Der kleine Unterschied

Winzige Abweichungen an einem Gen haben dem Menschen wahrscheinlich zur Sprache verholfen und ihm damit den entscheidenden Evolutionsvorteil gegenüber den Tieren gegeben

Bereits im vergangenen Jahr sind Forscher des Wellcome Trust Centre for Human Genetics (WTCHG), ein Institut der Universität Oxford, einem Gen auf die Spur gekommen, das ganz wesentlich an der Sprachentwicklung des Menschen beteiligt ist. Es liegt auf Chromosom 7, genauer 7q31, und heißt FOXP2 (Forkhead Box P2). Dass allein ein winziger Defekt dieses Gens große Schwierigkeiten beim Spracherwerb hervorruft, hatte die "KE-Familie" gezeigt, eine aus Datenschutzgründen so genannte Großfamilie (31 Angehörige, 3 Generationen), die der Wissenschaft schon seit 1990 als Forschungsobjekt dient. Ihre Angehörigen leiden an einer seltenen, eindeutig vererbten Sprachstörung. Auf Grund einer Behinderung der Feinmotorik der Gesichtsmuskulatur können die KEs nur langsam und undeutlich artikulieren, Wörter wie Hippopotamus nicht aussprechen. Die Oxforder Wissenschaftler konnten dies eindeutig mit einer Mutation auf FOXP2 in Verbindung bringen (vgl. Nature 413, 4.10.2001) und damit gleichzeitig feststellen, dass für eine normale Sprachentwicklung zwei intakte Kopien dieses Gens erforderlich sind.

Daraus ergab sich auch die Frage, ob FOXP2 nicht nur für die Sprachentwicklung nötig ist, sondern ob es auch an der Evolution von Sprache beteiligt war. Dieser Frage sind Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig unter der Leitung von Svante Pääbo und Wolfgang Enard nachgegangen. Sie nahmen das FOXP2-Gen genauer unter die Lupe und verglichen die entsprechenden Gen-Versionen von Schimpanse, Gorilla, Rhesusaffe und Maus mit der des Menschen. In der aktuellen Ausgabe von Nature berichten sie von ihren Ergebnissen. Danach ist das FOXP2-Gen eines der am besten konservierten Gene. Es kommt bei allen Säugetieren vor und ist dabei auch noch fast identisch mit dem menschlichen.

Doch es gibt feine, aber entscheidende Unterschiede: Das FOXP2-Gen der Maus weist an drei Stellen andere Aminosäuren auf als das menschliche, bei Schimpanse, Gorilla und Rhesusaffe sind es zwei. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass das Gen während der Entwicklung der Säugetiere äußerst stabil gewesen ist, um sich nach der Trennung der Primaten in Urmenschen (Hominiden) und Schimpansen - jedenfalls im Verhältnis betrachtet - stark zu verändern. Das Gen muss ihrer Meinung nach unter starkem evolutionären Druck gestanden haben, blieb dann aber unverändert, weil es sich als vorteilhaft erwies.

Bedeuten die winzigen Aminosäurenunterschiede den Schlüssel zur Sprache? Einen weiteren Aufschluss gibt das Alter des menschlichen FOXP2, das die Leipziger Forscher, basierend auf dem Vergleich unterschiedlicher menschlicher FOXP2-Gene, auf maximal 200.000 Jahren schätzen. Damit fällt die entscheidende genetische Veränderung von FOXP2 ziemlich genau in die Zeit der Entwicklung des modernen Menschen und liefert einen weiteren Beleg, wenn auch nicht den definitiven Beweis, für die Hypothese, dass bei der Trennung des Menschen vom Affen die Sprache eine wesentliche Rolle spielte und der Spracherwerb einen entscheidenden evolutionären Vorteil und Fortschritt brachte.

Was genau FOXP2 bewirkt, ist allerdings noch lange nicht geklärt. Genauso wenig ist bekannt, welche anderen Gene an der Sprachfähigkeit noch beteiligt sind. Grundsätzlich enthält FOXP2 den Bauplan für ein Protein, das aus 715 Aminosäuren besteht. Es gehört zur Gruppe der Transkriptionsfaktoren, d. h. zu einer Gruppe von Proteinen, die die Abschrift der genetischen Information steuern, die Gene an- und abschalten können. (Katja Seefeldt)

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