Der geköpfte Lehrer

Conflans-Sainte-Honorine. Bild: Pierre Poschadel/CC BY-SA 4.0

Frankreich: Ein brutaler Terrormordanschlag, Fanatismus, Mohammad-Karikaturen und die Rolle sozialer Medien

Ein 18-Jähriger hat gestern Spätnachmittag gegen 17 Uhr einen Lehrer in Conflans-Saint-Honorine (Yvelines), Großraum Paris, mit einem langen, geschärften Metzgermesser getötet. Der Akt war ein Gemetzel, der Lehrer wurde verstümmelt, auf Twitter tauchte später ein Foto auf, das den abgeschnitten Kopf des Lehrers zeigte. Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Terroranschlags. Der Hauptverdächtige, der formal als solcher bezeichnet wird, wobei aber nichts auf einen anderen Täter hindeutet, wurde kurze Zeit danach in einem Nachbarort von Polizisten erschossen.

Der Fall schlägt in Frankreich hohe Wellen, er verdrängt heute die seit Tagen dominierenden Schlagzeilen über den Anstieg der Corona-Infektionszahlen. Dass der Fall eine derart starke Wirkung auslöst - Macron eilte gestern Nacht noch zum Tatort und gab eine emotionale Solidaritätserklärung an alle Lehrer des Landes ab, der Parlamentssprecher zeigte sich ebenfalls sehr berührt bei der Übermittlung der Nachricht an die Abgeordneten, die Medien sind voll mit Berichten zum Mord - hat mehrere Ebenen.

"Missverständnisse", die geschürt werden

Eine wichtige Rolle spielen Interpretationen zum Umgang mit Muslimen und die Öffentlichkeit, die Facebook und andere soziale Medien schaffen. Sie schüren Missverständnisse, könnte man dies in einem sachten Ton beschreiben, im vorliegenden Fall ist das allerdings verharmlosend; man kann im Nachhinein auch feststellen, dass die Beschreibung der Vorgänge auf Facebook, an deren Ende die brutale Tat stand, eine höchstwahrscheinlich bereits schwärende Wut weiter aufgeheizt hat.

Der Lehrer für Geschichte und Geografie, Mitte Vierzig, unterrichtete seit vielen Jahren Schüler über Religionen. Eine Unterrichtsstunde, die er Anfang Oktober am Collège du Bois-d’Aulne in dem genannten Ort Conflans-Saint-Honorine gab, sorgte für Aufregung. Es ging um Meinungsfreiheit. Das Thema wollte der Lehrer anhand der Mohammed-Karikaturen erläutern. Dazu fragte er die Schüler danach, wer muslimischen Glaubens ist und erklärte ihnen, dass sie den Unterrichtsraum verlassen können, wenn sie wollen.

Daran entzündeten sich die ersten Reaktionen. Während Schülerinnen und Schüler laut Medienberichten dies als Geste des Respekts verstanden, was damit unterlegt wird, dass der Lehrer als freundlich und respektvoll im Umgang mit Schülern geschildert wird, empörten sich Eltern. Es kam zu Diskussionen an der Schule, die via Facebook-Postings über diesen Kreis hinausgingen.

Gegen den Lehrer wurde der Vorwurf erhoben, dass er mit der Aufforderung an die muslimischen Schülerinnen und Schüler, sich zu melden, gegen die Gleichbehandlung verstoßen habe, und dies noch viel mehr, als er sie "aus der Klasse geschickt" habe, was einer Diskriminierung gleichkommt. Und schließlich dass er im Unterricht "Nacktbilder" gezeigt habe. Damit gemeint war eine der Karikaturen, wie aus einem Bericht von Le Monde hervorgeht. Dort wird von einem Facebook-Posting vom 8. Oktober des Vaters einer der Schülerinnen (13 Jahre alt) berichtet, die sich geweigert habe, die Klasse zu verlassen.

Er bezeichnet den Lehrer darin angeblich als "Schurken" und rief andere Eltern dazu auf, sich zusammenzutun, damit der Lehrer nicht mehr im Schuldienst arbeiten kann. Seine Tochter soll darüber hinaus ein Video über soziale Netzwerke verbreitet haben, in dem sie erklärte: "Wir waren alle schockiert, auch diejenigen, die keine Muslime sind."

Nun gibt es dazu ganz andere Schilderungen von Schülerinnen, die den Lehrer und dessen Aktion völlig anders zeichnen, sein Respekt ist dort der Charakterzug. Ohne dies von außen weiter zu gewichten, kann man aber eine weitere Besonderheit der Aufregung in den sozialen Netzwerken herausheben: Der Name des Lehrers und die Anschrift seiner Schule wurden verbreitet.

Als ob dies für eine Unterrichtskritik nötig sei, außer man will den Pranger? Im Fall des Lehrers wurde es kein Shitstorm.

Die Mohammed-Karikaturen und Gewalt

Der 18-Jährige Hauptverdächtige war weder im Unterricht des Lehrers, noch wohnte er in Conflans-Saint-Honorine (Yvelines), einem übrigens sehr friedlichen Ort, der bis dato nicht durch konfessionelle Spannungen aufgefallen ist. Der junge Mann hatte seinen Hauptwohnsitz in Évreux, das gut eine Stunde Autofahrt vom Tatort entfernt ist.

Daher geht man davon aus, dass der 18-Jährige tschetschenischer Herkunft seine Tat geplant hat. Das eingangs erwähnte Twitter-Posting mit dem getöteten Lehrer, das höchstwahrscheinlich von dem Täter stammt, aber noch auf seine Authentizität überprüft wird, beinhaltet Äußerungen fanatischen Hasses. Mit Bezug auf die Mohammed-Karikaturen.

Mittlerweile wurden 9 Personen, darunter Familienmitglieder des Täters, in Polizeigewahrsam genommen, um Hintergründe zu klären. Wie schwierig und gleichzeitig, wie enthüllend Hintergründe sein können, wenn man genug Zeit hat, sie aufzuarbeiten und die Beschuldigten sich äußern müssen, zeigt augenblicklich der Prozess gegen die Hintermänner -und frauen des Terroranschlags auf die Charlie-Hebdo-Redaktion im Januar 2015 sowie die Mehrfachmorde im koscheren Supermarkt und die Polizistenmorde . Das Magazin selbst berichtet über jeden Prozesstag.

Als Eindruck des bisherigen Prozessverlaufs ist herauszustellen, dass die Schilderungen der Opfer, dass die "lebendigen Worte", mit denen sie ihre grausigen Erfahrungen und die langen Folgeschäden beschrieben, alles in den Schatten stellte, was sonst in Medienberichten eine bestimmte, verträglich nüchterne Formatierung hat. Das Schweigen, das solchen Zeugenaussagen folgte, soll erschütternd gewesen sein, wie es der Charlie-Hebdo-Prozessberichterstatter schilderte.

Kürzlich berichtete er, wie eine Zeugin zusammenbrach, Grund war ihre Angst vor der Aussage, sie fürchtete um ihr Leben. Als ihr das Gericht per Video vorführte, dass sie ihre ursprüngliche Aussage tatsächlich gemacht hatte und dies nicht eine Lüge oder ein Fake der Polizei oder der Anklage ist, brachen anscheinend Dämme. Sichtbar wurde, wie sehr Gewalt, Gehorsam und Unterordnung das Familienleben der Frau bestimmte. Dies ist von einer fundamentalistischen Praxis des muslimischen Glaubens geprägt.

Der kurze Exkurs zum Charlie-Hebdo-Prozess soll vor Augen rücken, welche Hintergründe zur fanatischen Mordtat am Freitagnachmittag mithineinspielen. Die Diskussion über Meinungsfreiheit, die kein abgeschlossenes Gelände ist, wurde durch den Prozess neu aufgeladen.

Stimmen von Überlebenden aus der Redaktion betonten, dass sie das Gefühl haben, dass die innere Zensur zugenommen habe, dass sich das Meinungsklima verändert habe, wie es auch der Charlie-Hebdo-Anwalt beschreibt ("Auf allen Feldern der Meinungsfreiheit gibt es eine Regression"). Dass die Karikaturen zeigen, wie es um den Anspruch auf Meinungsfreiheit stehe.

Dann gab es im September eine Messer-Attacke von einem Fanatiker in der unmittelbaren Nähe der früheren Redaktion von Charlie Hebdo, der seine Opfer schwer verletzte, Als Motiv wurden die Mohammed-Karikaturen erwähnt.

Und vor Kurzem gab Macron eine neue Politik aus, um den "Islamismus" zu bekämpfen. Kritiker empfanden sie als "anti-muslimisch" und haben dafür auch gute Argumente, die in einem eigenen Beitrag erwähnt werden sollen. Zum größeren Bild gehört auch - und das ist nicht harmlos -, dass der Lehrerschaft mit religiösen Forderungen zugesetzt wird. Die Diskussionen verengen und radikalisieren sich, wie sich am Beispiel der Hintergründe zur fanatischen Tat und der Meinungsfreiheit bezüglich der Karikaturen zeigt. (Thomas Pany)