass die Skulptur vor dem Stadtpalais "auch noch nach Juni 2021 stehen bleiben" soll. Im Fall eines "zwingenden Abbaus" soll die "Stadtverwaltung in enger Abstimmung mit dem Künstler einen zentralen Standort" suchen, welcher "der stadtgeschichtlichen Bedeutung des Denkmals mindestens so gut entspricht wie der heutige Standort vor dem Stadtpalais".

Der Antrag wurde im Vorfeld den Gemeinderatsmitgliedern von SPD und Grünen zur Kenntnis gebracht - verbunden mit dem Vorschlag, ihn gemeinsam einzubringen. Die SPD hat sich dazu nicht geäußert. Die Grünen als Fraktion haben es abgelehnt. Da mag nicht das letzte Wort gesprochen sein. Der Antrag steht aller Wahrscheinlichkeit nach in Bälde im Gemeinderat zur Abstimmung. Die beiden einbringenden Fraktionsgemeinschaften verfügten zusammen mit SPD und Grünen im Stuttgarter Gemeinderat über 35 von 60 Sitzen und damit über eine deutliche Mehrheit.

Unterdessen wird auch in einer Online-Petition der Verbleib der Skulptur in Stuttgart gefordert.

Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 - Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie, Buchautor (u.a. Verfasser von "abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands") und verantwortlich für die Website www.lenk-in-stuttgart.de

(Winfried Wolf)