"Der kleine Prinz" als Sicherheitsrisiko …

… und andere türkische Kuriositäten

Es wäre zum Schmunzeln, wenn es nicht für viele Bürgerinnen und Bürger in der Türkei verheerende Konsequenzen hätte. Seit sich Erdogan selbst zum Sultan erkoren hat, gab es eine Reihe von kuriosen Anordnungen, Dekreten und Aussagen hochrangiger türkischer Politiker, die der deutschen Leserschaft nicht vorenthalten werden sollten. Auch in Deutschland veranstalten die Erdogan-Fans kuriose Kampagnen.

Überraschungseier, Kinderbücher und -filme als Sicherheitsrisiko Ach du liebe Güte! Nun betreibt auch noch Aldi durch den Verkauf von Überraschungseiern Terrorpropaganda! Schenkt man türkischen Nationalisten Glauben, hatte die Firma Ferrero, die die beliebten Überraschungseier herstellt, in ihrer Serie "Nilpferd-Familie" einen Terroristen.

"Stunt Happo" heißt das Familienmitglied einer achtköpfigen Nilpferdfamilie, das vor einigen Wochen für Aufsehen sorgte, weil es einen gelben Anzug trägt, auf dem ein roter Stern prangt. Furchtlos und mutig sei es. Keine Herausforderung sei ihm zu schwer, auch wenn nicht alles immer nach Plan liefe, lautete die Beschreibung des Charakters des Nilpferdes. Die türkischen Nationalisten waren überzeugt, dass die Farbkombination jener auf der Fahne der YPG entspricht und die Figur Teil der psychologischen Kriegsführung gegen die Türkei ist.

Westliche Kinderbücher in türkischer Übersetzung können ebenfalls ein Sicherheitsrisiko sein. Dies stellte die Gefängnisleitung in Diyarbakir fest: Einem politischen Gefangenen im Gefängnis von Diyarbakir wurden Bücher wie "Der kleine Prinz", "Peter Pan", "Ali Baba und die vierzig Räuber", "Tom Sawyer" und "Robinson Crusoe" mit der Begründung verwehrt, die Bücher könnten zu einem chiffrierten und nicht kontrollierbaren Informationsaustausch führen. Dies gefährde die Sicherheit der Anstalt.

Westliche Kinderfilme in kurdischer Sprache gehen erst recht nicht. Sie stellen eine Gefahr für die "Nationale Sicherheit" dar, denn schließlich sind alle Bürger der Türkei "Türken". Kurden mit eigener Sprache und Kultur? Wo kommen wir denn dahin? Das hat doch schon Atatürk gesagt.

Im Herbst 2016 wurde der kurdische Kindersender Zarok TV (dt.: Kinder-TV) verboten, unter anderem weil er die Zeichentrickserien "Die Biene Maja" und "Die Schlümpfe" in kurdischer Sprache ausstrahlte.

In Istanbul wurde im Mai 2016 die ehemalige Miss Türkei, Merve Büyüksarac, von einem Gericht wegen "Beleidigung eines öffentlichen Beamten" zu 14 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die heutige Designerin hatte 2014 ein Gedicht aus der Satirezeitschrift "Uykusuz" (Schlaflos) auf der Plattform Instagram gepostet.

In dem Gedicht "Ustanin Siiri" (Das Gedicht des Meisters) - in Anspielung auf den Titel ‚Reis‘ (Meister, Anführer), mit dem Erdogan von seinen Anhängern bezeichnet wird - wird Erdogans Sohn Bilal namentlich im Zusammenhang mit Bestechung erwähnt: "Ich klaue seit 11 Jahren, ich werde weiter klauen. Welcher Verrückte könnte mich anklagen? (…) Ich zertrample das Recht, ich überwinde es. Ich bin bei jeder Ausschreibung dabei, kassiere meinen Anteil, lebe gut. Haben sich zu Hause ein paar Millionen angehäuft, schicke ich sie meinem Sohn Bilal, der sie beseitigt."

Das Gedicht bezog sich auf den Korruptionsskandal 2013, der - sehr zum Ärger Erdogans - zuletzt durch die Aussagen des Goldhändler Reza Zarrab in den USA wieder die Aufmerksamkeit der Medien neuerlich auf sich zog. Erdogan, 2013 noch Ministerpräsident, sah darin eine Beleidigung seiner Person. In den sozialen Netzwerken wurde das Gedicht mehr als eine Million Mal geteilt.

Seit Erdogan 2014 Staatspräsident wurde, sind mehr als 2.000 Klagen wegen Beleidigung eines Staatspräsidenten angestrengt worden, unter anderem auch gegen den ZDF-Satiriker Jan Böhmermann wegen seines Schmähgedichtes. Bei Präsidentenbeleidigung drohen in der Türkei bis zu vier Jahre Haft. In Deutschland ist der Präsidentenbeleidigungs-Paragraph seit diesem Jahr abgeschafft.

Das Verfahren gegen Böhmermann wurde zwar eingestellt, aber der Satiriker ist weiterhin im Visier nationalistischer Erdogan-Anhänger. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die "Osmanen Germania" seine Adresse ausfindig gemacht hatten und ihm einen "Denkzettel" verpassen wollten.

Der gerichtliche Streit zwischen Erdogan und Böhmermann hält bis heute an. Erdogans Anwalt legte Berufung gegen die Einstellung des Verfahrens ein und erwirkte über das hanseatische Oberlandesgericht (OLG) in erster Instanz, dass 18 von 24 Zeilen des Gedichts nicht veröffentlicht werden dürfen. Am 26. 2. 2018 begann dann der Berufungsprozess - Böhmermann besteht weiter auf der kompletten Veröffentlichung.

Am 15. Mai 2018 will nun das OLG entscheiden, ob das Gedicht ganz, in Teilen oder gar nicht untersagt werden soll.

Vor kurzem geriet der brasilianische Karikaturist Carlos Latuff in Erdogans Visier. Erdogans Anwalt forderte im Dezember 2017 Twitter dazu auf, elf Karikaturen, die Erdogan betreffen aus dem Netz zu nehmen.

In der Türkei sind Latuffs Erdogan-Karikaturen nun verboten. Der Karikaturist Latuff ist bekannt für seine provozierenden Cartoons zu Nahost-Themen und nicht unumstritten. In der Türkei ist er sehr beliebt. Al-Monitor fragte Latuff, warum er sich ausgerechnet Erdogan für seine Zeichnungen ausgesucht habe: "Sultan Erdogan ist gut für Cartoons, da er eine lebende Karikatur eines opportunistischen, korrupten Politikers ist."

Fatwas sind islamische Rechtsgutachten, die in Staaten wie der Türkei, wo die Scharia (noch) nicht Grundlage der Rechtsprechung ist, eigentlich null und nichtig sind, - gäbe es ein funktionierendes Rechtssystem in der Türkei. Aber zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Scharia und Judikative. Schleichend führt die Religionsbehörde Diyanet die Scharia ein.

Beim Barte des Propheten: Seit Dezember 2017 dürfen sich Männer nicht mehr die Haare, Schnurrbart und Bart schwarz färben. Das sei unislamisch, so eine der neuesten Fatwas der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Erlaubt sei hingegen das Färben mit Henna. Auch die Arbeit in Betrieben, in denen alkoholische Getränke verkauft werden, wie z.B. in Kiosks, Bars oder Restaurants ist muslimischen Männern verboten, bzw. nur in Ausnahmefällen erlaubt. Auch Musik hören widerspräche den Grundsätzen des Islam.

Männer ohne Bart? Das ginge gar nicht, das könne unanständige Gedanken auslösen, meinte der Prediger Murat Bayaral: "Männer sollten ihren Bart wachsen lassen. Er ist einer der beiden Körpermerkmale, die einen Mann von einer Frau unterscheiden ... Sieht man zum Beispiel einen Mann mit langen Haaren, könnte man ihn von weitem für eine Frau halten, sofern er keinen Bart trägt." Schließlich würden Frauen und Männer sich ja heutzutage ähnlich kleiden ... Gott behüte. "Man könnte von unanständigen Gedanken besessen werden!"

Gefahr aus Fernost: Diyanet warnte vor Sportarten wie Yoga, deren Lehrer und Lehrerinnen fernöstliche Missionarstätigkeiten ausüben würden. Auch transzendentale Meditation und Reiki basierten auf fernöstlichen Meditationen und würden ein Zeichen für die Einsamkeit des modernen Menschen sein und seien reine Geld- und Zeitverschwendung.

Achtung Verlobte: Händchen halten ist seit Januar 2016 verpönt! Verlobte sollen sich in der Öffentlichkeit züchtig und sittsam verhalten und weder Händchenhalten oder flirten. Selbstverständlich sind auch Treffen ohne Aufsicht zu unterlassen.

Achtung Frauen: Der prominente türkische islamische Theologen Nurettin Yıldız hat eine "Gewalt-Fatwa" gegenüber Frauen verkündet: "Frauen sollten ihren Männern dankbar sein, wenn sie von ihnen geschlagen werden."

Scheidungen sollen nach islamischem Recht auch per SMS, Email oder Fax möglich sein. Natürlich gilt das nur für Männer. Nach islamischem Recht können sich Männer scheiden lassen, indem sie drei Mal das Wort "Talaq" aussprechen. Eigentlich war diese Art der Scheidung in der Türkei abgeschafft worden.

Juristisch gesehen ist das zwar noch immer so, aber die Türkei erfährt zurzeit eine Renaissance des Islamismus, die auch von Erdogan persönlich, der ein Anhänger der Muslimbruderschaft ist, befeuert wird. Eine neuere Fatwa besagt, dass ein Mann eine Ehe annullieren könne, indem er seiner Frau erkläre, er betrachte sie nunmehr nur als Mutter oder Schwester.

Nur Allahs Segen zählt: Im Oktober 2017 verabschiedete das Parlament das sogenannte Mufti-Gesetz, wonach nun auch Angestellte der Religionsbehörde Diyanet rechtsgültige Ehen schließen dürfen. Damit solle die hohe Zahl nicht registrierter Ehen in den ländlichen Regionen reduziert werden.

Seit 1926 war die ausschließlich religiöse Heirat in der Türkei unter Gefängnisstrafe verboten. Anstatt mehr Beamte zur Registrierung von Ehen im ländlichen Raum zur Verfügung zu stellen, wird nun der Vielehe Tür und Tor geöffnet. Die Tür zur islamischen Rechtsprechung ist hiermit geöffnet, denn die Muftis ersetzen nun staatliche Standesbeamte. Frauenorganisationen befürchten eine Zunahme der Kinderehen.

Ungefähr 15 Prozent aller Mädchen werden in der Türkei vor ihrer Volljährigkeit verheiratet. Präsident Erdogan unterstützt das Mufti-Gesetz trotz aller Kritik. Er erklärte, es werde kommen, "ob Ihr wollt oder nicht. Sie respektieren Muftis mehr als Beamte".

Türkische Kinder sind frühreif: Ende Dezember 2017 sorgte eine neue Interpretation der Religionsbehörde Diyanet zur Kinderehe für Aufruhr. In einem von der Diyanet veröffentlichten Online-Lexikon steht unter dem Punkt "Pubertät", Mädchen seien bereits ab neun und Jungen ab zwölf Jahren gebär- bzw. zeugungsfähig und damit auch im heiratsfähigen Alter.

Nach heftigen Protesten in den sozialen Medien versuchte die Behörde ihre Aussage zu verwässern: Mädchen müssten nicht nur biologisch, sondern auch psychisch reif sein, wenn sie heiraten sollen. Wer die psychische Reife jedoch feststellen soll und nach welchen Kriterien dies erfolgen soll, bleibt im Unklaren.

Im Zweifelsfall wird dies der Patriarch der Familie sein, dem es allerdings weniger um die psychische Unversehrtheit des Mädchens gehen wird. Das zählte in den konservativen traditionell ländlichen Gegenden der Türkei noch nie. Vielmehr zählen die Liras im Säckel, die er vom künftigen Schwiegersohn als Brautpreis bekommen wird.

Virtuelles Zahlungsmittel Bitcoin ist nix für Muslime: Bitcoins seien Gegenstand von Spekulationen, könnten für illegale Transaktionen wie Geldwäsche genutzt werden und seien außerhalb staatlicher Kontrolle, stellte die Religionsbehörde fest. Von daher sei "der Kauf und Verkauf von virtuellem Geld gegenwärtig aus religiöser Sicht nicht angemessen". Also liebe Muslime, benutzt zur Geldwäsche wie bisher - das Gold. Der Goldhändler Reza Zarrab hat‘s vorgemacht, wie es geht.

Der AKP-Abgeordnete Ali Ihsan Yavuz ist der Meinung, der Westen benutze Zahnpasta, um Muslime zu zähmen. Das Fluor in der Zahnpasta mache Menschen zu Schafen und sorge dafür, dass Muslime leichter zu lenken seien. Türkische Muslime werden vom Westen durch Zahnpasta betäubt? Im Westen wird aber viermal so viel Zahnpasta verwendet wie in der Türkei…

Präsident Erdogan riet in einer Rede davon ab, seine Kinder zum Studium nach Europa zu schicken: "Wer zur Ausbildung in den Westen geht, wird zu dessen willigem Agenten. Die haben keinerlei Werte, die sie nicht verraten würden!" Hm. Haben nicht alle drei Kinder Erdogans und seine beiden Schwiegersöhne in den USA studiert?

Der Theologe Ihsan Şenocak ermahnte in einer Predigt die Väter, ihre Töchter nicht in Hosen gekleidet in die Schule zu lassen, da Jungs ihnen nachgucken würden. Würden sie das weiter zulassen, würden sie ihre Töchter in die Hölle führen.

Ganz schlimm sind Frauen ohne Kopftuch. "Aus der Verpackung genommene Ausstellungsstücke werden in Geschäften stets zum halben Preis verkauft", sagte ein staatlich finanzierter Geistlicher mit Anspielung auf Frauen ohne Kopftuch.

Erdogans Familienbild - über Geburtenkontrolle und Geschlechtertrennung Präsident Erdogan ist päpstlicher als der Papst und erteilt der Empfängnisverhütung eine Absage. Er fordert die Frauen auf, mindestens drei Kinder zu gebären. Er lehnt die ‚Pille danach‘ genauso ab wie Abtreibung und Kaiserschnitt und bezeichnete dies als "Mord".

"Familienplanung, Geburtenkontrolle … keine muslimische Familie kann ein solches Verständnis haben. Wir werden machen, was unser Gott, unser geliebter Prophet, sagt… Wir werden unsere Nachkommen steigern, unsere Generation vergrößern", sagte er auf dem Festakt zum 20. Jubiläum der Stiftung für Erziehung und Dienst an der Jugend (Türgev) in Istanbul.

Die Stiftung ist eines der Familienunternehmen des Erdogan-Clans. Erdogans Sohn Bilal und seine Tochter Esra Albayrak sitzen im Stiftungsvorstand. Mit im Unternehmen sitzen Serhat Albayrak, der Bruder von Erdogans Schwiegersohn, der auch Vorstandsvorsitzender der Mediengruppe Turkuvaz ist.

Auch der Schwager von Bilal Erdogan, Reyhan Uzuner, sowie die Schwägerin von Erdogans Tochter Esra Albayrak, Sule Albayrak und zahlreiche AKP-Politiker sind an der Stiftung beteiligt. Die Stiftung kam 2014 in die Schlagzeilen, weil vermutet wurde, dass sie für Geldwäsche verwendet wurde. Eine weitere AKP-nahe Stiftung ist die Ensar-Stiftung, die wegen eines Missbrauchsskandals und der Unterhaltung illegaler Wohnheime - mit Duldung der Behörden - ebenfalls Schlagzeilen machte.

Die Ensar-Stiftung unterhält Schulen, erteilt Nachhilfe- und Religionsunterricht an Schulen. In den Wohnheimen, die eigentlich für Grund- und Mittelschüler in der Türkei nicht zulässig sind, sind Kinder untergebracht, die zumeist aus armen Familien der Umgebung stammen.

Die Unterkunft dort ist kostenlos und die Kinder erhalten dort, ganz im Erdoganschen Sinne der Heranzucht einer "religiösen Generation", religiösen Unterricht.

Auch das Tragen traditioneller kurdischer Kleidung wurde vergangenes Jahr faktisch verboten. In einem Gerichtsverfahren wurde festgestellt, dass kurdische Kleider (Fistan), Schal (Şal) und Westen (Şapik) der "Propaganda für eine terroristische Organisation" diene. Jugendliche aus Doğubayazıt starteten daraufhin eine Kampagne zur Förderung traditioneller kurdischer Kleidung.

Adem Karahan, einer der Initiatoren der Kampagne meinte, der türkische Staat wolle mit dem Verbot eines der wichtigsten kurdischen Kulturmerkmale abschaffen und auslöschen.

In Van drohte die Polizeibehörde Musikgruppen, die in der überwiegend kurdischen Stadt auf Hochzeiten aufspielen. Ab sofort dürften keine Lieder mehr gespielt werden, in denen die Worte "Heval" (dt. Freund), "Serok" (dt. Vorsitzender), sowie "grün", "rot" und "gelb" (die Farben der kurdischen Fahne) vorkommen. Dies sei politische Propaganda, bei Zuwiderhandlung drohe den Musikern die Beschlagnahmung der Instrumente und eine Anklage wegen Unterstützung einer Terrororganisation.

Im Juli 2017 verabschiedete das türkische Parlament mit den Stimmen von AKP und MHP ein neues Gesetz, welches Konsequenzen für türkische Abgeordnete vorsieht, die die "Geschichte und die gemeinsame Vergangenheit des türkischen Volkes beleidigen". Als "Beleidigung" gelten nun Begriffe wie "Kurdistan" oder "kurdische Regionen".

Auch wer etwa in Diskussionen über die Ereignisse von 1915 den Begriff "Völkermord" im türkischen Parlament verwendet, beleidigt das "türkische Volk". Abgeordnete, die sich nicht an das Gesetz halten, werden vorübergehend von Parlamentssitzungen ausgeschlossen und müssen ein Drittel ihres Gehaltes als Strafe zahlen.

Türkische Soldaten sind keine Angreifer! Wo gibt’s denn sowas? Die 29-jährige Lehrerin Ayşe Çelik aus Diyarbakir wagte es in ihrer Verzweiflung im Januar 2016, in der Unterhaltungssendung "Beyaz Show" auf die Situation der Kinder im Südosten der Türkei aufmerksam zu machen.

In der Telefon-Liveschaltung fragte sie: "Wissen Sie eigentlich, was gerade im Osten und Südosten dieses Landes passiert? Hier werden ungeborene Kinder, Mütter, Menschen getötet. Alles, was hier geschieht, wird in den Medien verzerrt dargestellt. Schweigen Sie nicht. Erheben Sie ihre Stimme, zeigen Sie Empathie. Schauen Sie hin. Reichen Sie uns die Hand. Das ist doch erbärmlich. Menschen sollen nicht sterben, Kinder sollen nicht mehr sterben, Mütter sollten nicht mehr weinen."

Çelik, mittlerweile selbst Mutter, muss nun wegen angeblicher "Propaganda für eine Terrororganisation" für ein Jahr und drei Monate mit ihrem Neugeborenen ins Gefängnis. Das Gericht war der Meinung, dass Ayşe Çelik mit dem Satz "Die Kinder sollen nicht sterben, die Mütter sollen nicht mehr weinen" imstande war, "die türkischen Streitkräfte vor der Weltöffentlichkeit und der türkischen Öffentlichkeit als eigentliche Urheber für die Unruhen und als Angreifer darzustellen".

Eine Mutter wurde mit ihrer kleinen Tochter von der Gendarmerie verhaftet, weil das Kind ein Micki Maus-T-Shirt mit der Aufschrift "My Dad is my hero" trug. Im Sommer 2017 wurden Dutzende Personen verhaftet, die ein T-Shirt mit der Aufschrift "Hero" trugen. Angefangen hatte die Jagd nach den Hero-T-Shirt Trägern, als ein vermeintlicher Putschist mit einem ‚Hero‘-T-Shirt zum Gerichtsprozess erschien.

Kein Halay-Tanz auf der ITB? Idris Sayılğan, Journalist der mittlerweile verbotenen Nachrichtenagentur DIHA, muss nun für ein Jahr und 8 Monate ins Gefängnis, weil er am 7. März 2014 auf dem Campus der Universität Mersin den traditionellen, kurdischen Halay-Tanz getanzt hat.

Die Marketing-Agentur Global Communication Experts wirbt auf ihrer Türkei-Seite unter anderem mit dem "türkischen" Volkstanz Halay, der seit Jahrhunderten in der östlichen Mittelmeerregion, in Ost-, Südost und Zentralanatolien getanzt wird.

Die Türkei besteht aber erst seit 1924 und diese in der Tat Jahrhunderte alten Tänze dieser Region haben kurdische Wurzeln. Türkische Tourismusunternehmen werben bei ihren Auftritten sehr gerne mit den traditionellen Tänzen um Touristen.

Türkische Volkslieder sind unsittlich! Anfang März 2018 wurden zudem vom türkischen Staatssender TRT über 200 türkische, nicht nur kurdische Volkslieder und Popsongs mit der Begründung verboten, sie seien "unsittlich". In den inkriminierten Songs soll es sich um Textpassagen zu Alkoholkonsum, Zigarettenkonsum und Schimpfworten handeln.

Sie sollen Vorschriften im Rundfunkgesetz verletzt haben, da Inhalte von öffentlich ausgestrahlten Liedern "nationale und moralische Werte" nicht verletzten dürfen und nicht gegen die "allgemeine Moral" gerichtet sein dürfen.

Virtuelle Viehzucht oder die Uruguay-Connection: Da "einheimische", nationale und neo-osmanische Diskurse gerade Hochkonjunktur haben, entwickelte der gewiefte Jungunternehmer Mehmet Aydin eine Geschäftsidee besonderer Art: die Çiftlik-Bank (Farm-Bank).

Mit osmanischer Janitscharenkapelle weihte er eine symbolische Viehzuchtfarm ein und versprach Anlegern hohe Gewinne bei Investitionen in die Viehzucht. Man zahle 200.000 türkische Lira über das Internet ein und mache damit 50.000 TL Gewinn. Er versprach, die größte Anlage der Welt aufzubauen. Der lokale Imam betete für "gesegneten Gewinn" und beendete sein Gebet mit dem Islamistenkampfruf "Allahu Akbar".

Aydin überzeugte rund 78.000 Menschen von seiner "einheimischen und nationalen Geschäftsidee" und erntete 511 Millionen türkische Lira (ca. 110 Millionen Euro). Damit setzte sich Aydin flugs nach Uruguay ab, anstatt die größte nationale Viehzuchtkette der Türkei aufzubauen. Das Kurioseste an der Sache: Zur gleichen Zeit, wo sich Aydin nach Uruguay abgesetzt hatte, kam ein Schiff mit Kälbern aus Uruguay in der Türkei an.

Diese hatte die türkische Regierung bestellt, um die hohen Fleischpreise der "einheimischen und nationalen" Fleischproduktion zu senken.

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