"Der höchste Schwierigkeitsgrad"

Das von seinen Bewohnern verlassene Zelt der Dyatlov-Gruppe am Osthang des Cholat Sjachl mit einigen Mitgliedern der Suchmannschaft

Die Prawda will das Rätsel der mysteriösen Toten vom Dyatlov-Pass lösen

Sibirien, 1959: Neun Skiwanderer kommen auf so grauenvolle wie unerklärliche Weise ums Leben.

Zerschmetterte Brustkörbe. Erhöhte Radioaktivität. Uralte Riten. Fehlende Augäpfel. Rasender Schneesturm. Verkohlte Baumwipfel. Totes Mädchen ohne Zunge. Orange leuchtende Kugeln am Himmel.

Was sich hier liest wie der Umschlagstext für das neue Buch eines Epigonen von H. P. Lovecraft oder Clive Barker, treibt seit Jahrzehnten halb Russland und einen wesentlichen Teil der Mysterienforscher des Internets um.

Kurz zusammengefasst ist dies die tragische Geschichte um neun außerordentlich sportliche und als Wintersportler sehr erfahrene junge Studenten, die während einer Skiwanderung im nördlichen Ural verloren gingen und Wochen danach nur noch als Leichen geborgen werden konnten - einige von ihnen auf grausige Weise verletzt und verstümmelt, und das in einer Art und Weise, auf die sich weder Pathologen noch Kriminologen einen passenden Reim machen können.

Was mag in jener eiskalten Uralnacht im Februar 1959 passiert sein? Eine Frage, die sich bisher nicht beantworten lässt. Weder offizielle Ermittler noch private Forscher konnten eine auch nur annähernd befriedigende, sämtliche gegebenen Fakten berücksichtigende Lösung des monströsen Rätsels finden.

Nun hat sich die Prawda an die Spitze eines zweckbezogenen Bundes von überregionalen wie lokalen Tageszeitungen und Fernsehstationen gesetzt. Gemeinsam sucht man landesweit mit Fernsehdurchsagen und ganzseitigen Anzeigen nach Akten, Hinweisen und Personen mit Bezug zu dem bemerkenswert gut dokumentierten Vorfall.

Die zu Beginn aus zwei Frauen und acht Männern bestehende Gruppe wurde von Igor Dyatlov vornehmlich aus Freunden zusammengestellt, die wie er selbst (oder, nebenbei bemerkt, auch Boris Jelzin, nach dem das Institut später benannt wurde) am Polytechnischen Institut des Ural in Jekaterinburg studierten.

Die neun studentischen Mitglieder der Gruppe - vom zehnten, deutlich älteren Teilnehmer Semyon Alekseevich Zolotaryov wird man noch gesondert sprechen müssen - waren alle begeisterte Bergsteiger und erfahrene Skiwanderer der Klasse II.

Klasse III, der höchste Rang, den ein Skiwanderer in der UdSSR erlangen konnte, wäre jedem von ihnen, nach Absolvierung der geplanten, im Februar äußerst anspruchsvollen Tour von Vishay zum Berg Otorten und zurück, verliehen worden.

Die Freunde erreichen die Stadt Ivdel mit dem Zug, dort chartern sie einen Lastwagen, der sie nach Vishay bringt, einer Art letzter vorgeschobener Außenposten der Zivilisation, der vornehmlich dem Wintersport-Tourismus dient. Dort gibt es hauptsächlich billige Herbergen, behelfsmäßig zusammengezimmerte Schnapsbuden und Läden mit allem erdenklichen Zubehör für Wanderer, Bergsteiger und Skisportler.

Vom Aufenthalt der zehn in Vishay wird berichtet, dass sie dort große Mengen Brotlaibe gekauft hätten und diese vertilgten, um ihr Energie-Level für den bevorstehenden Treck zu steigern. Sowohl die von Mitgliedern der Dyatlov-Gruppe geschossenen Fotos als auch ihre Tagebucheinträge zeigen sie bei bester Laune und in harmonischer Stimmung.

Die eigentliche Expedition beginnt. Bilder zeigen, dass die Dyatlov-Gruppe anfangs noch von einem Pferdegespann begleitet wird.

Die Dyatlov-Gruppe wurde zu Beginn des Trecks noch von einem Pferdefuhrwerk begleitet.

Yuri Yudin, der jüngste der Studenten, hat gesundheitliche Probleme, später nennt er Knie- und Gelenkschmerzen. Er verlässt die Gruppe und gibt später zu Protokoll, zu Fuß nach Vizhay zurückmarschiert zu sein - eine Strecke von immerhin knapp 20 km. Dieser Teil der Geschichte ist unter so vielen Aspekten fragwürdig, dass auch von Yudin noch ausführlich die Rede sein wird.

Eine andere Wandergruppe, die sich etwa 50 km südlich der Dyatlov-Gruppe befindet, sichtet in der Nacht auf den 2. Februar orangefarbene Sphären am dunklen Nachthimmel in nördlicher Richtung. Lev Ivanov, der mittlerweile verstorbene Leiter der Ermittlungen von 1959, bestätigte 1990 in einem Interview mit der Zeitung "Leninsky Put", dass nicht eben wenige, voneinander vollkommen unabhängige Zeugen aus der Region Ivdel im Zeitraum Januar bis März 1959 ähnliche Phänomene erlebten. Auch Wetterdienste und Militär hätten das Auftauchen der "orangen Kugeln" protokolliert, so Ivanov, der sich im selben Atemzug auf einen Zusammenhang mehr oder weniger festlegt:

Ich vermutete damals - und jetzt bin ich mir fast sicher - dass diese hellen fliegenden Kugeln in direkter Verbindung zum Tod der Gruppe stehen.

Chef-Ermittler Ivanov

Das Datum, an dem die Gruppe zurückkehren wollte, falls die Expedition planmäßig verlaufen würde.

Der Tag, an dem die Dyatlov-Gruppe allerspätestens wieder in Vizhay eintreffen wollte. Noch macht sich niemand größere Sorgen, ein paar Tage Verspätung mehr oder weniger sind bei Expeditionen des höchsten Schwierigkeitsgrades durchaus normal.

Umso mehr, als tags zuvor andere Wintersportler zurückgekehrt waren, die von schweren Schneestürmen zwischen den Bergen Cholat Sjachel und Otorten berichteten - also genau in dem Gebiet, in dem die neun Skiwanderer aufgrund ihrer Routenplanung vermutet wurden.

Zudem hat Yuri Yudin angegeben, dass er von Dyatlov angewiesen worden war, dem Leiter des örtlichen Wintersportverbands von Dyatlov auszurichten, dass er, Dyatlov, seine Gruppe mit einigen Tagen Verspätung zum Start- und Endpunkt Vizhay zurückführen werde.

Wie bereits angedeutet, kann man Yudins Aussagen gegenüber gar nicht skeptisch genug sein. Das gilt auch und insbesondere für diese hier, und man wird bald sehen, warum.

Der Tag, bis zu dem die mitgeführten Lebensmittel-Vorräte der Dyatlov-Gruppe kalkuliert waren.

Das Polytechnische Institut in Jekaterinburg stellt, von Verwandten der Gruppenmitglieder alarmiert, einen ersten, aus drei koordiniert suchenden Mannschaften bestehenden Suchtrupp auf die Beine, der aus freiwillig mitwirkenden Angehörigen der Studentenschaft und des Lehrpersonals besteht.

Diverse Skifahrer, die gerade von ihren eigenen Expeditionen zurückgekehrt waren, schließen sich den Mannschaften an, ebenso einige Angehörigen des die Gegend zahlreich bewohnenden ugrischen Volks der Mansen.

Die gemeinhin als friedlich geltenden Mansen sollten nur wenig später zu den ersten, eigentlich sogar zu den einzigen Hauptverdächtigen des Falles avancieren. Vermutlich zu Unrecht.

Die Schwester von Kolevatov, Rimma, sendet im Auftrag der Verwandten der Vermissten ein Telegramm an Nikita Chruschtschow und bittet um Hilfe. Die englische Übersetzung ihres Apells:

Lieber Nikita Sergejewitsch, eine gruppe von Touristen vom Polytechnischen Institut Swerdlowsk kehrte nicht wie geplant am 9. Februar von einer Expedition im Nordural zurück. Die Suche begann erst nach zehn Tagen. Die örtlichen Stellen haben bis jetzt noch keine wirksamen Maßnahmen ergriffen. Wir fordern deshalb aufrichtig ihre Unterstützung bei der dringenden Suche nach unseren Kindern an. Jetzt zählt jede Stunde.

Am selben Tag findet der Student Mikhail Sharavin das scheinbar vom Schnee mittlings eingedrückte Zelt der Gruppe. Es war östlich vom Gipfel des Cholat Sjachl errichtet worden, und zwar an einer Stelle, die kaum ein erfahrener Bergsteiger oder Skiwanderer freiwillig wählen würde - jedenfalls nicht während eines Schneesturms bei etwa 30 Grad Minus.

Wie auf dem Präsentierplatz steht das Zelt mitten auf einer Art leicht abschüssiger, baum- und strauchfreier Hochebene, den winterlich-sibirischen Wetterbedinungen schutzlos ausgeliefert. Das ist sehr merkwürdig, da sich in der Nähe einige kleinere, ohne Probleme erreichbare Felsformationen finden, deren verwinkelte Strukturen diverse Stellen aufweisen, die ein beinahe gemütliches, vor Schnee und Wind geschütztes Campen ermöglicht hätten. Im Schutz dieser Felsen wäre es wohl auch möglich gewesen, ein Lagerfeuer zu betreiben.

Die Wahl des Zeltplatzes erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Gruppe erst wenige Stunden vorher ein kleines Vorratslager für den Rückweg auf aus Ästen gefertigten Stelzbeinen errichtet hatte - kaum anderthalb Kilometer entfernt im Wald am Fuße des Cholat Sjachl. Wieso haben sie ihr Nachtlager nicht dort aufgeschlagen?

Was kann die Gefährten dazu bewegt haben, sich bei klirrender Kälte noch 1500 Meter einen Berg hinaufzuquälen, obwohl dieser gar nicht auf ihrer geplanten Route lag, um dort an der denkbar unwirtlichsten und vom Wetter am schlimmsten gebeutelten Stelle zu campieren? Man muss nicht über die Erfahrung eines Reinhold Messner verfügen, um zu erkennen, dass diese Platzwahl angesichts der nicht zu bezweifelnden wintersportlichen Kompetenz der Dyatlov-Gruppe geradezu absurd wirkt.

Genau das legt nahe, dass Dyatlov und seine Mannschaft einen sehr triftigen Grund dafür haben mussten. Fühlten sie sich verfolgt, und war es ihnen deswegen wichtig, ihr Zelt an einem Platz aufzuschlagen, der ungehinderte Sicht auf die direkte Umgebung gewährleistet?

Das merkwürdige letzte Bild auf dem Film in einer der gefunden Kameras des Dyatlov-Teams.

Die Entdecker untersuchen das Innere des Zelts und sind erstaunt, die Schuhe, Mäntel und generell das Gros der Kleidung der Vermissten im Zelt zu finden, dazu Essensvorräte, ein Fläschchen Schnaps, das Fahrtenbuch der Gruppe, einige persönliche Tagebücher und diverse Foto-Apparate mit Filmen. Aus den Tagebüchern und den entwickelten Filmen ließ sich später relativ präzise der Ablauf der Reise bis wenige Stunden vor ihrem katastrophalen Ende rekonstruieren.

Die Wände des verlassenen Zeltes wiesen einige kleine und einen sehr großen Schnitt auf, durchgeführt mit einem scharfen Messer vom Inneren des Zeltes aus. Es wirkt, als ob jemand zunächst versucht hatte, Sehschlitze zu schaffen, um sich dann den Weg freizuschneiden. Das Verlassen des Zeltes schien in jedem Fall dringend geboten gewesen zu sein.

Was hat die Gruppe - oder einzelne Mitglieder derselben? - so erschreckt, dass nicht einmal mehr Zeit war, durch den Ausgang zu entweichen und dabei wenigstens ein paar Schuhe und einen Mantel zu greifen? Wer oder was bewegt neun Leute dazu, halbnackt in den sicheren Erfrierungstod zu flüchten? Es muss sich um etwas handeln, das größeres Entsetzen verbreitet als die Gewissheit, in etwa 10, 12 Minuten an Unterkühlung zu sterben.

Die Ermittler können weder im noch um das Zelt Kampfspuren entdecken. Und noch bizarrer: Der Schnee weist keine Spuren auf, die nicht eindeutig den Skiwanderern zuzurechnen sind. Vor dem Zelteingang steckt ein Eispickel im Schnee.

Zum Zelt und zur Auffindesituation stellen sich viele Fragen, die sich nicht nur aus der auffälligen Platzwahl ergeben, sondern auch aus den protokollierten, sich gegenseitig oft deutlich widersprechenden Aussagen der Mitglieder der Suchmannschaft im Rahmen der späteren Ermittlungen. Hier näher auf dieses Thema einzugehen, würde den Rahmen dieser Chronologie sprengen, deswegen sei es für den Moment hintangestellt.

Es werden zwei Spuren gefunden, die vom Zelt aus zum Waldrand führen. Am Ende der Spur finden sich Reste eines Lagerfeuers, direkt daneben die Leichen von Yuri Doroshenko und Yuri Krivonischenko, beide barfuß und nur leicht angezogen. Später wird sich zeigen, dass die anderen Opfer Kleidung trugen, die sie den bereits toten Kameraden ausgezogen hatten.

Die gefrorenen Körper von Igor Dyatlov und Zinaida Kolmogorova werden zwischen dem Auffindeort der ersten beiden Leichen und dem Zelt entdeckt. Es wirkt, als hätten sie versucht, zu dem Zelt zurückgekommen. Dyatlov ist in einer Pose festgefroren, die so wirkt, als wäre sie für ein Horrorfilm-Plakat gestellt worden.

Noch am selben Tag werden die vier bisher entdeckten Leichen zur Obduktion gebracht, die vom forensischen Pathologen Boris Alekseevich Vozrozhdenny und vom Gerichtsmediziner Ivan Ivanovich Laptev in Ivdel durchgeführt wird.

Eine weitere Leiche wird zwischen der Feuerstelle am Waldrand und dem Zelt gefunden. Es handelt sich um Rustem Slobodin. Seine Obduktion wurde am 8. März durchgeführt, dieses Mal von Vozrozhdenny allein.

Der Schädel des toten Slobodin weist ein Trauma auf, Vozrozhdnny legt sich fest: Jemand hat ihn auf den Kopf geschlagen.

Ein Manse namens Kurikov und sein Hund entdecken die vier restlichen Leichen, die von der Feuerstelle aus gesehen etwa 75 Meter weiter waldeinwärts in einer Art Schneeverwehung über einem Bach liegen. Ihr Zustand ist größtenteils noch weit schockierender als der der bereits entdeckten fünf Gruppenmitglieder.

Lyudmila Dubinina wurden nicht nur die Augäpfel entfernt, sondern auch die Zunge aus dem Rachen gerissen. Genauso der ebenso dort gefundene Zolotaryov hat sie multiple Rippenbrüche erlitten, ohne dass man äußere Einwirkungen dafür entdeckt hätte.

Der Obduktionsbericht spricht davon, dass die Kraft, die eine solche Verletzung hervorrufen könnte, damit zu vergleichen wäre, wenn die betroffene Person von einem Auto mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h gerammt würde. Dass die Verletzungen der Brustkörbe von Menschenhand verursacht worden sein könnte, wird zur Gänze ausgeschlossen.

Die Leichen vom Djatlow-Pass (6 Bilder)

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(Bild: Archiv Claus Jahnel)

Mehr zu den Obduktionen und kriminalistischen Untersuchungen im nächsten Teil, dazu ein genauerer Blick auf den einzigen Überlebenden der Gruppe Yuri Yudin und eine Übersicht über die diversen Theorien zum Thema Dyatlov-Pass.

(Claus Jahnel)

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