Der "gemäßigte Ukrainer" und die Figur Dmytro Jarosch

Der Anführer des ukrainischen Rechten Sektors präsentiert sich im Spiegel. Eine Analyse

Der Anführer des "Rechten Sektors" in der Ukraine, Dmytro Jaroschi, gab dem Spiegel kürzlich ein Interview und bekam damit ein repäsentatives Podium, wo er der deutschsprachigen Öffentlichkeit Einblick in seine offen antisemitische und völkisch-nationalistische Utopie geben konnte.

Diese steht nicht nur im eklatanten Widerspruch zu den Grundwerten der Europäischen Union, sondern auch zu den internationalen Verpflichtungen seines eigenen Landes. Die Zivilgesellschaft Europas täte gut daran, sich sowohl mit der medialen Repräsentation als auch mit Jaroschs Utopie selbst auseinanderzusetzen, denn der politische Teil des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und der Ukraine ist bereits unter Dach und Fach.

Der Autor, der Jarosch interviewte, Benjamin Bidder, ist studierter Volkswirt, Absolvent des katholischen Instituts zur Förderung des publizistischen Nachwuchses und Politik-Redakteur bei Spiegel Online. Aus welchen Gründen mag er sich um ein Gespräch mit Dmytro Jarosch in Kiev bemüht und sich der redaktionellen Arbeit ausgesetzt haben? Diese Frage kann Bidder nur selbst beantworten.

Genauso kann seine Leserschaft über die vorgebrachten Argumente spekulieren, die seine Kolleginnen und Kollegen von der Notwendigkeit einer Publikation überzeugt haben mochten. Vielleicht kann Bidders Verhalten sogar als mutig und das der Redaktion als verantwortungsbewusst angesehen werden. Eines war es gewiss nicht: Qualifiziert!

Das Maß für qualifizierte Beiträge, insbesondere zur Ukraine, gibt derzeit wohl die Bewertung Golineh Atais im Rahmen der Vergabe des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises vor. Eine Berichterstattung sollte demnach ruhig, abwägend und ohne vordergründige Zuspitzung sein. Auch ein offenes Eingeständnis, etwas nicht zu verstehen, macht die journalistische Arbeit nicht unglaubwürdig.

Doch anstatt um Sachlichkeit bemüht, setzt Bidder einen Gesprächsrahmen, der einseitige Parteinahme erkennen lässt und ihm erlaubt, invisible Hand zu spielen: In seiner Anmoderation stilisiert er den "Rechten Sektor" zu der "großen Unbekannten", die er mal als "paramilitärische Truppe", mal als "Nationalistengarde" und sogar als "Bewegung" bezeichnet. Obwohl immer von denselben Personen die Rede ist, endet das Sprachspiel mit der Kennung: "Teil der neuen Nationalgarde der 'Territorialverteidigung' der Ukraine".

Letztere Bemerkung ist wohl von Jarosch so vorgebracht worden, der hinzufügt, man habe den "bewaffneten Flügel legalisiert". Bidder schließt mit diesem Zitat und legalisiert seinen Gesprächspartner als Präsidentschaftskandidaten rhetorisch gleich mit, denn der habe seinen "grünen Kampfanzug vom Maidan" abgelegt und trage jetzt "Anzug und Krawatte".

Die distanzlose Übernahme der von Jarosch vorgebrachten Lüge von der "Legalisierung" - man spräche wohl genauer von einer fraglichen Institutionalisierung - erweitert Bidder rhethorisch um eine Denkfigur, die seine Leserschaft vom Wahrheitsgehalt seiner Sicht auf die Dinge überzeugen soll: Der "gemäßigte Ukrainer"!

Der "gemäßigte Ukrainer" ist Bidders Identifikationsangebot für seine Leserschaft und der Kern seines Verkaufsargumentes. Und viel schlimmer: Wer sich auf diese Charmeoffensive nicht einlässt, steht flugs im Verdacht der Kreml-Treue, denn die Russische Föderation sitzt als imaginiertes "Reich des Bösen" mit am Tisch. Und das Verkaufsargument besticht durch seine Einfältigkeit. Sehen wir die Prämissen:

  1. Der "gemäßigte Ukrainer" applaudiert Jarosch bei dessen Auftritt auf der Bühne des Maidan.
  2. Der "gemäßigte Ukrainer" spendet Jarosch bei dessen Auftritt auf der Bühne des Maidan stärkeren Beifall als Julija Timoschenko. Eine dritte Prämisse sorgt wiederum für die Robustheit der ersten beiden Prämissen:
  3. Der "gemäßigte Ukrainer" empfindet Sympathie für die Handlungen des "Rechten Sektors", die in der Folge der Ereignisse vom 21. Februar 2014 zur Eskalation und damit zur Vertreibung von Wiktor Janukowitsch aus seinem Amt führten.

Diese drei Prämissen erlauben es Bidder das Verb "bewachen" durch "patrouillieren" zu ersetzen. Anfangs "bewachen" die "Kämpfer des Rechten Sektors" den Maidan, schließlich, nach gelungener rhetorischer Legalisierung, "patrouillieren" sie als Teil der neuen Nationalgarde. Abgesehen von der Tatsache, dass noch vor wenigen Wochen die Existenz von paramilitärischen Gruppen unter den Demonstranten auf dem Maidan in der deutschen Presselandschaft geleugnet wurde, ist Bidders Distanzlosigkeit zu seinem Gesprächspartner mehr als irritierend:

Jarosch fordert Radikales: eine "Entrussifizierung" der in Teilen zutiefst russisch geprägten Ukraine etwa.

Benjamin Bidder

Dass Bidder das Wort "Entrussifizierung" in Anführungszeichen setzt, ist vom Satzsinn her nicht unbedingt als In-Frage-stellen, sondern eher als distanzlose Zitation zu verstehen. Bis zu diesem Augenblick hat Jarosch selbst noch kaum ein Wort gesagt. Soll die Leserschaft die Kröte vom "gemäßigten Ukrainer" jetzt schon geschluckt haben und die Handlungen des "Rechten Sektors" qua emotiver Kraft des Wortes "Sympathie" begrüßen?

Die Leserschaft muss sich nun festlegen, ob sie Bidders Interpretationsschablone für alle weiteren Aussagen Jaroschs akzeptieren will. Zusammengefasst sieht diese so aus:

  1. Ukrainer ist, wer nicht-russisch ist und
  2. Ukrainer kann nicht sein, wer weder nicht gemäßigt ist - d.h. einverstanden (Stichwort: Sympathie) mit der vom "Rechten Sektor" betriebenen Eskalation - noch sich russisch selbstbestimmt.

Und wer sich dem Schema nicht anschließen möchte, steht im Verdacht der Kreml-Treue.

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