Der genetisch optimierte Mensch - eine zutiefst konservative Idee?

Sixtinische Kapelle, Detail aus dem Jüngsten Gericht. Bild: Dnalor 01/CC BY-SA-3.0

Ein Kulturhistoriker provoziert mit der These, dass die Wurzeln des "Human Enhancement" in christlichen Traditionen liegen

Der Transhumanismus sieht sich als liberal und progressiv, der britische Kulturhistoriker Christopher Goodey verweist jedoch auf dessen konservative Wurzeln. Er zeichnet eine direkte Linie von frühen christlichen Positionen zu den Konzepten des Human Enhancement, die liberale Eugenik ist für ihn sogar nur der Ausdruck alter menschlicher Ängste.

Anzeige

Der Blick ist fest in die Zukunft gerichtet: Gentherapien gegen das Altern, Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer, das menschliche Bewusstsein im Cyberspace. Der Transhumanismus will die biologischen Fesseln der Natur abschütteln, dank Human Enhancement soll der technisch und genetisch optimierte Mensch in eine neue Phase der Entwicklung eintreten.

Progressive und liberale Konzepte, wie man denken sollte. Zweifler, die zur Vorsicht mahnen, bekommen daher oft den Vorwurf des "Bio-Konservativismus" zu hören. Einer dieser Skeptiker, der britische Kulturhistoriker Christopher Goodey, will sich dies nicht gefallen lassen. Er dreht den Spieß kurzerhand um: Der Transhumanismus gebe sich zwar progressiv, seine Wurzeln lägen aber in konservativen christlichen Theorien.

Seine Sicht auf die Ursprünge des Human Enhancement legte Goodey kürzlich in einem Artikel der Fachzeitschrift Laws dar. Er sieht eine direkte Linie zu einem britischen Theologen aus dem 18. Jahrhundert: William Paley, hierzulande vor allem bekannt durch die Uhrmacher-Analogie, welche die Existenz eines Schöpfer-Gottes beweisen sollte.

Doch Paley gab auch der Theologie eine neue Richtung, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Während das Mittelalter noch die Aspekte Sünde und Leid betonte, rückte bei Paley das Glück und das Wohlbefinden des Menschen in den Vordergrund. Das Leid war nun ein Werk des Teufels, er brachte Unordnung in die Welt und störte damit die gottgewollte Harmonie. In den Kreisen der ehrwürdigen Royal Society hegte man sogar die Vorstellung, dass der Teufel höchstpersönlich Frauen schwängert, damit diese "anomale" Kinder gebären. Die Implikation ist offensichtlich: Je kleiner die Zahl der behindert geborenen Kindern, desto geringer der Einfluss des Teufels.

Im Umfeld dieser Gedanken entwickelte sich Denkrichtung des Utilitarismus, die in England großen Einfluss ausübte. Sie führte auf einem direkten Pfad zur Eugenik des 19. Jahrhundert und von dort bis in die Bioethik der Gegenwart. Gott und der Teufel spielen heute keine Rolle mehr - die zugrunde liegende Doktrin hat sich aber laut Goodey über die Jahrhunderte kaum verändert.

Anzeige