Der heilige Cyborg

Richard Barbrook vom Hypermedia Research Centre an der Universität von Westminster attackiert die Mythen und Glaubensgrundsätze von Künstlichem Leben und Künstlicher Intelligenz. In einer nüchternen Analyse erläutert er teils verborgene, teils offenkundige Irrationalismen und innere Widersprüche gegenwärtiger wissenschaftlicher Theorien.

Die Suche nach Bedeutung

Religion ist ein Traum, in dem uns unsere eigenen Vorstellungen und Gefühle als externe Wesenheiten erscheinen, als Lebewesen, die außerhalb von uns selbst existieren.

Ludwig Feuerbach, 'Das Wesen des Christentums.'

Während des Kalten Krieges wurde uns gesagt, daß wir nur die krasse Wahl zwischen zwei inkompatiblen Ideologien hätten: der liberalen Demokratie und dem totalitären Sozialismus. Doch umso länger der jahrzehntelange Kampf der Supermächte um die Weltherrschaft anhielt, umso unwilliger wurden die Menschen, sich im Namen eines der beiden Systeme aufzuopfern. Als der Kalte Krieg schließlich endete, war es schon äußerst schwierig noch daran zu glauben, daß entweder das amerikanische oder das sowjetische System wirklich über das universale Modell für die menschliche Entwicklung verfügte. Die "großen Erzählungen" sowohl der liberalen Demokratie als auch des totalitären Sozialismus waren durch die Handlungsweisen ihrer Schutzherren in Gestalt von Supermächten in Diskredit gezogen worden. Wie die Postmodernisten häufig zu erläutern wußten, hatten sich Philosophien der Befreiung in Ideologien der Herrschaft verwandelt.

Dennoch hat das Ende des Kalten Krieges nicht das Ableben der Ideologien bewirkt. Ganz im Gegenteil haben andere "große Erzählungen" schnell die Lücke gefüllt, welche durch die Implosionen von liberaler Demokratie und totalitärem Sozialismus hinterlassen worden war.

Da die säkularen Utopien des Kalten Krieges nicht länger glaubwürdig sind, haben viele der zeitgenössischen Ideologien ein starkes spirituelles Moment. Von den USA bis in den Iran träumen religiöse Fundamentalisten von der Rückkehr in eine imaginäre Vergangenheit. Allerdings haben die Gefolgsleute dieser reaktionären Bewegungen große Schwierigkeiten, die prämodernen Glaubenssätze ihrer Religionen mit der modernen Realität des täglichen Lebens in Übereinstimmung zu bringen.

Dies hat den Raum für Glaubenssysteme geöffnet, die einen stärker synkretistischen Ansatz verfolgen. Schon seit Beginn der Dämmerung des Zeitalters der Moderne gab es immer wieder Glaubensrichtungen, die Religion mit Wissenschaft zu verbinden suchten. Freimaurerei, Saint-Simonismus, Christliche Wissenschaften, Freudianismus und Scientology sind nur einige der bekanntesten Versuche, diese Gegensätze wiederzuvereinen. Trotz ihres Einfallsreichtums wurden alle diese Kulte von der letzten Welle des mitleidlosen Prozesses der Modernisierung überrollt. Was viele Leute nun suchen, ist eine zeitgemässere hochtechnologischere Form der Verbindung von Religion und Wissenschaft.

In Erwiderung zu diesem spirituellen Hunger florieren nun viele verschiedene Varianten eines mystischen Positivismus. Von der Chaosmathematik bis zu den letzten Entwicklungen von Hypermedia werden die neuesten technologischen Fortschritte hinsichtlich ihrer magischen Signifikanz ausgeplündert. So zum Beispiel favorisieren einige Gurus das Konzept der "Meme": Diese selbstreplizierenden kulturellen Einheiten, die angeblich unser Schicksal bestimmen. Dieser neue Glaube beansprucht von den neuesten Ergebnissen der Evolutionstheorie inspiriert zu sein, einer Theorie, die bislang zu den schärfsten Gegenspielern religiösen Glaubens gezählt wurde. Nun allerdings glaubt auch der Meme-Kult, daß Materie von "Geist" kontrolliert wird, was seit Jahrtausenden die Grundlage für alle Religionen war. Während es viele Leute unakzeptabel finden, daß Götter und Engel ihre Leben dominieren sollen, haben die selben Leuter kein Problem damit an genau dasselbe Konzept zu glauben, solange die Geister nun auf Meme umgetauft werden.

Folgt man einigen der Anhänger dieses neuen Glaubens, so werden die geisterhaften Meme tatsächlich physische Gestalt annehmen. Wie im Neuen Testament wird der Geist zu Materie. Doch wird der neue Heiland nicht menschliche Gestalt annehmen. Stattdessen wird sich, im Zeitalter der Netze und PcŽs, der Menschengott aus Silikon, Plastik und Metall heraus entwickeln. Fern davon eine Fantasie von Außenseitern zu sein, handelt es sich dabei um eine der populärsten Manifestationen des zeitgenössischen Mystizismus. Seit Jahrzehnten haben Regierungen und Unternehmen aufwendige wissenschaftliche Forschung im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der denkenden Roboter finanziert.

Wie Shoshana Zuboff in 'The Age of the Smart Machine' erläutert, untermauert die Simulation menschlichen Denkens durch Maschinen deutlich das Wachstum an Produktivität, das sich nun in einigen Wirtschaftsbereichen ereignet. Wie auch immer, die Anhänger von Hans Moravec, Marvin Minsky oder anderer Vertreter dieser Schule sind nicht wirklich daran interessiert, wie intelligente Maschinen Waren billiger erzeugen oder Dienstleistungen besser ausführen können. Stattdessen suchen sie nach spiritueller Erlösung in Form von Maschinen. Am allermeisten sehnen sie es herbei, der Ankunft des Menschengottes aus Silikon beiwohnen zu können.

Doch wie in der christlichen Apokalypse wird die Ankunft dieser "Künstlichen Intelligenz" kontinuierlich verschoben. Nichtsdestotrotz bleibt es ein sehr mächtiger Mythos unserer Zeit. In der Science Fiction sind Computer mit Bewußtsein und freche Robs essentielle Bestandteile des Genres. Von Rachel in 'Bladerunner' hin zu Data in 'Star Trek TNG' benutzen SF-Stories die Fantasie vom Künstlichen Leben, um dem modernistischen Dilemma Ausdruck zu verleihen: Wodurch zeichnet sich unser Menschsein wirklich aus? Nun allerdings, wenn dieser SF-Antropomorphismus von mystischem Positivismus vereinnahmt wird, entwickelt er sich ironischerweise zu einer Fundgrube ausgesprochen vormoderner Sehnsüchte. Genau wie in den traditionellen Religionen nährt der Kult des Künstlichen Lebens eine Reihe atavistischer Fantasien: Babies zu machen ohne Sex zu haben; der Herr über Sklaven zu sein; Unsterblichkeit zu erlangen; ja sich sogar in reinen Geist zu verwandeln. Indem die weltlichen Mythen entwertet wurden, wurden die Uraltmythen in Form von SF-Monstern wiedergeboren.

Fantasie 1, Männer bekommen Babies

Eine neue Spezies würde mich als ihren Schöpfer und Ursprung verehren; viele glückliche und hervorragende Existenzen würden mir ihr Dasein verdanken. Und kein Vater könnte eine so vollständige Dankbarkeit seines Kindes einfordern als ich die der ihren.

Mary Shelley, 'Frankenstein oder der moderne Prometheus'

Die Erschaffung von Leben ohne Sex ist ein uralter patriarchalischer Mythos. Im Christentum und anderen prämodernen Religionen wurde der Menschengott konzipiert, ohne daß Notwendigkeit für die Verwirrung stiftenden Emotionen bestand, die durch sexuelle Begierde hervorgerufen werden. Nachdem Schwangerschaft hervorgerufen durch göttliches Wirken nun nicht mehr glaubwürdig klingt, haben wir nun Jungfrauengeburten, die von der Wissenschaft produziert werden.

Unter der Annahme, daß das menschliche Bewußtsein wie ein Computerprogramm funktioniert, behaupten einige Wissenschaftler, daß sie Maschinen bauen können, die für sich selbst denken würden. Diese wilde Vermutung scheint wie eine radikale feministische Parodie der männlichen Domäne der Wissenschaft zu sein. Von Gebärmutterneid erfaßt versuchen männliche Wissenschaftler eine Form von Leben ohne Emotionen, Einfühlungsvermögen und Geselligkeit zu erschaffen.

Im Gegensatz dazu beschreibt Mary Shelley in ihrer pionierhaften Geschichte vom künstlichen Leben das Monster als tragische Figur gerade deshalb weil seine Verbrechen eine Reaktion darauf sind, daß es von der Wärme menschlicher Gesellschaft ausgeschlossen ist. Ohne Mary ShelleyŽs politische Überzeugungen nachvollziehen zu können verfehlen die Anheizer des Künstlichen Lebens diese grundlegende Wahrheit. Menschliches Bewußtsein ist nicht einfach nur das Ergebnis elektrischer Impulse im Gehirn. Es ist auch der vorläufige Höhepunkt eines langen Prozesses der gesellschaftlichen Entwicklung. Unsere Intelligenz ist nicht nur eine individuelle sondern auch eine kollektive Errungenschaft. In diesem Augenblick bilden wir eine Spezies von circa 5 Milliarden intelligenten Wesen auf diesem Planeten. Doch vielen dieser autonomen intelligenten Wesen geht es sehr schlecht. Ungefähr die Hälfte der menschlichen Bevölkerung lebt in Armut und ein Viertel ist völlig mittellos. Anstatt davon zu träumen, Menschengötter zu bauen, sollten wir besser daran arbeiten, wie uns kluge Maschinen dabei behilflich sein können, uns umeinander zu kümmern. Die Erben des "modernen Prometheus" haben die republikanischen Ideale, die von Mary Shelley in "Frankenstein" favorisiert wurden, bislang noch nicht implementiert.

Fantasie 2, Loyale Sklaven

The tv set shouted, '- duplicates the halcyon days of the pre-Civil War Southern states! Either as body servants or tireless field hands, the custom-tailored humanoid robot - designed specifically for YOUR UNIQUE NEEDS, FOR YOU AND YOU ALONE - given to you on your arrival absolutely free, equipped fully, as specified by you before your departure from Earth...

Philip K. Dick, 'Do Androids Dream of Electronic Sheep?'

Die Suche nach Künstlichem Leben beinhaltet noch andere rüchwärtsgewandte Fantasien: Der Wunsch nach Sklaverei ohne Schuld. Viele weiße Amerikaner fühlen immer noch Nostalgie für den alten Süden. Einige Europäer und Asiaten träumen von der Rückkehr in die feudale Vergangenheit. Die Advokaten der Künstlichen Intelligenz versprechen, diese reaktionären Fantasien in High-tech Form Wirklichkeit werden zu lassen. In ihrer SF-Zukunft werden die Priviligierten unhinterfragte Dienste von Robotersklaven genießen. Programmiert zu gehorchen ohne zu fragen, wird das Künstliche Leben mit seinem unterwürfigen Status immer zufrieden sein. Kein Spartakus oder Toussaint L'Ouverture wird jemals die Annehmlichkeiten dieser Herren von Robot-Sklaven bedrohen.

In der Realität allerdings ist es unmöglich, den Mehrwert von Sklavenarbeit zu genießen, ohne dafür menschliche Zwänge in kauf zu nehmen. Selbst wenn die meisten Arbeiten von Robotern ausgeführt werden, sind Menschen nötig, um diese Maschinen zu erfinden, zu bauen und zu warten. Technologie ist niemals einfach nur ein Ding. Es ist immer auch die Kristallisation sozialer Beziehungen zwischen Menschen. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert z.B. bestand eine Parallele zwischen den Technologien, die in Fertigungsstraßen angewandt wurden und der Auferlegung tayloristischer Arbeitsdisziplin auf die FabriksarbeiterInnen. Über die letzten Jahrzehnte hat die Verbreitung von PcŽs und Netzen die Entstehung post-fordistischer Methoden der Arbeitsorganisation reflektiert. Wie Douglas Landauer in 'The Trouble With Computers' zeigt, kann das technische Potential von Informationstechnologien nur dann zur Gänze realisiert werden, wenn die kreative Imagination der Menschen maximiert wird. Anstatt von Robotersklaven zu träumen, sollten wir die innovativen Fähigkeiten der digitalen Kunsthandwerker preisen. Indem sie neue Formen handwerklichen Geschicks erlangen, benutzen sie Hard- und Software, um nützliche und schöne Hypermedien zu schaffen. Für sie ist Technologie ein Werkzeug mehr denn ein Diener. Das Auftauchen digitaler Kunsthandwerker ist die neueste Manifestation des Hegelianischen Projektes der Moderne. In dieser Vision der Zukunft ist die Herrschaft der "Meister" unvermeidbar zum Untergang verdammt, da nur die "Sklaven" die Welt durch harte Arbeit zu transformieren wissen.

Fantasie 3, Cyborg Unsterblichkeit

Du wolltest wissen wer ich bin. Ich gab Dir eine Antwort. Ein ferngesteuerter Roboter. Ein Service-Element, das von einem Programm aus dem Raumschiff der Bopper ferngelenkt wird. Aber...ich bin immer auch noch Misty-Girl. Die Seele ist die Software, verstehst du. Die Software zählt, die Gewohnheiten und die Erinnerungen. Das Gehirn und der Körper sind bloß Fleisch, Samen für die Organbanken.

Rudy Rucker, 'Software'

Die mächtigste Fantasie der traditionellen Religionen war ihr Versprechen ewigen Lebens. Indem sie behaupteten, den Zauber zu beherrschen, der den Tod überwindet, linderten sie unsere Angst vor der unausweichlichen physischen Auslöschung und machten den Verlust geliebter Mitmenschen erträglich. Dieses falsche Versprechen wurde jedoch die längste Zeit durch den Fortschritt der Wissenschaft in Verruf gebracht. Aus diesem Grund sehnen sich die Leute nach einer mehr high-tech-orientierten Form der Vermeidung der körperlichen Desintegration. So wie die alten Ägypter ihre Toten mummifizierten, verkünden Marvin Minsky und andere nun das Herstellen digitaler Simulakra der Verstorbenen. Sie glauben sogar, daß sie nach dem Tod weiterleben werden, durch Computer- oder Robotmodelle ihrer selbst. Anstatt auf die göttliche Wiederauferstehung zu warten, werden ihre Seelen sofort in neuen Silikon-Körpern wiederauferstehen.

Ironischerweise ist dieser neue Spiritismus von jenen profunden Transformationen unseres täglichen Lebens durch neue Technologien inspiriert. Wir sehen es als selbstverständlich an, daß wir auch nachts Licht haben, daß wir über Ozeane fliegen und mit Leuten auf der anderen Seite des Erdballs kommunizieren können. Über alles andere hinaus erwarten wir von der modernen Medizin, die Sterblichkeit zumindest aufschieben zu können. Anders als für unsere Vorfahren ist für uns die Wahrscheinlichkeit gering, daß wir schon in früher Kindheit sterben. Auch das Kinderbekommen endet selten tödlich und wir können erwarten viele Jahrzehnte zu leben. Von Brillen bis zu Herzschrittmachern haben wir ein Feld von Technologien entwickelt, das unsere körperlichen Mängel kompensiert und unsere physische Existenz verlängert. In der modernen Welt sind wir nun alle Cyborgs. Doch trotz all dieser technischen Fortschritte sind wir immer noch menschliche Wesen in Fleisch und Blut. Wir sind profane Wesen und nicht heilige Cyborgs. Wir müssen unsere Sterblichkeit akzeptieren. So wie in der Vergangenheit lenkt uns auch heute die Suche nach der Chimäre der Unsterblichkeit bloß von den praktischen Problemen der Verbesserung des Lebens in den Jahren, die uns gegeben sind, ab. Es gibt keine mystischen Lösungen für die Lösung der existentiellen Dilemmas der Conditia Humana.

Fantasie 4, Purer Geist werden

There's a great burning column, like a tree of fire, reaching above the western horizon. It's a long way off, right round the world. I know where it springs from

they're on their way at last, to become part of the Overmind. Their probation has ended

Die Sehnsucht nach einem Silikonkörper führt gewöhnlich zu einer noch primitiveren Form des Mystizismus: Die Fantasie von der Trennung des Geistes vom Körper. Wenn wir den Gnostikern folgen, dann würde religiöse Hingabe der reinen Seele erlauben, das verdorbene Fleisch zu verlassen und sich mit der Göttlichkeit zu vermengen. In unserer modernen Welt können wir nicht glauben, daß der Geist durch magische Mittel in himmlische Sphären aufsteigen kann. Stattdessen werden wir genötigt darüber zu fantasieren, unsere Körper aufzugeben und im Cyberspace weiterzuleben. Bereits jetzt, wenn wir Minitel, MUDŽs oder IRC benutzen, können wir virtuelle Persönlichkeiten annehmen, die sich von unserem Alltagsselbst unterscheiden. Die Adepten des mystischen Positivismus wollen diesen Prozeß bis hin zu seinem unlogischen Ende führen. Unsere Avatare würden nicht länger einfach bloß Mittel für Rollenspiele sein. Sie sollen unsere gesamte Existenzform ausmachen. Sie würden uns erlauben, in eine Cybervariante des Überhirns zu verschmelzen.

Genauso wie die anderen Fantasien leitet sich diese Manifestation des Kultes des Künstlichen Lebens teilweise von Alltagserfahrungen ab. Menschen in der modernen Gesellschaft sind von Informationstechnologien abhängig, um die Einschränkungen von Zeit und Raum zu überwinden. In der Arbeit und im Spiel verbringen wir immer mehr Zeit im Cyberspace. Digitale Technologien können jedoch die gegenseitige Verbundenheit von Geist und Körper nicht auflösen. Auch wenn wir als Avatare im Cyberspace herumlaufen, verbleiben unsere physischen Körper immer noch vor dem Bildschirm sitzend. Der Pc, das Netz, das Telefon und andere Medien sind Werkzeuge, die unsere Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit und des Spiels erweitern. Zu glauben, daß uns diese Technologien in ein digitales Nirvana führen können, verschleiert einfach nur die entscheidende Frage: Wie können Hypermedien benutzt werden, um die Lebensqualität der Mehrzahl der Menschen auf diesem Planeten zu verbessern. Die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch nichteinmal einen Telefonanschluß geschweige denn Internetzugang. Mystische Antworten geben keine praktischen Lösungen für unsere Probleme.

Der moderne Zustand

Modernität ist Karikatur und Nutznießer einer totalen Revolution, die nie stattgefunden hat.

Henri Lefebvre, 'Introduction to Modernity.'

Obwohl die Postmodernisten die "großen Erzählungen" denunzieren, zeigt die Popularität des Mythos von der Künstlichen Intelligenz unsere tiefe Sehnsucht, unsere historische Vergangenheit und unsere wahrscheinliche Zukunft zu verstehen. Der jüngste Zuwachs an Pc- und Netznutzern zeigt, daß das Tempo der Veränderungen weit davon entfernt ist, sich zu verlangsamen, sondern sich im Gegenteil einmal mehr beschleunigt. Die alten Industrien sind im Niedergang und neue Formen von Arbeit entstehen. Doch weder die liberale Demokratie noch der totalitäre Sozialismus sind in der Lage zu erklären, was vor sich geht. Weil diese abgehalfterten politischen Ideologien nicht länger glaubwürdig sind, wurde ein offener Raum für Erklärungsmodelle von Nichtpolitikern geschaffen. Von der Notwendigkeit befreit, vergangene und gegenwärtige menschliche Gesellschaftssysteme zu untersuchen, sind Priester und Wissenschaftler in der Lage, fantastische Erklärungen der menschlichen Bestimmung zu verkünden. Im mystischen Positivismus werden die Irrtümer beider Erklärungssysteme kombiniert, um eine machtvolle "große Erzählung" für unser Zeitalter zu schaffen. Mit der Hilfe rationalistischer Wissenschaften sind wir in der Lage, unseren irrationalen Wunsch zu erfüllen, gottgleich zu werden.

Allerdings ist der mystische Positivismus, trotz seiner futuristischen Rhetorik, eine Wiederaufführung sehr traditioneller Ideen: Jungfrauengeburt; Sklavenbesitz; Leben nach dem Tod; die Existenz von geistern. In den Schriften von hans Moravec, Marvin Minsky und anderen ist der Roboter der fetischisierte Ausdruck prämoderner Bedürfnisse. Alte religiöse Mythen materialisiert in Silikon, Plastik und Metall. New Age Illusionen ausgedrückt in der Sprache harter Wissenschaft. Doch die Träume des mystischen Positivismus, obwohl sie fundamentalen Wahnsinn verraten, geben Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach einer Art "großer Narration". Da die Ideologien der liberalen Demokratie und des totalitären Sozialismus nicht mehr funktionieren, können biologischer Reduktionismus und Cyberutopismus eine neue Vision unserer Zukunft schaffen.

Unter dem Strich jedoch ist der Haupteffekt des mystischen Positivismus klares Denken darüber zu verhindern, wie wir unsere Zukunft gestalten sollen. Genau wie in der Vergangenheit ist der lebhafte Glaube an ein übernatürliches Nirvana eine gute Entschuldigung, es zu vermeiden, irgendetwas Praktisches zur Lösung unserer weltlichen Probleme beizutragen. In den USA ist die "Virtuelle Klasse" der High-Tech Unternehmer und ihrer hochspezialisierten Arbeitnehmer bereits im Begriff, sich in wohlbehütete Vorstädte und den verschlüsselten Cyberspace zurückzuziehen. Der Mythos vom Künstlichen Leben reflektiert diesen sozialen Autismus. Besessen von der Schaffung des Menschengottes fällt es den Priviligierten leicht über fortgesetzten Machtmißbrauch und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten hinwegzusehen. Indem sie glauben, daß sie im Begriff sind, ins posthumane Stadium einzutreten, ist es den Mitgliedern der "virtuellen Klasse" möglich, ihre unbehaglichen Gefühle über Solidaridät mit der Menschheit als Ganzem zu unterdrücken.

In der Wirklichkeit aber können wir keine gute Gesellschaft schaffen und eine stabile Umwelt bewahren, ohne Wohlstand und Macht gleichmäßiger zu verteilen. Deshalb brauchen wir eine sozialdemokratische "große Erzählung", welche die Menschen dazu inspiriert, die vielen Hindernisse am Weg zum Glück zu überwinden. Das Versagen der säkularen Ideologien der Ära des Kalten Krieges ist keine Entschuldigung, Rationalität grundsätzlich zu verdammen. Im Gegenteil ist der Abgang der liberalen Demokratie und des totalitären Sozialismus eine Gelegenheit, das Projekt des Modernismus wiederzubeleben. Die Prinzipien der französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - sind immer noch relevant. Was wir nun brauchen sind hartes Denken und praktische Arbeit, um Wege zu finden, wie diese Ideale im zeitgenössischen Kontext realisiert werden können. Anstatt zu versuchen, auf Informationstechnologien neue Religionen zu gründen, sollten wir untersuchen, wie wir sie als Werkzeug benutzen können, um das Projekt des Modernismus zu vollenden. Die Einführung intelligenter Maschinen wird uns von vielen weltlichen Arbeiten befreien, die wir bislang noch immer ausführen müssen. Die Vertiefung unserer Fähigkeiten im Gebrauch digitaler Technologien wird es uns ermöglichen, neue Güter und Dienstleistungen zu erfinden. Dennoch werden weiterhin Frauen Babies zur Welt bringen, werden nicht Sklaven alle Arbeiten ausführen, werden wir nicht ewig leben und weiterhin ein Leben in Fleisch und Blut führen. Die Zurückweisung des Mythos vom Künstlichen Leben ist ein notwendiger Schritt zu einer Verbesserung der Realität des menschlichen Lebens. Wir werden von keinem heiligen Cyborg befreit werden. Wir können uns nur selbst befreien, durch intelligente Gedanken und harte Arbeit. Es gibt immer noch eine real existierende Welt, die wir zu gewinnen haben... (Richard Barbrook)

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